"Zur Verbrennung vorgesehen"

Liebes Tagebuch, oder das, was davon übrig ist,
wie du sicher weißt, habe ich versucht dich zu verbrennen. An dieser Stelle will ich mich ganz herzlich dafür entschuldigen. Meine momentane Situation lässt es nicht zu, rational oder gar logisch zu denken, geschweige denn zu handeln.
Vielleich sollte ich damit beginnen zu erklären, warum du dich in so einem beklagenswerter Zustand befindest: Wie es dir sicherlich nicht entgangen sein sollte, waren die letzten hundert Einträge ausschließlich geprägt von ein und demselben Gedanken: Louis. Einen Junge, den ich bis zu dem schicksalhaften Tag deiner Verbrennung noch meinen Freund nennen durfte. Ich hatte meine Liebe über ihn zwischen deinen Seiten aufgeschrieben, ausgeführt und mit Herzchen versehen. Auch dafür möchte ich dich in aller Form um Verzeihung bitten. Die Fotos, sein Brief und die Kinokarten hatte ich ja zunächst mit Gewalt hinausgerissen, ehe mir bewusst wurde, dass eine einfache Verbrennung dem Ganzen die gewisse Dramatik verleihen würde. Also bist du im Ofen gelandet, wo ich dich allerdings schnell wieder herausfischt habe. Wozu meine Wut an dir auslassen?
Wer weiß, vielleicht wäre unter Umstände was aus ihm und mir geworden. Ach, wem mache ich was vor, Nord- und Südpol passen auch nicht zusammen, genau wie Eisbären keine Pinguine jagen. Ach, ehe ich es vergesse: Ja, er hat Schluss gemacht. „Du hast dich so verändert“, waren seine Worte gewesen. Ernsthaft! Dabei kann man doch davon ausgehen, dass wenn ein Junge, der sich bis dato nur für Computerspiele, Fantasy-Welten und Eistee interessiert hat, sich auf einmal aus seiner Höhle traut, die Welt kennenlernt und neue Freunde findet, schließlich merkt, dass die Person, die ihn schon in seinem Nerd-Zustand geliebt hat, eigentlich eine totale Loserin ist und er sich mir nichts dir nichts in einen Hipster verwandelt, sich eigentlich VON GRUND AUF VERÄNDERT HAT! Eigentlich hätte ICH mit IHM Schluss machen sollen, was natürlich Schwachsinn gewesen wäre. Welcher Mensch wie ich, macht mit jemanden Schluss, der von einem Tag auf den anderen zum totalen King of School wird?
Und was natürlich auch klar ist: Als wir zusammen waren, hat ihn seine Elfe bei WOW mehr interessiert als mich, fand sie vermutlich sogar hübscher und aufreizender. Entschuldige Louis, dass Gott mich nicht mit einer Oberweite von Dopple-D gesegnet hat und du dich unglücklicher Weise mit knapp 75 A zufrieden geben musst! Beschwer dich doch bei meiner Mutter und ihren Flachland-Genen! Außerdem, wenn man sein Zimmer betreten hatte, dann dachte man sei in Dresden `45 gelandet. Überall lag Kram rum, Klamotten, Bücher, kleine Farbtöpfe für seine bescheuerte Miniatur-Fantasy-Ork-Armee und vor allem EISTEE-PACKUNGEN! Der konnte dieses Zeug trinken, wie normale Menschen Wasser. Ich hatte insgeheim auf den Tag gewartet, wo er sich selber in einen Pfirsich verwandelte. Niemals hat er sich die Mühe gemacht aufzuräumen, wahrscheinlich noch nicht mal dann, wenn seine WOW-Elfe aus dem Spiel gestiegen und sich ihr knappes Oberteil ausgezogen hätte. Warum ich mich in verliebt hatte, liegt klar auf der Hand und heute möchte ich mich nur noch dafür erschießen: Er war der einzige, der mit mir geredet hatte. Ich bin so verdammt dämlich, dass selbst Kiki, seine neue Freundin, die ganz nebenbei dem Klischee „Blond“ alle Ehre macht, mir gegenüber wie Stephen Hawking rüberkommt. Ernsthaft, wo liegt bitte die Gerechtigkeit?
Naja liebes Tagebuch, ich kann nachvollziehen, dass du ziemlich sauer auf mich bist, ich bin es ja selber. Was meinst du, wie viele Jahre kriegt man, wenn man jemanden versehentlich den Kopf abschneidet, ihn mit Abfall füllt und den Schweinen zum Fraß vorwirft? Oder ist das zu hart? Vielleicht sollte ich das den Schweinen nicht antun? Wusstest du eigentlich, dass ich bei SIMS3 eine Familie erstellt habe, wo Louis und ich verheiratet sind und drei Kinder haben? Ich habe einen Pool gebaut, ihn darin schwimmen lassen und die Leiter entfernt. Er ist ertrunken. Meine Kinder gehen auf eine Privatschule und ich bin ein geniales Verbrecherhirn. Meinen SIMS geht es ohne ihren Vater sau-gut!
Schade, das Leben ist kein SIMS-Spiel. Dann wäre alles viel einfacher. Man müsste zur Arbeit gehen, abends ein paar Fähigkeiten lernen und am nächsten Tag wird man befördert. Man kann mit jemandem zwei Stunden lang reden und landet dann in der Kiste mit ihm und anschließend kann man per „motherlode“ fünfzigtausend Gelddinger bekommen und das Leben genießen. Und man kann seiner Partner umbringen ohne dafür in den Knast zu müssen. Hach. Ein SIM müsste man sein!
Ach, ehe ich es vergesse. Louis rief mich gestern an. Ernsthaft, ich hätte meine Nummer ändern sollen auch wenn das erstens ziemlich viel Ärger mit meinen Eltern und zweitens mit der Telekom gegeben hätte.
„Ach Mika, hast du noch meine Billy Talent CD?“ Noooooin… Die vermisst du nicht zufällig schon SEIT DEM TAG, AN DEM WIR ZUSAMMEN GEKOMMEN SIND?! Wo du sie doch bei mir „vergessen“ hattest, damit zu nochmal bei mir vorbeikommen musstest? Schaaade, dass du an dem Tag, wo wir uns getrennt hatten, vergessen hast, sie mitzunehmen. Sie ist nämlich zusammen mit dir liebes Tagebuch im Ofen gelandet! Allerdings habe ich mir bei ihr nicht die Mühe gemacht sie wieder zu beleben und dabei drei Brandblase kassiert!
Und morgen muss ich wieder zur Schule. Dann sehe ich Louis in der Pause an Kikis Kiwi-Arsch rumfummeln, mit den Händen, die eigentlich nur an Maus und Computertastatur herumhantierten und einmal in seinem Leben unterhalb meines Dekolletees lagen.
Ich hasse es.
Tut mir Leid liebes Tagebuch. Ich hoffe so etwas kommt nicht wieder vor.
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