15 - Chantale und Hope - 15

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Chantale lag im Dreck, das lange blonde Haar im Staub hängend, das Gesicht zur Decke. Ihr Blick war starr und leer, die toten Augen schienen das Anarchisten-Graffiti an der Decke des Hamburger Abbruchhauses zu fixieren. Es war das Letzte, was sie vor ihrem Tod gesehen hatte. Die Spritze lag noch in ihrer Hand.
Chantale war fünfzehn gewesen. Die ersten zehn Jahre ihres kurzen Lebens hatte sie bescheiden, aber keineswegs karg, in einer Wohnung am Stadtrand verbracht. Der Vater war Container-Verlader gewesen. Dann der Arbeitsunfall, ein Arm weg. Arbeitslosigkeit, Umzug, Depressionen, Alkoholprobleme. Der Vater schrie und prügelte mit dem verbliebenen Arm wie Andere mit zwei. Chantale verlor zuhause den Halt und verbrachte immer mehr Zeit mit „Freunden“ aus der Hochhaussiedlung. Mir dreizehn der erste Joint, spendiert von einem Bekannten aus der Nachbarschaft. Mit vierzehn Umstieg auf härtere Drogen, Ecstasy, Heroin. Die Mutter putzte, um die Familie durchzubringen, war kaum zuhause und merkte nichts von Chantales Abhängigkeit. Die Tochter verschwand mehrfach über mehrere Tage spurlos unter dem Vorwand, Freundinnen zu besuchen. Prostitution im Hafenviertel. Mit fünfzehn von zuhause weggelaufen. Verhaftet durch die Polizei, Jugendarrest und Entzugsversuche. Nach mehreren gescheiterten Versuchen wieder von zuhause weggelaufen. Nach der Verhaftung des Straßendealers Jonathan W. als Dealerin eingesetzt. Von der Polizei wegen Rauschgifthandels festgenommen und erneut auf Entzug gesetzt. Im Juni 2012 Ausbruch aus der Klinik.
Gestorben am 29. Juli 2012 im Hamburg. Todesursache: Überdosis Heroin.

Hope lag im Dreck, das kurze schwarze Haar im Staub hängend, das Gesicht gen Himmel. Ihr todesstarrer Blick war ins nirgendwo gerichtet und verlor sich in dem grauen, stinkenden Smog über Rio de Janeiro. In dem schäbigen Hinterhof, in dem die Tote lag, staute sich die Hitze. Neben ihr lag noch die Klebertüte.
Hope war fünfzehn gewesen. Geboren war sie als das zweitälteste von sieben Kindern in einer Baracke der „Gottesstadt“, wie man die Slums von Rio nannte. Sie war nicht zur Schule gegangen, sondern hatte sich von Anfang an Geld für die Familie verdient. Anfangs bettelte sie, später verkaufte sie ihren Körper für ein paar Centavos. Mit zwölf verliebte sie sich in einen Gang-Leader. Einstieg in die Gang, die sie auf den Strich stellte und das Geld kassierte. Kleber-Abhängigkeit, nachdem die Gang sie herangeführt hatte. Mit dreizehn vom Anführer an einen Zuhälter verkauft. Diagnose HIV-positiv, dennoch zur Prostitution gezwungen. Vom Zuhälter erneut auf Kleber gesetzt. Im Mai 2012 von der älteren Schwester gefunden. Die Schwester wandte sich an den Uniceff-Streetworker, der versprach, Hope herauszuholen. Planung einer Internetspendenkampange: "Hope for Hope - helfen Sie Hope und Anderen". Das Projekt wurde wegen Budgetknappheit nie verwirklicht. Zwei Wochen später wurde der Streetworker abgezogen und in die Buchhaltung versetzt. "Hope for Hope" landete am 30. Mai 2012 im Aktenschredder.
Im Juli die Diagnose: Hope war schwanger. Abtreibung wegen des vom Kleber-Schnüffeln geschwächten Organismus nur knapp überlebt.
Gestorben am 29. Juli 2012 in Rio de Janeiro. Todesursache: Atemstillstand aufgrund einer vom Lösemittel zerfressenen Lunge. Vielleicht auch AIDS, das blieb unklar, weil die Leiche sofort "beiseitegeschafft" wurde.

Plantagenbesitzer Carl P. zog an seiner Zigarre und überflog die Einnahmen. Zufrieden sah er den Gewinn, den ihm der Anbau von Heroin in Brasilien brachte. Dann betrachtete er das goldgerahmte Foto auf seinem Schreibtisch und freute sich auf das Abendessen zuhause. Er wollte unbedingt wissen, wie das Geigenvorspiel seiner geliebten Tochter gelaufen war. Er war sehr stolz auf sie.
Sie war fünfzehn.