Gefangen

Bild von Amanda

Halb aufgerichtet saß ich in meinem Bett, unfähig, mich zu bewegen.
Da stand er vor mir.
Der, von dem ich jede Nacht träumte.
Der, der mir den Schlaf raubte.
Der, der mein ganzes Denken beeinflusste.
Er war Realität geworden. Eine Tatsache, die ich zu verdrängen versucht, mein Unterbewusstsein aber nie für völlig unmöglich gehalten hatte.
Er starrte mich aus seinen eisblauen Augen emotionslos an und deutete mir mit der Hand, aufzustehen. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und erhob mich, meine Beine bewegten sich, ob ich wollte oder nicht. Schlagartig kamen mir meine Träume wieder in Erinnerung, sie hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich hielt in der Bewegung inne. Ich wollte mich wehren, aus dem Zimmer laufen, doch er war schneller. Er stand vor der Tür, und packte mich. Mir wurde schwarz vor Augen.
Als ich sie öffnete, brauchte ich einige Sekunden, um mich an das eben Geschehene zu erinnern. Ich versuchte herauszufinden, wo ich mich befand. Ich saß auf dem Boden, konnte mich jedoch bewegen. Mich umgab eine bedrückende, aber mir bereits aus meinen Träumen vertraute Finsternis. Plötzlich wurde ich nach vorn geworfen und stieß mit dem Rücken an eine Wand. Mir wurde klar, dass ich in einem Auto saß, das eben scharf gebremst hatte. Meine Vermutung bestätigte sich, als die Tür geöffnet wurde und ein schwacher Lichtschein zu mir herein drang. Dann verdeckte ein Körper die Lichtquelle und ich wurde aus dem Fahrzeug gerissen. Mit aller Mühe konnte ich verhindern, draußen auf den kalten Asphalt zu fallen. Ich hatte keine Zeit, mich zu orientieren, zumal ich sowieso nicht wusste, wie viel Zeit wir in dem Wagen verbracht hatten. Eine Autotür schlug zu und ich fühlte, dass er nun wieder hinter mir stand. Er schob mich in Richtung einer Tür. Dann wusste ich, wie alles weitergehen würde, wusste, was sich hinter der Tür verbarg.
Er stieß mich in den kleinen Raum, verriegelte sofort wieder meinen einzigen Weg zur Freiheit. Völlige Dunkelheit umgab mich. Ich schloss die Augen.
Ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster an der endlos weit weg scheinenden Decke angebracht war, weckte mich. Ich registrierte die kahlen, grauen Wände um mich herum und wurde wütend. Auf sie. Auf mich. Warum taten sie mir das an? Warum hatte ich alles widerstandslos mit mir machen lassen?
Eine Zeit lang kauerte ich grübelnd in der Ecke, dann fasste ich einen Entschluss. Ich würde es anders machen. Diesmal hatte ich die Wahl, konnte die Dinge in die Hand nehmen und würde nicht wie in meinen Träumen nur zusehen. Ich hatte nichts mehr zu verlieren und würde nicht tatenlos auf mein sicheres Ende warten.
Etwas Geduld würde ich aber wohl noch haben und auf Liz warten müssen. Mir blieben noch sechs Tage. Ich wusste, dass sie in zwei Tagen kommen würde. Anfangs hatte ich die Zeit nachgerechnet, die in meiner Traumwelt vergangen war. Bis ich begriff, dass jede Nacht die gleichen Bilder wiederkehren würden.
Noch 48 Stunden bis zu ihrer Ankunft, Zeit, die ich nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte.
Ich sah mich genauer in dem kleinen, quadratischen Raum um und stutzte: Die Einrichtung war sehr spärlich, doch sie war vorhanden – anders als in all den Bildern, die sich Nacht für Nacht in meinem Kopf abgespielt hatten, ich war mir sicher, dass kein einziges Möbelstück vorhanden gewesen war. Hier standen jedoch ein Tisch und zwei Stühle. Sollte etwa alles anders kommen? Konnte ich meinem unausweichlich geglaubtem Schicksal doch noch entfliehen?
Das Fenster an der Decke war groß genug, um sich hindurchzuzwängen, zumal Liz sowieso kleiner als ich war. Es schien auf den ersten Blick unerreichbar, doch mit ihrer Hilfe würde ich es schaffen.
Dann fiel mir auf, dass die letzte Nacht die erste seit undenkbar langer Zeit gewesen war, in der mir nicht die immer gleichbleibenden Szenen im Kopf herumgespukt waren. Unter anderen Umständen wäre es mir sicher sofort aufgefallen, doch jetzt, wo die Ereignisse ihren Lauf nahmen, war es eigentlich nur logisch, dass die Träume aufgehört hatten – sie waren Wirklichkeit geworden.

Die Tür wurde wenigstens einmal täglich für einige Sekunden geöffnet, um mich mit etwas Nahrung zu versorgen, schließlich wollten sie ihr Opfer nicht verhungern lassen. Als sie sich dann aber zum zweiten Mal öffnete, wusste ich, dass es jetzt so weit sein würde. Meine Vermutung bestätigte sich, als einen Moment später ein blondes, zierliches Mädchen in mein Gefängnis gestoßen wurde. Der Ausgang wurde hinter ihr sofort wieder verschlossen.
Liz setzte sich mir gegenüber und an ihrem halbwegs gefassten Gesichtsausdruck erkannte ich, dass auch sie die gleichen Träume wie ich gehabt haben musste.
Ich beschloss, gleich zur Sache zu kommen. „Wir müssen hier raus und zwar möglichst schnell“, erklärte ich ihr. „Du weißt, wie es sonst ausgehen wird.“
"Du hattest auch diese Träume?", fragte sie.
Ich nickte.
"Jede Nacht die gleichen Bilder, von denen du Angst hast, dass sie Wirklichkeit werden? In denen sie dich entführen und hierher bringen? Dann deine Eltern kontaktieren und Lösegeld fordern? Geld, das die nicht bezahlen können?"
"Ja. Und dann bringen sie uns um, weil sie nicht bekommen, was sie wollen." Ich seufzte.
„Zurück zum Thema. Denkst du wirklich, wir können hier einfach ausbrechen? Für so dumm halte ich sie nicht, sie werden alles abgesichert haben“, gab sie zu bedenken.
Im Stillen stimmte ich ihr zu, doch ich wollte mich optimistisch geben. „Warum es nicht wenigsten versuchen? Was können wir noch verlieren?“
Sie nickte. „Also, hast du einen Plan?“
„Durch das Fenster klettern?“
„Wie kreativ!“ Sie sprach aus, was ich mir dachte, doch uns blieb keine andere Wahl.
„Hast du eine bessere Idee? Einen Versuch ist es wert.“
Wir hatten beschlossen, am nächsten Morgen zu fliehen, da wir hofften, dass das Haus dann schlechter bewacht war als in der Nacht. Nachdem uns das Essen für den Tag hereingereicht worden war, schoben wir den kleinen Tisch in die Mitte des Raumes, unter das Fenster in der Decke und hoben den Stuhl darauf. Ich kletterte darauf, sodass Liz sich auf mir abstützen und die Luke erreichen konnte. Als mir langsam die Kräfte schwanden, hatte sie endlich geschafft, sich hindurchzuzwängen. Von oben half sie mir hindurch.
Wir standen beide auf dem flachen Dach, als mir auf einmal bewusst wurde, wie einfach alles gewesen war. Ich wollte Liz jedoch nicht beunruhigen und sagte nichts.
Wir sahen uns um, entdeckten jedoch niemanden und kletterten auf den Boden. Liz lief los in Richtung Straße und ich wollte ihr hinterher. Ich stolperte über eine Wurzel und fiel.
Mir entfuhr ein leiser Schrei und ich hörte Türen zuschlagen, ich wusste, sie hatten mich gehört und um jetzt zu entkommen, musste ich verdammt schnell sein.
Ich rappelte mich auf und humpelte zum Tor, konnte mein Bein kaum belasten, da hörte ich sie auch schon hinter mir. Ich rannte los, ich spürte auf einmal keinen Schmerz mehr und mit ungeahnter Energie schaffte ich es, den Vorsprung zu meinen Verfolgern zu halten. Von Liz war nichts mehr zu sehnen, aber dann glaubte ich weit vor mir ihre blonden Haare zu erblicken. Ich rannte und rannte und meine Kräfte verließen mich eben so schnell, wie sie gekommen waren. Dennoch zwang ich mich weiterzulaufen, ich wusste, so schnell würden sie nicht aufgeben. Doch meine Beine gaben nach und ich stürzte.
Es wurde still. Hatte ich es wirklich geschafft und sie abgehängt? Ich sah nichts mehr.
Als ich die Augen aufschlug, lag ich in einem Krankenhausbett, Liz saß neben mir, lächelte mir zu, und ich begriff, dass wir beide gerettet waren.
Ich versuchte, mich an das zu erinnern, was passiert war. Da war Liz gewesen, die mich in eine Hütte gezogen hatte, das Handy am Ohr. Mehr fiel mir beim besten Willen nicht mehr ein.
Erst als ich wieder einigermaßen bei Kräften war, erfuhr ich, was geschehen war. Liz hatte an der Hütte auf mich gewartet und bereits einen Krankenwagen gerufen , als sie mich, halb ohnmächtig, in die Hütte gezogen hatte. Abgeschreckt von den Sirenen hatte meine Verfolger aufgegeben.
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Natürlich gibt es ReKommis, wenn ihr mir den Link da lasst


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