Prolog: der Auftrag

Die letzten Strahlen der Sonne fielen warm durch das Fenster, bevor sie endgültig hinter den Bergen verschwanden. Es wurde augenblicklich kühler. Dem Mann, der bewegungslos am Fenster stand, schien das überhaupt nichts auszumachen. Er starrte immer noch nachdenklich in die undurchdringliche Finsternis, die sich jetzt wie zähflüssige Tinte über das Land zu ziehen schien. Nur vereinzelt waren Lichtpunkte in der Dunkelheit zu sehen, die weit auseinander liegenden Höfe der Bauern, die wie Glühwürmchen im tiefen Schwarz zu schweben schien.
Der Mann merkte nicht, als sich hinter ihm ein Schatten aus der Dunkelheit löste. Der Ankömmling machte keinerlei Geräusche. Erst als dieser sich kurz räusperte warf er noch einen letzten Blick in die bedrohlich wirkende Schwärze. Schließlich drehte er sich langsam um. Er beobachtete den jungen Mann, der vor ihm stand. Der flackernde Kerzenschein spiegelte sich in seinen Augen, welche die innere Unruhe wiedergaben, die er unter einer Maske aus Gleichgültigkeit zu verstecken suchte.
„Vater, du hast mich gerufen?“ Die Stimme des Jungen war fest, doch in seinen Augen schimmerte Verachtung für den Mann, der sein Vater sein sollte. Dieser nahm dies gleichgültig hin und begann zu sprechen: „Jace, ich glaube du weißt warum ich dich gerufen habe!“
Ein boshaftes Lächeln umspielte seine schmalen Lippen „In wenigen Tagen ist es so weit. Du wirst dein 18. Lebensjahr vollenden und damit du als vollwertiger Krieger in unserem Kreis aufgenommen werden kannst, musst du eine Aufgabe bestehen. Glaube mir, für dich habe ich mir etwas ganz besonderes ausgedacht!“ Bei diesen Worten funkelten die Augen des Mannes gefährlich.
Jace spannte unweigerlich die Muskeln an. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich für einen Augenblick, aber er gewann sofort seine Fassung wieder. Er wusste genau, wie grausam diese Aufgaben sein konnten. Wie viel Mut und Klugheit sie forderten und vor allem konnte schon das kleinste Anzeichen von Schwäche zum Tode führen. Doch er hatte trainiert. Viel und hart trainiert. Er hatte sich dazu entschlossen, sich der Aufgabe zu stellen, egal wie schwierig sie sein würde. Seine Zeit sich zu beweisen war gekommen.
„Meine Spione haben herausgefunden, dass Ascan noch lebt.“ Der Mann am Fenster hielt einen Augenblick inne um der Neuigkeit Nachdruck zu verleihen. Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Jace keuchte überrascht auf. Plötzlich regte sich in ihm ein ganz neues Gefühl- war es Hoffnung?
Sein Vater fuhr fort: „Er konnte sich lange vor mir verstecken, aber er hat mich eindeutig unterschätzt. Sein Scheintod war bis ins kleinste Detail geplant, niemand hatte daran gezweifelt. Aber ich wusste es. Ich konnte es spüren. Er lebte. Ich wusste dass ich einmal derjenige sein würde, durch dessen Hand Ascans Blut die Erde rot färben wird.“
In Jace reifte langsam eine dunkle Vorahnung und er fragte misstrauisch: „Was habe ich damit zu tun?“
„Du?" Antwortete sein Vater. "Du spielst die wichtigste Rolle in meinem Plan. Du wirst mir Ascan bringen. Lebendig! Wenn du das schaffst bist du es endlich würdig der Sohn des mächtigsten Königs zu sein, der jemals über Alenderїan geherrscht hat. Dann wirst du anerkannt werden und ich kann stolz auf dich sein.“ Die Augen des Mannes verzogen sich zu schmalen Schlitzen als er weitersprach: „Wenn du den Auftrag nicht zu meiner Zufriedenheit ausführst, werde ich mir eine Strafe für dich erdenken die du sicher nie vergessen wirst. Glaube mir! Denn ich lasse meinen Namen nicht von einem meiner eigenen Kinder in den Schmutz ziehen. Meine Söhne versagen nicht!
Der Junge vor ihm starrte ihn feindselig an. Seine goldenen Augen waren vor Wut eine Nuance dunkler als sonst. Sein Vater wartete nur darauf,dass er seine Mannesprobe für zu gefährlich erklären oder ablehnen würde. Nein, diesen Gefallen würde er ihm nicht machen! Schweigend standen sich Vater und Sohn wie zwei kampflustige Hunde gegenüber.
Den Erzählungen nach war Ascan einer der besten Krieger, die es je gegeben hatte. Niemand konnte so meisterhaft mit Schwert und Bogen umgehen, wie er. Jace wusste , er hatte fast keine Chance. Doch was hatte er schon zu verlieren? Vielleicht würde ihn sein Vater dann endlich akzeptieren.
„Ich nehme die Herausforderung an und ich werde dich nicht enttäuschen Vater!“ Noch während er diese folgenschweren Worte sprach spürte Jace ein Gefühl des Bedauerns für seinem Feind. Auch wenn er es nicht schaffen würde, Ascan gefangen zu nehmen- seine Zeit war vorbei. Seinem Vater würde er nicht entkommen können.
„Wir wollen sehen“, antwortete dieser spöttisch, „Bereite dich gut vor, in drei Tagen wirst du deine Prüfung antreten.“ Der Junge neigte leicht den Kopf ohne den Mann vor ihm dabei aus den Augen zu lassen. Dann ging ein leichter Ruck durch seinen Körper und er sprang leichtfüßig, in Gestalt eines Löwen, das Haupt mit der dichten Mähne stolz erhoben, aus dem Raum.
Sein Vater blickte wieder aus dem Fenster. Jace würde sterben. Er war Ascan nicht gewachsen. Falls er die Mannesprobe doch überleben sollte, würde er ihn umbringen müssen. Er durfte nicht überleben, auf keinen Fall, sonst wäre er mit fortgeschrittenem Alter eine zu große Gefahr für ihn.
Er wusste wie sehr Jace ihn hasste und er wollte es zwar nicht zugeben, doch er überflügelte seine älteren Brüder schon jetzt in Waffengeschick und Klugheit bei weitem. Außerdem erinnerte er ihn jeden Tag aufs Neue an seine verstorbene Frau. Diese Augen, der gleiche Vorwurfsvolle Blick. Er strich wehmütig mit einer Hand über ein Medaillon das an seinem Hals baumelte. Obwohl er selbst ihr Henker gewesen war- sie war doch die einzigste Person die er jemals geliebt hatte. Nein, Jace musste sterben. Es gab keine Alternative.
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