Arena

Die Arena war bis zum Bersten gefüllt. Auf den Rängen tobte die Menge, obwohl die Spiele noch nicht einmal begonnen hatten. Ceria ließ sich von den euphorischen Massen mitreißen, die durch den Haupteingang strömten, und genoss die Atmosphäre. Sie liebte die Arena, den Lärm, die abertausenden verschiedenen Gerüche, die begeisterte Stimmung. Lachend kämpfte sie sich durch den Strom der Menschen, bis sie endlich mit Mühe die hölzerne Abtrennung zum Sandplatz, der eigentlichen Arena, erreichte. Sie krallte sich mit einer Hand daran fest, während sie mit der anderen fröhlich einem jungen Mann zuwinkte, der stramm ein Stück entfernt stand. Er neigte kurz den Kopf und deutete ein höfliches Lächeln an. Er war einer der Zauberer, die gleich, wenn die Kämpfe begannen, das Schutzschild aufrecht erhielten. Überall um die Arena verteilt standen sie und warteten auf ihren Einsatz.
Ein unangenehmes Summen in Cerias Kopf ließ sie aufschrecken. Mürrisch wandte sie sich um und legte den Kopf in den Nacken. Ein hochgewachsener Mann stand an der Brüstung der Spielleitertribüne und bedachte sie mit einem tadelnden Blick aus stechenden Augen. Er besaß lange, wellige Haare, aus denen deutlich die spitzen Ohren hervorstachen.
Wie oft soll ich es dir noch sagen?, hörte Ceria die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf. Du sollst dich deines Standes angemessen verhalten! Und nun komm endlich herauf.
Ceria verdrehte die Augen, nachdem sich ihr Vater wieder umgewandt hatte. Dann straffte sie die Schultern, löste die Hand von der Bande und strich sich elegant die Haare zurück, sodass die leicht gespitzten Ohren zum Vorschein kamen. Ein Mann, der sich eben an ihr hatte vorbeidrängen wollen, blieb abrupt stehen und verursachte so einen kleinen Stau und rüde Beleidigungen von hinten. Doch die verstummten schnell wieder, als die Menschen den Grund für die Verzögerung ausmachten. Der Mann, der sie zuerst bemerkt hatte, verneigte sich tief und ehrfürchtig und murmelte: „Tut mir leid, Euer Gnaden.“
Sie setzte sich gemächlich in Bewegung, und die Menschen wichen vor ihr zurück. Würdevoll stieg sie die Treppe zur Tribüne hinauf, während unten das Gedränge weiter seinen Lauf nahm. Oben ließ Ceria sich enttäuscht auf ihren mit blauem Engelssamt gepolsterten Sessel sinken.
Mit der Zeit kehrte Ruhe ein. Schließlich erhob sich feierlich ihr Vater, Herr Elúriel, Leiter der Spiele. Ein aufdringliches Summen ging durch die Köpfe aller Anwesenden, die augenblicklich vollständig verstummten und die Augen nach oben wandten. Elúriel ließ den Blick einen Moment lang durch das riesige Rund der Arena schweifen. Dann breitete er langsam die Arme aus und in den Gedanken aller erklangen die Worte: Lasset die Spiele beginnen!
* * * * *
Waffengeklirr, Kampf- und Todesschreie schallten aus der Arena herüber. Blyther strich seinem Schützling Muratius beruhigend über die matten olivgrünen Schuppen. Der mit gerade mal zwei Manneslängen Schulterhöhe schmächtige Mischlingsdrache schnaubte nervös und wandte seinem Freund und Führer die ängstlichen orangenen Augen zu. „Alles gut, Muri“, wisperte der Junge in sein Ohr, strich ihm von der Stirn hinab über die Nase und legte die Hand sanft auf den aus stabilem Dracheneisen hergestellten Maulkorb. Der Drache beruhigte sich tatsächlich ein wenig.
Blyther hob den Kopf und sah sich um. Eben wurde auf dem Sandrund die Einführungsschlacht ausgetragen, ein blutiges Gefecht zwischen einer Horde Menschen. Wie für alle Wettbewerbe der Arena galt hierbei nur eine einzige Regel: Kämpfe oder Stirb! Es konnte nur einen Sieger geben. Jedes Mal, wenn sein geliebter Gefährte Muri die Arena betrat, durchlitt der junge Drachenführer tausend Tode vor Angst um ihn. Bisher war alles gut gegangen, denn Muratius war zäh, doch wie lange mochte das noch so bleiben?
„Du schaffst das“, flüsterte der Junge unmittelbar am Ohr des Drachen, „Wie immer. Du gewinnst.“ Überlebst, fügte er in Gedanken hinzu. Muratius schnaubte traurig und abermals strich Blyther ihm über die schuppige Stirn. „Du bist stark, das weißt du doch, oder?“
Jemand trat von hinten an ihn heran. „Los!“, befahl eine barsche Stimme, „ihr müsst euch fertig machen!“
Blyther erhob sich und trat einen Schritt zurück. Der Mischling stand auf und streckte die Schwingen. Dann trottete er hinter seinem Führer her zum Tor.
Inzwischen standen sich in der Arena nur noch zwei Männer gegenüber, umkreisten sich lauernd. Blyther wandte sich ab, zu oft schon hatte er die Spiele mitangesehen, und noch immer konnte er nicht verstehen, wie die Stadtleute Gefallen daran finden konnten. Muratius wurde wieder unruhig. Nach den einleitenden Menschenkämpfen würden die Duelle der Drachen folgen, die sich von Größe und Gefährlichkeit der Tiere immer weiter steigerten, bis schließlich als Höhepunkt die Champions gegeneinander antraten.
Ohrenbetäubender Beifall brandete auf und sagte Blyther, dass es vorbei war. Die Zuschauer hatten einen Sieger. Nun dauerte es nicht mehr lange. Das Tor öffnete sich und ein von Blut rot gefärbter, aber siegreicher Mann schleppte sich an Blyther vorbei, während der Jubelsturm von den Rängen noch lange nicht abbrach.
Blyther spuckte verächtlich auf den Boden. Ein kleiner Drache, kaum größer als er selbst, wurde in die Arena geführt. Die Drachenkämpfe begannen.
* * * * *
Erregt sprang Ceria auf, als die Drachen ineinander verkeilt zu Boden stürtzten. In Gedanken feuerte sie den wendigen, rotschuppigen Kleindrachen aus dem vorderen Orient an, der sich im Kampf gegen einen wilden Amerikaner maß. Eine Staubwolke wirbelte auf, als sich die beiden Bestien schreiend am Boden wanden. Eine Weile konnte Ceria kaum etwas erkennen, dann verstummten die Schreie mit einem Mal. Ein langer, roter Blitz schoss in die Höhe und zog eine Runde durch die Arena. „Ja!“, rief Ceria, mitgerissen vom Jubel der Massen, nahm jedoch unter dem tadelnden Blick ihres Vaters wieder Platz. Der Amerikaner erhob sich langsam und schleppte sich am ganzen Körper blutend aus der Arena, während Drachenfänger den roten Blitz einfingen.
Langsam kehrte wieder etwas Ruhe ein, als die Zuschauer gespannt auf den nächsten Kampf warteten. Das südliche Tor ging auf und ein gewaltiger Drache stolzierte herein. Er besaß schneeweiße Schuppen und Krallen, die bestimmt länger als Cerias Arm waren. Er breitete die mächtigen Schwingen aus, erhob sich auf die Hinterbeine und stieß ein markerschütterndes Brüllen hervor. Ceria drückte sich unwillkürlich tiefer in den Sitz. Dann wurde das Nordtor geöffnet. Einen Moment geschah nichts. Dann ging langsam ein... Junge einige Schritte in die Arena hinein, drehte sich um und machte eine lockende, ermunternde Handbewegung. Ein Schatten bewegte sich im Torbogen, dann trat ein Drache ein. Er hatte eine schöne, dunkelgrüne Farbe, war nur halb so groß wie der Weiße und zitterte am ganzen Leib vor Angst. Die Menge brach in tosendes Gelächter aus. Ceria warf ihrem Vater einen zornigen Blick zu. Wie konnte er so ungleiche Gegner gegeneinander antreten lassen? Der kleine Grüne hatte keine Chance.
Cerias Augen wanderten zurück zu dem Jungen, der nun dem Drachen über die Schnauze strich, ihm noch etwas zuflüsterte und dann durch das Tor zurück ins Innere der Katakomben lief. Das Tor fiel zu. Der grüne Mischling starrte noch immer angsterfüllt durch die Gitterstäbe, als sich in seinem Rücken der siegesgewisse Europäer in die Luft erhob und lautlos auf seinen Gegner zustürzte. Ceria schlug die Hände vor den Mund. Pass auf!, dachte sie entsetzt. Hinter dir! Da drehte sich der Drache auf einmal um und starrte das Mädchen direkt an, dann breitete er die Schwingen aus und flog seinem Gegner entgegen. Nein – er tat so, als flöge er dem Weißen entgegen, tauchte aber im letzten Moment unter dem Bauch des größeren Drachen ab und hinterließ mit seinen Krallen einen langen Schnitt im reinen weiß der Schuppen. Der Europäer schrie schmerzerfüllt auf und drehte ab.
Ja!, jubelte Ceria innerlich. Super!
Doch es war nicht super. Die Wunde am Bauch des Weißen war nicht tief, beeinträchtigte ihn kaum. Sie hatte ihn nur noch wütender gemacht.
* * * * *
Entsetzt stand Blyther am Tor und sah das Geschehen in der Arena mit an. Muratius hatte kein Chance. Wer war auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen Europäer gegen Muratius antreten zu lassen? Aber das war klar. Die Menschen wollten eine gute Show. Die Bestie gegen den Schwächling, warum nicht? Wenn der Kleine dabei starb, oh, schade, verlorenes Geld, Pech gehabt. Mehr bedeutete Muratius für sie nicht. Er war nur dazu da, die Stadtmenschen zu unterhalten. Und die Elfen. Die Elfen, wie Blyther sie hasste! Sie waren schuld hieran. Nur sie.
Muratius schrie und stürzte zu Boden. Am liebsten wäre Blyther weggerannt. Am liebsten hätte er nicht hingeschaut. Nicht hingeschaut, während sein Freund brutal umgebracht wurde.
Der Europäer brüllte und ging in den Sturzflug. Seine säbelartigen Krallen gruben sich in den Leib Muratius‘ und hoben ihn sogar noch ein Stückchen an. Dann stieg der Weiße wieder auf. Siegreich. Muratius lag da, die grünen Schuppen waren unter all dem Blut kaum noch zu erkennen. Blyther starrte ihn ausdruckslos an.
Das Nordtor, hinter dem er sich befand, ging langsam auf. Blyther dachte nicht nach. Er stürmte los. Mitten durch die Arena, die wütenden Rufe hinter sich ignorierend, auf seinen Freund zu. Neben Muratius‘ Kopf fiel er in die Knie. Die orangenen Augen sahen ihn schwach an und Muri schnaubte leise.
Entsetzte Schreie ließen den Jungen aufblicken. Ein Schatten fiel auf ihn. Er hatte ganz den Europäer vergessen.
Blythers letzter Blick galt der Tribüne. Dort oben stand der Spielleiter und sah kalt auf ihn herab, daneben ein Mädchen, das entsetzt die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte. Als ob ihr das alles hier überhaupt etwas ausmacht, dachte er hasserfüllt. Dann legte er den Kopf an Muratius‘ Schulter und wartete.
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