About Skipp

Bild von BonnyRumsfield

Chapter One

Es war ein kühler Abend im Januar, das Gras noch nass vom Regen, die Sonne war gerade erst untergegangen, ein schwacher Wind wehte und es waren vielleicht nur wenige Grade über Null. Mit den Händen tief in den Hosentaschen, stand Skipp Lédoux auf dem Schulgelände – in einiger Entfernung vom Wald. Er trug nur ein dünnes T-Shirt und darüber seine Trainingsjacke vom Quidditch, aber es sah nicht so aus, als würde er frieren. Regungslos stand er da und wartete. Starrte gezielt ins Dickicht.
Eine ganze Weile tat sich nichts und Skipp wollte schon wieder gehen – innerlich total genervt, weil er hier mal wieder nur seine Zeit verschwendete. Doch dann traten zwei zierliche Gestalten aus dem Wald hervor. Die eine, etwas größere stützte die andere, sichtlich geschwächte (verletzte? Er konnte nichts Genaues erkennen.) und redete beruhigend auf sie ein. Und Skipp war sich sicher, dass sie kein einziges Wort ungestottert hervorbrachte, denn sie regte sich über Skipp auf. Und wenn Maddie Louveau wütend war, wollte man ihr lieber nicht begegnen, es sei denn man lebte gern gefährlich und trug den Namen Lédoux. Das andere Mädchen weinte bitterlich und schickte Skipp wahrscheinlich grad zum Teufel. Alix Mirabeau. Sie war naiv, unerschütterlich loyal, irgendwie stur und manchmal einfach nur dumm! Und… sie war in Skipp verliebt.
Ein freches Grinsen hatte sich auf seine Lippen geschlichen, als er sich von den Mädchen abwandte und schnellen Schrittes zur Akademie zurückkehrte. Sollte mal keiner von den beiden auf die absurde Idee kommen, er hätte helfen wollen oder… sich Sorgen gemacht. Niemals! War ihm vollkommen egal. Er war eben nur neugierig. Immerhin war die kleine Mirabeau schon seit fast zwanzig Stunden in dem Wald verschwunden gewesen, bis sich diverse pflichtbewusste Vertrauensschüler mal auf den Weg und auf die Suche gemacht hatten, um sie zu finden. Er wurde ja ohnehin als Hauptschuldiger für dieses Drama gehandelt, da konnte er ja mal gucken, was er so angerichtet hatte. Hehe!!
In der Eingangshalle wartete bereits jemand auf ihn. Seine jĂĽngere Schwester Sara, die ihn mit einem breiten Grinsen empfing.
„Und? Ist sie tot?“, fragte sie aufgeregt und kicherte vorfreudig, wie es nur sie konnte, wenn es um Mord und Todschlag ging. Die Lédoux-Geschwister waren eben sehr… exzentrisch!
„Leider nicht… Aber viel fehlt nicht mehr!“, entgegnete Skipp lachend und winkte Sara zu sich, damit sie gemeinsam zum Abendessen gehen konnten. Er hatte ziemlich Hunger nach der ganzen Aufregung!
Im Augenblick hasste Alix ihn wohl. Aber so wie er sie kannte, würde sie sich schneller von dem Schlag erholen, als Sara Avada Kedavra rufen konnte!! Ihm war das ja gleich. Er hatte seinen Spaß Alix immer wieder aufs Neue zu enttäuschen – sie wollte es aber auch nicht lernen! Dieses Leid, Schmerzen in jeglicher Art und Weise waren für die beiden Lédoux’ immer ein Grund zur Freude. Und das war noch nett ausgedrückt!
Zufrieden vor sich hinsummend, spazierte Sara neben ihrem Bruder her. Die drei Haustische der großen Halle waren schon ordentlich besetzt, aber Sara und Skipp hatten ihre angestammten Plätze in Malignité schnell ergattert und konnten das Abendmahl in guter Laune starten.
„Was ist da überhaupt los? Warum rennt sie in den Wald..? Hat sie sich nicht erst letztens dort verlaufen? Dumm wie Brot, ey…“, kommentierte Sara bissig und verdrehte genervt die Augen, während sie sich Kürbissaft einschenkte. Skipp hob gleichgültig die Schultern.
„Ich war gemein zu ihr. Krieg ich heut bestimmt noch von ihr zu hören…“, antwortete er und bediente sich an den Sandwiches mit Kochschinken. Hmm…lecker. „Aber sie ist selber schuld, wenn sie von Dingen spricht, die sie rein gar nichts angehen.“, schob er mit recht angesäuerter Note nach. Lag daran, dass er sich unweigerlich an das sogenannte Streitthema erinnern musste, nach dem Alix wutentbrannt und enttäuscht in den Wald geflüchtet war. Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie ihn so dreist darauf angesprochen hatte.
Jeanne.
Sie hatte echt die Nerven gehabt, ihn damit zu konfrontieren. „Liebst du sie noch?“ Und dann dieser traurig-besorgte Blick dazu. Gott, wie er es hasste auf Jeanne angesprochen zu werden. Da würde er die Leute am liebsten mit Sectumsempra auseinandernehmen. Und das war keineswegs eine leere Drohung. Was Skipp ankündigte zu tun, das passierte auch. Und wenn Tristan Lacroix und Dyón Gaspuárd dachten, sie könnten ihn provozieren ohne ernsthafte (und blutige, schmerzhafte) Konsequenzen tragen zu müssen… dann hatten sich beide maßlos überschätzt!! Nicht mehr lange und er müsste sich von der Schule nicht mehr in die Schranken weisen lassen. Oder so tun als würde ihm irgendwas leid tun… In ein paar Monaten hatte er dann seinen Abschluss und er war bereit die Welt in Flammen aufgehen zu lassen. Vielleicht auch untergehen, mal sehen…
„Worum ging es denn?“ Überrascht zuckte Skipp zusammen und starrte seine Schwester verwirrt an. Was war? Ach jah… Bevor er in seine Gedankenwelt abgestürzt war, hatten sie sich über Alix unterhalten.
„Check mal deinen MagicPod. Vielleicht hat sie ja schon ihren Status geupdatet!“ Skipp grinste und hatte damit Saras Interesse schnell auf etwas Unterhaltsameres gelenkt. Obwohl, oder gerade weil, Alix im verfeindeten Haus der L’amitiés zu Hause war, hatte Sara es sich zum Hobby gemacht beste Freundin zu spielen. Auf ihre niedlich-grausam-gemeine Art eben. Saras Blick allerdings ruhte etwas zu lange noch auf seinem Gesicht und so konnte er schon mal damit rechnen, dass sie später auf das heikle Thema noch mal zurückkommen würde. So leicht ließ sie sich die Chance Jeanne schlecht zu machen nicht nehmen. Typisch Sara. Messer in der Wunde? Lass mich drehen!
„Sie ist im Krankenflügel. Aber sie schreibt nicht, was ihr fehlt. Wie langweilig!!“, informierte sie und fing direkt an einen Kommentar zu tippen. Skipp würde sich das später angucken. Grad hatte er keine Lust. Außerdem… wenn er online gehen würde, hätte er innerhalb der nächsten zwei Sekunden eine Nachricht von Alix. Er konnte sich denken was da dann drin stand. Sara wollte gerade noch etwas sagen, als sich Evy direkt neben ihr niederließ und die Aufmerksamkeit der Lédoux-Geschwister für sich hatte. Absolute Ausnahme!! Bei der blonden Sexbombe handelte es sich nämlich um Saras langjähriger besten Freundin fürs Leben! Sie war die einzige, die mit Skipp und Saras Art harmonisierte und schon teuflisch genug war, um den Namen Lédoux zu tragen. Wenn sie nicht so unsterblich in Schnarchnase Jace Lennox verliebt wäre… Na ja.
„Evy!“, rief Sara freudig und die beiden drückten sich herzhaft aneinander, als hätten sie sich seit dem Mittagessen nicht mehr gesehen. Haha! Humor.
„Oh, guck mal… Dich gibt’s ja auch noch!“, fuhr Skipp durch das wilde Gekicher.
„Dass du mich vergisst! Bin enttäuscht.“, entgegnete Evy scherzend und piekste ihm um Saras Schultern herum in die Seite. Au. Skipp gab kaum Reaktion und zuckte dann mit den Schultern.
„Aus den Augen, aus dem Sinn. Denk mal drüber nach…“ Hm. Kam das fies rüber? Egal. Hunger plagte ihn noch immer und so griff er nach dem nächsten Sandwich und merkte dabei nicht einmal, wie Evy das Kotzen bekam.
„Denk du mal lieber nach…“, gab sie schnippisch zurück.
„Nee, mach ich nicht. Wer ist denn hier immer abwesend oder lieber mit irgendeinem anderen Typen beschäftigt?“
„Immer?“
„Ja. Immer!“
„Ey, weißte, Skipp? Leck mich! Pass mal auf wie es ist, wenn ich wirklich nie für dich da bin!“, giftete Evy und hatte sich bereits wieder von der Bank erhoben. Wow. Mit solch einer heftigen Reaktion hatte er nicht gerechnet.
„Run, Evy, run! Zu deinem Schnarchnasenfreund Jace und bleib abwesend!“, stichelte er unnachlässig und schaute nicht mal auf, als Evy wütend davon stapfte.
„Fick dich.“, fluchten beide fast zeitgleich vor sich hin, sodass der jeweils andere es sogar noch hören konnte. Skipp hatte keine Ahnung, was hier grad passiert war. Sara die bis eben noch gefeiert hatte, ob des aggressiven Mobbings der beiden, wurde jetzt erst klar, dass die Lage irgendwie nicht so ganz das war, was sie gut finden würde. Im Gegenteil. Skipp riskierte einen kurzen Blick und sackte innerlich zusammen. Klar, dass es im Endeffekt an ihm hängen blieb. Sara blickte ihrer besten Freundin wehmütig hinterher. Er konnte förmlich spüren, wie sie drauf und dran war Evy nachzusetzen, um die Fronten irgendwie zu klären. Das durfte nicht passieren, dass die zwei Menschen, die ihr am wichtigsten waren sich… stritten! Wie war es dazu überhaupt gekommen? Skipp hatte so gut wie nichts mitbekommen!! Dass er über diese merkwürdige Situation erschrocken war, ließ er sich natürlich in keinster Weise anmerken. Sara dafür umso mehr.
„Skipp? Was ist denn da los bei auch? Warum streitet ihr euch auf einmal??“, fragte sie ihn eindringlich und anklagend. Man, er wusste es doch auch nicht. Also sagte er nichts und aß sein Sandwich zu Ende auf. Jetzt war ihm der Appetit vergangen. Und wenn Sara ihn so hilflos anstarrte, konnte er eh nichts essen.
„Weiß ich doch nicht, warum sie sich so aufregt… soll sie mal klarkommen. Hab doch gar nichts gemacht.“, murmelte er dann und zuckte scheinbar gleichgültig die Schultern.
„Dann rede mit ihr.“
„Was soll ich denn sagen?“
„Frag sie. Mach irgendwas, Skipp!“, forderte sie und er konnte die sachte Panik in ihrer leisen Stimme ganz deutlich hören. Was ging ab?
„Warum sollte ich…“
„Damit sich das klärt. Und ihr euch wieder… lieb habt.“
„Bei mir hat sich nichts geändert. Soll sie sich erstmal wieder beruhigen. So will ich gar nicht mit ihr reden. Viel zu anstrengend. Sie kann sich ja bei ihrem Schnarchnasenfreund auskotzen!“, gab Skipp genervt von sich und schnaubte verächtlich. Dieser Jace hatte absolut nichts drauf! Wenn er wenigstens ein bisschen gemein wäre!! Der war echt nur dafür da, um Evys Launen abzufangen. Mehr nicht. Sara seufzte gestresst und verschränkte die Arme vor der Brust, wandte das Gesicht zur Seite. Na toll. Das hatte ihm grad noch gefehlt.
„Willst du jetzt auch noch sauer auf mich sein?“ Konnte sie sich hinten anstellen, echt jetzt!!
„Nee, ich hab nur keinen Bock drauf, dass sich meine beiden Freunde streiten.“
„Ich streite nicht mal!“
„Oh, du weißt genau, was ich meine!“, zischte sie ungeduldig, doch Skipp konnte sehen, wie sich ihre Mundwinkel zu einem zarten Lächeln hoben. Sie wusste, dass er der Beste darin war alles einfach nur abzuwehren! Niemand konnte Skipp wegen irgendwas beschuldigen! Notfalls konnte er sich eben an nichts dergleichen erinnern. Ha! Unschlagbar.
„Nee. Manchmal lässt du mich echt im Regen stehen…“, hielt Skipp dagegen und fuhr sich durch das dunkelblonde Haar. Er hatte wirklich keine Lust jetzt auch noch mit Sara zu streiten.
„Ihr bedeutet mir beide eben zu viel. Da will ich nicht, dass so schlechte Stimmung herrscht. Hab Angst, dass ich zwischen den Stühlen steh, wenn es wirklich zum Streit kommt…“
„Könnte passieren.“
„Kann ich nicht mit umgehen.“ Sara wurde immer leiser. Glaubte sie ernsthaft, er würde das zulassen? Man, er hatte noch nicht mal die aktuelle Lage erfassen können! Er atmete schwer aus und zog seine Schwester in eine zaghafte Umarmung – er war ja nicht wirklich der Typ für wilden Körperkontakt.
„Bin doch für dich da. Egal was…“
Sofort schien sich Sara entspannen zu können und sie erwiderte die Umarmung, konnte sogar wieder erleichtert auflachen. Gut so!
„Cooler Typ!“, kicherte sie vergnügt und schon war die Welt wieder in Ordnung! Zumindest so lange, bis Skipp seinen MagicPod aktivierte und dort schon eine Nachricht blinken sah. Von Alix. Na, das hatte ja nicht sonderlich lange gedauert. Er verabschiedete sich von Sara, verließ die große Halle und bereute jetzt schon den Gang zum Krankenflügel.
Ist alles nur deine Schuld!
Als hätte er es nicht geahnt.


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