Sturm der Magie – Kapitel 7.4

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Sila streckte dem Mann beschwichtigend ihre leeren Hände entgegen und sagte:
„Wir wollen ihnen nichts tun. Wir wollen nur…“
Weiter kam sie nicht. Ruckartig hob der Gefangene wieder den Kopf, sein Gesicht wild verzerrt, und mit einem unterdrückten Stöhnen schleuderte er Sila und Tim von sich. Sila fühlte den magischen Stoß einen Lidschlag, bevor er sie traf, und setzte ihre ganze Kraft ein, um seine Wirkung um sie und ihren Begleiter herum zu unterdrücken. Doch ganz konnte sie diese nicht neutralisieren, so dass genug Wucht übrig blieb, um Sila und Tim an die Wand hinter ihnen zu schmettern.
Dennoch hatten Silas Bemühungen ihnen wohl das Leben gerettet. Beide waren sie zu überrascht gewesen, um aufzuschreien, so glitten sie nun lediglich benommen zu Boden. Sila fasste sich rasch und zerrte Tim stolpernd aus der Zelle, während der wildgewordene Magier mit leisem Brabbeln in sich zusammensank und auf seine Liege zurück kippte.
Kaum aus der Zelle heraus, schloss Sila die Tür und gönnte sich und Tim erst einmal eine Verschnaufpause. Der Junge schien wie sie selbst unversehrt zu sein – bis auf ein paar Schrammen und eine Beule –, stand aber anscheinend unter Schock.
„Tim!“, rief sie flüsternd, immer in Angst, dass sie den schlafenden Wächter wecken oder sonst jemanden anlocken könnte. Sie fasste Tims Gesicht mit den Händen, schaute in seine geweiteten Augen und rüttelte ein wenig an ihm, um seinen starren Blick abzuschütteln.
„Tim! Komm zu dir!“
Langsam regte er sich, schaute Sila dann direkt an und stammelte:
„Wa… was war denn da los?“
Erleichtert ließ Sila von ihm ab und entspannte sich ein wenig.
„Wofür hältst du es denn?“, fragte sie zurück.
Ein kurzer Moment der Stille. Dann ließ er leise das Wort „Hexerei“ vernehmen.
„Mein Bruder…“, fuhr er fort, „bei ihm hat man auch manchmal davon gesprochen. Aber ich habe das nie glauben wollen.“
„Nun, die Möglichkeit solltest du in Betracht ziehen“, ernüchterte Sila ihn und versuchte, dabei so mitfühlend wie möglich zu klingen. Diese Sache war für den armen Jungen sicher nicht leicht zu verarbeiten. Doch so niedergeschlagen er im einen Moment noch gewesen war, so plötzlich raffte er sich auf, zeigte eine entschlossene Miene und schritt mit den Worten „Dann sollte ich mehr darüber herausfinden“ zur Zelle gegenüber.
Sila brauchte einen Moment, um seinen unerwarteten Stimmungswechsel zu verdauen. Dann zuckte sie die Schultern und folgte ihm. In der nächsten Zelle wartete diesmal kein Namenloser auf sie. Laut der Gefangenenliste würde sie ihn mit „Mike“ ansprechen können. Seine Familie [Geliebte] wollte Sila aber nicht zur Sprache bringen, bevor sie sich sicher war, dass er sich einigermaßen unter Kontrolle hatte.
Auch diesmal fanden sie einen Mann auf der Liege schlafend vor. Oder eher einen Jüngling, entschied Sila nach einem zweiten Blick. Er mochte Anfang zwanzig sein, vielleicht sogar noch jünger, wenn man bedachte, dass ein Kerkeraufenthalt die meisten Menschen binnen Kurzem deutlich älter wirken ließ. Andererseits schien der Gefangene vor ihr in deutlich besserer Verfassung zu sein als der in der vorigen Zelle. Sein dichtes, fast schwarzes Haupthaar hatte wohl noch nicht viel Zeit gehabt, um in die Länge zu wachsen – dem kurzen Bart nach zu urteilen kaum mehr als ein paar Tage. Blessuren waren auch nur wenige zu erkennen, und in dieser Zelle roch es bei weitem nicht so übel wie in der letzten.
Sila hieß Tim in der Tür warten und trat mit gemischten Gefühlen an diesen zweiten Magier heran. Wenn sie mehr über die seltsamen Vorgänge in der Festung und insbesondere hier in den Verliesen erfahren wollte, musste sie einen weiteren Versuch wagen. Sie sammelte sich und bereitete schon eine magische Abwehr vor, um hoffentlich das Schlimmste verhindern zu können. Dann schubste sie den Schlafenden an. Keine Reaktion. Wie schon zuvor rüttelte sie etwas fester. Der Junge stöhnte und bewegte sich ein wenig, ließ aber jede weitere Regung vermissen.
„Mike!“, versuchte sie es nun mit seinem Namen. „Mike! Wach auf!“
Er blieb stumm und bewegungslos. Sila überlegte, ob sie ihn noch stärker anstoßen sollte, wollte es aber vorerst nicht auf eine gewalttätige Reaktion ankommen lassen und fuhr mit ihrer Ansprache fort.
„Mike! Du musst zu dir kommen! Versuche, dich zu konzentrieren! Denk an deine Magie!“
Er rührte sich nicht. Sie probierte weiter.
„Du bist gefangen, Mike! In einem Kerker im Nordreich! Man hat dich aus dem Mittleren Reich hierher verschleppt! Möchtest du nicht zurückkehren – nach Merten? Thralon, Flussland, Kondar, Choralon?“
Sie klapperte alle Länder ab, die sie kannte, versuchte es schließlich sogar mit Urdanna, doch Mike sprach darauf genauso wenig an wie auf seinen Namen. Wenn sie es nicht doch mit dem Namen seiner Geliebten riskieren wollte – wie konnte sie diesen Burschen sonst noch dazu bewegen, seinen Schlaf abzuschütteln? … Nun, da er noch so jung war – warum nicht mit etwas Autorität?
„Mike!“, sprach Sila nun etwas forscher. „Mike! Steh auf, du Lümmel, und geh an die Arbeit! Du hast schon viel zu lange geschlafen!“
Ein Brummen aus seinem in einer Armbeuge verborgenen Mund schien zunächst das einzige zu sein, das sie mit ihrer Predigt bewirkt hatte, doch dann murmelte er tatsächlich etwas.
„Ja, Meister Quill, ich stehe gleich auf. Seid nicht immer gleich so streng.“
Sila erstarrte. Der Junge hatte zwar leise, aber deutlich genug gesprochen. Dennoch wollte sie ihren Ohren nicht trauen. Sie musste Gewissheit erlangen. Mit etwas tieferer Stimme und größtmöglicher Autorität fuhr sie ihn an:
„Was soll dieser respektlose Ton? Wenn du mich sofort bei meinem vollen Namen nennen kannst, will ich dir noch einen Moment Schlaf gönnen!“
Sie befürchtete schon, dieser plumpe Trick würde nicht funktionieren, doch ihr „Schüler“ ließ nicht lange mit einer Antwort auf sich warten.
„Ihr seid heute aber besonders gnädig, Meister Quill Morn. Ich werde bestimmt sehr… fleißig… seinnnng.“
Damit glitt er wieder in einen tiefen Schlaf. Sila konnte es immer noch kaum fassen. Sicher, sie hatte Geschichten gehört. Aber bisher hatte sie diese eher für Gerüchte gehalten. Und nun lagen jene Gerüchte in Person eines jungen Magiers vor ihrer Nase in einem Verlies des Nordens.
„Sila?“, rief Tim leise von der Tür. „Alles in Ordnung?“
Sie löste sich aus ihrer Starre, verlies stracks die Zelle und verriegelte die Tür.
„Was hat er gesagt?“, wollte Tim wissen.
„Er hat von seinem Meister gesprochen“, antwortete Sila abwesend.
„Und was bedeutet das?“
„Dass er von jemandem ausgebildet worden ist. Mehr kann ich daraus auch nicht ableiten“, log Sila und ging zu der Ecke zurück, hinter der immer noch der betäubte Wachmann leise schnarchte.
„Der wird sicher noch eine Weile schlafen bleiben“, meinte Tim voller Tatendrang. „Wollen wir noch eine weitere Zelle besichtigen?“
Doch Sila hatte vorerst genug gehört. Und so sehr sie auch den Wunsch hatte, mehr zu erfahren und vielleicht sogar den Gefangenen in irgendeiner Weise zu helfen, hatte sie dennoch etwas Dringenderes zu erledigen. Tim konnte sie dazu nicht gebrauchen.
„Mir ist das zu unheimlich“, gab sie deshalb vor. „Wir machen Schluss für heute. Irgendwann finden wir vielleicht weitere Gelegenheiten, Gefangene zu besichtigen.“
Ohne seinen Widerspruch abzuwarten, ging sie zu der Wache, nahm die Schale mit dem Betäubungsmittel, schüttete den Inhalt sorgfältig in die steinerne Flasche zurück, versteckte beides in ihrem Putzeimer und stapfte, den verstummten Tim im Schlepptau, davon.

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Erste Veröffentlichung dieses Textes: 04.06.2012
Überarbeitung hochgeladen am 18.01.2013


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