Flucht vor Jack the Ripper

Bild von Artist_Tatjana

Es ist bereits spät nachts. Dunkelheit legt sich unheimlich über die Stadt, die nur von gedämpften Straßenlaternen durchbrochen wird. Absätze hallen durch die verlassenen Straßen.
Ruby zieht ihren schwarzen Pelzmantel enger über ihrem weinroten Tournürenkleid. Wie kalt die Herbstnacht 1888 doch ist…
Logan, dieser Mistkerl! Warum musste er das sagen? Damit hat er alles kaputt gemacht! Idiot! Idiot! Doppelter Idiot! Sie lauft immer schneller eng den Mantel um ihren Körper schlingend. Kalter Wind bläst ihr um die Haarsträhnen, die aus dem schwarzen, mit Spitzen und Rosen verzierten, Zylinder und teils entblößtem Dutt raus ragen. Erst im Nachhinein merkt sie, dass sie sich zu weit vom Bankett entfernt hat. Ihr Tempo verlangsamt sich und schaudernd schaut sie um sich. Wo bin ich denn eigentlich hin gelaufen?
„Mist!“, stoßt Ruby hervor und kehrt auf ihrem Absatz um. Das hat mir jetzt auch noch gefehlt!
Selbst wenn sie in die entgegen gerichtete Richtung marschiert, erkennt sie die Gegend nicht wieder. Vielleicht ist sie heute schon einmal hier entlang geschlendert, aber da hat noch die Sonne geschienen und von Menschen nur so gewimmelt. Des Nachts sehen die Straßen wirklich anders aus.
Angst kriecht ihr langsam den Rücken hoch. Gehetzt blickt sie immer wieder von links nach rechts, geradeaus und wieder von rechts nach links. Ganz ruhig bleiben! Ich bin bestimmt in Null-Komma-Nichts wieder beim Theater! Doch selber daran glauben, kann sie nicht.
An einer Kreuzung bleibt sie ruckartig stehen. Und jetzt? Überall herrscht die Finsternis; weit entfernt kann sie den leichten Schimmer der Laternen ausmachen. Toll! Nicht nur, dass sie sich mit Logan gestritten, sondern auch, dass sie sich in einem fremden Jahrhundert befindet, geschweige denn in eine unbekannte Stadt, wo sie noch nicht einmal eine Karte bei sich hat!
Am liebsten würde sie jetzt laut schreien, jedoch hat sie zu viel Angst von irgendeinem Psychopaten gehört zu werden. Und dann, ein Klicken. Schritte erklingen.
Ruby hält die Luft an; ihr Körper verkrampft sich. Vorsichtig späht sie mit geweiteten Augen die Umgebung ab. Überall sind kleine Gassen, die in Schwärze getaucht sind. Auf einmal fühlt sie sich beobachtet. Ohne lange zu fackeln nimmt sie den geraden Weg vor ihr. Diesmal macht sie weite Schritte. Nur nicht stehen bleiben. Sie hört ihren Verfolger. Das Echo fremder Absätze verfolgt Ruby. Immer wieder späht sie nach hinten. „Scheiße!“, platzt es aus Ruby leicht weinerlich raus, als sie sich in eine Sackgasse wieder findet.
Ein fremder Schatten breitet sich über das Mädchen aus. Panik übermannt Ruby. Langsam dreht sie sich um. Ihr Herz pocht mit jeder Sekunde lauter. Ein Mann im schwarzem Mantel und Zylinder stemmt sich bedrohlich vor ihr auf wie eine unüberwindbare Mauer. Ein verzweifelter Schrei, der ihr in der Kehle erstickt. Auftritt des Henkers mit einem langen Metzgermesser in der Hand. In einem Schlag weiß sie, wer vor ihr steht. Nein… der berüchtigte Jack the Ripper.