Die Anderen

Die Anderen
„Oho, da kommt sie wieder. Ökofreak!“, hallt es mir schon durch den Gang entgegen. Jeden Morgen ist es das Gleiche. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, es locker zu sehen, aber das ist schwer, wenn man mit ziemlicher Regelmäßigkeit angerempelt wird oder ein Bein gestellt bekommt. Ökofreak. Oh, wie ich diese Bezeichnung hasse. Es stimmt vor allem Dingen gar nicht. Ich bin kein Freak, auch wenn der Rest der Schule offenbar dieser Ansicht ist. Ich liebe die Natur, ich möchte sie schützen und am Leben erhalten, so wie sie das einst auch für uns gemacht haben. Mir gefällt, wie die Indianer das sehen; Die Erde ist unsere Mutter. Als ich das im Ethikunterricht mal angesprochen habe, lachten alle sofort los und ich bekam hämisch ins Ohr geflüstert, dass die Indianer wahrscheinlich genau deswegen inzwischen beinah ausgerottet sind. Ausgerottet, wie das schon klingt. Als wären sie irgendeine seltene Tierrasse. Aber Rassismus ist an unserer Schule nichts Besonderes und deshalb habe ich mich sehr bemüht, zumindest darüber keine Bemerkung zu machen, die irgendwen hätte verärgern und meinen morgendlichen Spießrutenlauf verschlimmern können. Es ist so schon die Hölle: Geschubst werden, stolpern, beschimpft werden, ein Bein gestellt bekommen, hinfallen, sich wieder aufrappeln. Wenn ich es nichtbesser wüsste, würde ich behaupten, ich sei eine Überlebenskünstlerin, aber ich würde in freier Wildbahn nicht einmal zwei Tage durchhalten, ehe ich am verhungern oder auf dem Weg zurück nach Hause wäre. In Bio hat unsere Lehrerin neulich gesagt, die Evolution habe mit dem Menschen eine Art „Superrasse“ erschaffen. So, wie diese Rasse sich im Moment auf ihrem Heimatplaneten aufführt, ist sie aber eher eine Horde „Supermonster“. Die meisten benehmen sich, als gäbe es kein Morgen, und wenn doch, dann tun sie so, als würde man in näherer Zukunft einen von Lebewesen bewohnbaren Planeten entdecken und die gesamte Menschheit dorthin verschiffen. Aber das ist nicht möglich. Ein solcher Stern ist zwar entdeckt worden, doch er ist Milliarden Lichtjahre entfern, ehe wir dort angekommen sind, sind wir längst tot. Und der Planet Erde auch. Die Ressourcen werden in wenigen Jahrzehnten verbrauch sein, doch es hat noch nie jemand tatsächlich etwas dagegen unternommen. Deshalb engagiere ich mich für den Umweltschutz. Ich helfe beim Gestalten von Grünflächen auf dem Schulhof, um den Co2- Ausstoß zu neutralisieren, pflanze Bäume mit der Umweltinitiative und habe meine Eltern überredet, unsere Ernährung, so weit der Geldbeutel es aushält, auf Bioprodukte umzustellen. Das hat sich herumgesprochen. Ich bin anders als die meisten, entspreche nicht dem goldenen Schnitt. Deshalb mobben sie mich. Eigentlich habe ich ihnen nie wirklich einen Anlass dafür gegeben, ich bin weder tollpatschig noch ungepflegt oder sonst irgendwie ekelig. Aber ich bin nicht so wie sie. Und da es ihnen ohne Opfer langweilig ist und sie ja schließlich nicht jemanden hänseln können, der genau so ist wie sie, muss ich eben dran glauben. Ich weiß genau, dass keiner von ihnen wirklich einen persönlichen Hass auf mich hat. Aber ich bin halt ich und die Anderen… Sind die Anderen. Zwischen uns klafft eine große Lücke und manchmal ist mir so, als würden wir unterschiedliche Sprachen sprechen.
„Ey, Alder. Deine Mudda is so fett, ey, die schwitzt beim Kacken!“
Dann lacht derjenige sich weg und ich denke nur das tangiert mich peripher. Mit anderen Worten geht es mir sonst wo vorbei, aber das wissen sie nicht. Sie sind halt anders.
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