R+M=D

Bild von J@nnchen

R+M. Ich fahre die eingeritzten Buchstaben mit den Fingern nach. Rieke und Martin.
Nichts ist für immer. Auch wenn es sich so anfühlt. Die Datsche ist der einzige Ort, an dem ich mich noch an ihn erinnern kann. Fünf Monate sind eine lange Zeit.

Martin legt das Messer weg. „Gut so?“
Ich muss lächeln. „Ja.“ Aber… „Und wenn du zurück musst?“
Martin setzt sich auf die Bank neben mich. „Es gilt immer, klar? Und ich komme wieder.“
„Kannst du nicht für immer bleiben?“

Heute morgen auf der Wanderung mit dem Kindergarten war ich schon nach kurzer Zeit so erschöpft, dass ich nicht einmal mehr „Der Volkspolizist“ mitsingen konnte. Zu anstrengend.
„Du bist ganz schön dick geworden!“
Sebastian hatte damit leider Recht. Es ist mal wieder typisch. So viele Jungs, die in meiner Nachbarschaft wohnen. Viele Nächte, in denen ich mit meinen Freundinnen gewettet habe, wer in der Disco zuerst einen abbekommt.
Und dann verliebe ich mich. Und gerade dieses eine Mal ist es jemand, den ich bald schon wieder verlieren werde.

Martins Finger streichen über meine Hand.
„Morgen muss ich wieder nach drüben.“
Ich sehe ihn ausdruckslos an.
„Für wie lange?“
„Ich weiß es nicht.“
Meine Finger schließen sich um die von Martin.
„Wir werden uns nie wiedersehen, stimmt’s?“

Sozialismus. Deutsche Demokratische Republik. Meine Heimat. Mein Ideal.
Alle Menschen sind hier gleich. Alle Menschen haben Arbeit. Niemand wird unterdrückt oder diskriminiert.
Unser Leben läuft in geregelten Bahnen, wir sind eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, die geschützt werden muss vor den Kapitalisten aus dem Westen, vor dem Klassenkampf.
Bis vor kurzem war ich der Ansicht, dass dieses System sinnvoll ist. Ich lebe schon immer hier, ich mag die Mentalität, das Gefühl, dazugehörig zu sein, ich mag die Menschen, ich mag mein Leben.
Was ich nicht mag, ist die Grenze. Sie hält die Kapitalisten fern. Aber leider auch Martin. Dem ich näher war, als vielleicht gut für mich ist.

„Natürlich sehen wir uns wieder.“
Ich senke den Kopf, aber Martin legt mir einen Finger unter das Kinn und zieht sanft mein Gesicht zu seinem. „Rieke, sieh mich an! Es kann vielleicht dauern, aber früher oder später bekomme ich wieder eine Einreiseerlaubnis, die können mich nicht ewig von meiner Mutter fernhalten. Und wer weiß, vielleicht gibt es bald mehr Reisefreiheit und wir können uns sehen, so oft wir wollen.“
Ich glaube nicht daran. Aber Martin zuliebe werde ich so tun, damit wir wenigstens die letzten gemeinsamen Stunden genießen können.

Morgen ist der zehnte November, mein freier Tag. Ich habe mir vorgenommen, dann endlich mit meinen Eltern zu reden. Sie werden nicht begeistert davon sein, dass ich von einem Wessi schwanger bin. Aber sie werden es akzeptieren und mich unterstützen. Alleinerziehende Mutter zu sein, ist kein Weltuntergang. Eine meiner Freundinnen hat abgetrieben, weil sie nicht wusste, wer der Vater war. Das kann mir nicht passieren. Mein Kind ist von Martin. Und es ist ein Kind, das aus Liebe entstanden ist. Auch wenn wir uns nicht wiedersehen werden, kann ich nicht einfach das Leben abtöten, wer weiß, vielleicht ist es das letzte, was mir von ihm bleibt.
Ich wickele die Wolldecke fester um mich und denke an das letzte Mal, als ich hier auf dem Sofa lag. Mit ihm.

Martin und ich liegen eng aneinander gekuschelt da. Löffelchen. Martins Arm ist um mich geschlungen und bewegt sich langsam mit im Takt seiner gleichmäßigen Atemzüge. Warum kann es nicht für immer so bleiben. Martin und ich und die Datsche und sonst niemand. Warum müssen die Leute aus dem Westen so blöd sein. Warum müssen wir aus dem Osten direkt solche Maßnahmen ergreifen. Es ist alles nicht so, wie es sein sollte. In der Welt, die ich gerne hätte, würde dieser Moment für immer dauern und nicht in spätestens ein paar Stunden Vergangenheit sein. Martin muss zurück. Er wird mich zum Abschied küssen und mir sagen, dass er bald wieder kommen wird. Und dann werde ich ihn nie wieder sehen. Ich werde meine Ausbildung zu Ende bringen, weiter machen wie bisher und irgendwann heiraten, mich wieder scheiden lassen und hoffen, dass ich nicht allzu einsam sterbe. Jemanden wie Martin gibt es nicht ein zweites Mal. Leider.

Ich werde von einem Geräusch wach. Draußen ist es noch dunkel, keine Morgendämmerung. Jemand macht sich an der Tür zu schaffen. „Rieke?“
Das ist Martins Stimme. „Bist du hier?“
„Martin?“
Der junge Mann, der gerade in der Tür steht, ist wirklich Martin. „Wie…was…?“
„Die Mauer ist offen.“
Ich kann das alles noch nicht so ganz glauben. Aber es ist Martin, der mich in die Arme zieht und das ist das Einzige, was gerade zählt.

*

R+M=D. Ich fahre den neuen eingeritzten Buchstaben mit dem Finger nach. Dennis. Mein Sohn. Der Beginn einer jungen Familie. Eine Familie, die nichts mehr trennt.

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Ja, ich weiß, kürzer als von mir gewohnt, aber ich mach grad Abi, also bitte :P
Merci beaucoup an Katha und ihr meeeegavielen Infos über den Osten, sowie an ein paar interessante Websites :)
Und an die, die es noch nicht erkannt haben: Das Baby heißt Dennis wegen meines persönlichen Betalesers, der mir sehr lieb weitergeholfen und deswegen ein Dankeschön verdient hat :)

Und ich finde den Titel noch doof...wer ne bessere Idee? :)