Paris, Paris! Der Schlüssel zum Glück 7.2

Leon hörte ein Grunzen und Schritte, die sich ihnen näherten. Carlo nahm auf einem entfernten Sessel Platz und betrachtete griesgrämig Philine und Leon.
„Carlo, hast du das Erbsengehirn eines Elefanten? Warum hast du Philine nicht Bescheid gesagt? Macker, sie wurde gestalkt!“
„Bleib mal ruhig, Bürschen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht.“
„Schon als ich dich das erste Mal gesehen habe, wusste ich, dass du nicht der Schlauste…“
„Schluss jetzt ihr Beiden!“ Philine hob ihre Stimme und sah mit zugekniffenen Augen von einem zum anderen.
„Lass mich weitererzählen, Carlo. Und du Leon, sei still!“
Wie kleine Kinder nickten die Männer und lauschten Philine.
„Jedenfalls ging ich vor zwei Wochen aus Dampierre fort und dann in ein Hotel aus der Umgebung gezogen.“
„Warum bist du nicht zurück nach Paris, Phily? Jetzt im Ernst, auch wenn wir das letzte halbe Jahr Streit hatten, Liebes, ich hätte dich mit offenen Armen aufgenommen.“
„Na, übertreib es mal nicht“, streckte ihm Philine die Zunge heraus.
„Doch, doch, und wie!“
Sie kniff in seine Hand. „Hör zu jetzt! Außerdem hatte ich keinen Bock auf Michelle.“
„Tja, Madame, hättest du Kontakt zu mir gehabt, hättest du gewusst, dass ich seit einer ganzen Weile nicht mehr bei der wohne.“
„Ach nein?“, hob Philine eine Augenbraue und verkniff sich ein Lächeln. „Ich konnte sie noch nie leiden.“
„Und ich habe nie verstanden wieso“, seufzte Leon, zog die Schultern hoch und ließ Philine weiterreden.
„Aber vor zwei Wochen, da wollte ich zurück nach Paris. Ich habe es vermisst. Die sanften Wellen, die die Seine schlägt, den Glockenturm, der so schrill um Punkt 12 schlägt… Du weißt, wie sehr ich das Théâtre und die kleinen Cafés liebe!“ Leon nickte und ein Grinsen schlich sich auf seinem Gesicht ein.
„Hoffentlich hast du auch mich vermisst!“
„Werd nicht frech“, kniff Philine ihre Augen zusammen.
„Könntet ihr euer Tete-a-tete auf später verschieben?“, brummte Carlo wie ein dicker Bär vom Sofa auf.
„Schon gut, Carlo. Einen Abend, bevor ich nach Paris aufbrechen wollte, war ich auf der Party von Jean Claude. Dort traf ich Carlo, der Wind davon bekam, dass ich alleine nach Paris fahren wollte. Dann ist er ausgerastet“, fuchtelte Philine mit den Armen, doch ihre Stimme klang ruhig. Leon sendete Carlo giftige Blicke zu, die dieser mit einem düsteren Blick quittierte.
„Leute“, sagte Philine und erlangte wieder die Aufmerksamkeit. „Ich wusste nicht, dass Carlo sich um mich sorgte, weil ich gestalkt wurde. Und dann, als ich total zugedröhnt und ohne jegliche Erinnerung in einer Ecke aufgewacht bin, halb vergewaltigt, da habe ich natürlich gleich ihn verdächtigt.“ Philines Stimme zitterte. Sie schloss ihre Augenlider und atmete tief durch. Es war ihr Zuwider, immer wieder die Geschehnisse der Nacht zu erzählen.
„Lass mich raten“, sagte Leon und starrte Philine an. Seine Hand verkrampfte sich um ihr Handgelenk.
„Es war nicht Carlo. Sondern wahrscheinlich Alexi.“
„Blitzmerker“, brummte es von dem Sofa.
„Ich bin nach dem Aufwachen sofort ins Krankenhaus und sie haben die Polizei verständigt. Die haben dann DNA und Fingerabdrücke von meiner Kleidung abgenommen. Aber ansonsten schienen sie mich nicht ernst zu nehmen.“
„Ja, das kenne ich“, verdrehte Leon die Augen. „Ach übrigens, Phily, bei dir zuhause hockt eine Polizistin.“
„Wie bitte?“
„Ach, aber bestimmt ist sie fort, wenn du wiederkommst. Nun guck nicht so geschockt! Erzähl ich dir später. Nun red‘ weiter!“
„Jedenfalls äußerte ich bei der Polizei meinen Verdacht auf Carlo. Weil er ja so sauer auf mich war. Tut mir nochmal leid übrigens“, bedachte Philine Carlo mit einem Seitenblick.
„Dann ist die Polizei zu ihm und er hat ihnen von Alexi erzählt. Und die Fingerabdrücke von den Fotos, Briefen und von dem Kleid der Party stimmten überein. Es war Alexi. Carlo fuhr daraufhin sofort nach Paris und kriegte von Jean meine Adresse spitz. In dem Appartement in Paris wohnte nämlich bis zuletzt seine verstorbene Tante. Es war ein Schock für mich, als Carlo vor mir stand und mich in seinen Wagen gezogen hat.“
„Die ganze Autofahrt hat sie nach dir geschrien, dabei habe ich nur sanft versucht, ihr alles zu erklären. Und wie sie getreten hat! Also echt ihr beiden, irgendwie wollt ihr immer alles mit Gewalt durchsetzen.“
Philine zwinkerte Carlo müde zu und zuckte die Achseln.
„Herrgott nochmal“, seufzte Leon, riss seine verschwitzte Hand aus Philines los und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf. „Das Leben ist kompliziert und voller verdammter Überraschungen.“
„Wohl wahr“, sagte Philine traurig und stand auf. „Ich habe Hunger, ich weiß ja nicht, wie das mit euch aussieht. Leon, wie wäre es, wenn du dich duschst?“
„Warum? Sag bloß ich stinke!“
„Ne, überhaupt nicht“, lachte Philine gekünstelt und unterdrückte Tränen, die hartnäckig zum Vorschein kommen wollten. Sie musste sich jetzt ablenken. Genug mit dem Gerede. Ihr Wissen, dass ein Stalker sie beinahe vergewaltigt hatte, machte sie verrückt.
„Ja, na klar darf der Giftzwerg sich mit meinem Wasser in meinem Haus waschen und mein Essen genießen“, sagte Carlo und erhob sich mit seiner Körperfülle von dem quietschenden Sofa.
„Die Treppe oben rechts die dritte Tür“, grummelte er, bevor er das Wohnzimmer verließ.
„Lass uns nicht mehr streiten, Leon. Ich weiß, es war scheiße, dass ich dich vor zwei Jahren verlassen habe. Es tut mir leid. Doch ich kann es nicht ändern. Und ich bereue es nicht.“
Leon atmete tief durch und nickte langsam.
„Schätze, das Leben geht weiter. Egal was kommt.“
„Ja. Ja, es geht immer weiter. Ja, so ist es“, nickte Philine mit einem traurigen Lächeln und sah Leon in seine grünen Augen, die sie schon immer so fasziniert hatten. Und die sie endlich nach Jahren wiedersah.
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