Lügen leugnen - Teil 2

Bild von Sikka

Die Hektik, welche sich also wegen des bevorstehenden Drehs breitmachte, wirkte wie eine Nichtigkeit gegen die Massenpanik, die leicht hätte ausbrechen können, hätte jemand im entscheidenden Moment begriffen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.
Zunächst jedoch sollte ich über nichts davon im Bilde sein, versuchte mich wie abgesprochen auf die Koordination der einzelnen Szenen zu konzentrieren und war mit der Sortierung eines mit Kaffee besprenkelten und mit zahlreichen Eselsohren versehenen Stapel Papiers beschäftigt, als ich über Funk die erste Klappe fallen hörte. Motoren dröhnten, auf der Hälfte der Strecke heulte einer auf, wie besprochen. Ich malte mir aus, wie die Szene mit dramatischer Hintergrundmusik wirken würde, und kam zu dem Schluss, dass man die Menschen sicherlich zum Erinnern bewegen konnte, Hinweise sammeln und die wirklichen Täter endlich fassen würde, nach ganzen sieben Monaten.
Und das wurde Zeit, denn zwar war das Land wieder in den Normalzustand zurückgekehrt, dennoch keimten die Erinnerungen immer wieder auf, erschütterten die Gemüter der Bevölkerung aufs Neue, entfacht durch Medien und ihre mehr oder weniger wilden Spekulationen, die Politik, wochenendliche Gespräche an Nachbars Gartenzaun.
Ich dirigierte die letzten unbeholfenen Statisten an die Roulettetische im sorgfältig ausgeleuchteten Hintergrund, forderte Ruhe und stellte mit Zufriedenheit fest, dass diesmal jeder meinen Anweisungen gehorchte.
„Marta, du setzt als Erstes die Chips, erst dann drehst du dich um und fliehst aus der Seitentür, ja? Und Lionel, Tanja gibt dir hinten ein Zeichen, dann kommst du aus der Toilette, los! Alles klar?“ Mit einem Kopfnicken signalisierte mir das Team absolute Konzentration. Ich verfluchte insgeheim den Regisseur, der die Szene unbedingt am Stück drehen wollte, weil sie dann angeblich authentischer wirken würde, und schielte aus dem Fenster.
„Was ist da los?“, zischte der Verantwortliche in sein Mikrofon.
„Was soll los sein?“, zischte ich zurück und fürchtete um das Gelingen dieser Szene. Im Hintergrund hörte ich Gekreische, vermutlich aus dem Publikum.
Die Motorräder kamen, auf ihnen zwei Männer in Schwarz, deren Statur der eines Türstehers glich, und die, auch wenn sie kein bisschen Haut zeigten und wie abgesprochen ihre auf den Kopf gepflanzten Helme nicht anrührten, zweifelsohne Angst einflößende Tattoos auf Schultern und Oberarmen trugen. Es war schwer, aus dem hell erleuchteten Kasino heraus weitere Details auszumachen.
Reflexartig spannte ich die Muskeln an, als die beiden schwarzen Gestalten durch die Flügeltüre stürmten, sich im gläsernen Korridor, auf den ich ausgezeichnete Sicht hatte, theatralisch umblickten und die Daumen hoch streckten, bevor sie auch die letzte Türschwelle überwanden und zunächst unbemerkt in das Kasino traten. Die Kameras schwenkten nach vorne, fingen die mit Helm maskierten Gesichter von unten ein, während im Kasino weiterhin vorbildlich eine rege und ausgelassene Atmosphäre geheuchelt wurde. Lediglich der ruckartige Seitenblick des einen Täters irritierte und würde angesichts der Tatsache, dass er so auch nicht im Drehbuch stand, später für Diskussionen sorgen.
Für einen Augenblick ertappte ich mich dabei, die wahren Opfer des Überfalls, allesamt am gleichen Ort versammelt, zu bemitleiden und gab mich der angsteinflößenden Illusion hin, ich wäre eine dieser Personen gewesen, hätte eines Samstagabends vor sieben Monaten erstmalig dem Glücksspiel gefrönt. Ich erschauderte und ermahnte mich im selben Moment zur Aufmerksamkeit. Die Mehrheit der Statisten, die sich um den vorderen Roulettetisch versammelt hatten, sowie einige derer, die nervös auf die Knöpfe der unaufhörlich blinkenden Spielautomaten einschlugen, begannen, nachdem sie den Kameras durch weit aufgerissene Augen und Münder Angst und Panik signalisiert hatten, durch die seitlichen Notausgänge zu flüchten. Marta, in ihrem weinroten Spitzenkleid, setzte wie besprochen die Chips, drehte sich mit einem Ausdruck der Verwunderung zu beiden Seiten um, um das Fehlen der Tischnachbarn zu bemerken und schließlich zur Flucht anzusetzen. Ich wagte einen Schritt vorwärts, und sah, wie einer der Männer - Sancho, im Übrigen auch ein ausgezeichneter Theaterschauspieler - die Pistole zückte. Hektisch suchten meine Augen hinter den letzten Flüchtigen die Toilettentür, halb verdeckt durch eine kitschige Fontäne und den Barbereich.
„Bent?“, tönt es durch mein Mikrofon, und ich hätte fast harsch erwidert: „Was ist denn schon wieder?“, presste dann aber doch meine Lippen aufeinander und versuchte den Störenfried weit draußen zu ignorieren. Wie zum Teufel sollte ich jetzt bitteschön antworten?
„Bent? Bist du da? Mach, das du sofort da raus kommst, hier ist etwas Schreckliches passiert! Bent, kannst du mich hören?“ Die letzten Worte nahm ich nur noch in minimaler Lautstärke wahr, denn ich hatte mich kurzerhand wieder in die hintere Ecke des Raumes begeben und mich von meinen lästigen Verkabelungen befreit. Die Schauspieler machten ihre Sache gut. Marta war bereits an der Seitentür angekommen, während Lionel verwundert hinter dem goldenen Springbrunnen hervorkam und seine Mimik glaubhaft konfuse Züge annahm.
Die Täter kamen mir gefährlich nahe, obwohl ich mir die allergrößte Mühe gab, mich außerhalb des Kamerafeldes zu bewegen. Das hatten sie in den Proben eindeutig besser gemacht. Um keine Verwirrung aufkommen zu lassen, winkte ich Lionel näher heran, der viel zu lang auf der Höhe der Roulettetische verweilte. Ehe ich mich versah, setzte einer der Täter zum Schuss an, Lionel fiel, und ich ballte vor Freude um die in letzter Sekunde gerettete Szene die Fäuste in den Westentaschen, bis in kürzester Zeit drei weitere Schüsse fielen und mir schwarz vor Augen wurde.

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Wie immer freue ich mich über Kritiken, seien es Kommentare oder Nachrichten :)

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