Emotionen

Ängstlich schlägt mein Herz, so dass ich es überdeutlich wahrnehme.
Die Stille dehnt sich aus, wird unerträglich. Bilder, schlimme Vorahnungen, ziehen an meinem Auge vorbei.
Schützend ziehe ich meine Beine an und umschlinge sie mit den Händen.
Mein Blick folgt dem Sekundenzeiger. Tick. Tack. Tick. Tack.
Wo bleibt sie nur? Die Zeit schleicht.
Da- erschrocken springe ich auf. Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Sie ist da.
Nun scheint mein Herzschlag regelrecht zu rasen. Ich habe Angst.
Auf einmal wünsche ich mir, sie hätte sich noch mehr verspätet. Dann müsste ich der Wahrheit nicht gleich entgegen blicken. Schritte im Flur. Sie nähern sich dem Wohnzimmer.
Stocksteif stehe ich vor dem Sofa. Drei, zwei, eins- die Tür öffnet sich.
Ich will ihr nicht in das Gesicht blicken. Denn dann wüsste ich es. Ihr Gesichtsausdruck würde mir alles erzählen.
Stur blicke ich auf den Teppich. Orangene Quadrate auf gelben Grund.
Ihre Füße rücken in mein Sichtfeld. Ich höre ein Schluchzen.
Nein! Bitte lass sie vor Freude weinen.
„Schatz…“, ihre Stimme bricht ab. Sie schluchzt abermals auf. Ihre Stimme von Trauer erfüllt.
Ich hebe den Kopf- langsam, widerwillig. Tränen laufen über ihre Wangen.
„Papa..?“
Mama zieht mich in ihren Arm. Sie weint. Laut, verzweifelt, hilflos.
Meine Vorahnungen haben sich bestätigt. Er hat es nicht geschafft. Nicht geschafft. Nicht geschafft.
Immer und immer wieder ziehen diese Worte an mir vorbei.
Mein Herz schlägt nun wieder langsamer. Trauer umklammert es. Eisige Krallen.
Ich fühle mich, als ob ich gleich zerspringen würde, weil mein Herz diesem Druck nicht mehr standhalten kann.
Ich reiße mich aus Mamas Armen. Ich muss hier weg. Meine Füße tragen mich wie von selbst in mein Zimmer. Lautes Zuknallen der Tür.
„NEIN!“ Ein einziges Wort. Es drückt sich aus meinem Mund heraus, schallt durch den Raum und nimmt all meine Kräfte mit sich.
Meine Beine verlieren den Halt und ich falle auf den eisigen Boden. Ich zittere.
Warum? Warum musste das passieren?
Herzinfarkt. Panik, Blaulicht, Sanitäter, alle weg, warten.
Wie in einer Endlosschleife sehe ich immer und immer wieder die Ereignisse dieses Tages.
Regen prasselt gegen die Fensterscheibe. Ob er wohl im Himmel ist?
Vielleicht weint er ja. Der Regen sind seine Tränen, die zu uns herunterfallen.
Dieser Gedanke beruhigt mich. Er ist noch da. Seine Tränen berühren das Glas- nur wenige Meter neben mir. Papa ist noch da.
Die Kälte des Bodens überträgt sich auf meinen Körper. Ich lausche den Tropfen.
Allmählich verschwinden alle Emotionen aus mir- nur Leere bleibt übrig. Ich fühle mich taub.
Wieder höre ich überdeutlich meinen Herzschlag. Ich setzte mich auf und ziehe nochmals die Beine dicht an meinen Körper.
Es fühlt sich fast so an, als ob Mama noch nicht nach Hause gekommen wäre.
Für mich gibt es nur noch die Zeit davor- als ich noch die Hoffnung hatte, dass meine Vorahnungen falsch sind.
Mein Blick folgt dem Sekundenzeiger.
Tick. Tack. Tick. Tack.
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