Die ganze Zeit sah er sich äußerst auffällig nach Gefahren um, und er konnte gar nicht schnell genug aus dem Gedränge raus kommen. Ich glaube ja, dass der Wachdienst uns für Terroristen hielt, sich aber nicht getraut hat einzugreifen. Gamon konnte ja auch ziemlich einschüchternd sein, und da er mehrere Revolver durch die Gegend schleppte, sah man eine von ihnen auch permanent. Also noch unauffälliger ging es ja nun wirklich nicht.
„Cherry, kannst du Gamons Hemd über sein Revolver ziehen?“, fragte ich sie, den Mund so wenig wie möglich bewegend. Kurz darauf rutschte Gamons Hemd ein Stück über den Revolver. Gut, ein Schritt zurück in die Unauffälligkeit war schon mal getan. Nachdem wir unsere Tickets hatten, die ganz zufällig natürlich keine Platzkarten waren, da der Rat ja auch überall sparte wo es ging, drückten wir uns den schmalen Gang im Zug entlang, auf der Suche nach einem leeren Abteil.
Irgendwann reichte es Adrián wohl, denn er drückte den Zeigefinger in Gamons trainierte Seite. Ein Fehler. Ein schrecklicher, nahezu höllischer Fehler. Gamon mochte es überhaupt nicht, wenn man ihn grundlos pikste. Das wusste ich aus Erfahrung, da auch ich den Fehler begangen hatte. Kurz darauf hatte ich mich zu Boden gedrückt, mit einem gebrochenen Finger, wiedergefunden. Und noch immer hegte ich den verdacht, dass Gamon sich damals zurück gehalten hat. Adriáns Hand hatte nicht mal die Zeit auch nur einen Zentimeter zurück zu weichen, da packte Gamon seinen Finger.
„Was ist los?“, fragte Gamon mit zusammengepressten Zähnen. Ich konnte praktisch riechen, wie Adrián der Angstschweiß ausbrach und ich konnte tatsächlich sehen, wie seine Beine anfingen zu zittern. Blake schien das ganze nur zu amüsieren.
„Ich wollte nur sagen... dass... Wir könnten uns doch auch aufteilen. Du und ich in das eine Abteil, und Zoey und Blake in ein anderes...“ Dann schien er es sich doch anders zu überlegen. „Oder ich und Zoey in eins und du und Blake zusammen.“
Gamon zog eine Augenbraue hoch. Aber er schien über den Vorschlag nach zudenken.
„Gut. Aber ich und Zoey gehen in ein Abteil. Schließlich brauch auch sie mal eine Pause von euch beiden. Und ich nebenbei auch.“ Dann ließ er Adrián los, der ziemlich enttäuscht aussah. Wahrscheinlich hatte er die gemeinsame Zeit mit mir nutzen wollen, um mir näher zu kommen, und mich in sein, von nun an, Leinensack zu kriegen. Bei dem Gedanken an Sex in einem Leinensack musste ich Lächeln. Und Cherry brach wieder in lautes Gelächter aus.
„Kommst du, Zoey?“
„Ähm... Nagut. Du bist wohl die bessere Wahl.“ Ich ging an Gamon vorbei, der eine Tür zu einem Abteil aufhielt, in dem schon ein etwas älterer Mann saß und schlief und eine junge Frau Zeitung las. Als sie uns reinkommen hörte, hob sie den Kopf, und so bald sie Gamon sah, bildete sich ein sexy Lächeln auf ihrem Gesicht. Ich verdrehte genervt die Augen. Warum war ich eigentlich immer mit Männern unterwegs, die andere Frauen dumm werden ließen? Und warum konnten sie diese Wirkung nicht auch auf mich haben? Dann wäre mein Leben sehr viel leichter.
„Pech gehabt, kleiner Halbdämon. Du musst wahrscheinlich einen Dämon treffen, damit dir die Sinne schwinden.“, meinte Cherry trocken in meinem Kopf. Na toll. Jetzt hatte ich auch noch den passenden Kommentator zu meinem Leben gefunden. Diese Reise würde wohl ziemlich spannend, auf jeden Fall aber ziemlich interessant, werden.
Ich lies mich neben den schlafenden Typen sinken, und Gamon saß neben der Frau. Sofort schlug sie ihre, wie jetzt bemerkte, InTouch zu, und lächelte Gamon mit einem hinreißenden Lächeln an. Der ignorierte sie jedoch einfach, und starrte mich dafür an. „Hab ich einen Pickel im Gesicht, oder warum starrst du mich so auffällig an?“, neckte ich ihn.
„Eigentlich wollte ich ja nur herausfinden, ob du noch sauer auf mich bist, aber wo du es gerade sagst...“ Ich lächelte mich mit seinem hinreißenden alter neuer Gamon Lächeln an. Fast schon automatisch lächelte ich zurück und der Cherry-Apparat in meinem Kopf sprang an: „Zoey und Gamon sitzen auf einem Baum - k.ü.s.s.e.n.d."
Am liebsten hätte ich sie erwürgt, wenigstens angezischt aber sie war ja nur in meinem Kopf. Moment mal... Konnte ich sie aus meinem Kopf vertreiben?
„Wage es gar nicht erst Halbdämon!“, brüllte Cherry noch, doch ich schob sie mit aller Macht bei Seite. Ich hatte ja wohl genug Romane gelesen, in denen so etwas vorkam, um wenigstens mal diese Technik zu versuchen. Und anscheinend wirkte sie tatsächlich, denn ich fühlte mich endlich wieder allein in meinem Kopf. Schnell errichtete ich so etwas wie eine Schutzmauer, die Cherry hoffentlich draußen hielt. Dann wand ich meine Aufmerksamkeit wieder Gamon zu, der sich aber inzwischen mit der Frau unterhielt. Diese lächelte ihn dabei die ganze Zeit an und wickelte sich ihre losen Haarsträhnen um den Finger. Deshalb beschloss ich meinen gerade errichteten Schutzwall wieder fallen zu lassen und mich ein wenig mit Cherry zu unterhalten. Natürlich nur in meinem Kopf.
„Cherry, komm wieder her. Tut mir Leid, dass ich dich ausgeschlossen habe.“ Stille. Nichts als leere, stille Stille in meinem sonst so gefüllten Kopf. Ich probierte es noch einmal.
„Cherry bitte. Du hast Recht, ohne dich ist es langweilig, aber du musst mir doch ein wenig Privatsphäre lassen.“ Meine Lippen bewegten sich kaum merklich.
„Sag das das nächste Mal einfach. Du musst mich ja nicht gleich rauswerfen.“ Cherry war wieder da. Jubel stieg in mir auf.
„Gut, dass nächste Mal sage ich es dir. Kann ich dir eigentlich Wörter auch nur im Geist zukommen lassen?“ Sie seufzte. Und ich kann nur sagen, dass das kein angenehmes Geräusch ist. Zumindest nicht, wenn sie es direkt in meinem Gehirn tat.
„Nein, kannst du leider nicht. Ich empfange Bilder, meistens nur Fetzen von Bildern, selten eine ganze Bildabfolge, aber Wörter gehen leider gar nicht. Du wirst sie immer wenigstens flüstern müssen. Vielleicht entwickelt sich das aber noch. Du wurdest schließlich gerade erst erweckt.“
„Erweckt? Wie erweckt? Was meinst du mit erweckt? Es hat doch nicht so ein... Nekromant mein Blut genommen oder so?“ Ich merkte selber, wie panisch ich mich anhörte.
„Nein, beruhige dich wieder. Du wurdest erweckt, als diese Sympathisantin dich berührt hat. Erinnerst du dich an das sengende Gefühl, als ob dein Blut sich in Lava verwandelt hätte?“
„Klar, wie könnte ich das auch vergessen?“
„Genau da wurdest du erweckt.“
„Aber ich war schon vorher Feuerbeständig. Und ich war schnell und stark.“
„Ja, weil das körperliche Fähigkeiten sind. Diese müssen auch nicht erweckt werden. Es sind die geistigen Fähigkeiten, die ihre Zeit brauchen und nur entstehen können, wenn du mit einem Dämon in Berührung kommst.“ Ok...
„Aber warum werden die psychischen Fähigkeiten erst bei Dämonenkontakt hergestellt und die physischen sind schon die ganze Zeit da?“
„Ein einfacher Überlebensmechanismus. Du musst dir ja vorstellen, das wir normalen Dämonen in der Hölle leben. Das erste, womit wir in Berührung kommen, ist ein Dämon. Deshalb werden bei uns die psychischen Kräfte sofort erweckt, wobei sich diese je nach der macht des Dämons unterscheiden können. Und bei euch Dämonenkindern der Erde ist es so, dass sofortige psychische Fähigkeiten etwas zu viel Aufsehen erregen würden. Stell dir mal vor, du bist ein drei Monate altes Baby und redest telepathisch mit deiner Mutter. Schon etwas seltsam, oder? Und die körperlichen Fähigkeiten bilden sich sofort aus, weil sie nicht so aufsehenerregend sind. Gut, du bist ziemlich schnell, geschickt und stark. Manche von euch heilen schneller, andere sind feuerfest. Die Feuerfestigkeit fällt nur auf, wenn du in einem offenen Feuer nicht verbrennst. Der Rest ist mit einem guten Körperbau zu begründen.“
Ein Dämon zu sein, auch nur ein Halbdämon zu sein, war ganz schön kompliziert.
Zugfahrt [1]