Game Over

Bild von Chocolate

„Mama, was bringen Beziehungen?“, fragt Nils die Mama. Sie sieht ihn erstaunt an.
„Du bist noch zu jung für sowas“, antwortet sie und wendet sich wieder dem Steak zu, das sie gerade anbrät.
„Aber der Papa sagt immer, er hat gute Beziehungen, und er ist stolz drauf!“, drängelt Nils weiter, bis die Mutter genervt nachgibt und sagt: „Er meint, dass er viele Leute kennt! Und in Zukunft fragst du ihn gleich selber!“
Enttäuscht verlässt Nils die Küche – er hat sich etwas anderes als Antwort erhofft. Im Arbeitszimmer entdeckt er den Papa und fragt ihn gleich: „Papa, was für Beziehungen hast du?“
Der Vater lacht.
„Ach, kleiner Nils, um das gesamte Ausmaß des Wortes 'Beziehung' zu erfassen, müsste ich jetzt stundenlang mit dir reden. Ich glaube, es reicht, wenn ich dir die Art von Beziehung erkläre, die ich mit deiner Mutter hatte, bevor wir geheiratet haben: eine feste Beziehung.“
„Fällt das dann auch unter die guten Beziehungen, über die du immer redest?“, fragt Nils zwischenrein und der Papa muss nachdenken.
„Ja“, sagt er schließlich, „ja, es war eine gute feste Beziehung. Aber von vorne.
Wir haben uns in der Disko kennen gelernt. So läuft das nämlich: Man trifft sich, findet sich schrecklich, und dann heiratet man.
Sie konnte schon damals nicht tanzen. Hast du mal gesehen, wie sie sich zur Musik bewegt?“
Nils nickt und denkt daran, wie die Oberschenkel der Mama schwabbeln, wenn sie auĂźerhalb des Taktes hin und her wippt.
„Schön war sie auch nicht, sie hatte vergessen zu duschen. Aber wir waren beide betrunken und sind zufällig übereinander gefallen. Während ihre Clique sich mit meiner geprügelt hat, haben wir uns geküsst. Es war kein schöner Kuss, sie stank nach Alkohol und sabberte, aber es war mein erster seit langem.“
Wenn Nils an die Jugendbilder vom Papa denkt, versteht er das.
„Was ist eine Klikke?“, fragt Nils.
„Das sind Freunde, die du nicht hast“, antwortet der Papa und erläutert nicht weiter.
„Aber gut. Ihre Eltern wussten nicht, dass sie in der Disko war. Ihr bester Freund landete wegen der Schlägerei im Krankenhaus und sie kam mit zu mir. Meinem Bruder war alles egal.
Als sie morgens aufwachte, schlug sie mir eine rein.“
Auch das versteht Nils. Nicht umsonst macht er morgens einen groĂźen Bogen um seine Eltern.
„Aber ich habe gesagt, das macht nichts, und am nächsten Wochenende habe ich sie wieder in der Disko getroffen. Sie hat sich entschuldigt und kam wieder mit zu mir. Gott, war das geil!“
Nils versucht, sich das nicht vorzustellen. Es ist schwer.
„Nun ja, und nach fünf Wochenenden bei mir hat sie dann angefangen, mich auch nüchtern anzusprechen. 'Idiot mit zu viel Selbstbewusstsein' hat sie mich immer genannt“, sagt der Papa zärtlich und starrt in die Luft.
„Ihre Eltern fanden den Namen passend, wollten aber immer noch nicht, dass ich zu ihr komme. Heimlich macht alles mehr Spaß, und sie wissen bis heute nicht, wer ich bin. Sie denken, deine Mutter hätte so einen Straßenpenner geheiratet und haben den Kontakt abgebrochen.“
Gar nicht so weit gefehlt, denkt Nils, sagt aber nichts.
„Deshalb sind wir auch Weihnachten unter uns. Keine Schwiegermutter, die alles besser weiß. Merk dir das, Nils: Das Schlimmste sind die Schwiegermütter.“
Ob die Mama das genauso sieht?, fragt sich Nils. Immerhin wird sie später selbst mal eine. Vielleicht.
„Ich war samstags manchmal weg, ohne deine Mutter. Männertage halt.
Aber einmal bin ich heimgekommen, wir kannten uns schon fünf Jahre und sie wohnte praktisch da, mir wäre nie in den Sinn gekommen, sie als mein Eigentum zu betrachten. Aber sie lag bei meinem Bruder im Bett und ich hab ihn angeschrien: „Lass die Finger von meiner Frau!“
Ich hab ihm den Kiefer gebrochen und sie hat mich angesehen und geweint und gefragt: „Deine Frau?“
Also hab ich den Ring aus der Tasche gezogen, den ich dem verprĂĽgelten Kerl abgenommen hatte, vorher, und dann waren wir verlobt. Glaub mir, das kann ziemlich schnell gehen. Sie hat noch gemeint, sie hatte Angst, dass es zu romantisch wird, aber so war es okay. Kitsch ist altmodisch, dass du's weiĂźt.
Eine Woche später waren wir verheiratet. Der Kuss hat mich an unseren allerersten erinnert – sie stank nur noch ein bisschen mehr nach Alkohol. Das war das Ende unserer Beziehung – viele nennen es Game Over. Aber so schlimm ist es nicht – immerhin habe ich jeden Tag Essen.“
Der Papa hat fertig erzählt und Nils geht in sein Zimmer zurück. Er sieht die vielen Spiderman-Comis, in denen Spiderman seine Geliebte rettet und küsst und stellt sich vor, dass auch sie trinkt und nicht tanzen kann. Dann denkt er an die ganzen hässlichen Mädchen aus dem Kindergarten, die auch nie duschen und deren Haare immer verfilzt sind. Nein, Nils will keine feste Beziehung haben, auch wenn er später Essen dafür bekommt. Schließlich weiß er, was Game Over bedeutet.

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