Ruhe in Frieden, mein Baum.

Bild von StormyDay

Ich setzte mich auf den Waldboden, lehnte den Kopf an den Baum. Hörte auf seinen Herzschlag, auf sein Flüstern, das Rascheln seiner Blätter. Fühlte die Rinde, die meine Wange berührte, zart, sanft. Blendete das spöttische Gerede meiner Klassenkameraden aus.
„Sie liebt den Baum“, sagten sie. „Sie ist verrückt. Sie denkt, Bäume wären besser als Menschen.“
Ich ignorierte sie, und nach einer Weile verschwanden sie. Gingen nach Hause, ließen mich alleine im Wald. Sie waren mir gefolgt, immer darauf bedacht, nicht gehört zu werden. Die Versuche waren jämmerlich. Äste knackten, Blätter raschelten, Stimmen flüsterten, die Mädchen ließen unterdrücktes Kichern hören.
Und ich habe sie gehört, natürlich habe ich das. Ich kann auf die Natur hören, anders als viele andere Menschen.
Dass mein Vater einst ein Indianer war, ist nicht der Grund. Mein Bruder ist genauso taub, genauso blind. Er sieht nur sein Display, sein Handy, die Spiele, die er darauf spielt. Er hört nur die Musik, die aus seinen Kopfhörern dröhnt.
Er hat versucht, sich anzupassen. Sich den Menschen anzupassen, die hier neben dem Wald leben. Die uns verächtlich „Rothäuter“ nennen.
Es ist ihm genauso gelungen wie mir.
Wir gingen in eine Schule, die Indianerkinder in die „normale“ Gesellschaft integrieren sollte. Der Plan der Politiker, durchkreuzt von den weißen Jugendlichen, die nichts mit uns zu tun haben wollten. Über uns lachten. Witze auf unsere Kosten rissen. Die Eltern ermutigten ihre Kinder eher dazu, als sie davon abzuhalten. Meinten, wir wären dumm, unterentwickelt. Dachten, eine Freundschaft mit uns würde ihren Kindern schaden.
Seit mein Vater tot ist, durch sein eigenes Messer gestorben, waren nur noch die Bäume für mich da. Der Wald mit seinen Bäumen. In ihm zu sein fühlte sich wie eine riesige Umarmung an, die mich trösten, mich ermutigen wollte. Weiterzumachen. Sie alle zu ignorieren.
Ich spürte, dass etwas in den Wald kam. Etwas Großes, etwas Schweres. Eine Maschine, eine, die ihn zerstören wollte. Ich sprang auf, umarmte den Baum. Dankte ihm, dass er mir so geholfen hatte, dass er immer für mich da war.
Und so blieb ich, bis sie kamen, mit ihren Rodungsmaschinen.
Ich hatte es gelesen. Sie wollten hier einen Stausee bauen, einen großen. Aber dafür mussten die Wälder gerodet werden, Dörfer umgesiedelt werden.
Wir würden nächste Woche umziehen, in eine Stadt. In ein Indianer-Viertel, einem Teil der Stadt, der meistens ignoriert wurde.
Und heute würden sie den Wald umbringen, ihn zerstören, mit ihren gewalttätigen Maschinen, die ich jetzt schon hörte. Sie krochen durch den Wald, schlugen die Pflanzen und Tiere.
„Wir werden uns wiedersehen, im Himmel“, flüsterte ich dem Baum zu, dann rannte ich los, immer weiter, weg von den Maschinen. Die Tränen tropften auf den Boden, gaben den nach Wasser dürstenden Pflanzen wenigstens etwas, was sie aufnehmen konnten.
Zu spät. Viel zu spät.
Sie kamen, unaufhaltsam. Drangen in den Wald, zerstörten ihn. Dachten nur an ihr eigenes Wohl, nicht an das der Tiere und Pflanzen.
Ich setzte mich auf einen Hügel, beobachtete sie, bis der Wald zu Hälfte weg war. Bis auch mein Baum gestorben war.
Ruhe in Frieden.