Maximilian Hellenwarth
20. 11. 1993 - 19. 11. 2011
Lieber Max,
weißt du, wie oft ich zurückdenke? Ich frage mich, ob ich alles hätte ändern können. Und warum ich es nicht versucht habe.
Die Zeit, die wir zusammen hatten, waren freie Stunden ohne Zwang und ohne Angst. Und dafür bin ich dir sehr dankbar. Ich weiß nicht, ob es so war, aber mir kam es vor, als wenn ich das erste Mal wirklich dich bei mir hatte, du die Maske des arroganten, gutaussehenden Schnösels komplett abgelegt hattest und nur noch Max warst.
Vielleicht war es auch nur Einbildung, aber diese Maske hat mich immer daran gehindert, mehr als Freundschaft für dich zu empfinden und als sie weg war...
Auch wenn ich weiß, dass du das hier nicht hören willst: Ich war dabei, mich in dich zu verlieben. Und darum ist es für mich noch viel schwerer, dich so zu verlieren.
Das mit uns hätte keine Zukunft gehabt. Aber vielleicht wenigstens eine Gegenwart.
Du bist zu früh gegangen.
Lou
Ich schiebe den Brief am Rand des Grabes in die Erde, dort, wo der Boden weich vom Regen ist. Wahrscheinlich wird ihn ein Gärtner finden und wegschmeißen, aber wenigstens habe ich das Gefühl, irgendetwas getan zu haben.
Der Grabstein ist aus weißem Marmor und riesig! Irgendwie typisch. Max war immer der mit den reichen Eltern, mit den teuren Armbanduhren, mit den Verbindungen zu einflussreichen Personen, da muss auch der Grabstein ins Bild passen.
Ein Grund, warum das mit uns nicht geklappt hätte. Unterschiedliche Ideale. Unterschiedliche Einstellungen. Komplett konträre Leben…
Streberin, Ökotussi, ewige Weltverbesserin.
Bonzenkind, alter Angeber, Weiberheld.
Gegensätze ziehen sich nur so lange an, wie sie merken, dass es gut für sie ist.
Max und ich haben dafür nur zwei Stunden gebraucht. Zwei Stunden mit Lachen und Liebe und Lust und ohne Eltern oder sonstwen, der uns daran erinnerte, dass es nicht geht.
Zwei Wochen später war Max tot. Überdosis Kokain.
Vor der ich ihn nur gewarnt hatte, aber nicht abraten wollte, um nicht noch den letzten Rest kaputtzumachen, indem ich die brave Spießerin raushängen lasse, von der er doch wusste, dass ich sie nicht bin...
Ich habe in den vier Monaten, die er jetzt tot ist, kein einziges Mal geweint, aber jetzt kommen plötzlich die Tränen und lassen mich verzweifelt schluchzend zusammen brechen.
Ich wünschte, ich könnte alles anders machen. Die Augen öffnen, wieder mit Max im Auto sitzen und mir um nichts Sorgen machen müssen.
Und dass diesmal alles gut wird.
Ein Ziehen im Bauch. Kühle Luft auf meiner Haut. Ein Prickeln, das sich langsam ausbreitet.
Ich öffne die Augen. Das Grab, vor dem ich sitze, ist alt und verwittert.
Friedrich Hellenwarth
12. 12. 1901 - 31. 03. 1976
Hä? Was ist denn jetzt los?
Ich habe doch hoffentlich keine Halluzinationen, oder? Die Bäume, die gerade noch vom ersten Grün eines beginnenden Frühlings gezeichnet waren, sind jetzt kahl und nur von bräunlichem Laub bedeckt.
Ich sehe mich verunsichert um. Komisch.
Der Himmel wird langsam dunkel. Ich krame mein Handy hervor, um nachzusehen. wie spät es ist. 17:23 strahlt es mir vom Display entgegen, aber ich kann nicht darüber nachdenken, wann der nächste Bus kommt, denn direkt darunter leuchtet klein das Datum: 05.11.2011
*
Maximilian Hellenwarth
20. 11. 1993 - 05. 06. 2061
Lieber Max,
weißt du, wie oft ich zurück denke und überlege, was wäre, wenn...?
Warum frage ich dich eigentlich? Es hätte dich ohnehin nicht interessiert. Wie so vieles.
Ich habe damals gedacht, es wäre ein Alptraum gewesen, eine Halluzination, ein Flashback von den Pillen, die du mir gegeben hast, aber was, wenn es wirklich passiert ist? Ich habe vorher gewusst, dass du Kokain hattest, genug, um dich ins Nirvana zu befördern. Ich habe dich gebeten, es nicht zu tun; vielleicht habe ich dir das Leben gerettet.
Aber war es wirklich das, was ich wollte? Dir das Leben retten, um meines zu zerstören? Du hast mir erzählt, dass du mich liebst und ich habe dir geglaubt, habe die Zeichen ignoriert, die mir gesagt haben, dass ich nicht die für dich war, die ich sein wollte.
Ein kluger Mensch hat mir einmal gesagt, dass es für jeden die eine Person gibt, die perfekt passt. Und dass man sie nicht verpassen kann – höchstens nicht erkennen.
Ich habe so lange versucht, mir einzureden, dass du die eine Person für mich wärst, aber ich weiß, ich hatte Unrecht.
Du hast mit mir geschlafen, weil ich gut aussah – nicht weil du mich mochtest.
Du hast mich geheiratet, weil ich schwanger von dir war – nicht weil du mich geliebt hast.
Du hast mich benutzt.
Betrogen.
Und ich habe alles zugelassen.
Ich mache dir keinen Vorwurf. Ich war schließlich selbst so dumm, dir zu glauben.
Deine Geschichten mit Vertrauen zu verwechseln. Und so dumm, zu übersehen, dass die Maske aus Arroganz und Egoismus längst auf deinem Gesicht festgewachsen war.
Und doch, ich habe wegen dir verpasst, die eine Person zu finden. Denn du warst es bestimmt nicht.
Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich alles so gelassen hätte. Wie das Schicksal es wollte.
Vielleicht wäre ich heute glücklich. Hätte eine Familie, Kinder, die sich öfter als einmal im Jahr melden, und einen Ehemann, an dessen Seite man sich wünscht, alt zu werden. Menschen, die mich lieben und nicht benutzen würden. Ich könnte an dich denken als die erste große Liebe, die ich verloren hätte. Und nicht an den Ehemann, der mich betrogen und erniedrigt hat.
Ich bin den falschen Weg gegangen.
Lou
Ich schiebe den Brief in die regenfeuchte Erde am Rand des Grabes. Wahrscheinlich wird ihn irgendwann ein Gärtner finden und wegschmeißen, aber das ist mir egal.
Der Grabstein ist aus weißem Marmor und genau so protzig wie Max es immer war. Groß. Hart. Kalt.
Ich bin nicht mehr das junge, hübsche und viel zu naive Ding von damals. Mein Leben ist vorüber.
Ich weiß, dass ich mir die vier Monate nicht eingebildet habe. Aber ich weiß auch, dass das Leben nicht so leicht zu verändern ist. Dinge haben Auswirkungen. Und nur, weil einem etwas schlecht vorkommt, heißt es nicht, dass die Folgen gut sein müssen.
Ich wünsche mir die Zeit nicht zurück. Wer weiß, was noch passieren würde. Ich wünsche mir nur, ich könnte nicht so sicher sagen, dass dieses Leben auf einem Fehler von mir beruht.
Meine Beine tragen mich nicht mehr; ich setze mich auf die Bank am Friedhofsweg und schließe die Augen. Der Sommer ist zu Ende, aber ein paar warme Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht. Ich lausche dem Rauschen der Bäume, deren Blätter sich langsam rot und braun färben.
Eine Träne rollt über meine Wange, ich weiß selbst nicht warum, für die ganzen vergeudeten Jahre oder für die Liebe zu Max, die viel zu früh gestorben ist.
Ein Ziehen im Bauch. Kühle Luft auf meiner Haut. Ein Prickeln, das sich langsam ausbreitet.
Ich öffne die Augen.
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Ja, also das ist die lange Version meines gekürzten bzw. nur als Anfang genommenen Zeitreiseschreibwettbewerbsbeitrag [1]. Ich überlege, ob das Ende so offen besser ist, oder ob ich als letztes noch einmal die Inschrift des Grabsteins machen soll, evtl. ohne Jahreszahlen...? :)
Vielen Dank außerdem an Flips für das Zitat des "klugen Menschen" aus dem zweiten Brief, das ich so schön fand, das ich fast schon wieder heulen musste :)
Und an Casper wegen "So perfekt", weil es gerade einfach das beste Lied ist, was ich kenne.