Zwischen Hölle und Meer

Er sieht zum wolkenlosen Himmel. Von dort ist er gekommen. Nein, von noch viel weiter weg. Er spürt nicht, wie die Menschen durch ihn hindurch laufen, sich nicht von den weißen Flügeln stören lassen.
Nun schweift sein Blick über den Ort, an dem er sich befindet.
Hohe, bunte Gebäude mit vielen Fenstern ragen neben kleineren, zierlicheren, doch farbenprächtigeren Häusern aus dem steinigen Boden.
Er ist angekommen.
Hier ist, was er sehen wollte:
Eine Zeit, in der der Himmel noch blau und der Boden kühl war. Eine Zeit, in der es so viele fröhliche Gesichter wie Sterne in der Nacht gab. Eine Zeit, in der menschliche Probleme noch Chancen auf Lösungen besaßen. Eine Zeit, in der Technik noch für Hoffnung stand statt für Zerstörung.
„Mama? Warum heißt es eigentlich Himmel und Hölle?“
Er findet die Stimme nahe des Springbrunnens, welcher sich in der Mitte des großen Marktplatzes befindet.
Alles ist hier prächtiger.
Was mag geschehen sein, dass die Zukunft, aus der er kommt, derart düster ist?
Die Mutter kann ein amüsiertes Grinsen nicht verbergen. „Warum fragst du, Süße?“
Ihre Tochter zuckt mit den Achseln, während sie in die Einkaufstüte greift, die ihr hingehalten wird. Er springt ab und schlägt kräftig mit seinen Flügeln.
„Die im Kindergarten sagen, dass Böse in die Hölle und Gute in den Himmel kommen.“
Unbemerkt landet er vor ihnen.
An Himmel und Hölle glaubt in seiner Zeit kaum einer mehr, denn für die Menschen dort ist die Erde bereits die Hölle.
„Ich finde das doof. Warum kommt man in den Himmel? Ich möchte lieber ins Meer, Mama.“
Nicht nur dem heimlichen Zuschauer entweicht ein Glucksen.
„Was willst du denn da?“
„Da kann ich schwimmen und Fische angucken und auf Delfinen reiten. Das ist viel toller!“
So unbeschwert hatte er einen Menschen selten gesehen. Ihm gefällt diese Zeit. Wenn er nicht wieder fort müsste, würde er hier verweilen, bis seine Seele verblasste. Er würde nicht freiwillig wieder zurückkehren. Nicht wieder in diese weite Zukunft, in der keiner weiß, wie es zu einer solchen Veränderung gekommen war.
„Dann wäre es doch sinnlos, dass die Erde zwischen Himmel und Hölle ist.“
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als er vor dem Mädchen in die Hocke geht und die neugierigen Augen beobachtet, welche die Bewegungen des Löffels nachdenklich verfolgen.
„Was meinst du? Was ist zwischen der Hölle und deinem Meer?“
Etwas zieht in seiner Brust, jemand ruft nach ihm.
Bitte noch nicht. Noch einen Moment.
„Vielleicht…“, beginnt das Mädchen, während der beladene Löffel vor ihr schwebt.
Seine Hand berührt ihren Kopf.
Sie sollen gut auf ihre Zeit Acht geben. Sie sollen Acht geben auf das, was ihre nahe Zukunft bringt, weitergeben, dass ihre Kinder und Kindeskinder darauf achten, damit sie niemals in einer Zukunft landen, in die er zurückkehren nun muss.
Sein Körper erhebt sich und verliert die Berührung zum Kopf des Kindes.
Ein letztes Lächeln ziert sein Gesicht, als er die Antwort der Kleinen hört:
„… ist zwischen Hölle und Meer ja Pudding.“
_______________________________________________________________
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben
- Weiterempfehlen
