Von einem, der auszog, einen Gruselfilm zu machen

Louis war der jüngere der beiden Glaire-Brüder. Und er war es gewohnt, immer der Letzte zu sein. Sei älterer Bruder Alexander konnte wirklich alles, machte sein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1.1, war sportlich, gewann bei „Jugend forscht“, hatte Glück bei den Mädchen, Louis aber hatte weder besonders viel Grips, noch gute Noten. Doch wenigstens stand er dazu. Freunde hatte er auch nicht und auch keine Freundin. Denn Louis Glaire verstand die Menschen einfach nicht. Ihr Lebensinhalt bestand offenbar darin, nach dem nächsten Kick zu suchen. Im Kino bekamen sie einen „Gruselflash“, beim Lesen „lief es ihnen kalt den Rücken herunter“, vor dem Fernseher „klopfte ihnen das Herz“, im Theater „platzten sie fast vor Spannung“, sie probierten Bungee-Jumping und sogar S-Bahn-Surfing, nur um einen „Adrenalin-Kick“ zu bekommen. Louis konnte das nicht nachvollziehen, denn alles, was er in Filmen, Büchern, PC-Spielen erlebte, lies ihn vollkommen kalt. Mit fünfzehn stand es für ihn fest: „Ich verspüre einfach keine Angst!“ Deshalb fasste er einen Entschluss: „Ich werde einen Film machen, der so gruselig ist, dass sogar ich Angst verspüre.“
Seine Eltern wussten sich nicht zu helfen. Ihr Sohn sollte gefälligst etwas Anständiges lernen, Priester vielleicht, aber nicht Regisseur. Also schickten sie ihn in ein katholisches Internat. Die Erzieher dort merkten bald, was ihm fehlte und so beschloss der Schulleiter, Louis eine Lektion im Gruseln zu erteilen. Abends ließ er ihn in sein Büro im Dachgeschoss rufen, wo er, verkleidet mit einer Horrormaske, hinter der Tür wartete. Als Louis, wie geplant, an die Tür klopfte, stieß der Schulleiter diese auf und schrie so fürchterlich, dass jedem normalen Menschen Hören und Sehen vergangen wäre. Doch Louis musterte ihn nur seelenruhig. „Wer bist du?“ der Schulleiter versuchte wieder, Louis zu erschrecken. „Was hast du hier zu suchen?“ Der maskierte Schulleiter kam Louis‘ Gesicht bedrohlich nah. „Hallo! Ich habe eine Frage gestellt! Wenn du mir nicht antwortest stoße ich dich die Treppe hinunter.“ Das nahm der Schulleiter natürlich nicht wörtlich, stattdessen packte seine kalte Hand Louis am Nacken. „Lass mich los, oder du sitzt ein Stockwerk tiefer!“ Die Hand packte noch fester zu. „Ich habe dich gewarnt!“ Und mit diesen Worten stieß Louis den Schulleiter die Treppe hinunter. Dann ging er schlafen.
Es war die Sekretärin, die den Schulleiter am nächsten Morgen fand. Er war bewusstlos und hatte sich mehrere Knochen gebrochen. Louis erzählte ihr unbeeindruckt, was passiert war. „Ich habe ihn gewarnt! Ich konnte ja nicht wissen, dass er nachts maskiert hinter der Tür steht. Selbst schuld, sag‘ ich nur!“ Er flog sofort von der Schule. Seinen Eltern war das definitiv zu viel. „Raus! Du machst uns nichts als Ärger!“ „Aber Mama…“ „Du bist sechzehn, sieh zu, wie du über die Runden kommst!“ „Ich hab‘ doch kein Geld!“ „Hier hast du Fünfzig Euro, da ist die Tür! Raus hab‘ ich gesagt!“
Von da an saß Louis Glaire auf der Straße. Er hatte kein Dach über dem Kopf, kein Geld, keine Freunde. Aber er hatte seinen Traum: den gruseligsten Horrorfilm der Geschichte zu machen. Und so verschlug es den furchtlosen Jungen in die USA. Der Last-Minute-Flug kostete ihn seine fünfzig Euro und er musste auch noch mit den Hunden reisen, aber er war seinem Ziel Los Angeles ein wenig näher. In Washington DC stellte er sich an die Straße zu den Bettlern und murmelte vor sich hin: „Wenn’s mir nur gruselte… Wenn’s mir nur gruselte!“ Ihn hörte ein Diplomat, der Deutsch verstand, und meinte: „Das Gruseln willst du lernen, Junge? Gruselige Jobs gibt es hier genug. Komm nur mit, ich wüsste da einen, den traut sich keiner zu machen, der noch alle Tassen in Schrank hat.“ Und so brachte er Louis in die Gerichtsmedizin, die direkt an ein riesiges Gefängnis anschloss. „Wir sind gerade in der Kühlkammer, in der die Hingerichteten liegen. Sieben haben wir zurzeit, Terroristen, die werden morgen eingeäschert. Würdest du über Nacht die Kühltruhen bewachen?“ „Wenn’s weiter nichts ist?“, meinte Louis, etwas enttäuscht. „Ich dachte schon, es wäre ein wirklich gruseliger Job. Aber fünfzig Dollar pro Nacht? Ich bin dabei.“
Die Nacht brach an, es war kalt in der Kammer und so öffnete Louis die Tür zum Krematorium und schaltete den Verbrennungsofen an, um sich zu wärmen. Als er die toten Terroristen so blaugefroren sah, empfand er Mitleid mit ihnen. „Ihr seht ja ganz durchgefroren aus! Kommt an den Ofen und wärmt euch!“ Er zog die sieben Leichen aus ihren Kühltruhen und setzte sie zu sich. Natürlich fingen sie, sobald sich aufgetaut waren, erst zu stinken und dann zu brennen an und bald war von ihnen nur noch Asche übrig. Am nächsten Morgen wollte Louis seinen Lohn abholen. „Ich habe auf die Toten aufgepasst – und sie außerdem schon eingeäschert. Danke für den Job. Es war lustig, aber gegruselt habe ich mich nicht.“ Mit seinen fünfzig Dollar zog er des Weges. Allein wanderte er den Highway nach LA entlang, immer vor sich hinmurmelnd: „Wenn’s mir nur gruselte! Wenn’s mir nur gruselte!“ So las ihn ein Trucker auf, der Champagner nach Hollywood transportierte. „Das Gruseln willst du lernen?“ „Nicht nur das - ich will den gruseligsten Horrorfilm der Geschichte machen!“ „Horrorfilm? Komm mit zu dem Club, den ich beliefere. Ein ganz großer Filmproduzent ist dort Stammgast, ein wahrer Grusel-Pionier!“
Louis begleitete den Trucker also in den High-Society-Club. Auch über dem Doppelten Martini, den ihm der Wirt ausgab, konnte Louis seinen Traum nicht vergessen. Die ganze Zeit spukte ihm sein Horrorfilm im Kopf herum, und er war auch das Erste, was Louis ansprach, als man ihn mit dem Produzenten bekanntmachte. Dessen Augen wurden schmal, ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Ein junger Regisseur bist du also… und du kennst wirklich keine Furcht?“ „Wirklich nicht.“ „Das musst du mir beweisen. Du kennst doch bestimmt das verlassene Studiogelände von Daydream Movies?“ „Natürlich, Sir!“ „Und du weist doch sicher, dass es dort spukt?“ „Naja… man erzählt ja Vieles.“ „Dort spukt es wirklich! Wenn du es schaffst, dort drei Nächte zu schlafen, produziere ich deinen Film. Nimmst du an?“ „Ich nehme an.“
Noch am selben Abend zog Louis Glaire in den Daydream Studios ein. Es handelte sich um einen großen Gebäudekomplex, der einst ansehnlich gewesen sein musste, nun aber zusehends verfiel. Daydream Movies war 1956 pleite gegangen, als sie versucht hatten, drei Filme gleichzeitig zu machen: „Killer Cats“, „Tödlicher Kegelclub“ und „Der Mörder mit der Axt“. Die Kulissen und Requisiten standen verstaubt und verlassen in allen Sälen, Kammern und Fluren und schon ihre Schatten hätten normale Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Louis schritt unbeeindruckt an ihnen vorbei, „bewaffnet“ mit nur einem Feuerzeug, einem Taschenmesser und einer Isolierzange.
Für die Nacht suchte er sich den Raum aus, in dem die alten Requisiten für „Killer Cats“ gelagert wurden. Er setzte sich und schnitzte an einem Holzspan herum, da hörte er eine Stimme: „Miauuuuuuuuu! Uns ist so kalt!“ „Na dann kommt und setzt euch zu mir ans Feuer!“ Sobald er das gesagt hatte, erschienen zwei der Killer Cats. „Wollt ihr Karten spielen?“ Da fiel sein Blick auf die Krallen der Katzen. „Aber zuerst schneide ich euch die Fingernägel.“ Als sich die Katzen sträubten, rammte er ihnen sein Messer ins Fell. Beide Killer Cats erlitten einen Kurzschluss. Louis wollte gerade weiterschnitzen, als sich auch die übrigen Killer Cats fauchend auf ihn zubewegten. Doch mit diesen Verfuhr er genau wie mit den ersten Beiden. Als der Filmproduzent ihn am nächsten Morgen schlafend fand, hielt er ihn für tot. „Den haben die Killer Cats geholt. Schade eigentlich. Furchtlose Regisseure sind selten.“ Da stand Louis auf und meinte: „Guten Morgen, Sir! Es ist schön hier drinnen. Aber gruselig ist es nicht.“
Auch in der zweiten Nacht wurde es Louis über seiner Schnitzerei langweilig und so freute es ihn fast, als um Mitternacht ein halber, metallener Mensch durch den Schornstein fiel. Der ganze Unterkörper war weggerissen und Kabel hingen aus seinem Gesicht. „Du“, meinte Louis, „kannst einem ja richtig leidtun. Fühlst du dich nicht sehr zwiegespalten?“ Und gerade, als er über seinen eigenen Witz lachte, fiel die andere Hälfte aus dem Schornstein und die beiden Teile fügten sich einem grauenhaften Roboter zusammen und aus dem Schornstein fielen noch sechs andere, die sofort anfingen, mit ihren Köpfen zu kegeln. „Lasst mich doch mit kegeln! Aber aus euren Kugeln hängen ja lauter Drähte heraus – kommt, die kneif ich eben ab.“ Es wurde dann doch noch eine lustige Kegelpartie.
Der Filmproduzent war sehr verwundert, als er Louis Glaire am nächsten Morgen unversehrt und gut gelaunt vorfand. „Ich habe gekegelt, aber ich habe verloren. Das Fürchten aber habe ich nicht gelernt.“
Auch in der dritten Nacht saß Louis unbeeindruckt herum und murmelte: „Wenn’s mir nur gruselte… Wenn’s mir nur gruselte!“ Da ging die Tür auf und eine Leiche wurde hereingeworfen. Es war ein Bühnentechniker, der eines schlimmen Tages in einen Schacht gefallen und verunglückt war und seitdem dort spukte. Louis tat der arme Mann leid: „Sie sind ja ganz kalt!“ Da legte er den Toten in sein Bett und sich selber gleich dazu. Und die Leiche wurde wirklich lebendig und sobald sie ihre Glieder bewegen konnte, wollte sie Louis an den Kragen. Das lies dieser sich nicht gefallen, packte den Mann und stieß ihn wieder in den Schacht, sodass er zu Tode gekommen wäre, wäre er nicht sowieso schon tot gewesen.
Doch schon ging die Tür ein zweites Mal auf und „der Mörder mit der Axt“ kam herein gepoltert. „Ich bin der Mörder mit der Axt und ermorde dich mit der Axt!“ „Jaja, und ich bin der Mörder ohne Axt und ich hätte gerne eine Axt, aber dazu muss ich sie dir leider abnehmen!“, konterte Louis sachlich. Er schnappte sich die Axt und haute den Bart des Mörders in der Wand fest. Da schrie der Mörder: „Verschone mich, ich gebe dir auch das Band von der Überwachungskamera heraus!“ „Hier drinnen gibt es eine Überwachungskamera?“ „Ja, in jedem Raum! Alles, was du getan hast, wurde aufgezeichnet. Nimm das Band, mach dir deinen Gruselfilm draus und lass mich in Frieden!“ Gesagt, getan - mit dem Band verlies Louis Glaire am nächsten Morgen zufrieden die Daydream Studios.
Mit der Grundlage dieser Bänder wurde auch der Horrorfilm des Jahrhunderts gedreht, der mehr Geld einspielte als alle Twilight-Filme zusammen. Man muss zugeben, dass einige der Zuschauer nur wegen der hübschen jungen Dame ins Kino gekommen waren, die Louis engagiert hatte. Sie begeisterte ihn so sehr, dass sie nicht nur die Hauptrollen in seinen nächsten drei Filmen bekam, sondern auch seine Geliebte wurde. Die beiden heirateten, kauften ein Haus, er war der glücklichste Mann der Welt und sie wäre die glücklichste Frau der Welt gewesen, hätte Louis nicht im Schlaf gesprochen: „Wenn’s mir nur gruselte… wenn’s mir nur gruselte!“
Irgendwann wollte sie das nicht mehr aushalten. Eines Nachts, als er mal wieder besonders laut sprach, schlich sie sich in die Küche und holte eine große Schüssel grünen Wackelpuddings aus dem Kühlschrank. „Wenn’s mir nur…“ Mit einem Schwung kippte die junge Mrs Glaire ihrem schlafenden Mann den gesamten Inhalt er Schüssel ins Gesicht. „Aaaaaaaaaaaah!“
Louis Glaire, der furchtlose Regisseur und Gruselpionier, schreckte hoch. In seinen Augen Lag der Ausdruck nackter Angst…
Das Märchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" hebe ich ausgewählt, weil es mir von den bekannteren Märchen am besten gefällt und ich die Idee mit dem Filmstudio sehr schön fand. Außerdem hat es dem Publkum gut gefallen, als ich es al auf einer Verantstaltung in der Orginalfassung erzählt habe.
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