Lilostokus, der Glücksdrache

„Mortimer, sind das etwa Tränen, die in die Kürbiscremesuppe fallen? Du weinst das gute Essen voll.“
„Ich bin traurig, Großvater.“
„Dein Geheul verdirbt mir den Appetit. Nun esse endlich weiter.“
„Mami ist seit dreizehn Tagen tot, Großvater. Ich habe die Tage nachgezählt.“
„Freut mich für dich, dass du mit deinen fünf Jahren zählen kannst, aber verdammt, nun sei still! Deine Mutter ist selbst schuld. Unachtsamkeit hat ihr den Tod eingebracht.“
„Nicht wahr! Das Auto ist zu schnell gefahren!“, beeilte sich Mo zu sagen und riss die babyblauen Augen auf, die verdächtigt feucht zu glänzen begannen. Seine zarten Oberschenkel klebten an dem ledernen Stuhl auf dem er saß und seine Schultern sackten in sich zusammen.
Die bauschigen Augenbrauen von Mos Großvater Walther wanderten gen Stirn. Sowohl seine fahle Haut als auch die altersbedingte Glatze nahmen die Farbe einer explodierenden Rakete an. Er ließ den goldenen Löffel, auf dem bereits die Suppe lag, in seinen Teller zurückfallen. Walther erhob sich, wodurch der Stuhl aufgrund seiner gewaltigen Fülle knarrte. Mit großen Schritten kam er auf Mo zu, bäumte sich vor dem Jungen auf.
„Du wagst es mir zu widersprechen, Bürschen?“ Die gekringelten Enden von Walthers Schnurrbart wackelten bei dem Aufschrei.
„Großvater, aber es ist doch wahr."
"Zweifelst du an meinen Aussagen, Mortimer? Hälts dich wohl für klüger, was?"
Mit einem Mal packte Walther Mo an den blonden Haaren und riss ihn vom Stuhl hoch. Mo quietschte auf und schlug mit seinen kleinen Fäusten gegen die stark behaarten Arme seines Großvaters, als ihn dieser bis hin zu seinem Zimmer zog.
„Lass los! Das tut mir weh!“
Walthers Geruch von Whiskey und Schweiß umhüllte den Jungen wie eine gefährliche Wolke. Im Zimmer angekommen ließ sein Großvater ihn los. Flink entfernte sich Mo und durchquerte den lichtkargen Raum, welcher in einem Braunton gestrichen war.
„Das Abendessen ist gestrichen, Mortimer! Für deine Wiederworte. Du bist ein verzogener Bengel, genau wie es deine Mutter als Kind war! Und siehe, was aus ihr geworden ist! Eine Kellnerin, die in einem Drecksloch gewohnt hat! Dich werde ich vernünftig erziehen, das glaub mal wohl!“
Walther spuckte die Worte aus und knallte die gewaltige Holztür hinter sich zu. Mos Gesicht war tränenüberflutet. Still schluchzte er vor sich hin und starrte Löcher in den Raum, bis ihn Müdigkeit übermannte. Er zog seine dunkelblaue Latzhose aus und packte sie sorgfältig zusammengelegt auf den mit Samt bezogenen Stuhl – andernfalls hätte es Ärger von seinem Großvater gegeben. Mit Mühe schaffte er es, die schweren, violetten Vorhänge zuzuziehen, um das Licht des Vollmondes abzuschirmen.
Kälte umhüllte den Raum und ließ Mo frösteln. Er kuschelte sich in seine Bettdecke ein und rieb die nackten Füße gegeneinander.
Erneut übermannte ihn eine Welle der Trauer.
Der Sommer kam. Seine Mutter hatte den Sommer geliebt.
Schnell bemühte er sich, an etwas anderes zu denken. An etwas Fröhliches.
Das Leben ist schön, hatte seine Mama immer gesagt und ihn dabei auf die Stirn geküsst. Ihre blonden Locken hatten ihn dabei in sein Gesicht gekitzelt.
Mo schloss seine Augenlider und faltete die Hände zusammen.
„Liebe Mama“, flüsterte er, „gebe mir doch bitte ein Zeichen, ob es dir im Himmel gut geht. Ich vermisse dich. Keiner liest mir Gutenachtgeschichten vor. Großvater mag mich nicht und ich weiß nicht, wieso. Ich habe dich lieb. Schlaf schön.“
Dann fiel Mo in das Reich der Träume.
Ein energisches Klopfen riss Mo aus dem Schlaf. Als er gähnend seine schweren Augenlider aufschlug, war er verwirrt.
Woher kam das Klopfen? Es war doch mitten in der Nacht. Sein Großvater schlief unlängst. Rasch sprang Mo aus dem Bett und rieb sich mit den Fäusten über die trockenen Augenlider. Er schlang die Ärmchen um seinen Körper, welcher mit einem dünnen Pyjama bedeckt war.
Erneut vernahm er ein Klopfen. Es kam von draußen.
Irritiert näherte Mo sich langsamen Schrittes dem Fenster zu. Der Schlaf steckte in seinen Knochen. Er brachte alle seine Kräfte auf, um den schweren und hohen Vorhang beiseite zu schieben.
Mo riss die Augen auf, seine Kinnlade fiel herunter. Ein ihm unbekanntes Wesen flog vor seinem Fenster und winkte.
„Mach auf!“, nahm Mo von dem Tier gedämpft wahr. Doch er blieb wie angewurzelt stehen.
Da war ein fliegendes Wesen, nicht größer als ein Schaf, in der Form einer dicken Schlange, mit den Flügeln einer Fledermaus. Die Oberfläche des Tieres war übersät mit roten Schuppen, die durch das Licht des Mondes zum Glänzen gebracht wurden. Die blaufarbenden Flügel wirkten zerbrechlich, obwohl sie doppelt so groß wie der Körper des Wesens waren. Die Augen schienen in einem strahlenden grün, die große Schnauze war zu einem Lächeln gebogen.
Mo schnappte nach Luft. Es war unmöglich. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er darauf getippt, einen Drachen vor sich zu haben. Einen sprechenden Drachen.
Das Wesen schnaubte auf. Durch die apfelsinengroßen Nasenlöcher quoll Dampf heraus.
„Komm schon, mach auf! Ich tue nichts.“ Das Tier zeigte all seine spitzen Zähne, als er Mo aufmunternd angrinste.
„Wer bist du?“ Furcht lähmte jede einzelne Zelle seines Körpers.
„Mein Lieber, wir wollen uns doch nicht durch eine Fensterscheibe hindurch vorstellen, gell?“ Das Wesen schleckte sich in einer kreisförmigen Bewegung mit der Zunge über die Schnauze. „Und meine Flügel schmerzen, denn es war ein langer Weg.“
Mo kletterte widerwillig auf die Fensterbank und öffnete das Fenster.
„Na endlich!“ Das Wesen flog herein. „Du schläfst wie ein Bär, kleiner Mann. Ich habe eine gefühlte Ewigkeit geklopft!“
Das Tier streckte seine Flügel aus und wackelte beim Gähnen mit den spitzen Ohren. Dann richtete er seine leuchtend grünen Augen auf Mo, der sich auf dem Bett zusammengekauert hatte.
Das Wesen lächelte und sprach leise. „Du brauchst keine Angst haben, kleiner Mann. Ich bin hierher geschickt worden, um dir Glück zu bringen. Du bist zurzeit traurig, nicht wahr?“
Mo biss auf seine Unterlippe und nickte langsam. Das Tier trat einen Schritt näher auf ihn zu und lächelte aufmunternd.
„Ich komme aus Fortuna Loco.“
„Aus was?“
„Der Stadt des Todes. Dort, wo nun deine Mama weilt.“
„Ich dachte, sie sei im Himmel.“
„Der Glaube besagt, dass man nach dem Ableben in den Himmel oder in die Hölle kommt. Doch alle Menschen leben nach ihrem Tod in Fortuna Loco, gemeinsam mit Drachen und allerlei anderen Geschöpfen. Zum Beispiel mit Feen, diesen eitlen Wesen! Es ist unmöglich, einen Schluck aus dem See zu nehmen, ohne dass man eine von denen verschluckt, weil sie sich den ganzen Tag lang im Wasser spiegeln müssen! “ Dampf kam aus den apfelsinengroßen Nasenlöchern des Tieres, als er empört schnaubte.
„Wie geht es ihr dort?“ Mos Schultern entspannten sich allmählich, er riss seine babyblauen Augen auf. Beim Lauschen des fremden Wesens vergaß er beinahe seine Furcht vor diesem.
„Sie liebt das goldenschimmernde Meer in Fortuna Loco, und sieht in jedem Wesen das Gute. Selbst in diesen dusseligen Feen. Ihr Humor bereitet uns allen eine Freude. Doch sie vermisst dich ganz schrecklich, Kleiner. Sie sagt, du seist das Beste, was ihr im Leben passiert war."
„Ja, das klingt ganz nach meiner Mama", flüsterte Mo.
„Und ich, kleiner Mann, bin nun da, um dir wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern!“ Mit einem Hops sprang das Wesen aufs Bett neben Mo und grinste von einer Backe zur anderen. Plötzlich reichte er ihm seine Tatze.
„Darf ich mich vorstellen? Lilostokus Fontane, der Drache des Glücks.“
Zögernd griff Mo nach der rauen Tatze.
„Ich bin Mo.“
„Das weiß ich doch“, grinste Lilostokus.
„Dein Name ist ja schwierig. Darf ich dich Lilo nennen?“
„Alles was dich glücklich macht, mein Kleiner!“
Mos Pausbäckchen waren rosig angehaucht. Es war zu aufregend! Ein Drache, der Kontakt zu seiner Mama hatte!
„Tat es ihr weh?“, rutschte es Mo heraus.
„Was denn?“
„Sterben. Ich habe oft daran gedacht, ob sie dabei Schmerzen hatte“, flüsterte Mo und senkte den Blick zu seinen Füßen.
„Nein, keine Sorge, Mo. Das einzige, was ihr beim Sterben wehtat, war der Gedanke, dich nie wiederzusehen. Sie hat dich unendlich lieb.“ Lilos Worte erwärmten zum einen Mos Herz und doch durchzuckte ein bittersüßer Schmerz seinen Körper, der ihn erneut zum Weinen brachte.
Lilo zog Mo zu sich und ließ ihn an seiner rauen Brust ausweinen.
„Wie lange bleibst du?“ Brachte Mo zwischen zwei Schluchzern hervor.
„Ich fliege gleich wieder.“ Mo blickte auf und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.
„Kann ich mitkommen? Nach Fortuna Loco?“
„Nein, Mo Kleiner. Aber…“
„Nimm mich mit. Bitte, Lilo! Großvater mag mich nicht. Ich vermisse Mami. Ihren Geruch und ihre Umarmungen. Sie hat mir immer eine Geschichte über ein Mädchen vorgelesen, welches in der Toskana lebte. Sie hat versprochen, dass wir da eines Tages hinfahren. Da soll es sehr schön sein. Großvater will da bestimmt nicht hin.“
„Dein Großvater ist ein Esel, Kleiner. Ein grimmiger Zwerg mit Glatze. Aber jetzt hast du ja mich. Jawohl!“
Plötzlich riss er Mo hoch und packte ihn auf seinen Rücken. Der Junge quickte vergnügt und schlang die Ärmchen um Lilos Hals.
„Bück dich lieber, Mo!“
Mit Anlauf lief der Drachen auf die verschlossene Fensterseite zu. Tausend Splitter flogen. Lilo jauchzte.
„Das war ein Abschiedsgeschenk für deinen Großvater.“
„Wir gehen von hier weg?“
„Na sicher, kleiner Mann! Ich bin ein Glücksdrache, weißte noch?“ Mo klatschte und lachte, zum ersten Mal seit Wochen. Seine Füße schwebten Meilen über dem Erdboden. Kalter Wind blies ihm durch die blonden Haare. Strahlend blickte er zum Horizont, den die Sonne gerade küsste.
„Wo geht’s denn hin?“
„Magst du Überraschungen?“, lachte Lilo. Mo nickte eifrig, bis ihm einfiel, dass Lilo das nicht sehen konnte.
„Ja!“
„Dann lass dich überraschen, mein kleiner Mo!“, sagte der Drachen und sang in schräger Tonlage gutgelaunt vor sich hin.
„Buongiorno Italia, buongiorno Maria, con gli occhi pieni di maliconia…”
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