Ein Teil von mir

Bild von cocacola94

Es war still, so still.
Alles war schwarz.
Eine innere Leere erfüllte mich.

Mein Bewusstsein erwachte, doch meine Augen waren geschlossen. Ich hatte noch nicht die Kraft, meine Lider zu heben. Hatte noch nicht die Kraft selbstständig zu atmen. Hatte noch nicht die Kraft etwas zu sagen. Meine Lippen zitterten leicht, aber es kam noch kein Ton aus mir heraus. Ich wollte meinen kleinen Finger bewegen, doch mein Körper reagierte nicht auf die Befehle meines Gehirns. Meine Sinne waren momentan nicht zu gebrauchen. Nur durch meine Nase konnte ich einen sterilen Geruch wahrnehmen. Ich spürte einen kühlen Windhauch auf meiner Haut. Ich fror. Auf meinen Ohren lag ein unangenehmer Druck. Ich konnte nur meinen eigenen Herzschlag hören. Friedlich und ruhig. So ruhig.
Das leise, rhythmische Klopfen entspannte mich, es machte mich müde.
Ich fühlte mich so geborgen. So unglaublich geborgen in meinem eigenen Körper. Hatte ich diese tiefe innerliche Ruhe überhaupt jemals erfahren dürfen? Ich meine, bevor ich hier war?
Stumpfe verzerrte Töne drangen in meinen Kopf. Sie schienen immer lauter zu werden. Ich wollte, dass es aufhörte. Es sollte enden! Wieso wurde dieser angenehme Augenblick von diesen Geräuschen zerstört? Wer war dafür verantwortlich? Wer ließ mir nicht meine Ruhe? Wer war so grob und nahm keine Rücksicht auf mich?
Ich merkte, wie etwas meinen Arm streifte. Innerlich zuckte ich zusammen. Mein Herz schlug einmal fest gegen meine Rippen. Schmerz breitete sich in mir aus. Stechender Schmerz verteilte sich in mir. Ich wollte schreien, doch war unfähig dazu. Wieso half mir niemand? Sah denn niemand, wie sehr ich unter diesem Schmerz litt? Oder war niemand da, der mir helfen konnte? War ich ganz alleine?
Wie lange hielten die Schmerzen wohl an? Würden sie mich umbringen?
Wie viel Schmerz konnte ein Mensch ertragen?
Innerlich rang ich mit dem Schmerz.
Er verblasste.
Luft strömte in meine Lungen und wurde sofort wieder herausgepresst.
Meine Atmung war ungleichmäßig.
Ich wusste, dass ich nun selbstständig atmete.
Die stumpfen Töne verstummten und mein Gehör regenerierte sich scheinbar.
Stimmen! Ich filterte Stimmen aus den Geräuschen um mich herum.
Ich konnte ein gleichmäßiges Piepen hören. Ich lauschte auf meinen Herzschlag.
Ja, es war so, wie ich es vermutet hatte. Das Piepen gab meinen Schlagrhythmus wieder. Ich musste im Krankenhaus sein. Aber was war passiert?
Ich versuchte meine Augen zu öffnen. Meine Lider flatterten. Ich schaffte es noch nicht. Aber ich hatte Kraft. Ich hatte genug Kraft um alleine zu atmen. Ich konnte wieder hören. Ein weiteres Mal versuchte ich etwas zu sagen. Meine Lippen bewegten sich minimal und ich konzentrierte mich darauf, etwas zu sagen. Es war mir immer noch nicht möglich zu sprechen, aber ein kaum hörbares Stöhnen brachte ich dann doch zustande.
Daraufhin wurde mir behutsam über die Stirn gestrichen.
Aufgeregte Stimmen prasselten auf mich ein. Es war mir unmöglich einen klaren Gedanken zu fassen. Dazu war ich im Augenblick nicht fähig. Ich wollte nur wissen was mit mir geschehen war, wer in meinem Zimmer war und ob ich wieder ganz gesund werde?
„Sophie?“
Wer war das?
War es meine Mutter?
Hatte ich überhaupt noch eine Mutter?
Wie alt war ich eigentlich?
„Sophie, mein Schatz. Hörst du mich? Antworte mir doch bitte…“
Es konnte sehr gut möglich sein, dass diese Frau, meine Mutter war.
Das würde erklären, warum sie mich „Schatz“ nannte und warum ihre Stimme so brüchig war. Ich konnte sie schlucken hören, spürte ihre Hand, die sie auf meine legte. Merkte wie sie zitterte. Kalte, zitternde, kleine Hände.
„Sophie, können Sie mich hören? Wenn Sie mich hören können, dann machen Sie irgendwas, damit wir wissen, dass Sie bei Bewusstsein sind. Sagen Sie was, oder bewegen Sie eine Hand.“
Eine tiefe, brummende Stimme. Ich wurde gesiezt. Wahrscheinlich mein Arzt?
Ich konzentrierte mich. Versuchte meine Augen mit aller Kraft aufzureißen.
Das schaffst du.
Das schaffst du.
Ich blinzelte. Grelles Licht hinterließ Schmerz, der sich bis in meinen Kopf hinein fraß. Ich kniff die Augen wieder zusammen. Wieso wollte ich meine Augen öffnen? Es tat weh, wollte ich es überhaupt?
„Sophie, Sophie! Mein Kind, du bist zurück!“
Sie verschluckte die Worte. Ich hatte zwar keine Möglichkeit gehabt, sie anzusehen, aber ich wusste, sie weinte. Weinte vor Freude, dass ich wach bin. Nicht schlafe, reagiere. Ich reagierte. Ich versuchte zu reagieren. Es fiel mir nur noch nicht so leicht.
Ein weiterer Versuch. Ich blinzelte. Mir egal ob meine Augen brannten. Mir egal ob ich verschwommen sah. Die Hauptsache war für mich, dass ich überhaupt Farben, Umrisse, Bewegungen erkennen konnte. Ich sah sie, alle beide. Den Arzt und meine Mutter. Ich wusste sie war es, ich erkannte sie wieder, trotz meiner noch verschwommenen Sicht.
„Ma..“ Ich wollte „Mama“ sagen, es ging noch nicht.
Ihre glasigen Augen schenkten mir Wärme, Liebe und Geborgenheit.
Auch in meinen Augen sammelten sich Tränen. Sie liefen seitlich an meiner Schläfe herunter, um in meinem Haaransatz zu trocknen.
„Pscht. Du musst nichts sagen. Ich weiß, du hast viele Fragen.“
Ein kleines Lächeln von ihr zeigte mir, dass sie mir bald all die Antworten geben würde, die ich brauchte, um alles nachvollziehen zu können.
Mein Blick wanderte zu meinem Arzt. Ich schaute ihn wartend an.
„Nun Frau Schneider, Sie haben es geschafft. Sie sind aus dem Koma erwacht. Es besteht keine akute Lebensgefahr mehr. Ich denke, Sie werden viele Fragen haben, aber am besten lass ich Sie und ihre Mutter alleine. Ich schaue nochmal später vorbei.“
Ich blickte wieder in das Gesicht meiner Mutter. Ihr warmes Lächeln war immer noch da. Sie nahm meine Hand und legte sie in ihre.
Der Arzt beugte sich über mich. Seine Hände nahmen das Sauerstoffgerät aus meinem Mund.
Dann ging er und schloss leise die Tür hinter sich.
„Mama.“, wisperte ich. Jetzt konnte ich besser sprechen, ohne das Sauerstoffdings.
„Wieso Koma? Wie lange?“ fragte ich sie angestrengt.
„Du hattest einen schlimmen Autounfall. Morgen wären es genau neun Monate gewesen.“ Während sie das sagte, glitt ihr Blick zum Fenster. Es muss schwer für sie gewesen sein.
„So lange…? Ist noch jemand verletzt worden? Mit wem bin ich gefahren?“
„Sophie, du bist gefahren. Du bist mittlerweile 19. Du hast einen Geburtstag verpasst.“
„War ich Schuld?“ brachte ich entsetzt und atemlos hervor.
Meine Mutter wich meinem Blick aus, sagte dann aber:
„Nein du warst nicht schuld. Und ja, es wurde jemand verletzt. Ein junger Mann, er erlag seinen schweren inneren Verletzungen. Aber du musst dir da jetzt keinen Kopf drum machen. Das hat sich alles geklärt. Ich möchte, dass du dich darauf konzentrierst, wieder vollkommen gesund zu werden, ja? Versprichst du mir das?“ in ihren Augen lag tiefe Trauer.
Ich war erschrocken, aber nickte ihr ruhig zu.
Es klopfte an der Tür. Hektisch richtete ich meinen Blick wieder auf.
Ein junger gutaussehender Mann kam herein. Erleichterung lag auf seinem Gesicht. Mit dem Finger wischte er sich eine Träne aus dem Auge.
„Sophie. Du bist wach. Das ist ein Wunder.“
Ich konnte ihn niemandem zuordnen.
Mama ließ meine Hand los. „Ich lass euch mal alleine. Bin in der Cafeteria.“ Mit einem Kuss auf der Stirn verabschiedete sie sich und ging. Der Junge nahm ihren Platz ein. Er musterte mich. Immer wieder ließ er seine Blicke über mich gleiten. Ich fühlte mich etwas unwohl.
„Bist du mein Bruder?“
Er seufzte, schaute zu Boden. „Nein…“
Oh Gott! Ich war mit ihm zusammen. Er war vermutlich mein Freund. Und ich war so unsensibel um das zu merken.
„Wir waren zusammen…?“
Er nickte.
„Das tut mir leid. Ich kann mich noch nicht so gut erinnern. Ich wollte dich nicht verletzen. Es ist alles nur so ungewohnt und…“
„Warte.“ Unterbrach er mich und schaute mir eindringlich in die Augen. „Du musst dich für rein gar nichts entschuldigen. Ich habe Verständnis.“ Auch er nahm meine Hand. „Und wenn ich dir im Moment fremd vorkomme, dann ist das nicht schlimm. Ich warte auf dich. Ich werde immer auf dich warten. Ich habe auch darauf gewartet, dass du aufwachst, okay?“ er lächelte mich vorsichtig an und ich lächelte zurück. Wärme erfüllte mich. Mein Herz pochte stark. Blitze ließen mich innerlich zucken. Sein Lächeln. Ich erinnerte mich. Wie konnte ich nur sein wunderschönes Lächeln vergessen? Den Klang seiner Stimmer. Die dunklen und treuen Augen.
„Samuel, ich habe dich nicht vergessen.“ Ich schaute ihn an.
Seine Augen leuchteten, sein Gesicht strahlte. „Ich liebe dich Sophie.“
Ich schob die Decke von meinen Beinen. „Hilfst du mir hoch?“
Er schaute mich zwar etwas verunsichert an, aber nickte. „Sicher. Warte ich stütze dich.“
mit viel Mühe und Kraft, schaffte ich es zu stehen. Er hielt meinen Arm. Ich trat einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn. Ich atmete seinen Duft ein, spürte sein Herz an meiner Brust schlagen und wusste in diesem Moment, dass alles wieder in Ordnung käme.
Aber mir fehlte immer noch etwas. Irgendetwas ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Ich war noch nicht vollständig angekommen.
„Ich weiß wie schwer es für dich ist. Deine Mutter ging ihn in der ersten Zeit täglich besuchen. Sie betete, dass er dir die Kraft schenkte, die er nicht hatte. Sie wollte nicht euch beide verlieren. Du hast es geschafft. Ich bin so froh.“ Flüsterte er mir sanft ins Ohr.
Als ich realisiert hatte, was er da grad gesagt hatte, wich ich von ihm. Ich stolperte, fiel zu Boden. Kroch zur Wand, drehte mich zu ihm um. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ich ihn. Er war kreidebleich geworden.
„Hat dir deine Mutter nichts gesagt?“ japste er entsetzt.
„Was? WAS? Was hat sie mir nicht gesagt?!“
„Dein Zwillingsbruder ist bei dem Unfall ums Leben gekommen.“
Ein Stich durchfuhr meinen ganzen Körper. Ich fühlte mich wie betäubt. Wie konnte ich Jonas vergessen…
Er war das, was mir fehlte.
Ich bin gefahren.
Jetzt ist er tot.

Es war still, so still.
Alles war schwarz.
Eine innere Leere erfüllte mich.