Todeskreis

Es würde das letzte Mal sein. Deswegen sah er noch einmal ganz genau hin, prägte sich jeden Zentimeter von Aidas Gesicht ein, auch wenn er es nur schwer erkennen konnte. All die Schatten verbargen ihre zarten Gesichtszüge und die stürmisch gelockten Haare, die gar nicht zu ihrem Wesen passen wollten. Verschleierten die zwei Spangen mit den Schmetterlingen, die er erst für albern gehalten hatte, aber die Tag für Tag besser zu ihr gepasst hatten. Immer mehr zu einem Stück Aida geworden waren.
Das einzige, was er deutlich durch die dunklen Umrisse sehen konnte, waren ihre Augen. Grün und sonst immer voller Freude, Glück und Hoffnung. Jetzt waren sie weit aufgerissen und nichts als Angst hatte in ihnen Platz. Aidas Welt hatte sich vor ihren Augen entzaubert und nun gab es für sie nur noch einen Weg. Einen Weg, auf den er sie schicken würde. Ein Weg, von dem nur er wusste, dass es keine Wiederkehr geben würde.
Und das Amulett. Das Amulett strahlte durch das Dunkle, satt an Aidas Glück, dass es in Verzweiflung und Zerstörung verwandelt hatte. Er hatte so sehr gehofft, dass es bei ihr anders sein würde. Das Aida dem Drängen der verwunschenen Kette standhalten, sich von ihr trennen könnte, bevor es zu spät war.
Doch es war nicht geschehen und nun war der Kreis ein weiteres Mal dabei, sich zu schließen und er konnte nichts dagegen tun, außer hilflos zuzusehen und Aida die Angst zu nehmen.
Vorsichtig löste er eine Hand aus ihren, die ihn wie eisige Stricke umklammerten. Sanft strich er ihr eine Strähne des Haares, die verirrt in ihrem Gesicht hing, zurück. Schob sie unter einen der Schmetterlinge. Für einen Moment blieb sein Finger auf dem fragilen Schmuckstück liegen.
„Ich habe Angst“, flüsterte sie. Ihre Stimme war wie ein Frühlingshauch, der Wärme und Leben versprach. Aber durchbrochen vom Frost des Winters, gegen den er niemals ankam.
„Ich weiß.“ Er entzog auch seine zweite Hand und hielt ihr Gesicht fest, sodass sie zu ihm aufsah. Sich ihre lebenden, geweiteten Augen in seine bohrten. Dann beugte er sich vor und hauchte ihr einen leisen Kuss auf die Stirn. Als er den Kopf zurückzog war ihm, als würde sich sein Inneres zerreißen. Das würde das letzte Mal sein, dass er sie berührte. Doch er durfte sich nicht anmerken lassen, dass er bereits trauerte und dass die Trauer bereits begann, ihn zu zerfressen und sich Aida mehr als alles andere zurückzuwünschen.
„Ich weiß. Aber bald musst du keine Angst mehr haben. Ich habe es dir versprochen. Nur noch der Fluss. Die Stelle ist flach und dahinter wird alles besser. Bist du bereit?“
Sie nickte kaum merklich, während er sich wünschte, sie würde den Kopf schütteln und die Arme um ihn schlingen, wie sie es immer tat. Doch heute nicht. Heute würde alles anders sein. Sich alles ändern.
„Dann los.“ Vorsichtig stand er auf und legte beide Arme um ihren Körper. Die wenigen Schritte, die er sie bis zum Flussufer trug, ließ er so langsam wie möglich vergehen. Kostete jede Sekunde aus und schwor sich, keine davon je zu vergessen. Mit jedem Atemzug sog er ihren Duft ein. Den Geruch nach frischem Grün, nach Blumen, die bereit waren, zu blühen, nach Babys, nach den warmen Strahlen der Sonne. Er spürte, dass sie ihn ansah, aber er konnte ihren Blick nicht erwidern, ohne dass sich verräterische Tränen in seine Augen schleichen würden. Er musste noch einmal stark sein. Warten. Dann konnte er seinem eigenen Schmerz freien Lauf lassen, bevor seine Aufgabe viel zu schnell erneut beginnen würde.
Es war viel zu früh, als seine lautlosen Schritte enden mussten. Er durfte das Wasser nicht berühren ohne dass es schwere Folgen hätte, doch trat auf Zentimeter heran. Dann endlich wagte er, Aida anzusehen, sie ein letztes Mal zu küssen und zu hoffen, dass sie seine Verzweiflung nicht schmeckte, so wie er ihre Angst und Sehnsucht, bevor er mit sich selbst rang, um seinen Armen den Befehl zu geben, Aida abzusetzen. Direkt in das Wasser, das sanft ihre Knöchel umspielte.
Er war nicht mehr als ein Hauch, Aidas letzter Händedruck. Ein allerletztes zaghaftes Lächeln, mit dem sie zu überspielen versuchte, welche Angst sie hatte. Er zwang sich, es zu erwidern.
„Geh.“ Es war zu leicht, das schwerste Wort, das sich je über seine Lippen gekämpft hatte. Aida wandte sich ab. Drehte sich um. Machte den ersten Schritt durch das seichte, aber endgültige Gewässer.
Jeder ihrer Schritte kostete ihn Kraft. Kraft stehen zu bleiben, anstatt ihr nachzustürzen und sie zurückzuholen. Noch konnte er es. Die Versuchung alle Folgen in den Wind zu schlagen und Aida zurückzuholen wuchs beinahe ins unerträgliche, als Aida sich immer weiter entfernte und ließ dann so schlagartig nach, dass seine Knie nachgaben, als sie den ersten Schritt ans andere Ufer machte.
Zögernd drehte Aida sich noch einmal um und lächelte zaghaft, hob die Hand um zu winken. Um zu signalisieren, dass bei ihr alles gut war. Dann begannen sich die Ränder ihrer Hand, ihre Umrisse, aufzulösen, zu verschwimmen. Entsetzen und Erschrecken. Das konnte er auch von der anderen Seite in ihrem Gesicht erkennen und das war es, was ihn immer wieder verfolgen würde. Aidas letzter Blick, voller Unverständnis und Angst über das, was mit ihr passierte. Er wusste, dass sie nichts sehnlicher wünschte, als ihn neben sich zu haben.
„Es tut mir Leid, Aida. Aber jetzt ist es zu Ende.“ Er blieb am Ufer sitzen, auch lange, nachdem Aida verschwunden war, wie ein Nebelstreifen, der sich lange in den Bäumen verfangen hat und schließlich doch von den Sonnenstrahlen erlöst wurde. Dies war die Zeit, in der es ihm erlaubt war zu trauern. Doch er war wie erstarrt, in Gedanken und Erinnerungen an Aidas glückliche Zeit gefangen, während eine Träne nach der anderen neben seinem reglosen Körper zu Boden tropfte.
Als die Sonne deutlich über dem Horizont stand, regte er sich. Er trauerte noch immer, doch sein Körper befahl ihm weiterzumachen.
Eine fließende Bewegung, dann war das Amulett, das in seine Hand zurückgekehrt war, sicher in der Tasche verstaut. Irgendwann würde es von dort verschwinden und auf den Straßen auftauchen, wo ein einsames Mädchen es finden, berühren und verflucht werden würde.
Nur allzu bald würde er wieder beobachten, wie eine junge Frau allein durch die dunklen Straßen gehen würde, vermutlich von einem Fest, einem Ball oder vielleicht einem Soirée. Er fragte sich immer noch, wie man so leichtsinnig sein konnte und zu Fuß gehen, anstatt mit der Familie in der Kutsche zu fahren. Bei Aida war es so gewesen. Und bei vielen anderen vor ihr ebenfalls.
Das Mädchen würde stehen bleiben, weil ihr der schwache Widerschein des Amuletts im schummrigen Licht auffallen würde. Vermutlich fragten sie sich alle, wer einen so kostbaren Schmuck auf der Straße verloren hatte und überlegten vielleicht sogar, seinen Besitzer zu ermitteln, wenn auch mit dem Hintergedanken, sich gesellschaftliche Vorteile zu verschaffen. Der Besitzer eines solchen Amuletts musste reich sein.
Dann würde sie zum ersten Mal die Hand danach ausstrecken und den Stein von der Größe einer Kinderfaust berühren. Vorsichtig mit dem Daumen über Rubin und reich verzierte, angelaufene Silberfassung streichen. Und in diesem Moment würde sie spüren, dass etwas Mysteriöses an der matt glänzenden Oberfläche haftete und auch wenn sie nicht genau sagen konnte, was es war, hatte sie längst beschlossen, das Amulett nie wieder herzugeben. Nicht einmal dann, wenn es um ihr Leben ginge.
Und genau das war der Moment, an dem er aus dem Schatten treten würde, von dem aus er alles verfolgt hatte. Seine Aufgabe würde ein von vorne beginnen. Er würde erneut beobachten müssen, wie sich ein Mädchen zum glücklichsten auf der Welt verwandelte, bevor es tiefer stürzte als sie es je für möglich gehalten hätte. Er wäre während der ganzen Zeit bei ihr um sie im richtigen Moment ebenfalls zum Fluss zu bringen.
Alles wegen eines Fehlers, den er vor Jahrhunderten begangen hatte. Wegen dieses Fehlers mussten die Mädchen sterben und es würde für immer seine Aufgabe bleiben, sie zu begleiten.
Auch wenn er sich verliebte. Auch wenn eines der Mädchen war wie Aida, das sein totes Herz zum Schlagen brachte. Auch dann war der Fluch des Amuletts ein Kreis aus dem es kein Entrinnen gab.
©Kristina W. (Samohr21)
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