Der Zirkel der Anderen - Kapitel 4 (Teil 2)

Bild von Lilith Fant

Und dann sah Emely Noah. Sie wollte nicht durch den ganzen Gang rufen und damit nur unnötiger Weise auf sich aufmerksam machen, also versuchte sie ihm so schnell wie möglich hinter her zu laufen. Er verschwand um eine Ecke und als Emely dort ankam, erstarrte sie zum zweiten Mal an diesem Tag. Etwa sechs Meter von ihr entfernt stand Noah mit fünf anderen Schülern und schien heftig zu diskutieren. Unter ihnen waren auch der große sportliche Typ und die aufgetakelte Tussi auf Absätzen. Irgend etwas tief in Emely drin sagte ihr, dass die anderen Drei auch zu der Gruppe der Hexen gehörten...und Noah gehörte dann wohl auch zu ihnen, oder war mindestens mit ihnen befreundet, denn jetzt schien er einzuwilligen und nickte. Für Emely blieb die Welt stehen und fing sich langsam an zu drehen, bis sie immer schneller wurde. Noah hatte ihr die Stadt gezeigt und nun würde er sie ohne mit der Wimper zu zucken vernichten. Die aufgetakelte Tussi sah Emely, flüsterte den Anderen etwas zu und plötzlich starrten sie alle an. Ihre Blicke hatten alle etwas Lauerndes an sich und waren wachsam. Nur in Noahs Blick war noch etwas Anderes, das Emely nicht bestimmen konnte. Er ging einen kleinen Schritt in ihre Richtung, wurde aber von einer braunhaarigen, brav aussehenden Schönheit aufgehalten. Emely wurde schwindelig und sie hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment umkippen könnte. Sie musste hier weg. Emely drehte sich um und wollte gehen, doch sie stieß mit jemandem zusammen. Völlig verpeilt schaute sie hinauf und erkannte einen Lehrer. Da Emely nicht gerade so aussah, als ob sie in bester Verfassung wäre, schaute er besorgt aus sie hinunter:„ Alles in Ordnung?“
Emely nickte:„ Ja, ich...“, sie spürte die Blicke der anderen in meinem Rücken:„ Alles in bester Ordnung. Ich hab nur ziemlich wenig geschlafen.“
Er schien ihr nicht zu glauben, hatte aber entweder keine Lust weiter nach zu haken, oder wusste, dass es nichts bringen würde. Sie riskierte einen kurzen Blick über ihre Schulter und musste mit Erschrecken fest stellen, dass sie alle dicht hinter ihr waren. Wahrscheinlich hatten sie jeden Wort gehört. Die braunhaarige Schönheit flüsterte den Anderen etwas zu und prompt schienen sie Emely mit einem leichten Entsetzen zu mustern. In den Augen der Mädchen schien sich leichte Angst zu spiegeln. Sie drehte sich um und stürzte davon. Erst als sie im Klassenzimmer saß, konnte sie endlich einigermaßen durchatmen. Und da ging es ihr dann auch auf, weshalb sie sie wahrscheinlich so gemustert hatten. Schließlich hatte Emely heute morgen selbst noch Angst vor ihren körperlichen Veränderungen gehabt und die hatten am Abend vorher noch darüber spekuliert, ob sie vielleicht sogar schon tot war. Eins stand fest: Emely hatte wirklich Glück gehabt, dass ihr nichts schlimmeres passiert war.
Die erste Stunde überstand sie ohne weitere große Vorkommnisse, doch schon die Zweite sollte sie wieder in Erschrecken versetzen. Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, einem von ihnen in die Arme zu laufen, stürmte Emely aus dem Klassenzimmer und beeilte sich zu dem nächsten zu kommen. Und sie hatte es tatsächlich geschafft unbehelligt durch die Flure zu kommen. An jeder Ecke hatte sie befürchtet, dass dort einer von ihnen stehen und auf sie warten könnte. Erleichtert lies sie sich auf einen Stuhl fallen, doch Emely hatte sich zu früh gefreut. Als sie aufblickte, standen dort der große sportliche Typ, mit seiner Barbie und weiteren Zwei aus der Gruppe, die sich eng umschlungen hatten. Die anderen Zwei sahen wie Emos oder so aus, aber sie konnte sich nicht weiter auf ihr Aussehen konzentrieren, weil in dem Moment alle Vier auf sie zu kamen. Emely dachte schon, dass es jetzt so richtig Ärger geben und sie sie vor den Augen der Anderen fertig machen würden, doch sie setzten sich nur neben sie, da sonst keine Tische mehr frei waren. Das eine Pärchen links und das andere rechts. Dabei saßen die Jungs direkt neben Emely, wodurch sie zwischen ihren Feiden eingekeilt war. Deshalb bekam sie auch kaum etwas über den Föderalismus mit und als der Lehrer ihr eine Frage stellte, konnte sie nur so lange herum stottern, bis er jemand anderes dran nahm. Scheinbar machte er an diesem Tag eine Fragestunde, an der jeder dran kommen sollte und so erfuhr Emely auch ihre Namen. Das Emopärchen hieß Gavin und Makayla und das andere stellte sich aus Kyle und Chloe zusammen.
Die Hälfte der Stunde verbrachte sie jedoch mit Überlegungen, wie sie aus dieser Sache wieder unverletzt heraus kommen könnte. Würde sie vor ihnen gehen, könnten diese ihr folgen. Blieb sie aber sitzen, wäre sie vielleicht mit ihnen alleine in einem Klassenzimmer gefangen. Emily entschied sich für die erste Möglichkeit und stürzte deshalb auch gleich wieder aus dem Klassenzimmer.
Bis zur Mittagspause lief für Emely wieder alles glatt. Doch dann kam das Unausweichliche. Mit zitternden Händen und Herzklopfen trat sie langsam aus dem Klassenzimmer, wurde von den heraus strömenden Schülern hinter ihr jedoch nach vorne geschoben. Und dann stand sie auf dem Flur.
Als sie an der Mädchentoilette vorbei lief kam ihr die rettende Idee. Warum nicht einfach verstecken? Sie würde es schon überleben, wenn sie jetzt eine Mahlzeit ausfallen lies. So schnell sie konnte, sperrte sie sich in eine Kabine ein und lies sich auf einen Toilettendeckel sinken. Glücklicherweise hatte sie eine Kabine erwischt in der der Deckel noch vollständig intakt war, sonst hätte sie die ganze Pause über stehen müssen.
Emely lehnte sich nach hinten an die Wand und schloss die Augen. Es war nicht bequem, doch es reichte aus. Sie hörte zwei Jüngeren zu, wie sie über einen Jungen schwärmten und dann gingen sie hinaus. Für einen kurzen Moment drangen die Stuime der vorbeilaufenden Schüler hinein, doch dann fiel die Tür mit einem leisen Klacken zu und es wurde still. Angenehm still. Emely driftete ab und wäre fast eingeschlafen, doch da öffnete sich die Tür wieder und zwei neue Mädchen kamen herein.
„Was denkt sie sich eigentlich? Das sie einfach so hier her kommen und unser schönes Leben durcheinander bringen kann?“
Emely riss die Augen auf. Das war doch Chloe, oder nicht? Ohne ein Geräusch zu machen drehte sie den Riegel ihrer Kabinentür auf, zog ihn einen Spalt auf und spähte hinaus. Tatsächlich, vor dem Spiegel standen Makayla und Chloe. Sie schienen wie ein Herz und eine Seele und schminkten sich in Seelenruhe, während Emely in ihrer Kabine abwechselnd heiß und kalt wurde.
„Du, ich muss mal“, Makayla drehte sich um und gerade noch rechtzeitig konnte sich Emily hinter der Tür verstecken. Sie hörte wie neben ihr eine Tür verschlossen wurde. Wenn Makayla in diesem Moment auf den Boden schauen würde, könnte sie Emelys Schuhe sehen und Emily wäre ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie drückte sich wieder an den Türspalt. Irgendwie musste sie hier raus, aber wie?
Chloe bückte sich über ihre Tasche und schien irgend etwas zu suchen. Das war Emelys Chance. Wenn nicht jetzt, dann nie.
Leise zog Emely die Tür auf und war gerade erst ein paar Schritte weit gekommen, als Chloe den Kopf hob und sie durch den Spiegel direkt ansah.
„Du!“, war alles was sie sagte. Emely rannte hinaus, gleich rechts und...stolperte genau in Kyle hinein. Sie wollte schnell zurückweichen, doch er hielt sie an ihren Schultern fest. Man, der war wirklich durch trainiert.
Wie ein Reh vor herankommenden Scheinwerfern stand Emely still da, wagte es nicht sich zu bewegen und schaute ängstlich in Kyles vor Wut verzehrtes Gesicht.
„Was hast du mit ihr getan?“, er schaute ihr tief in die Augen.
„Ich...ich...Nichts“, stammelte Emely.
„Kyle!“, hinter ihr erschien Chloe und schenkte Emely so die Freikarte, denn Kyle lies sie los und sie rannte davon. Erst vor der Cafeteria blieb sie kurz stehen und holte tief Luft, bevor sie eintrat.
Als sie zu dem Buffet ging sah sie aus den Augenwinkeln Noah mit der braunhaarigen Schönheit an einem Tisch sitzen und wie sie sich zu ihm hinüber beugte. Na toll, scheinbar hatte sie nicht nur ein Hexen-Problem, sondern konnte sich noch mit einer eifersüchtigen Freundin auseinander setzen. Das wurde ja immer besser.

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