Sturm der Magie – Kapitel 7.7

Als Mike das nächste Mal glaubte, wach zu sein, war der gewohnte Nebel wieder da. Einem inneren Druck nachgebend, tastete er sich mit stumpfen Sinnen durch die kleine Welt, die ihn umgab. Als er mit dem Kopf an etwas Hartem anstieß, kam er annähernd zu Bewusstsein. Er konnte immer noch nicht besonders klar denken, war aber zu einfachen Schlussfolgerungen und Erinnerungen fähig: Dort war die Rinne, ja, dort war Wasser, nur nicht jetzt, und nicht zum Trinken, nein, nicht zum Trinken, aber zur Erleichterung, ja, das war der richtige Ort dafür.
Langsam schwankte Mike zu der entsprechenden Wand und verrichtete seine Notdurft. Dann wandte er sich der Zellentür zu. Genau, eine Zelle war dies, er war hier eingesperrt. Aber das war nebensächlich, viel wichtiger erschien ihm zunächst das große tönerne Gefäß neben seiner Liegestatt, denn es war mit sauberem Wasser gefüllt.
Hastig trank er einen großen Teil davon. Es half, die losen Gedanken, die ihn umschwirrten wie Fliegen, ein wenig länger festzuhalten. Er versuchte sich zu konzentrieren – aber worauf? Ihn beschlich der Verdacht, dass er nachdenken musste, was es zu tun galt, doch zunächst musste er ein Ziel ausmachen. Wohin sollten ihn seine Überlegungen führen? Ach ja, natürlich, weg von hier, nur hinaus und fort. Irgendwohin, wo er wieder zu Verstand kommen konnte. Wie aber sollte er das bewerkstelligen?
Um ihn herum war massives Mauerwerk. Die Zellentür sah ebenfalls äußerst stabil aus, und nun bemerkte er auch die Kette, die seinen linken Knöchel mit der Wand neben der Pritsche verband und ihm gerade genug Auslauf ließ, um die meisten Winkel der Zelle zu erreichen, ihn aber von der Tür fernhielt.
Was konnte er also tun? Er ahnte, dass er über Möglichkeiten verfügte, zu fliehen, aber sie entzogen sich seinem geistigen Zugriff. Also beschloss er, sich zunächst auf Nichts zu konzentrieren, seinen Geist zu reinigen und zu stärken. Er hatte das einmal gelernt, das wusste er. Es gab sogar ein Wort dafür. Doch schon überkam ihn eine große Müdigkeit angesichts dieser anstrengenden Überlegungen. Er schleppte sich auf die Liege und schaffte es gerade noch, das eben gefasste Ziel in seiner Erinnerung zu verankern, bevor er einschlief.
Das nächste Halberwachen begann im Dunkeln. Wie immer stellte sich Mike zuerst die Frage, ob seine Augen offen waren oder nicht. Doch schnell wurde er davon abgelenkt, denn früher als sonst begannen die Stimmen zu flüstern. Es waren zwei, und sie schienen sich miteinander zu unterhalten anstatt wie sonst irgendwelche unsinnigen Worte an ihn zu richten. Er ließ sich von dem stetigen Wortregen berieseln und achtete nicht besonders auf den Inhalt des Gesprächs. Ab und zu drangen einige Fetzen davon zu ihm vor, ohne dass er allzu viel damit anfangen konnte.
„…Er hätte sich doch denken können, wer die eigentliche Schuld an der Sache trägt. Sich so einfach von einer kleinen Räuberbande zersprengen zu lassen, das lässt auf ziemlich verantwortungslose Reiseplanung schließen.“
„Wenn du mich fragst, gibt es keinen einzigen Südler mit annähernd anständigen Moralvorstellungen. Sie hintergehen sich ständig gegenseitig. Der arme Teufel – das Mädchen einfach seinem Schicksal zu überlassen…“
So ging es noch lange weiter, bis der arme Teufel schließlich wieder einschlief.
Später wiederholte sich diese Szene mehrfach; immer wieder belauschte Mike ein Gespräch, in dem es sich um Dinge zu drehen schien, die irgendwie mit ihm zu tun hatten. Aber er bekam es nicht zu fassen. Dennoch fanden einige Stücke des Gesagten einen Weg in Mikes Unterbewusstsein und klammerten sich dort fest, um später ihren üblen Zweck zu erfüllen.
Irgendwann geschah es wieder, dass Mikes Geist sich aus der ständigen Talfahrt der letzten Zeit erhob und nicht nur wach, sondern auch zu einigermaßen zusammenhängenden Überlegungen im Stande war. Wieder bahnten sich seine Gedanken ihren Weg bis zu der Erkenntnis, dass er etwas gegen seine Gefangenschaft unternehmen musste. Nur war er diesmal noch frisch genug, um seinen Vorsatz, zu meditieren – sogar an das Wort erinnerte er sich wieder –, in die Tat umzusetzen.
Auf dem Rücken liegend, entspannte er Körper und Geist, nutze das Muster der Fugen in der Decke, um sich von den Sinneseindrücken der unmittelbaren Umgebung zu lösen, und glitt in einen Zustand der Ruhe, der dem Schlaf nur ähnelte und mehr Erholung bringen würde.
Schon bald stellte sich ein erster Erfolg ein. Im Gegensatz zu allen bisherigen kurzen Phasen, in denen Mike annähernd bei Bewusstsein gewesen war, konnte er sich nun für lange Zeit wach halten. Zudem war er zu einer Bestandsaufnahme seiner körperlichen und geistigen Funktionen in der Lage. Die Schlussfolgerung, zu der er schließlich gelangte, war ebenso erschreckend wie hilfreich: Er stand unter Drogen. Daher seine ständige Umnebelung, Schwäche und Müdigkeit. Schon spürte er wieder, wie die Anstrengung der Meditation und des Nachdenkens ihren Tribut forderte. Als er sich dem Schlaf hingab, war er zuversichtlich, beim nächsten Erwachen gezielte Maßnahmen ergreifen zu können.
Zu seinem Glück kehrten die Stimmen vorerst nicht zurück. Als Mike wieder zu sich kam, fiel es ihm zunächst schwer, sich überhaupt an irgendetwas von Bedeutung zu erinnern, doch dann fand er schnell zurück zur Meditation. Diesmal blieb er noch länger wach, und er trank, wie geplant, nur wenig von dem Wasser, nippte vorsichtig die oberste Schicht ab in der Hoffnung, dass sich ein Großteil der Droge ein wenig abgesetzt hatte. In der Folge wurden seine Anstrengungen durch kürzere Schlafphasen und einen immer klareren Verstand belohnt. Bald würde er sich mit einer Sache befassen können, an die er sich inzwischen ebenfalls wieder erinnert hatte und die ihm zur Flucht verhelfen würde: Magie.
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Erste Veröffentlichung dieses Textes: 04.06.2012
Überarbeitung hochgeladen am 18.01.2013
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