Rache lohnt sich nicht

Hier also mein Beitrag zum Wettbewerb.
Schwitzend und keuchend warteten Ardiss- ein hervorragender Schwertkämpfer - und seine besten Freunde Thimmy, ein dürrer Langbogenschütze aus Leidenschaft, Samantha, eine heilkundige Priesterin, Sakril, ein mürrischer Riese mit einer großen Axt bestückt und Mewyr, ein junger Weißmagier auf den richtigen Moment. Sie beschatteten schon seit Wochen den Schwarzmagier Alister, der seit seinem Rauswurf aus dem Rat der Ältesten von Kasthala auf Rache sinnte. Gerüchten zufolge war er mit seinen Gefolgsleuten, die er sich per Magie zu seinen Sklaven gemacht hatte, zum Vulkan Synai unterwegs um eine alte Legende zu prüfen. Angeblich war vor Jahrtausenden ein mächtiger Drache namens Anchorach in den inzwischen äußerlich erkaltet wirkenden Vulkan versiegelt worden und wartete unter der Kruste darauf befreit zu werden. Scheinbar wollte Alister sich diesen gehörig machen. Das konnten weder seine Freund, noch Ardiss zulassen. Sie hätten ihn zwar gerne schon sofort überfallen und ihn gestoppt, dummerweise war seine Truppe in der Überzahl und es war einfach zu gefährlich. Nun aber, wo es auf die Spitze des Vulkanes ging, blieben seine Untergebenen am Boden zurück und nur zwei der elitären Krieger begleiteten den Schwarzmagier nach oben.
Dies war die Chance der Freunde. Sie kletterten - wohlbedacht unentdeckt zu bleiben – den Vulkan ebenfalls hoch und wollten eingreifen, sobald ihre Feinde unachtsam waren. Der Aufstieg auf den Vulkan war allerdings recht beschwerlich geworden, da sie nicht zu laut aber auch nicht zu langsam sein durften. Ardiss war sichtlich angestrengt. Er beobachtete das Geschehen an der Vulkanspitze noch einige Meter entfernt von einem kleinen Abhang aus, der ihnen optimale Deckung bot. Der Schwarzmagier nahm soeben eine uralt aussehende Pergamentrolle aus einer dunklen, scheinbar mit Gold verzierten Truhe, die ihm zuvor von den zwei Soldaten vor die Füße gelegt worden war. Als Alister das Pergamentstück auseinander rollte, hörte Arbiss es hinter sich piepsen: „Das muss die Beschwörungsformel sein! Er ruft ihn!“ Mewyr, dem beim Anblick der Rolle jede Farbe aus dem Gesicht gewichen war hatte gesprochen. Der Arme war von seinem Meister ausgesandt worden, um die Gruppe zu unterstützen indem er als erste Aufgabe nach seiner Abschlussprüfung die Formel zur Verbannung des Drachens sprach. Natürlich war vorgesehen einzugreifen, ehe das nötig wurde – doch man konnte nie wissen. Jetzt hörte man schwer verständliche Worte des Schwarzmagiers, vom Wind herübergetragen. „Er tut es, er tut es!“, wimmerte Mewyr angsterfüllt. „Mach dir mal nicht in die Robe, dann greifen wir jetzt mal ein. Was sagt ihr?“, kam es vom inzwischen ungeduldig gewordenen Sakril, der seine protzige Axt von der Schulter in seine Hände schwingen ließ. Ardiss überlegte kurz, wenn sie jetzt nicht eingriffen, war die Wahrscheinlichkeit der Befreiung des Drachens hoch. Jedoch waren die immer noch die Krieger um den Magier herum. Sie sahen stark aus, mit ihren pechschwarzen Rüstungen und ihren großen Muskeln.
Ehe er jedoch den nächsten Schritt bedenken konnte, flog ein Pfeil in den Rücken des Kriegers rechts neben dem Magier. Dieser schrie schmervoll auf und umgriff den eigentlich für den Drachen stark verhärteten Pfeil, der so problemlos durch die Rüstung kam, an seinem Rücken. Ardiss schaute verärgert und verwirrt zu seinen Freunden: Thimmy hatte seinen Bogen in der Hand und zielte bereits mit einem weiteren Pfeil im Anschlag. Er zuckte entschuldigend und meinte: „Besser als gegen den Drachen kämpfen zu müssen.“ Ardiss fand das eine schwache Ausrede, aber anders gesehen war das wohl wahr. So gab er das Startsignal und stürmte zusammen mit Sakril auf die Krieger zu. Der Krieger mit dem Pfeil im Rücken zog wütend an diesem herum und brach ihn dabei so unglücklich ab, dass die Spitze sich tief ins Fleisch bohrte. Aufjaulend griff er nach seinem Schwert, während der Linke bereits mit seinem im Ansturm war. Der Schwarzmagier dagegen brabbelte weiterhin ungestört seine Beschwörung herunter.
Schließlich trafen Schwert und Axt aufeinander. Es flogen Klingensplitter und Knochen knacksten grausam laut auf. Ein entsetzter Aufschrei war noch zu hören, dann sackte der Krieger leblos zusammen. „Das war ja mal langweilig, bessere Kämpfer konnte sich der Robenträger wohl nicht leisten, was?“, tönte es von Sakril. Genau in diesem Moment brüllte der Zweite auf und schwang mit seinem Schwert etwas unbeholfen nach Ardiss. Dieser wich mühelos aus. Bevor er jedoch einen Konter liefern vermochte, sirrte etwas blitzschnell sehr nah an seiner Wange vorbei. Plötzlich war der Krieger um einen weiteren Pfeil reicher und klappte mit einem äußerst dämlichen Gesichtsausdruck mit dem Pfeil mitten im Kopf zusammen. Ardiss schaute daraufhin schon etwas genervt zu ihrem Bogenschützer. Dieser aber rief bloß: „Hey, je schneller - desto besser.“ Seufzend wandte Ardiss sich ab und schaute lieber nach dem Magier. Der war noch immer am Zitieren des Textes.
Sich bereits als Sieger und zukünftiger Held wähnend, schritt er nun auf Alister zu. Doch wenige Schritte später fing die Erde aus dem Nichts heraus an zu beben. Als sich Ardiss verwundert umblickte, hörte er Mewyr – der wie Samantha und Thimmy noch am Abhang stand – hysterisch schreien, dass Anchorach im Kommen sei. Flau im Magen über diese Ankündigung richtete er sich kurz zu Alister, um dann mit Handzeichen Sakril einen gemeinsamen Angriff abzuklären. Sie mussten ihn stoppen, solange es noch möglich war. So zählte er still unter dem noch immer wackelnden Boden bis 3 herunter – dann lief er so stolperfrei wie möglich zusammen mit Saktil auf ihren Feind los. Der aber, drehte sich überraschend um hob seine rechte Hand in die Richtung der Beiden an. Auf einmal versagten Ardiss die Beine und sein gesamter Körper schien wie in eine Starre versetzt. So wie Sakril aussah, war ihm das gleiche passiert. Innerlich fluchend, hoffte Ardiss ihr eigener Magier riss sich zusammen und befreite sie aus dieser misslichen Lage. Allerdings kümmerte es den Weißmagier nicht wirklich, was hier passierte, lieber kauerte er zitternd hinter dem Abhang versteckt. Der Schwarzmagier dagegen, machte eine weitere Bewegung mit der Hand und schon hoben Sakril und Ardiss vom Boden ab und schwebten ein weites Stück gen Himmel. Als sie abbremsten, war Ardiss Blick genau auf der Kruste des Vulkanes gerichtet. Es hatten sich bereits rötliche Risse an der Oberfläche gebildet, daher rührte wohl auch das Beben. Angst stieg in Ardiss hoch, er war dem Spektakel einfach ausgeliefert und Hilfe war nicht zu erwarten.
Doch scheinbar zeigte zumindest einer seiner Freunde Rückgrat, denn Thimmy sprang aus dem Abhang hervor und schoss in schneller Reihenfolge mehrere Pfeile direkt auf den Magier. Kurz flammte Ardiss Hoffnung wieder auf. Die Pfeile rasten auch wie geplant auf den Schwarzmagier zu, prallten aber mitten in der Luft von einem unsichtbaren Schutzschild um diesen herum ab. Okay, Ardiss korrigierte: Er war einfach ausgeliefert und nützliche Hilfe war nicht zu erwarten.
In der Zwischenzeit beendete Alister seine Beschwörung und unmittelbar danach brach auch schon die Kruste des Vulkanes auf. Ardiss riss die Augen panisch auf, als erst die monströse Kralle, der längliche Kopf und der Rest des rot-gelben Ungetüms sich aus dem Loch heraus hievten. Der Drache brüllte auf und sein Atem löste sturmartige Verhältnisse aus. Jetzt rettete sie nur noch ein Wunder.
Der Drache sah sich etwas um und – entdeckte die zwei Leckerbissen vor ihm schwebend. Ardiss begann unkontrolliert zu zittern als der Drache ihn mit seinen Nüstern und großen, gelben Augen hungrig untersuchte. Statt ihn aber zu fressen, machte er sich zu Sakril auf und machte das Selbe auch bei ihm. Nur mit einem Unterschied: Nach seiner Untersuchung an ihm, öffnete er sein Maul und unter dem Entsetzen seiner Freunde wurde Sakril vom Drachen in einem Stück verschlungen. Scheinbar war er sehr wählerisch bei seinem Futter.
Tränen liefen Ardiss über den Verlust seines Freundes geschockt, nicht fähig einzugreifen die Wangen herunter. Anchorach richtete sich langsam an den hellauf begeisterten Alister. Der war vollkommen aus dem Häuschen und fest von seiner Macht über den Drachen überzeugt – bis ihn ebenjener erst fragend ansah, dann mit einem prüfenden Blick etwas genauer betrachtete – und ihn dann unter einem verdutzten Schrei des Magiers genüsslich auffraß. Sofort löste sich auch der Zauber um Ardiss herum und er stürzte aus freiem Fall mitten auf die harte Vulkanoberfläche. Der Drache war nun völlig außer Kontrolle. Wie es aussah, war Alister gut genug gewesen ihn zu befreien, aber zu hochmütig im Glauben den Drachen so auch unterwerfen zu können. Als Konsequenz lief jetzt ein wütender und hungriger Drache frei herum.
Aus heiterem Himmel aber, wirkte es so, als zöge etwas den Drachen am Schwanz zurück in die Nähe des Loches. Verwirrt blickten er und Ardiss sich um. Im Gegensatz zum Drachen, erkannte Ardiss eine Sekunde später, was geschah: Samantha hatte Mewyr den Zettel mit der Verbannungsformel abgenommen und las ihn vor. Anchorach tobte, fuchtelte wild mit seinen Krallen herum und schrie sich die Lunge wund. Die Wucht seiner Hiebe hinterließen tiefe Furchen in der Erde und seine Schreie erzeugten gewaltige Winde. Es half nichts, er wurde Stück für Stück zurückgezogen und nach einer endlos wirkenden Zeit befand sich der Drache wieder im Vulkan und mit einem letzten Schnauben Anchorachs verschloss sich die Gesteinskruste wieder über ihm.
Der Albtraum war vorbei.
Copyright by Florian Gödde/Akandor
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