Das Elixier

Bild von kayley

In meinem bescheidenen kleinen Häuschen lebte ich seit Jahren alleine. Viele Menschen fragten sich, weshalb ich mir keinen Mann suchte, keine Familie gründete, doch ich war ganz zufrieden mit meinem bisherigen Leben. Konnte denn eine Frau nicht auch glücklich sein, wenn sie alleine lebte?! Ich war auf jeden Fall davon überzeugt. So konnte ich ungestört meinen Beschäftigungen nachgehen und musste mich nie rechtfertigen, konnte mich frei bewegen und musste nicht auf andere Rücksicht nehmen.
So war ich gerade wieder einmal auf meinen Streifzügen durch den Wald. Ich mochte die frische Luft und den Wind, der in meinen Haaren spielte. Der Wind war mein Begleiter und engster Freund. Er erzählte mir, was in der Welt so alles geschah und ich konnte ihm all meine Gedanken anvertrauen.
Ich war unterwegs, um Kräuter, Wurzeln und Beeren zu sammeln. Eines meiner Lieblingsbeschäftigungen, da ich dabei von keiner Menschenseele gestört wurde. Es war mir egal, was die Bewohner in meinem kleinen Dorf von mir dachten. Hauptsache sie liessen mich in Ruhe. Die Kinder gaben mir dauernd neue Übernamen. Mal war ich die Waldhexe, mal ein Dämon, dann wieder eine Elfe oder ein Geist. Sie konnten sich nicht so ganz entscheiden, für was sie mich halten sollten. Natürlich sprachen sie diese Namen nie direkt an mich gewandt aus, doch sie unterschätzten mein Gehör massiv.
Als ich zu meinen Lieblingssträuchern voll Himbeeren und Heidelbeeren kam, platzierte ich meinen Korb auf dem weichen Moos und begann die Beeren zu pflücken. Dabei begann ich leise vor mich hin zu summen. Hie und da zwitscherte ein Vogel und schien mit mir mitzusingen, was mir ein Lächeln entlockte.
In solchen Momenten, da ich mich frei und unbekümmert fühlte, verging die Zeit wie im Flug. Es begann schon zu dämmern, als ich meinen Korb bis an den oberen Rand gefüllt hatte. Zufrieden begab ich mich auf den Rückweg, als ich plötzlich das Weinen eines Kindes wahrnahm. Es musste ein ziemliches Stück entfernt von mir sein, da meine Ohren über weite Wege die Geräusche aufnehmen konnten. Zuerst dachte ich mir nichts dabei. Ein Kind wird wohl nicht alleine im Wald sein, schon gar nicht um diese Tageszeit. Als ich aber ein gutes Stück weiter gegangen war und das Kind noch immer nicht aufgehört hatte blieb ich doch stehen. Ich konnte keine andere Stimme vernehmen, die das Kind tröstete. Deshalb beschloss ich, mich doch auf die Suche nach diesem Kind zu begeben. Vielleicht hatte es sich ja verlaufen und seine Eltern konnten es nicht hören, da ihr Gehörsinn so eingeschränkt war. Obwohl ich nicht gerne Menschen um mich herum hatte, brachte ich es doch nicht übers Herz ein Kind einfach weinen zu lassen. Ich war ja schliesslich kein Unmensch.
Schon bald hatte ich das kleine Mädchen, welches sich alleine und verängstigt an einen Baum gedrückt hatte, gefunden.
„Was machst denn du zu dieser Tageszeit alleine im Wald? Hast du dich verlaufen?“, fragte ich es, wobei ich langsam näher kam. Ich wollte das Kind ja nicht erschrecken.
Mit grossen ängstlichen Augen schaute es mich an. Anscheinend wusste es, wer ich war. Die blühende Fantasie der Kinder liess die Gerüchte, die über mich erzählt wurden, bestimmt sehr lebhaft wirken.
Ich seufzte, während ich ihm erklärte, dass ich keine bösen Absichten hätte.
„Na, wo wohnst du denn? Ich bringe dich wieder zurück ins Dorf.“
Noch immer verunsichert, doch dankbar für die Hilfe, schaute es mich an und bejahte meine zweite Frage. Gemeinsam gingen wir zurück ins Dorf. Mit einem kleinen Abstand folgte mir das Mädchen zunächst wortlos. Irgendwann schien es dann doch etwas aufzutauen und fragte mich, wie ich sie gefunden hätte.
„Ich habe dich weinen gehört. Und da zu dieser Tageszeit keine Kinder mehr im Wald sein sollten, bin ich deinem Weinen bis zu dir gefolgt.“
„Warum hilfst du mir? Im Dorf wird immer erzählt, dass du böse bist.“
Ăśber diese Bemerkung musste ich schmunzeln. Kinder fassten wirklich schnell vertrauen.
„Weisst du, man sollte nicht immer alles glauben, was andere Leute erzählen. Vor allem was Vorurteile gegenüber anderen Menschen angeht.“
„Aber du bist selten im Dorf zu sehen und du lebst alleine und abgelegen…“, versuchte das Kind die Meinung über mich zu erklären.
„Und diese Merkmale reichen aus, damit eine Person böse ist?“, wollte ich nun von ihm wissen.
Kleinlaut antwortete das Mädchen: „Nein, natürlich nicht.“
„Na, siehst du? Die Gerüchte müssen überhaupt nicht stimmen.“
Mit diesen Worten trat ich aus dem Wald und das Dorf kam in Sicht. Die ersten Lichter waren bereits angezĂĽndet und liessen den Weg erkennen, der nun noch vor uns lag.
Ich beschloss, das Kind noch bis zur Haustüre zu begleiten und dann in mein eigenes Haus zurück zukehren. Als ich mich von dem Kind verabschiedete, bevor es die Türe öffnete, fragte es mich noch schüchtern: „Darf ich dich mal besuchen kommen?“
Ăśber diese Frage war ich sehr erstaunt. Erst hatte es noch Angst vor mir und nun wollte es mich besuchen kommen?! Kinder waren wirklich anders gestrickt, als Erwachsene.
„Vielleicht solltest du besser deine Eltern zuerst fragen“, gab ich ihm zur Antwort und verabschiedete mich. Ich hörte, wie die Tür geöffnet wurde, wie die Mutter froh über die Wiederkehr ihres Kindes und wie bestürzt sie über meine Begleitung war. Natürlich war ich bereits ausser Sichtweite, doch wie bereits gesagt; meine Ohren nehmen Dinge auf, die die Menschen sich nicht vorstellen konnten.
Zu Hause bereitete ich mir ein Abendessen aus einer Wurzelsuppe mit frischen Kräutern zu und verarbeitete die Beeren zu Marmelade.

Einige Tage später, als ich in meinem kleinen Gemüsegarten arbeitete, hörte ich plötzlich Schritte. Verwundert drehte ich mich um. Normalerweise getraute sich niemand zu mir herauf. Als ich den Hügel hinunter schaute, erkannte ich das kleine Mädchen wieder. Es ging noch einige Zeit, bis es dann tatsächlich bei mir ankam.
Schüchtern, doch nicht ängstlich, begrüsste es mich. Als ich sie in den Garten bat, schenkte sie mir sogar ein Lächeln, welches sogar mir ein Lächeln entlockte. Während ich noch weiter im Garten arbeitete, stellte sie mir zuerst noch vorsichtig, dann immer selbstsicherer Fragen zu den verschiedenen Pflanzen und Gemüsen. Bereitwillig erklärte ich ihr alles. So gewann sie immer mehr Zutrauen zu mir.

Sie kam immer mal wieder bei mir zu Besuch, und ich musste eingestehen, ihre lebensfrohe, offene und neugierige Art freute mich. Noch nie war ein Mensch so freundlich zu mir. Vielleicht hatte es mir insgeheim doch etwas ausgemacht, dass die anderen Bewohner immer so abweisend zu mir waren und aus reinem Schutz, hatte ich mich immer mehr von ihnen abgewandt, ja sogar meinen eigenen Garten angelegt, damit ich nicht von den anderen abhängig war.

Die Eltern des Mädchens waren nicht wirklich einverstanden, dass sie mich besuchen kam, doch da sie feststellten, dass ich sie immer unbeschadet und glücklich nach Hause brachte, liessen sie sie gewähren.

Einmal im Winter wurde das Mädchen schwer krank. Sie hatte Fieber, ass praktisch nichts mehr und wurde zunehmend schwächer. Die Eltern wussten keinen Rat mehr. Jeder Arzt, den sie zu sich gerufen hatten, konnte dem Kind nicht helfen. Natürlich traute sich niemand zu mir, obwohl die meisten vermuteten, dass ich gewisse Mittel gegen Krankheiten herstellen konnte. Über Gerüchte bekam ich schliesslich das Leid des Mädchens mit und beschloss, ihm zu helfen. Ich stellte verschiedene Elixiere her, doch es wollte mir nicht wirklich gelingen. Als das Kind so schwach wurde, dass man jede Minute mit seinem Tod rechnen musste, beschloss ich die allerletzte Möglichkeit wahrzunehmen, auch wenn ich wusste, dass es dann für mich kein Zurück mehr geben wird. Dieses Elixier braute ich so zusammen, dass nur noch die letzte Zutat hinzugefügt werden musste. Dann stellte ich alles in den Garten und schrieb noch einen kleinen Brief und klebte ihn an das Fläschchen. Dann packte ich meine wichtigsten Dinge zusammen und machte mich auf den Weg. Damit ich nichts ungewollt zerstören konnte, durchquerte ich den Wald und suchte mir ein genügend grosses Feld, auf dem ich unbeobachtet war. Seit meiner Kindheit hatte ich die Wandlung nie wieder durchgemacht.
Ich konzentrierte meine Gedanken auf meine Seele. Denn die Seele war das einzige, was in beiden Gestalten das gleiche bleibt. Ich musste meinen menschlichen Körper loslassen und mich ganz auf meine natürliche Gestalt konzentrieren. Nach einigen Anläufen spürte ich die innerlichen und äusserlichen Veränderungen. Mein Körper wuchs und wurde muskulöser. Die Geräusche und Gerüche wurden noch lauter und intensiver und als ich schliesslich meine Augen öffnete, musste ich mich auch zuerst an die extreme Sehschärfte gewöhnen. Jeder Grashalm in meiner Nähe stach klar von den anderen hervor, die Blätter in den Bäumen konnte ich bis in den Gipfel hinauf klar erkennen und ich konnte Kilometerweit die Landschaft nach Lebewesen absuchen.
Ich richtete mich auf, spannte meine Flügel und fühlte den Wind in meinen Schwingen. Ein Glücksgefühl breitete sich in mir aus und ich fühlte mich frei. Bevor ich vollends aus dieser Landschaft verschwinden würde, flog ich zu meinem nun viel zu kleinen Häuschen und zupfte mir eine meiner bläulich schimmernden Schuppen ab, liess sie sacht in die zubereitete Flüssigkeit fallen und verschloss das Fläschchen. Mit dem kleinen Brief dran lieferte ich die Medizin vor der Haustür des Mädchens ab.
Durch das Fenster erhaschte ich noch einen letzten Blick auf das schwache Mädchen, dann flog ich davon.

Ein paar wenige Tage später, trug der Wind mir die freudige Botschaft herbei, dem Mädchen würde es wieder gut gehen. Zufrieden über meine gelungene Tat, zog ich mich in die Berge zurück. Denn ein Drachen kam als solchen auf die Welt und konnte sich nur einmal in seinem Leben in einen Mensch verwandeln. Gab er diese Gestalt auf, konnte er nicht mehr zurück. Doch es hatte sich gelohnt, sich wieder in ein Himmelsgeschöpf zu verwandel. Denn nur so konnte ich dem Mädchen, meiner einzigen menschlichen Freundin, das Leben retten.