Ryô, der kleine, große Drache

Bild von FreezeThunderCho

Als ich klein war, erzählte mir meine Mutter, hatte ich einen Stein in Form eines Ei`s, vielleicht etwas zu groß für ein Ei aber immerhin konnte sich meine Mutter noch daran erinnern. Nun ja dieser Stein ging irgendwann verloren, obwohl wir immer gut darauf aufpassten.„Natürlich kannst du dich daran nicht erinnern, du warst ja erst acht und das ist auch schon 20 Jahre her!“ Aber sie hatte unrecht, ich erinnerte mich noch gut an diesen Stein, denn ich hoffte es wäre ein Drachenei gewesen. Ich nannte es immer liebevoll „Ryô“ , da ich mich viel mit asiatischer Kultur befasst hatte, war ich zu dem Schluss gekommen, den Stein nach dem japanischem Wort für Drache zu taufen. Der Stein lag immer in meinem Bett, um ihn warm zu halten, doch als ich eines Morgens aufwachte, war der komplette Stein weg. Schlaftrunken sah ich etwas Schlangenartiges dem Himmel empor fliegen, doch das war wahrscheinlich nur Einbildung.
Als ich neun wurde, zogen wir um. Aus finanziellen Gründen mussten wir in ein Haus ziehen, was weniger anspruchsvoll war und welches mir nicht gefiel. Mit zwanzig, als ich meine Karriere anfing, kaufte ich mir das Haus und damit so gesehen meine Kindheit zurück.
Obwohl ich sicher war, nichts finden zu können, durchsuchte ich ,als meine Mutter wieder weg war, das Haus nach diesem Stein. Jeder, der die zwölf Jahre, bevor ich hier wieder eingezogen bin, hier wohnte, hätte diesen Stein in jede verfügbare Mülltonne werfen können. Doch konnte ich nicht aufgeben, ich musste diesen Stein finden. Ich suchte bis in die Nacht hinein und kam erst sehr spät auf die Idee, in meinem ehemaligen Zimmer nach diesem Stein zu suchen.
Ich hatte die letzten acht Jahre damit verbracht, zu Hause wieder alles so herzurichten, wie es vor 20 Jahren war. Ich hatte sogar mein altes Kinderzimmer wieder so hergerichtet. Und manchmal, wenn ich mich einsam fühle, dann schlafe ich in meinem alten Bettchen. Wenn ich aufwache, hoffe ich immer, es wäre wieder 1992 und ich wäre acht Jahre alt.
Ich schaute mich in meinem Zimmer um, fand aber nichts. Auf einmal spürte ich einen frischen Windzug, der aus Richtung des Fensters kam. Als ich mich umdrehte, stand komischerweise das Fenster komplett offen. Zuerst dachte ich, ich würde gleich überfallen, doch als ich mich zu meinem Bett drehte überschlugen sich meine Gedanken. Da war etwas schlangengleiches mit Armen und Beinen, wie ein Mensch und Flügeln, einer überdimensionalen Fledermaus. Aber das überraschende war, dass es eine Reggaemütze mit Dreadlocks, eine Hippiesonnenbrille und eine hellbraune Hose trug. Meine Stimme blieb aus und ich schrie stumm. „Ryô?“, fragte ich nach einiger Zeit ungläubig, „Bist du das?“ Er nahm seine Brille ab und schaute mir mit großen, blauen Kulleraugen ins Gesicht. „Mama! Ich hab dich gefunden!~ Ich hab dich gefunden!~“, sang er. Er stand vom Bett auf und umkreiste mich, er war unwesentlich größer als ich selbst und ich war nun endlich seine Mama. „Wie lange hast du mich gesucht?“, sprudelte es gewissensbissig aus mir heraus. „Nicht lange, etwa sechzehn Tage.“ Er grinste so unschuldig und dachte es wären nur Tage gewesen aber es waren Jahre. Sechzehn lange Jahre, ich war so glücklich ihn in meine Arme zu schließen, dass ich weinen musste. „Ich hab dich lieb, Mama!“, war der Anfang unseres gemeinsamen Lebens.