Drachen der Welt

Müde starrte ich vor mich hin. Mir war schlecht von dem langen Flug und der Jetlag machte mir auch zu schaffen. Hoffentlich kommen die anderen wenigstens bald. Ich musste schon wieder gähnen. Für die Schönheit meiner Umgebung hatte ich keinen Blick. Mürrisch knurrend checkte ich den Stand der Sonne. Die anderen hatten noch genau fünf Minuten. Endlos langsam krochen die Sekunden vorwärts. Um meine Laune etwas zu heben versuchte ich mit Steinen eine Taube zu treffen, die nicht weit von mir auf einem Ast saß. Nur blöd, dass die dumme Taube keine Lust auf das Spiel hatte und sich davon machte.
Entnervt kniff ich die Augen zusammen und rollte mich auf dem Gras zusammen. Ich spielte gerade mit dem Gedanken irgendjemanden zu töten, als ein Schatten über mich hinweghuschte. Ich hob den Kopf genau in dem Moment als der ominöse Schatten vor mir landete.
Oh Mann, Sherianne wird immer hübscher. Mein Blick strich über ihren Körper. Wasser sammelte sich in meinem Maul. Leider wirkte sie nicht sehr erfreut über mein Auftauchen. „Endlich kommt mal einer!“, sagte sie mürrisch, während sie sich aufrichtete. Ihre goldenen und grünen Schuppen glänzten in der Sonne. Die kleinen Hörner auf ihrer Stirn sahen aus, als wären sie mit flüssigem Gold übergossen. Sie streckte ihren schlangenähnlichen Körper. Dann blieb sie abwartend stehen.
„Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen?“, fragte der, blau-schwarze Riese, der jetzt vor mir stand. Ich verdrehte die Augen. Idiot! Aber auch nach drei Jahren ist Alex immer noch nicht zur Besinnung gekommen. Er hält sich für den geilsten Drachen, den es je gegeben hat. Und jetzt scharwenzelt er schon wieder um mich rum. Ich zog nur eine nicht vorhandene Augenbraue hoch, als er mit seiner Meinung nach sexy Bewegungen um mich rumrannte und meinen Körper mit Augen verschlang. Das Ganze sah er affig als erotisch aus. Ich machte der Situation ein Ende in dem ich meine grünschimmernden, hauchzarten Flügel aufspannte und ihm damit die Sicht versperrte.
„Hast du irgendwen auf dem Weg überholt?“ Sherianne sah mich fragend an. Ihren wundervollen, schlanken, glänzenden Körper mit ihren zarten Flügeln bedeckt stand sie vor mir. So eine verdammte Spielverderberin! Ich verneinte, in dem Bewusstsein, dass ich endgültig verschissen hatte, wenn sie rausfand, dass ich sie belogen hatte.
Ich bewegte mich um sie herum, wobei meine Schwanzspitze immer wieder, wie aus Versehen ihren Körper berührte. Ich wusste, dass die noch etwas für mich empfindet! Sie versuchte zwar mich zu ignorieren aber Sherianne kann nicht schauspielern. Gerade setze sich eine vorwitzige Fliege sich auf ihre Pfote. Sorgfältig zielte sie mit der Schwanzspitze und ließ sie dann auf das Tier runtersausen.
„Warum hast du sie getötet? Sie hatte doch noch ihr ganzes Leben vor sich!“ Eine schlangenähnliche Witzfigur, die mir verdammt ähnlich sah, raste auf die Wiese und untersuchte die Fliege auf ein Lebenszeichen. Stürmisch viel ich dem schlaksigen Drachenmann um den Hals. Eine Blume kitzelte meine Nase und ein heftiger Nieser gefolgt von einem kleinen Feuerstoß entwich meinen Nüstern.
„Gesundheit! Und du hast dir das Feuerspeien immer noch nicht abgewöhnt!“ Er erwiderte Sheriannes stürmische Umarmung leicht und löste sie dann mit sanfter Gewalt.
Ich hatte keine Ahnung, was eine Frau wie Sherianne an einem langhaarigen, blumentragenden Hippie wie Haruko fand! Er ist einer der weichgespültesten Drachen in ganz Asien! Diese Schlitzaugen tun keiner Fliege, etwas zu Leide und sie ekeln sich vor Menschenblut! Kann ich gar nicht verstehen. Ich hab erst letztens wieder so einen Spargeltarzan verschlungen. Wie der geschrien hat. Das war Musik in meinen Ohren. Den Geschmack meines Opfers im Mund, ging ich zu Haruko hinüber und schlug ihm auf die Schulter.
„Na Waschlappen!“ Alex hieb mir mit seiner krallenbeschwerten Pfote auf die Schulter. Ich ignorierte die Beleidigung und stieß nur ein leises Schnaufen aus. Fluchen, Fauchen und Feuer speien ist in unserer Kultur verboten. Und daran hatte sich jeder Drache, der sich in unserem Reich aufhielt zu halten! Ich ignorierte diesen Möchtegern-Macho also und lauschte stattdessen Sheriannes Bericht über das vergangene Jahr.
Sherianne ist meine Cousine, aber trotz dem wir verwandt sind, sind wir komplett unterschiedlich. Sie ist ein grausamer Mörder, während ich für eine Mücke eine Vollbremsung einlegen würde! In dem Moment rauschten die Blätter und aus meinem Blumenkranz lösten sich einzelne Blüten. Ich schaute nach oben.
Ich sah, wie Alexander die Nase rümpfte, als ich zur Landung ansetzte. Klar, ich war anders, als die drei Drachen, die mich jetzt anstarrten. Sie waren ihr eigener Herr, während ich einen Besitzer hatte. Ich legte meine kleinen Ohren an, wie ein wütendes Pferd und fauchte Alex warnend an. Mit einem Blick erfasste ich die Umgebung. Eine Angewohnheit aus schlechten Zeiten. Da muss man bei mir zu Hause jeden Strauch im Blick haben. Erst nachdem ich sicher war, dass nichts und niemand hinter den Büschen lauerte, faltete ich meine schwarzen Flügel zusammen und begrüßte die anderen.
„Seid gegrüßt!“ Aymelek stand majestätisch wie immer, mitten auf der Lichtung. Niemand mochte sie so richtig, aber alle hatten Respekt vor ihr. Sogar Alex, wie ich belustigt feststellte. Ihre schwarzen und dunkelgrünen Schuppen passten hervorragend zu ihrer Aufgabe. Sie war die Begleiterin von Huh, dem Gott der Unendlichkeit. Ihr Name bedeutete Mondengel, oder so.
Eigentlich verachteten wir sie alle, weil sie keine Freiheit hatte. Aber ihre Aufgabe machte das alles wieder wett. Jetzt bewegte sich ihr schlangenähnlicher Körper in meine Nähe. Okay, Konzentration. Drei…Zwei…Eins…
„Bist du verrückt geworden!“, schrie Aymelek die kleine rot-glänzende Drachin an. Die kriegte sich nicht mehr ein vor Lachen. Ihre Überraschung war gelungen. Auch Alex und Sherianne lachten. Jedes Jahr schaffte Electra es, Aymelek zu überrumpeln. Als Sherianne und Alex jetzt auf sie zu liefen um sie zu begrüßen, wich sie aus und kam stattdessen auf mich zu.
„Hallo Haruko.“ Etwas schüchtern stand Electra vor dem jungen Asiaten. Neugierig betrachtete ich aus dem Augenwinkel die Szene. Ich bemerkte, wie Alex mir immer näher rückte. Entnervt lief ich ein paar Meter weiter. Haruko begrüßte Electra mit einer festen Umarmung. Verträumt sah ich den beiden zu. Sie waren Seelenverwandte. Ich wusste es. Nachdenklich stützte ich meinen Kopf auf die Schwanzspitze.
Plötzlich donnerte es laut. Die fünf Drachen rissen die Köpfe hoch. Der Himmel ballte riesige Wolken und ein Blitz schoss herab. Erschrocken drängten die fünf zusammen. Eine Lichtsäule entstand vor ihnen. Langsam löste sich eine Gestalt heraus.
Der Mann der heraustrat war riesig. Seine Kleidung war schlicht, aber kostbar. Ein schmaler Reif zierte sein ergrautes Haar und unter den ebenfalls grauen Augenbrauen stachen zwei dunkelbraune Augen hervor. Mit einem intensiven Blick musterte der Mann die fünf Drachen. Schließlich fing er an zu sprechen: „Ich habe euch hierher befohlen, weil ich weiß, dass ihr in ständigem Zwist mit einander steht!“ Ertappt blickten sich die Drachen an. „Ich will, dass ihr wisst, dass es dazu keinerlei vernünftigen Grund gibt! Ihr seid verschieden, und doch gleich! Ihr seid Drachen! Nur das zählt! Ihr seid von allen Gebieten der Erde hierhergeflogen. Jedes dieser Gebiete ist einzigartig! So wie ihr es seid. Haruko!“
Der schlangenartige Drache mit den langen Haaren, den bunten Schuppen und der Blumenkette trat vor. „Haruko, du bist fast der jüngste dieser Gruppe! Du liebst die Natur und du achtest sie. Trotzdem stehst du innerlich immer wieder im Streit mit dir und den anderen! Ändere das!“ Haruko nickte und trat in die Reihe zurück. „Sherianne!“
Die Drachin, die eine Zwillingsschwester von Haruko sein könnte, hob den Kopf und sah dem Mann in die Augen. „Sherianne, im Grunde bist du ein ängstliches Wesen! Äußerlich spielst du die Starke, die Gefühlslose, die Kalte, dabei bist du verletzlich und sehnst dich nach einer schützenden Umarmung! Zeige deine Gefühle. Die anderen können deine Gedanken nicht lesen!“ Schnell senkte die hübsche, grüne Drachin den Kopf und nickte zögerlich. „Alexander!“
Der schwere, schwarze Drache trat vor den Alten. „Du tötest aus Freude! Das ist nicht gut! Der Drachenkodex besagt, dass du nur töten darfst, um Nahrung zu beschaffen! Du aber tötest aus purer Lust am Leid! Wenn du das nicht unterlässt, sehe ich mich gezwungen einen anderen Vertreter aus Europa wählen zu lassen!“ Entsetzt hob Alex den Kopf. „Ich werde mich ändern!“, versprach er, bevor er zurück trat. „Aymelek!“
Die schlanke Drachin senkte den Kopf, damit sie dem Alten in die Augen schauen konnte. „Du bist die älteste von allen und trotzdem spielst du dich als die Chefin auf. Ihr habt den gleichen Stand. Keiner steht über dem anderen! Ihr seid alle eins! Ihr bildet den Kopf der Drachengesellschaft aus der ganzen Welt! Versuch nicht immer den Boss raushängen zu lassen!“ Die schwarze Drachin nickte. „Electra!“
Schüchtern hob das Drachenmädchen den Kopf. „Electra, du bist die jüngste unter den Auserwählten. Du hast in vielerlei Hinsicht noch nicht den Ernst, der zwingend notwendig ist! Vergiss deine Spielereien! Werde erwachsener.“ Electra nickte. Der Mann erhob wieder die Stimme: „Sherianne, Haruko, Alexander, Aymelek und Electra. Ihr seid die Auserwählten und vertretet hier eure Nationen! Amerika, Asien, Europa, den Orient und die unendlichen Weiten! Ihr habt wichtige Aufgaben vor euch! Nutzt jede Sekunde eures Lebens um der Gerechtigkeit zwischen den Nationen zu dienen! Ihr seid die Vertreter des Volkes! Ihr seid die Drachen der Welt!“
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