Drachenangst

Bild von Eragonfana

Ich habe es nicht gewusst... Drachen können Angst haben? Diese mächtigen, stolzen Geschöpfe? Angst. Da steht sie: Meine Verbündete, meine Freundin, mein Drache. Und Angst spiegelt sich in ihren Augen. Sie sind wie zwei tiefe Schächte, aus denen Ich nie mehr heraus finden kann. Denen ich nicht entkomme. Drachenaugen - so klug und mutig. Und nun ängstlich. Wegen der Königin? Wegen mir? Wo wir alles voneinander wissen? Mit ihm teile ich die Seele. Und sie hat einen Teil meiner Seele. Ich komme näher und recke die Hand. Ich sehe, wie sich die Flanken des Drachen schnell weiten, als würde sie erschreckt Luft holen. Es ist ein vorderasiatischer Drache. Eine Drachin.
"Ich bin`s - Leah!", sage ich leise. Der Drache gibt ein drohendes Geräusch von sich, wie jeder Drache, der sich bedroht fühlte. Sie hebt die beiden Flügel über den Kopf, um größer zu wirken. Shuja heißt sie - die Sonne. "Bitte.", wispere ich und meine Stimme wird beinahe von Tränen erstickt. Es fühlt sich an, als würde mein Brustkorb vor lauter Trauer auf Smartiegröße komprimiert. "Was... hat sie mit dir getan. Shuja!" Die Königin hat sie also geschnappt. Die Königin will eine Superrasse aus allen Drachen erschaffen und dann nur noch die Superrasse und die Vorderorentalischen zulassen. Der Rest sind Deckhengste und werden getötet. Die Königin. All meine Wut und mein Hass konzentrieren sich auf diese Frau, auf dieses Ungeheuer. Wie kann jemand so böse sein. So schrecklich. So grausam. "Sie wird dich nicht umbringen.", flüstere ich der Drachin zu, die keine Raktion zeigt, außer mich ungerührt weiter anzuknurren. Eine Erinnnerung blitzt in meinem Geist auf. Bilder, in rascher Reihenfolge, fliegen durch mein Bewusstsein. Ein Drachenbaby - Welpen, wie sie die Drachen nannten - breitet beide Flügel über dem Kopf auf. Ganz allein im Wald, von der Mutter verstoßen. Es fiepst jämmerlich, trägt aber eine geradezu lächerliche Drohhaltung zur Schau. Ich hebe es auf und streichle im beruhigend über den Kopf. Ich merke nach einiger Zeit, dass ein Teil der Seele des Drachen in mir ruht - und umgekehrt. Ich - eine nun ehemalige Drachenjägerin - bin also ein Tarshem geworden. Jemand, der mit einem Drachen verbunden ist. Und nun hat die Bosheit der Königin diese Drachin verdorben. Mit der ich gekämpft habe... Die ich beschützt habe... Ich sinke auf den Boden und schluchze. All meine Wut verpufft. Da ist nur Platz für Trauer. Shuja regt sich nicht. Sie blickt mich nur an.

Da war diese Frau. Die ihr die Ketten gegeben hat. Ein Mensch. Warum sollte sie nun diesem vertrauen? Vielleicht tut er ihr ja auch wieder weh. Shuja erinnert sich an einen heißen Schmerz erinnert, der wie Gift durch ihren Körper strömt. Feuer ist unnütz. Unbrauchbar, völlig überflüssig. Alle Versuche sich zur Wehr zu setzen werden kaum wahr genommen. Die Königin. So nennen sie die anderen Menschen. Die Königin. Shuja hasst sie und fürchtet sie, bekommt Panik, Todesängste in ihrer Nähe. Wenn sie die Augen schließt kann sie wieder und wieder die Peitschenhiebe spüren. Kann wieder und wieder spüren, dass sie das metallerne Ende immer mehr in ihre Flügel brennt. Shuja möchte schreien, möchte kämpfen. Doch dann will sie einfach nur sterben. Sterben und diese grausame Welt zurück lassen. Doch da ist auch eine Bewegung; Jemand streicht ihr über den Kopf und murmelt Unverständliches, aber Beruhigendes. Es ist ihre Seelenverwandte. Sie ist nicht tot. Sie kniet vor ihr und weint.

Die Drachin gibt ihre Drohhaltung zögernd auf und reckt langsam, aber neugierig den Kopf vor. Sie erinnert sich. Das spürt der Teil meiner Seele von ihr. Sie streicht mir mit ihrem Flügel vorsichtig über den Kopf. Wie Ich bei ihr. Ich hebe überrascht den Kopf. Shuja ist immer noch vorsichtig, macht aber Anstalten, sich aus den Ketten zu befreien, die ihr die Königin auferlegt hat. Sei zerrt und windet sich und knurrt sie gelegentlich an. Ich nähere mich zögernd und blicke sie fragend an. Sie knurrt zustimmend. Wir würden aus dem Palast fliehen und mit den wenigen, freien Drachen gegen die Herrschaft der Königin kämpfen. Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung.