Manra-Rise of the Elementals

„Hast du sie während deiner Traumreise gesehen?“, fragt er sanft.
„Das war keine Traumreise“, erwidert da plötzlich scharf Aire. Aire, der damit ja nun mal überhaupt nichts zu tun hat.
„Was soll es denn dann gewesen sein?“, fragt Zemes und sieht Aire fragend an. Ach ja, das Element Luft ist ja meistens mit der Gabe der Traumreise ausgestattet. Ich vergaß. Deshalb kann er sich da so ohne Probleme einklinken.
„Eine erzwungene Traumreise. Und die kann nur Cerys herbeirufen“, erwidert plötzlich Uguns. Sie ist diejenige im damaligen Kreise gewesen, die die Fertigkeit der Traumwandlung besessen hat. Fragend wandert mein Blick hin und her. Die Fürsten sehen allesamt ratlos drein.
Zemes richtet seinen Blick wieder auf mich. „Sah Cerys so aus, als könnte sie einen Mann dazu verführen, in den Tod zu gehen?“
Ich verdrehe die Augen. „Natürlich sah sie so aus. Ihre Flügel ein reines Weiß, nur durchsetzt von braunen, kleinen Sprenkeln, die sich bis in die Flügelspitze durchziehen. Dunkelbraune Augen mit mindestens drei Zentimeter Wimpern, hellbraune Haare, einfach ein Traum, der Körper so schlank, aber mit Rundungen, wo sie hingehören. Reicht diese Erwiderung, um dich zu überzeugen, dass ich sie gesehen habe?“
Zemes sieht mich durchdringend an. „Das war schon fast eine zu detaillierte Beschreibung“, entgegnet er alarmiert. „So nahe ist keiner jemals an sie herangekommen.“
„Ihr Gefährte war auch dabei. Er hat Hernandez zusammengefaltet“, wirft plötzlich Agua durch meinen Mund ein und ich werfe ängstliche Blicke zu Uguns und Zemes, die sich anstarren und dann einvernehmlich nicken.
„Dann wissen wir ja jetzt, mit was wir es zu tun haben“, sagt Zemes plötzlich, nach einer gefühlten Stunde Blickduell Uguns und Zemes, und ein kaltes Feuer lodert in seinen Augen. Es steht dem von Uguns mit ihren eisblauen Augen in nichts nach. Mindestens genauso gruselig, wenn nicht noch mehr und umso schlimmer, weil die Erde sonst doch sehr sanft ist. Eigentlich. Es sei denn, man fordert sie zu einem Duell heraus.
„Racheengel“, sagt Luzifer und Grauen spricht aus seiner Stimme. In seinen dunkelgrauen Augen steht Schrecken geschrieben. Aire weiß, was damals passiert ist. Schließlich haben sie die Engel, egal ob gefallen, Rache- oder Todesengel, nicht ohne einen verdammt guten Grund in die Erde verbannt.
„Ich mache mir merh Sorgen um die Todesengel. Und wenn der Racheengel und der Todesengel daran arbeiten, die Gefallenen zu erwecken, macht mir die Kombi eine scheiß Angst!“, sagt da plötzlich Uguns. Und das aus dem Mund der knallharten, tapferen Frau zu hören, die den schlimmsten Albtraum von jemanden auferstehen lassen kann, ist eigentlich das, was noch zehntausend-fach mehr Angst einjagt, als jeder auferweckte gefallene Engel.
Einige unbehagliche Blicke werden ausgetauscht, Alejandro, der wieder zurück ist, sieht Uguns an. Celeste hat sich wohl während des Aufenthaltes in Luftstadt verabschiedet. Und hat den Platz für Uguns geräumt, die hart hin und her sieht, jeden von uns mustert.
„Ihr, oder genauer gesagt wir, sind keine Krieger. Haben wir den Engeln etwas entgegenzusetzen? Nein, haben wir nicht. Wir können nicht fliegen, haben nur die Kontrolle über unsere Elemente, und zwei von uns haben Waffen, die sie nicht hundertprozentig beherrschen. Ist es das, was wir den Engeln zeigen wollen? Kinderkörper, die sich nicht wehren können? Wirte, die sich gegenüber ihres Volkes nicht durchsetzen können? Wir haben keine Chance gegen sie, wenn die Bewohner unserer Städte nicht endlich wachwerden!“
Langes Schweigen folgt auf diese Ankündigung. Erstens: Weil Uguns eher der schweigsame Typ ist, die nicht so lange Reden vom Stapel lässt und zweitens: Weil Uguns auch im Gegensatz zu Luzifer nicht zu Schwarzmalerei neigt. Und das hier ist ganz eindeutig das dunkelste Schwarz von Schwarz. Himmel noch mal, natürlich hat sie recht, wir sind ein wehrloser Haufen von Teenies, die zwar eine Waffe haben, diese aber wahrscheinlich im alles entscheidenden Moment auf sich selber richten und sich erschießen anstelle des Gegners!
Überraschenderweise bin ich diejenige, die das Schweigen bricht: „Du hast ja Recht, Uguns, und aus genau diesen Grunde hinaus haben wir uns ja hier getroffen. Aber wie sollen wir sie bitte schön auf unsere Seite ziehen, wenn wir nicht zugeben können, dass wir Schwächlinge sind? Und das wir das sind, steht vollkommen außer Zweifel!“
Luzifer wirft mir einen stechenden Blick zu. Interessiert mich nicht. Wenn sie nicht einsehen können, wo unsere Schwächen sind, dann haben wir ein gewaltiges Problem. Unsere größte Schwäche ist, dass wir uns nicht allein verteidigen können. Wir sind von Zufällen und den Seelen abhängig, ganz eindeutig. Das die uns nicht immer hold sein werden, ist ja wohl auch klar. Also die Zufälle. Wenn die Seelen uns verlassen, sind wir eh kurz vor dem Sterbedatum angekommen oder dem Wahnsinn verfallen. Das ist, soweit ich weiß, dem Vater von Alejandro passiert, dennoch ist er der Bürgermeister Erdstadts. Nur wird es aller Wahrscheinlichkeit nach bald weder ein Erdstadt noch ein Wasserstadt oder Feuerstadt geben. Dann die fehlende Treue gegenüber der Fürsten, also ihrer Wirte, nämlich uns. So haben wir die Schwierigkeit, dass sie uns nicht mal so gerade eben in einen aussichtslosen Kampf folgen. Wütend kneife ich die Augen zusammen. Ich fasse es nicht, dass sie so treulos sind! Schließlich schlage ich mir hier für ihr Wohl seit fünf Jahren jede Nacht um die Ohren. Das werden sie irgendwann auch noch tragen müssen, vergessen wird es nicht einfach.
„Dafür brauchen wir ja unsere Assistenten“, antwortet mir Uguns schließlich und deutet auf eine schlanke junge Frau, die in blutrote Kleidung gewickelt ist, die überhaupt nicht nach ihrem Stil aussieht. Unter ihren Augen liegen tiefe Schatten, als hätte sie schon einige Nächte auf den Beinen verbracht.
Weiter?^^
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