Im falschen Film

Bild von Phönix

Warum ist es so heiß? Mir läuft der Schweiß die Stirn herunter, dabei bin ich doch gerade erst aus dem klimatisierten Hochhaus auf die Straße getreten. Es war doch auch gar nicht so heiß heute.
Überhaupt sieht die Straße merkwürdig aus. Und wo um alles in der Welt sind die ganzen japanischen Touristen hin? Ich hätte schwören können...
Und was ist das jetzt, Halloween, mitten im Juni? Was machen all diese Leute hier mit ihren Zylindern und Gehstöcken? Ist das hier offenes Casting für eine neue Show oder so was? Und...
Ich werd' nicht mehr. Kutschen in New York, das hätte ich wirklich nicht erwartet. Alles, aber das nicht.
Was gucken die mich eigentlich alle so an? Hab ich Schokolade im Gesicht? Einen Kaffeefleck auf der Bluse? Nein. Ja, was denn dann?
Vorhin war die Straße doch noch gepflastert. Das ist doch jetzt nicht deren Ernst. Vielleicht bin ich durch die falsche Tür rausgegangen und auf einem Filmset gelandet. „The Colonial New York“ mit, keine Ahnung, Anne Hathaway und George Clooney in den Hauptrollen. Aber wo sind dann die Kameras?
Vielleicht sollte ich einfach wieder reingehen und auf der anderen Seite... WAH! Wo ist das Gebäude? Das... Rockefeller Center... Kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen... Bin ich denn jetzt völlig wahnsinnig geworden oder was?
Ich träume. Ich schlafe. Das hier ist nicht passiert. Ich stehe nicht auf einer Schotterstraße mit alten Villen wo eigentlich Manhattan hätte sein müssen, und der Pferdemist auf der Straße stinkt auch nicht, weil er ist ja gar nicht da.
Ich bin nur ein stinknormaler Tourist, der im Rockefeller Center zusammengebrochen und eingeschlafen ist, weil mich die letzten drei Tage so müde gemacht haben, dass ich jetzt auf der Stelle schlafen musste. Genau so ist das, und ich werde auch gerade nicht von diesem Jungen dazu aufgefordert, eine Zeitung zu kaufen. Der Junge trägt auch keine Mütze und Strümpfe und brüllt „Stamp Act! Der nächste Schlag der britischen Regierung! Ladies und Gentlemen, Stamp Act!“
Nein, das passiert gerade nicht. Ich bin im falschen Film.
Ich kaufe doch die Zeitung.
25. März 1765. Und ich sollte jetzt ganz schnell aus dem Weg, damit diese Horde von Wahnsinnigen in dreckigen Klamotten, die brüllen als wäre eine Armee Affen hinter ihnen her, mich nicht zu Boden trampelt.
Verdammt! Jetzt bin ich auch noch in den Pferdemist reingetreten. Die Schuhe kann ich wegschmeißen. Mist. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Bloß weg hier. Da vorne ist eine Kutsche, ein Taxi! Glaube ich zumindest. Schnell rein, Tür zuziehen.
„Ach Hallo Emma! Wir haben schon überall nach dir gesucht!“ Ich blicke in das Gesicht meines Vaters und mir fällt ein Stein vom Herzen. Es ist alles gut. Ich bin im Jahre 1765, mein Name ist Emma, ich bin sechzehn Jahre alt und mir geht es gut. Fabelhaft.
Was ist eigentlich das Rockefeller Center? Ich muss wohl geträumt haben. Ja, genau das wird es gewesen sein. „Los, fahren Sie schon!“, brüllt mein Vater und die Kutsche setzt sich rüttelnd in Bewegung.