Die kleine Meerjungfrau

Die kleine Meerjungfrau
„Das ist unmöglich! Heute Morgen habe ich sie ja noch gesehen, da kann sie doch nicht spurlos verschwunden sein!“, keifte Mrs. Hudson Nathan an. „Aber Mrs. Hudson, wenn ich es ihnen doch sage. Viola war heute nicht in der Schule und auch sonst hat sie niemand gesehen. Wissen sie nicht vielleicht doch wo sie ist?“, fragte Nathan nochmals mit all seiner Hoffnung, doch wusste er schon bevor er die Frage stellte, dass er nicht die Antwort bekommen würde, die er sich erhoffte. „Nein! Und jetzt verschwinde von meinem Grundstück!“. Wie erwartet bekam er nicht die gewünschte Antwort und so ging er weiter die Straße entlang. Wo ist sie nur?.. Ich hätte wissen können, dass sie ihre Träume irgendwann verwirklichen würde und von zuhause abhaut. Mit so einer Mutter kann man gar nicht anders... Ich bin mir sicher dass sie weiß wo Viola ist…. Ist sie wirklich abgehauen? Aber warum sagte sie mir nicht Bescheid? Sie weiß, dass ich ihr überall hin folgen würde…
Wo bin ich hier? Es ist blau und …. ruhig. Endlich ist sie weg. Ich dachte schon das sie mir hinterhergekommen sei. Aber wo zur Hölle bin ich hier nur gelandet? „Viola! Viola wo steckst du?“ Von wo kommt diese Stimme? Wer weiß dass ich hier bin?, wo immer ich auch bin.. Und… moment mal, wieso habe ich Flossen an der Stelle wo meine Beine sein sollten? Was zum Teufel ist bloß los hier? „Viola, gut dass ich dich endlich gefunden habe! Wo du dich immer rumtreibst... Komm schnell, Isobell muss gleich hier sein! Ich bin ja schon so gespannt was sie so erzählt wie es dort oben ist und so. Du nicht auch? Vielleicht hat sie mit ja ein Geschenk mitgenommen. Ach, wie gern würde ich auch schon rauf dürfen. Du hast es gut Viola, nur mehr zwei Tage dann kannst du rauf!“ „Ähm entschuldige, aber wer bist du? Und wo bin ich hier?“ „Viola, wieso benimmst du dich so komisch? Nur weil du bald weggehst brauchst du nicht so zu tun als ob du deine eigene Schwester und vor allem deine Heimat nicht mehr kennst! Ich bin zwar um einiges jünger als du, aber Mutter hat Recht. Du wirst für immer alleine bleiben. So komisch wie du bist!“. Ich hörte ihre Worte, aber konnte ich nicht verstehen was sie zu mir sagte. „Nein, warte! Bleib hier!“, rufe ich ihr noch nach aber da war ist schon weg. „Hey! Du da! Ich weiß wer du bist und ich kann dir helfen.“ Mit einer Umdrehung nach links bemerke ich eine kleine rote Krabbe aber sonst nichts. Hat die Krabbe gerade mit mir gesprochen? „Jaja. Ich bin’s. Ob du es glaubst oder nicht, hier unten können wir sprechen! Viola, die jüngste Meeresprinzessin ist vor ein paar Stunden von der alten Hexe geholt worden. Ich hab’s ja allen gesagt, aber keiner wollte mir glauben und jetzt wo du da bist kann ich das sowieso vergessen. Also. Ich weiß zwar nicht genau warum gerade du ihren Platz eingenommen hast, aber jetzt bist du nun mal hier. Willkommen in Hydronum! Was niemand hier unten weiß, ist, dass die alte Hexe schon seit Jahrtausenden hier unten lebt. Alle paar Jahre holt sie sich eine reine Jungfrau, deren Schuppen so hell leuchten wie die funkelsten Sterne umso ihre Zauberkraft nicht zu verlieren. Niemand glaubt mir das weil alle die Hilfe der alten Hexe benötigen und sie sich von ihr verzaubern lassen, ohne dass sie es wissen. Sie ist so was wie…. Die allmächtige Böse, die trotzdem jeder begehrt. Also. Immer wenn ein Mädchen verschwindet kommt ein neues von oben. Diesmal eben du. Ich bin mir nicht sicher, wie es ausgewählt wird, wer kommen darf aber meiner Vermutung nach sind es immer solche, die verloren sind. Frag nicht was das bedeutet, ich habe diesen Begriff einmal von der bösen alten Hexe gehört. Du hast nun Violas Platz eingenommen und lebst von nun an hier unter Wasser. Normalerweise werden die Mädchen von der Hexe verzaubert, damit sie sich nicht an ihr früheres Leben erinnern und ihre neue Existenz in Frage stellen. Wahrscheinlich hat sie dieses bei dir wohl vergessen. Oder aber, sie wusste, dass du weißt, dass du hier unten glücklicher bist als oben und du deshalb dein neues Leben friedlich annehmen wirst. Wie dem auch sei, du bist nun Viola, die jüngste Meeresprinzessin. Das vorhin war deine kleinere Halbschwester Monahgan und sie erzählte dir von der Rückkehr deiner anderen älteren Schwester Isobell. Mit fünfzehn Jahren dürfen alle Meeresbewohner für einen Tag rauf auf die Erde. Isobell kommt heute nachhause und wird euch alles in jeder Einzelheit erzählen. Du musst auf alle Fälle begeistert wirken und so tun, als ob du das zum ersten Mal hören würdest. Wenn du dein Geheimnis preisgibst, bin ich mir sicher, dass die alte Hexe nicht lange überlegen wird und dir auch diese Existenz nehmen wird. Also, bist du bereit dein altes Leben abzulegen und hier als Viola zu existieren?“ So als ob ich nicht anders könnte, starre ich die Krabbe mit offenen Augen an. Keine Ahnung wieso, aber ich habe das Gefühl, dass jedes einzelne Wort dieser Krabbe der Wahrheit entspricht. Ob ich bereit bin ein neues Leben anzunehmen? Da muss man nicht lange überlegen. Alles, aber wirklich auch alles ist besser, als ein Leben mit einer Mutter, die dich schlägt, dein Selbstvertrauen zerstört und dich misshandelt. „Ja. Ich bin bereit.“ Ich sage zur Krabbe, dass ich mich auf den Weg zu Isobell und den anderen mache und er verschwindet. Aber stattdessen rufe ich die alte Hexe zu mir. Ich schließe meine Augen und mit dem ersten Wimpernschlag mit dem ich sie wieder öffne sehe ich sie vor mir stehen. „Ich bitte dich um einen Gefallen. Niemand wird von meinem Geheimnis erfahren und ich werde für immer in dieser Welt friedlich leben wenn du mir nur alle Erinnerungen an mein altes Leben nimmst.“ Sie sieht mich an und sagt kein Wort, sie holt bloß mit ihrem Zauberstab aus. Ein letztes Mal denke ich noch an Nathan. Es tut mir leid, denke ich, aber du wirst es verstehen. Du weißt, was mit sie mir angetan hat und das ist mein einziger Weg, jemals glücklich zu werden; Nath, ich werde dich immer lieben.
Moment was mache ich hier? Isobell kommt jeden Augenblick zurück, nichts wie hin zu ihr. Ich bin schon gespannt was sie alles zu erzählen hat.
„Dad! Dad! Ich hab was gefunden!“, schreit der kleine Junge seinem Vater zu. Er ist so stolz, dass er zum ersten Mal mit seinem Vater im Wald spazieren gehen darf und jetzt wird er ihn sich loben, weil es was Großes entdeckt hat. „Ach Gott, Luke, du musst mir nicht alles zeigen was du siehst!“, mühte sich der Vater ab zu sagen. Warum hat mich meine Frau nur dazu gezwungen mit dem Bengl rauszugehen?... Schließlich doch von der Neugierde übermannt, begibt sich der Vater zu seinem Sohn, welcher mit seinem Finger auf den See zeigt, welcher sich neben dem Wald befindet.
Der Pathologe ist es gewöhnt, mit Opfern aus dem Wasser zu arbeiten. Doch hat er noch nie eines gesehen, das so schlimm zugerichtet war. Das Mädchen muss seit mindestens drei Jahren im Wasser gewesen sein. Trotzdem sieht man noch immer die Wunden, welche höchstwahrscheinlich von einem Küchenmesser stammen. Er schreibt seinen Bericht zu Ende und schließt die Akte. Auf seinem Nachhauseweg kommt er bei einem kleinen Fluss vorbei, sieht zu, wie die sanften Wellen aus Wasserschaum sich auf und ab bewegen und dachte ‚Ich hoffe, sie hat ihren Frieden mit sich gefunden.‘
„Mommy, darf ich eine Banane haben?“, fragt Susan ihre Mutter. „Gleich Schätzchen. Ich schneide sie dir noch schnell klein.“ Jedes Mal wenn Mrs. Hudson das Messer aus der Lade nimmt, schweift noch immer ein trauriger Blick über ihre Augen.
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