Moment mal!

Ich bin erst mal baff. Was denkt der Kerl eigentlich? Meint der, er braucht nur "Schnipp" zu machen und ich vergesse alles, was er mir angetan hat?
Meint der, ich vergesse die ganzen Tränen, die ich wegen ihm vergossen habe?
Ich öffne den Mund, um ihm genau das zu sagen:
"Das ist aber schön!"
Moment mal! Das sind doch nicht die Worte, die ich mir eben zurechtgelegt habe!
Glücklich lächelt er mich an.
Ich muss Klartext reden, bevor es richtig peinlich wird.
Gerade setze ich dazu an, ihm meinen richtigen Text zu sagen, da kommt mein Vater wieder zurück.
Ein Wink des Schicksals? Will das Schicksal etwa nicht, dass ich Philipp abserviere?
Soll ich es doch noch mal mit Philipp versuchen?
Wenn ich meinen Verstand frage, ist die Antwort klar: Nein!
Doch schließlich gibt es auch noch mein Herz und das hat einen freudigen Sprung gemacht, als Philipp mich gefragt hat, ob ich wieder mit ihm zusammen sein will.
Plötzlich kommt mir ein Gedanke.
"Hat sie sich eigentlich von dir getrennt, oder du dich von ihr?", frage ich misstrauisch.
"Ist das denn so wichtig? Wir sind nicht mehr zusammen. Da ist es doch egal, wer mit wem Schluss gemacht hat!", druckst er herum.
Okay, mein Verstand hat gewonnen und auch mein Herz hat eingesehen, dass Philipp immer noch ein Idiot ist!
"Weißt du Philipp", sage ich zuckersüß. "Es ist wirklich egal, wer sich von wem getrennt hat. Es interessiert mich auch gar nicht. Du interessierst mich gar nicht! Und nun entschuldigt mich, ich habe nämlich noch ein Date."
Philipp klappt die Kinnlade herunter.
"Ich dachte, du wärst nicht mehr mit diesem Roman zusammen!", sagt er schockiert.
"Bin ich auch nicht. Aber bei mir stehen die Jungs nunmal Schlange!", erwidere ich.
Schnell stehe ich auf, verlasse das Lokal und lasse Philipp, im wahrsten Sinne des Wortes, sitzen.
Das habe ich doch echt nicht nötig, dass Philipp mich nur wieder will, weil seine Blondine ihn verlassen hat!
Draußen ist es mittlerweile schon ganz schön kalt. Und meine Jacke habe ich im Restaurant vergessen. Mist aber auch!
Ohne es zu bemerken, bin ich immer weiter gelaufen. Hilfe, wo bin ich?
Ich drehe mich um und blicke den Weg zurück. Das Lokal ist weit und breit nich zu sehen.
Ich gehe in die Richtung, aus der ich gekommen bin, doch schon nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass ich mich nun entgültig verlaufen habe.
"Ich muss Dad anrufen und ihm sagen, dass ich mich verlaufen habe.", denke ich. Doch im selben Moment fällt mir ein, dass mein Handy in meiner Jackentasche ist. Warum musste ich auch so blöd sein und meine Jacke im Restaurant liegen lassen?
Langsam wird es dunkel und ich weiß immer noch nicht, was ich jetzt machen soll.
Außer mir ist keine Menschenseele zu sehen. Niemand, der mir sagen könnte, in welcher Richtung das Restaurant liegt.
Traurig setze ich mich auf den Gehweg.
Plötzlich tippt mir jemand von hinten auf die Schulter.
Ich drehe mich um und blicke direkt in die Augen von ... Mr.X!
"Was machst du denn hier so ganz alleine?", will er besorgt wissen.
"Ach, ich sitze nur so rum!", sage ich. Er muss ja nicht wissen, dass ich mich verlaufen habe.
"Und du?", frage ich.
"Ich war gerade bei einem Kumpel und jetzt bin ich auf dem Nachhauseweg.", entgegnet er und setzt sich neben mich.
Mein Herz pocht wie wild und ist spätestens jetzt 100%-ig davon überzeugt, dass Philipp und ich nicht zusammen gehören.
"Du hast es aber nicht eilig, nach Hause zu kommen.", sage ich und lächle ihn an.
"Wer will schon nach Hause, wenn er stattdessen zusammen mit einem so hübschen Mädchen rumsitzen kann?", entgegnet er und lächelt zurück.
Oh mein Gott, flirtet der beste Tänzer der Welt gerade mit MIR?
Ich streiche mir das Haar zurück, weil ich mal in irgendeiner Zeitschrift gelesen habe, dass das anziehend wirken soll.
"Wie heißt du eigentlich?", fragt Mr.X.
"Emma. Und du?"
Endlich werde ich erfahren, wie er heißt.
"Emma! Da bist du ja! Wir haben uns schon Sorgen gemacht.", ruft mein Vater, der plötzlich vor uns steht.
Dad verfrachtet mich ins Auto und ich habe keine Chance mehr, mich von Mr.X zu verabschieden.
"War das dein neuer Freund?", fragt Philipp und sieht mich traurig an.
"Ja.", lüge ich. Doch ich hoffe, dass es bald keine Lüge mehr sein wird.
Blöd nur, dass ich seinen Namen jetzt immer noch nicht weiß. Na ja, dann bleibt er eben weiterhin Mr.X!
"Du kannst doch nicht einfach davon rennen, ohne mir zu sagen, wohin!", schimpft mein Vater.
"Ich habe doch gesagt, dass ich ein Date habe!", entgegne ich genervt.
"Und dein Handy hast du auch nicht mitgenommen!"
"Ich hab's vergessen. Na und?"
Oh Mann, so pampig kenne ich mich ja gar nicht!
"Jetzt hör' mir mal zu, junges Fräulein: Ich bin extra von Hamburg hierher gefahren, um dich zu sehen. Wenn dir etwas passiert wäre, hätte mir deine Mutter das Besuchsrecht entzogen! Und du tust so, als wäre dir das alles ganz egal."
Na toll, jetzt ist Dad wütend auf mich. Aber so ganz Unrecht hat er ja nicht. Hätte ich wirklich wegrennen müssen? Ja! Denn sonst hätte ich Mr.X nicht getroffen und wir hätten nicht miteinander reden können.
Zusammenfassung des heutigen Tages:
Ein Junge, dessen Name ich nicht mehr nenne.
Ein Junge, dessen Name ich immer noch nicht weiß.
Und ein Vater, der wütend auf mich ist.
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