Morgen Venedig

Bild von Falabella

Die Abendluft war geradezu elektrisiert vor Anspannung.
Unruhig stand Marie am Straßenrand und wartete.
Seit bereits 20 Minuten hoffte sie, dass Titzian nichts passiert war.
Sie war angespannt, nervös und besorgt.
Marie hatte ihren Teil erfüllt; pünktlich war sie um 8 Uhr bei der Statuette des Admirals angelangt.
Aber Titzian kam nicht.
Und Marie wurde immer beklommener zumute.
Doch dann hörte sie hallende Schritte auf dem Asphalt.
Hoffnungsvoll drehte sich Marie um und sah ihren Partner auf sich zu laufen.
„Renn! Sie kommen!“ schrie dieser und Marie zögerte nicht lange.
Doch mit dem schweren Kleid war es nicht einfach, schnell vorwärts zu kommen.
Fluchend stolperte sie immer wieder über ihre eigenen Füße.
„Warte!“ keuchte Titzian nach einiger Zeit, nahm seinen Degen und schnitt den Rock so weit wie es ging, ab.
„Schade um das schöne Kleid.“ meinte Marie etwas traurig und stieg über die Reste hinweg.
„Pfeif auf den Fetzen, es könnte kritisch werden. Graf Tilenfeld kann verdammt gut mit seinem Degen umgehen. Wie weit ist es noch bis zur Oper?“
„Drei Straßen, das große, weiße Gebäude. Du kannst wirklich keine Karten lesen, was?“
„Nicht unbedingt, nein.“
Titzian grinste und Marie begann zu lachen.
Dann hörten sie schreiende Stimmen näher kommen.
„Komm, bevor unser Besuch blutig endet.“
Er reichte ihr seine Hand.
„Du bist heute ja richtig galant charmant.“ stellte Marie mit einem Augenzwinkern fest.
„Kommt von der feinen Gesellschaft.“
Amüsiert ergriff Marie seine Hand und sie begannen wieder zu laufen.

„Ich schwöre dir, du schuldest mir mindestens drei große Kugeln Eis.“
„Welche Sorte?“
„Zimt.“
„Zimt? Igitt. Wie wäre es mit Nuss?“
„Auch ok.“
Marie setzte sich seufzend in einen der roten Samtsessel, in der luxuriösen, goldfarbenden Loge.
„Das war echt knapp. Ich habe einen Augenblick wirklich gedacht, dass es vorbei wäre.“
„Ach, wir haben es doch bis jetzt immer irgendwie geschafft.“
Titzian setzte sich neben sie und holte ein kleines, schmutziges Buch hervor.
„Du hast es?“
„Natürlich, was denkst du von mir?“ empörte er sich. „Und du?“
Marie zog einen reich verzierten Eisenschlüssel aus ihrem Täschchen.
„Dr. Himmel wird sich freuen, dass wir das Buch und den passenden Schlüssel mitbringen.“
„Für ihn gibt es wohl nichts Besseres.“
Marie lächelte, setzte sich quer und legte ihre Beine auf Titzians.
„Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“
„Ich auch.“ antwortete er munter und holte eine kleine, zerdrückte Tüte aus seiner Jacke.
„Chips?“
„Klar. Schade, dass es das im 17 Jhd. noch nicht gab.“
„Pech, würde ich sagen.“
„Stimmt. Wollen wir mal zurück?“
„Noch 5 Minuten?“
„Ok.“
Eine Zeit lang herrschte Stille.
„Titzian?“
„Ja?“
„Morgen sind wir in Venedig, historischer Maskenball, ein Brief an Casanova. Und du schuldest mir noch einen Tanz.“
Er spürte, dass Marie verlegen war, übersah es geflissentlich und antwortete voller heimlicher Freude: „Sehr, sehr gern.“