Buch des Monats 01/12: Ruta Sepetys - Und in mir der unbesiegbare Sommer

Litauen, 1941
Es ist ein lauer Sommerabend, als die fünfzehnjährige Lina und ihre Familie von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt werden. Noch ahnen sie nicht, dass man sie – wie Zehntausende anderer Balten auch – nach Sibirien deportieren wird. Von einem Tag auf den anderen ist ihr Leben bestimmt von unvorstellbarem menschlichen Leid, von Hunger, Krankheiten und furchtbarer Gewalt. Doch Lina fängt an zu zeichnen, in den Staub, auf jedes kleinste Stück Papier, das sie finden kann. Und sie verliebt sich in Andrius. Lina kämpft um ihr Leben und um das ihrer Familie. Doch wird sie stark genug sein?
Linas Geschichte lässt einen nicht mehr los. Ein fesselndes Buch über die unbesiegbare Kraft der Liebe und der Hoffnung.
Klappentext:
Ich suchte einen Stock und brach ihn entzwei. Dann setzte ich mich und zeichnete unser Haus, unseren Garten und die Bäume auf den harten Boden, bevor ich wieder an die Arbeit musste.
Es begann zu regnen. Tropfen fielen auf unsere Köpfe und Schultern. Wir versuchten, sie mit dem Mund aufzufangen.
„Was für ein Wahnsinn“, sagte Frau Rimas.
Mutter rief dem blonden Wachmann etwas zu. Zwischen den Zweigen des Baums war die Glut seiner Zigarette zu sehen.
„Wir sollen schneller graben, sagt er“, erklärte Mutter. Sie musste ihre Stimme heben, weil es wie aus Kübeln schüttete.
„Der Boden sei jetzt weicher.“
„Mistkerl“, sagte Frau Rimas.
Ich sah, wie unser Haus im Dreck zerlief. Mein Zeichenstock wurde von Wind und Regen weggewirbelt.
Ich senkte den Kopf und grub.
Inhalt des Buches:
Als plötzlich und unerwartet Lina, ihr kleiner Bruder Jonas und ihre Mutter von Offizieren des NKWD abgeholt wurden, wusste das junge Mädchen noch nicht, welch schreckliche Zeiten sie alle erwarten würden. Innerhalb kürzester Zeit riss man sie und ihre Familie aus der vertrauten Umgebung und lud sie mit je einem Koffer für ihr Hab und Gut auf einen Laster, in dem auch andere Litauer saßen.
Die Fahrt war grauenhaft und niemand wusste, was die Sowjets mit ihnen allen anstellen würden. Lina konnte nur an ihren Vater denken. Er war bei ihrer Abholung noch in der Universität gewesen. Wo er wohl steckte? Ob sie ihn auch gefangen genommen hatten? Aber die größte Frage, die Lina im Kopf herumschwirrte, war, warum der NKWD das tat? Was hatten sie getan?
Es würde Jahre dauern, bis Lina eine Antwort darauf bekäme.
Die Zustände in den LKWs waren grauenvoll. Noch schlimmer wurden die Fahrten mit dem Zug. Der NKWD trieb die Leute wie Rindvieh in die Waggons, in denen es stickig und verdreckt war. Zu Essen gab es pro Waggon am Tag einen Eimer Brei und einen Eimer Wasser, um den sich die Leute schnell drängten. Ihre Scham und das Gefühl wie Menschen behandelt werden zu dürfen, mussten sie schnell ablegen.
Denn ihre Peiniger hatten sie als Diebe und Huren gebranntmarkt, wie es auf den Waggons in großer Schrift stand.
In der langen Zeit der Gefangenschaft, in der Lina, ihre Mutter und Jonas versuchten beisammen zu bleiben, musste sie viel aufgeben. Überall drohte der Tod, Angst zermürbte die Gemüter und Uneinigkeit drohte immer wieder von Neuem die Menschen auseinanderzureißen. Doch der Hass auf Stalin, der die Deportation Litauens, Lettlands und Estlands befohlen hatte, hielt die Menschen zusammen. Man half einander, versteckte Essen in der Unterhose, in der Gefahr entdeckt und getötet zu werden. Hoffnung auf Rettung keimte auf und man suchte ständig nach Wegen seinen Liebsten eine Botschaft zu schicken.
Lina hingegen konnte diese ganze Situation nicht ertragen. Sie hasste die Sowjets und wünschte ihnen allen den Tod. Ihre Verzweiflung darüber, wie sie alle behandelt wurden und nicht zu wissen, wo ihr Vater war, wie es ihm ging, veranlasste sie Bilder zu malen. Lina zeichnete, alles, was sie fühlte, mit allem, was sie in die Finger bekam. Stöcken, Dreck, Asche, Stifte, Papier. Sie hatte die Hoffnung diese Bilder ihrem Vater zu schicken, dass er sie, Jonas und Mutter bald aus dieser Hölle holen komme. Einzig dieser Gedanke, Mutter und Jonas hielten sie lange am Leben. Bis sie Andrius näher kennenlernte. Er und seine Mutter waren gemeinsam mit ihnen in die eisigsten Kälten Russlands deportiert worden.
Und in einem Leben erfüllt von Gewalt, Hass und Angst begann in Lina Hoffnung aufzukeimen.
Als sie eines Tages von Andrius getrennt wurde, half ihr diese Hoffnung, die Liebe, nicht aufzugeben und an eine Zukunft zu glauben – mit ihm.
Meine Meinung:
„Und in mir der unbesiegbare Sommer“ ist das schönste Buch, das ich je über dieses Thema gelesen habe. Es berührt. Nicht nur das Wissen darüber, dass die traurige Geschichte um Lina Vilkas und Andrius Arvydas auf einem historischen Hintergrund basiert, treibt einem beim Lesen die Tränen in die Augen. Auch Ruta Sepetys Art zu erzählen.
Im Buch gibt es oft sogenannte „Flashbacks“, in denen Lina in einer bestimmten Situation an die Vergangenheit denken muss. Das fand ich sehr schön, es verstärkt die Gefühle beim Lesen. Dachte Lina zum Beispiel an ihren Vater, erinnerte sie sich daran wie er sie verschmitzt angelächelt hatte und selbst mir hat ihr Vater dann gefehlt. Dadurch versteht man Linas Gefühlswelt besser .
Das Buch hat mich von der ersten Seite an bis zum Schluss in seinen Bann gezogen. Es ist einfach einzigartig wunderschön und ich würde es jedem empfehlen, der eine Geschichte voller Liebe und Hoffnung über die vergessene Vergangenheit Litauens lesen möchte.
Mein Fazit:
Eine berührende Geschichte, die nach langer Zeit dem Volk von Litauen eine Stimme gibt, um zu erzählen, was damals passiert ist.
Die Autorin:
Ruta Sepetys, geboren und aufgewachsen in den USA, hat selbst Vorfahren aus Litauen, einem Land, das wie Estland und Lettland 1940 für fünfzig Jahre von der Landkarte verschwand. Mit ihrem Buch will die Autoren all jenen hunderttausenden Balten eine Stimme geben, die während der Schreckensherrschaft Stalins ums Leben kamen. Ruta Sepetys lebt mit ihrer Familie in Tennessee, USA.
„Und in mir der unbesiegbare Sommer“ ist ihr erstes Buch.
Ruta Sepetys Seite
Henning Ahrens, geboren 1964 in Peine, studierte Anglistik, Geschichte und Kunstgeschichte in Göttingen, London und Kiel. Neben seiner Übersetzertätigkeit hat er eigene Romane und diverse Gedichtbände veröffentlicht und wurde bereits mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Henning Ahrens lebt in Niedersachsen auf dem Land.
Das Cover:
Der Buchumschlag ist weiß, nur der Schriftzug und ein Mensch in grauer, dicker Winterkleidung steht verlassen mit gesenkten Kopf in dem Weiß und wirft einen langen Schatten.
Ich finde das Cover schön, doch es zeigt für meinen Geschmack zu sehr die Einsamkeit, die Isolation, und die Kälte, die Lina und die anderen erfuhren. In meinen Augen geht es aber vor allem darum, dass auch in der Isolation Zusammenhalt entstehen kann, dass auch in der eisigsten Kälte eine Pflanze wächst und sich am Licht der Sonne festhält. Dazu passt der Schriftzug sehr gut. Das Originalcover hingegen gefällt mir da viel mehr.
Allgemeine Daten:
Titel: Und in mir der unbesiegbare Sommer
Originaltitel: Between Shades of Gray
Seitenzahl: 304
Sprache: Deutsch
Originalsprache: Englisch
Preis: 16,90€
Verlag: Carlsen Verlag
Originalverlag: Philomel Books
ISBN: 978-3-551-58254-6
Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahren
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