One Way (Logan Lerman) Kapitel 2

Kapitel 2
Gehetzt rannte ich durch die Gänge meiner Schule und versuchte, meine Lehrer zu erreichen. Die Papierzettel flogen mir immer wieder aus den Händen und verteilten sich überall, als ich die Richtungen wechselte, um Schülern auszuweichen. Gescheit wie ich war, hatte ich alles auf das letztmögliche Datum verschoben und konnte nun am Vortag meines Abfluges dafür sorgen, dass auch alle meine Lehrer ganz offiziell von meiner Abwesenheit des nächsten Schuljahres etwas mitbekamen. Gut, eigentlich wussten sie es schon, aber ich musste ihnen dank Chris Columbus diese doofen Bestätigungen austeilen, die er mir bei dem Meeting vor fast einem Monat ausgehändigt hatte. Soviel zu meiner Motivation, Dinge auch rechtzeitig zu erledigen. Meine Klassenkollegen und Freunde dachten, ich würde ein Jahr nach Neuseeland gehen, was mir so auch recht war. Bestimmt könnte man sich jetzt denken, ‚Was, du belügst deine Freunde?‘, aber so war es nun mal. Ich mochte es nicht besonders, aber einerseits war der Dreh streng geheim und daher war es mehr als unpraktisch, wenn an die dreißig Leute davon wussten und es auch weitererzählen würden.
Wäre ja nicht so, als hätte ich die Absicht, es ihnen erst dann erzählen zu wollen, wenn ich im Sterben lag. Die Bestätigungen selbst durfte ich ihnen auch nicht zeigen, logisch, oder? Schnell teilte ich den letzten Zettel aus und machte mich dann in das Sekretariat meiner Schule auf, um mich dort einerseits von der Schule für ein Jahr abzumelden und andererseits, um meine Direktorin anzutreffen und auch ihr ganz hochoffiziell den Wisch zu geben. War das einmal geschafft, konnte ich für genau eine halbe Minute aufatmen, nur um weiter in meine Klasse zu hetzen, damit ich die Zeugnisvergabe nicht verpasste. Dort wartete schon mein Klassenvorstand mit den Zeugnissen auf die letzten Leute. Rasch sah ich mich um und stellte erleichtert fest, dass ich nicht die Letzte war.
Schnell setzte ich mich neben meine beste Freundin Isabelle, kurz Isi, und fuhr mir gestresst durch die Haare. „Schon aufgeregt?“, fragte sie mich von der Seite her grinsend, als ich meinen Kopf auf die Tischplatte legte. „Gestresst trifft es wohl eher.“, antwortete ich ihr augenverdrehend. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich diese Zettel gehasst habe.“ „Hmm…“, antwortete sie mir nur, als schließlich die letzte Person die Klasse die Türe schloss und es halbwegs leise in der Klasse war. Logisch, jeder wollte so schnell wie möglich in die Ferien entlassen werden. Doch bevor das passieren konnte, gab mein Klassenvorstand, Frau Professor Haase, noch mehrere weniger oder doch wichtige Informationen für das kommende Schuljahr frei. Für mich natürlich vollkommen uninteressant, weswegen ich meinen Kopf auch auf der Tischplatte liegen ließ. Als es dann zur Zeugnisvergabe kam, wurde ich als erste aufgerufen. Ich war schließlich die erste im Alphabet in meiner Klasse, also kam ich auch als Erste dran.
„Elena, du hast einen ausgezeichneten Erfolg mit einem Notendurchschnitt von 1,4. Gratuliere dir und viel Spaß in Neuseeland.“, verkündete und zwinkerte mir zu. Ich musste dabei leicht grinsen, als ich aufstand und nach vorne kam, um mir mein Zeugnis abzuholen. Einerseits, weil ich mich extra angestrengt hatte, um einmal im Leben ein schönes Zeugnis zu haben und andererseits, weil ich sehr wohl begriffen hatte, dass ihr ‚Viel Spaß‘ sich auf meinen Dreh bezog. Was denn sonst. Dann setzte ich mich wieder auf meinen Platz und wartete darauf, dass die anderen ihre Zeugnisse bekamen. Als das geschafft war, wünschte uns Frau Professor Haase noch schöne Ferien und Aus war es mit Schule. Erleichtert standen alle auf und gingen aus der Schule. Jedoch verließen sie noch nicht das Schulgelände, da die meisten sich noch von mir verabschiedeten. Ein paar klopften mir auf die Schulter, andere umarmten mich kurz und wünschten mir alles Gute für mein ‚Austauschjahr‘. Es war mir sehr unangenehm, aber zurzeit konnte ich nichts machen, als lächeln und ihre Glückwünsche anzunehmen. „Dass du nicht in Neuseeland bleibst, hörst du!“, umarmte mich Isabelle halb lachend, halb weinend. „Sonst hab ich niemanden mehr, mit dem ich über Lehrer während der Stunde ablästern kann.“
Neben Isi räusperte sich meine zweite beste Freundin Marlene, die mich in einem ähnlichen emotionalen Stadium umarmte wie zuvor Isi. „Und irgendwann kommen wir dich dann in Neuseeland besuchen und wollen dann alles gezeigt bekommen, okay?“, grinste sie mich an und boxte mir leicht in die Schultern. „Ja…sicher.“, meinte ich leicht verunsichert und hoffte inständig, dass die beiden meine Unsicherheit nicht bemerkten. Irgendwie musste ich sie später noch von dieser hirnrissigen Idee abbringen, aber da würde ich sicher noch Hilfe bekommen. „Nehmt am besten die ganze Klasse mit, damit ich ihnen später nicht noch einmal alles erzählen muss.“, scherzte ich stattdessen und hoffte weiterhin, dass sie das sein lassen würden und die ganze Klasse nicht auf einen Trip nach Neuseeland nehmen würden. Bitte nicht. „Mal sehen, was sich so machen lässt.“, dachte Isi darüber nach und umarmte mich noch einmal. „Aber bis dahin ist noch viel Zeit und die wirst du genießen! Wenn wir irgendetwas Schlechtes aus Neuseeland hören, kommen wir vorbei und verprügeln das Schlechte. Lene, machen wir doch, hm?“ „ Aber so was von.“, nickte Marlene Isabelle lässig zu und verabschiedete sich dieses Mal wirklich von mir, da sie einen Termin beim Zahnarzt hatte. Alleine stand ich dann nun vor der Schule und sah zu, wie meine zwei besten Freundinnen sich von mir entfernten. Ich musste schwer schlucken, als mir so wirklich bewusst wurde, wie lange ich sie nun nicht sehen würde. Vielleicht war es nicht so schlecht, sie mal in Neuseeland zu haben.
Gehetzt packte ich meine zwei großen Trollis, die ich mitnehmen durfte. Mein Zeitproblem saß mir wie immer im Nacken und ließ mich partout nicht los. Immerhin hatte ich noch einen ganzen halben Tag, um fertigzuwerden. Nebenbei warf ich rasch Blicke in Richtung Laptop, der hochgefahren und mit offenem Mailfenster auf meinem Schreibtisch stand. Nicht, dass ich eine E-Mail oder so erwartete, aber irgendwie machte es mich nervös, dass ich so kurz vor meinem Abflug nichts von der Produktion oder von Chris bekam. In meiner gleichmäßig schnellen Packgeschwindigkeit warf ich weiterhin Klamotten in einen Trolli, die ich später höchstwahrscheinlich wieder rausnehmen, falten und dann schön wieder hineinlegen konnte. Ja, meine Mutter kontrollierte zumindest, ob ich alles faltenfrei hineinbekommen hatte. Das Ziel war voll verfehlt, stellte ich verschwitzt fest, als ich das Chaos sah. Okay, beruhigte ich mich und nahm langsam alles wieder heraus, du hast Zeit, du kannst wenigstens irgendetwas langsam machen. Verdammt! Ich schmiss die Sachen auf den Boden und setze mich vor meinem Laptop. Wenn nicht sofort eine Mail kam, würde ich es bis zum Flug nicht schaffen, weiterzupacken. Mach schon! Ungeduldig tippte ich mit meinen Fingerspitzen auf meine Schreibtischplatte und sah gespannt auf das unbewegte Mailfenster. Als sich nach fünf Minuten nichts tat, gab ich es auf und versuchte geduldig, meine Klamotten zu falten. Gelang mir schließlich auch ganz gut, fragt mich nicht, wieso. Zauberei vielleicht. Schließlich waren alle meine Klamotten in dem einen Trolli und der andere Kram wie Fön, Akkuladegeräte, Medikamente und Schuhe in dem anderen Trolli. Vom Gewicht her passte alles und Zeit hatte ich auch noch. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich noch genau sechs Stunden hatte, bis ich zum Flughafen aufbrechen musste. Es war 21 Uhr und um drei Uhr in der Früh musste ich los, da das Flugzeug um sechs Uhr in Richtung Dubai starten würde. Mich nervten die ganzen Anschlussflüge jetzt schon, es gab wohl noch kaum Direktflüge oder wie? Dummes Geld.
Da ich nicht vollkommen hinüber am Flughafen ankommen wollte, entschied ich mich dazu, duschen zu gehen und mich dann ein wenig schlafen zu legen. Nach der schnellen Dusche war es Zeit, meinen Laptop hinunterzufahren, als ein kleines blinkendes Zeichen mich darauf aufmerksam machte, dass ich eine neue E-Mail erhalten hatte. Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich den Bildschirm ab, bis ich die Mail gefunden hatte. Subject: Hey, it’s me! Absender: l.lerman@g-mail.com. „WAAAS?“, schrie ich meinen Laptop an und wollte ihn schütteln, um sicherzugehen, dass er auch keinen Bildschirmfehler hatte. Schließlich entschloss ich mich dann doch dazu, es zu lassen. Ich wollte ihn nicht unnötig ruinieren. „Ist was passiert?“, kam meine Mutter in mein Zimmer. Ups, anscheinend hatte ich doch lauter geschrien, also beabsichtigt. „Ehm, nein. War nur so ein Oh – mein – Gott – Schrei, nichts besonderes also.“, winkte ich meine Mutter ab. Unfassbar schüttelte sie den Kopf und ging dann wieder. Einmal vergewisserte ich mich, dass sie wirklich weg war und öffnete Logans Mail. Ich wusste nicht, ob ich froh darüber sein sollte, dass er mir scheinbar etwas geschrieben hatte oder enttäuscht, dass die Mail nicht von Chris Columbus oder so war. Letztendlich entschied ich mich für Ersteres, denn immerhin war es Logan und nicht der grüne Kobold von Spiderman. Wenn ihr versteht was ich meine. Denn der grüne Kobold hatte schließlich Spiderman getötet.
Hey Elena,
Wenn ich mich nicht täusche, ist es bei dir gerade 9pm! Hoffentlich bist du noch heil und gesund und kannst wie ich sehr bald in Neuseeland sein. Vielleicht war es auch eine dumme Idee von mir, dir noch zu schreiben, aber ich glaube, dass du noch nicht schlafen wirst. Ich wollte deine E-Mail Adresse einmal ausprobieren (ich weiß, ich bin sehr früh dran, aber ich hatte in letzter Zeit echt viel zu tun, sorry) und es wäre cool, wenn du noch vor Abflug zurückschreiben würdest. Nebenbei, wann fliegst du überhaupt?
Ich musste die Augen verdrehen, als ich den ersten Absatz von Logans E-Mail las. Da kam er doch tatsächlich mitten im Schreiben auf die Idee, dass ich vielleicht schon im Flugzeug sitzen könnte. Logan Lerman, du bist ein Ding-Dong.
Wie auch immer, vergiss nicht genug DVD’s einzupacken. Chris meinte zwar, dass er genug anschaffen würde, aber seit meinem letzten Dreh mit ihm vertraue ich ihm da nicht mehr so ganz. Denn zwischen meiner und seiner Auffassung von ‚genug‘ liegen Welten. Also wenn du an die zwanzig Stück mitnehmen könntest, hätten wir meine Auffassung von genug.
Zwanzig Stück also? Meine Augenbrauen wanderten nach oben, als ich meinen Blick in Richtung DVD – Regal richtete. Kein Problem, konnte er haben und das Koffergewicht ließ es auch noch zu. Schnell stand ich auf, suchte zwanzig DVD’s heraus und legte sie in meinem Koffer. Dann ging ich zurück zu meinem Laptop und las weiter.
Was ich sonst noch sagen wollte ist, dass ich mich auf den Dreh freue. Chris hat mir einen kleinen Ausschnitt aus dem Drehbuch zukommen lassen, nachdem ich ihn drei Wochen genervt hatte, mir doch wenigstens ein bisschen zu geben. Hat sehr gut funktioniert und ich kann dir jetzt schon sagen, dass der Film echt gut wird. Außerdem habe ich aus ihm herausquetschen könnten, dass wir erst einmal eine Woche Pause bekommen würden, damit wir das Drehbuch lesen können. Eine ganze Woche, für ein Drehbuch ist das viel, glaub mir. So, ich muss Schluss machen, meine zwei ungepackten Koffer schreien nach mir. Oder eher meine Mum, die schreit, dass ich endlich zu packen anfangen sollte. Eindeutig die nervigste Sache im Filmbusiness, packen…Wir sehen uns dann in ein paar Stunden in Neuseeland, ich freue mich darauf!
Bis dann,
Logan
Ich verschnaufte einmal, als ich mit dem lesen fertig war und rechnete nach, wie viele Flugstunden Logan vor sich hatte. Höchstens 14, von LA aus flog man nicht so lange nach Neuseeland. Ich hingegen hatte an die 24 Stunden vor mir und mir graute es jetzt schon vor den unbequemen Sitzen. Kurz legte ich meinen Kopf auf die Tastatur, hob ihn aber dann wieder, um eine Antwort einzutippen.
Hey Logan,
Anscheinend sind wir dann schon Zwei, die ein bisschen Probleme mit der Zeit haben. Ich habe auch erst heute zu packen angefangen, bin aber zum Glück noch rechtzeitig fertig geworden! Mein Flug geht in ungefähr fünfeinhalb Stunden, also habe ich noch massig Zeit. Gesund bin ich gottseidank, wäre auch blöd, wenn nicht. Ich schätze, dass du früher in Wellington ankommen wirst als ich, da ich eine sehr lange Flugstrecke vor mir habe. Hoffentlich hast du mit dem Dreh recht, klingt zwar jetzt so, als hätte ich meine Zweifel, welche überhaupt nicht da sind! Die DVD’s sind eingepackt und gut verstaut. Mal sehen, ob du auch mit dem Drehbuch recht hast, vielleicht habe ich eine andere Auffassung von echt gut als du! Scherz, natürlich wird der Film ein Hammer, schließlich haben wir eine tolle Besetzung und ein großartiges Team, was soll da noch schief gehen? Ich lege mich dann schlafen, wir sehen uns dann in Neuseeland!
Bis bald,
Elena
Ich drückte einmal auf ‚Absenden‘ und weg war die E-Mail. Dann fuhr ich meinen Laptop hinunter, verstaute ihn in meinem Handgepäck und legte mich schlafen. So müde wie ich war, fielen mir prompt die Augen zu und öffneten sich auch erst beim Klang meines Weckers wieder. Mühsam stand ich auf, ging ins Bad, duschte, zog mich an und machte mich für den Flughafen fertig. In der Küche aß ich noch eine Kleinigkeit, bis mir meine Eltern beim Verstauen meiner Trollis halfen und es Richtung Flughafen ging. Beim Check – In erwartete ich eine Überraschung, die ich nicht für möglich gehalten hatte.
„A-aber, das geht doch nicht! Ich meine, nicht, dass ich Businessclasstickets ablehnen würde, aber wie kommen die denn zu mir?“ Ich war völlig baff, als mir die Check – In Dame mir Businessclasstickets in die Hand drücken wollte. „Die Tickets waren schon so vorreserviert und zwar auf ihren Namen, also gehören sie auch Ihnen.“, lächelte sie mich an und gab mir meine heiligen Tickets. Ich entfernte mich schnell vom Check – In Schalter und begann, in der Flughafenhalle herzumzuhüpfen. „Ich fliege Business, ich fliiiiiege Busineeeeess…“ „Elena!“, zischte mich meine Mutter halbherzig an und versuchte dabei, seriös zu wirken. „Nicht hier!“ „Aber ich fliege Business, ich fliege Business…“ Da weder meine Mutter noch mein Vater etwas gegen meinen Freudentanz anrichten konnte, ließen sie es bleiben und warteten auf Erschöpfungsanzeichen, die sehr bald eintraten. Freudentänze um vier Uhr in der Früh aufführen war vielleicht nicht die beste Idee.
„Okay, ich muss dann auch schon mal los. Handgepäck durchleuchtet lassen und so.“, meinte ich schließlich, nachdem meine Eltern und ich nur stumm in der Halle gestanden und nichts gesagt hatten. Zum Abschied wurde ich noch einmal fest gedrückt und schließlich durch die Absperrung gelassen, von der es nun kein Zurück gab. Neuseeland, ich war bereit!
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