Traumhaft - Das Monster in mir Teil 7

Bild von MdmRouge

Die Schlucht endet in einem ebenen Talkessel. In seiner Mitte steht ein unglaublich monströser, alter Baum. Seine regenschirm-großen, sattgrünen Blätter haben die Form von Herzen. Durch seine Mitte fließt der Fluss, dessen Rauschen ich eben gehört habe.
Ich laufe zu dem Baum. Sein Stamm hat den Umfang eines Hauses. Der Fluss ist ungefähr so breit, wie Eleinos hoch. Seicht rauscht es durch das steinerne Flussbett.
Ich beuge mich herab um meine Hand durch das zum spielen einladende Wasser gleiten zu lassen, da fällt mir auf, dass das Wasser entgegen dem Gefälle fließt. Es fließt nach oben. Ich habe noch nie Wasser gesehen, das aufwärts fließt. Es fasziniert mich.
Ich folge dem Flusslauf durch den Baum hindurch. Dieser ist im Inneren komplett hohl. Auch hier, an seinen dünnen Wänden fließt Wasser empor. Wenn man seine Hand dagegen hält spritzt einem das kühle Nass entgegen. Im Boden breitet sich der Fluss zu einem kleinen, runden Teich aus. Am Rand stehen zierliche Büschel Schilf, das sich sanft hin und her wiegt. Das plätschern ist angenehm entspannend.
Ich setze mich an das steinige Ufer, lasse meine Füße durch das flache Wasser gleiten. Dort wo das Wasser an meiner Haut vorbei strömt entstehen silberglänzende Schlieren. Sie winden sich durch das klare Wasser wie ein Schleier. Nach einer Weile ist das ganze Becken in dem Baum mit silbrigem Wasser gefüllt.
Ich stelle mich wieder hin. Und schaue herab. Zufrieden blicke ich mir entgegen. Ich gehe weiter durch den Baum hindurch. Auf der anderen Seite des Baumes wird das Rauschen ohrenbetäubend laut. Mitten in der steilen Kesselwand aus Stein ist ein Loch. Ein riesiges Stück des Felsens fehlt. Dahinter sieht man nur endlose Weite. Nichts. Ich konnte mir nie vorstellen wie es ist ins Nichts zu schauen. Doch jetzt stehe ich hier und sehe es. Nichts. Die dröhnenden Wassermassen die neben mir ins Nichts rauschen betäuben meine Sinne. Ich stelle mich an die jäh abfallende Kante.
Breite meine Arme aus und genieße. Das Nichts.
Nie habe ich so etwas gesehen . Nie habe ich so etwas gefühlt.
So viel auf einmal gefühlt.
Freiheit, und doch ist sie beklemmend.
Leere und Einsamkeit.
Glück und Unbehagen.
Zufriedenheit.
Frieden.
Aggressivität dem Nichts gegenüber.
Es ist seltsam, verwirrend. All diese Gefühle schmerzen in mir. Ich fange an zu schreien, bin gefesselt, es ist zu faszinierend. Unfähig mich abzuwenden, schreie ich immer lauter, doch höre ich mich selber nicht. Das Rauschen ist zu dominant. Eleinos' schwere Hand ruht auf meiner Schulter. Wieder schneiden seine scharfen Krallen in mein Fleisch. Es schmerzt. Jetzt nehme ich den Schmerz wahr, bin nicht abgelenkt. Muss ihn ertragen.
Dann spüre ich einen groben Stoß. Ich falle. Ich falle tatsächlich in das endlose Nichts. Ohne halt. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich schließe meine Augen. Ein Fall ins bodenlose. Endlos.
Hitze durchfährt mich. Ich mache die Augen wider auf. Überall um mich herum ist Feuer.
Ganz plötzlich wird mein freier Fall abgebremst. Und schließlich tauche ich in etwas ein. Ich bin umgeben von Flammen. Auch die Flüssigkeit in der ich nun bis zur Brust stehe besteht aus Flammen. Flüssige, rubinrote Flammen. Ich lasse die über meine Hand gleiten. Ich bin fasziniert. Spiele mit den Flammen wie mir Wasser. Nach und nach nimmt meine Haut die rubine Farbe an.

Hier geht es zum letzten Teil: Traumhaft - Das Monster in mir Teil 8


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