Die letzte Ehre

Hanna sog die geheimnisvolle Luft ein.
„Es wäre großartig!“
„Es wäre furchtbar, Hanna, diese Zeiten waren grausam!“
Ihr kleiner Bruder quetschte ungeduldig die Hand seiner Mutter. „Mama, ich will nochmal rein!“, jammerte er.
Hannas Mutter seufzte. „Also gut. Hanna?“
„Nein ich bleibe noch etwas hier.“
Während ihre Mutter und ihr Bruder sich entfernten, schloss Hanna die Augen. Nein, es wäre wunderbar, diese Zeiten mal erleben zu können.
Im Hofe des Towers von London.
1536.
Ein eigenartiger Geruch stieg in Hannas Nase. Ein tiefes Gebrüll stieg an, und Hanna schlug schlagartig die Augen auf. Um sie herum standen Männer, Frauen und Kinder in einfachen Klamotten und ein furchtbarer Gestank nach Schweiß, Dreck und Rauch umgab die Leute. Hannas Herz fing an zu rasen.
Die Menschen zeigten mit dem Finger auf etwas links von Hanna und schimpften laut in einem Englisch, wie es Hanna in dieser Form noch nie gehört hatte. Das Einzige, das sie verstand, war Hexe. Immer wieder brüllten sie es.
Hexe! Hexe! Hexe!
Ihr Herz begann, wie wild zu rasen, als sie begriff. Es setzte einige Schläge aus und überschlug sich wieder. Sie sah an sich hinunter, entdeckte ein eigentümliches Kleid, das sie vorher noch nicht getragen hatte, und stolperte vor Schreck ein paar Schritte zurück. Grobe Hände schubsten sie zurück und sie hörte eine Männerstimme fluchen.
Langsam wandte sich Hanna in die Richtung, in die die Leute zeigten.
Hure! Hure! Hure!
Vor der Menge stand ein großes Holzgerüst, auf dem ein kleiner Mann mit einer schwarzen Maske stand.
Eine Dame bestieg mit langsamen Schritten die Stufen zum Podest.
Sie hatte den Kopf hoch erhoben, ein Tuch war um ihre Haare geschlungen. Ihre Haltung war elegant, ihre Züge ungewöhnlich schön. Mit einem Blick zu der Meute ließ sie die Lautstärke auf ein Unerträgliches anschwellen.
Hannas Angst wurde durch die Abscheu verstärkt, die sie angesichts der erwartungsfrohen Gier der Menschen empfand.
Sie blickte sich um, hin- und hergerissen zwischen ihrer Furcht und der Neugier, was auf dem Podest geschehen würde. Da sah sie einen Mann. Er sah reicher aus, als der Rest, aber er hatte sich nicht wie die anderen feinen Männer an den Rand, sondern mitten unters Volk gestellt. Er fluchte und brüllte nicht, wie die anderen, sondern kniete nieder, nahm seine elegante Federkappe vom Kopf und schloss die Augen. Seine Lippen bewegten sich. Hanna trat näher an ihn heran. Sie kniete sich neben ihn und schloss die Augen fest. Da hörte sie auch, was er murmelte. Immer wieder.
God bless you, Anne Boleyn.
Noch bevor Hannas Hände ihre Ohren erreichten, hörte sie das grässliche Geräusch der Klinge.
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