Drachenherz

Bild von Cariba

„Na los, wach auf, Calis!“ Erschrocken riss ich die Augen auf und fuhr hoch. Ich wollte schreien, doch eine Hand, die sich auf meinen Mund legte, erstickte mein Vorhaben noch im Keim.
„Komm schon!“ Cam! Wütend funkelte ich ihn an und wischte seine Hand weg. Doch mein wild klopfendes Herz strafte meinem Gesicht lügen. Ich freute mich, ihn wiederzusehen.
„Du bist zurück!“ Ich sprang aus dem Bett und fiel meinem Geliebten in die Arme.
Er lächelte schwach und zog mich an sich. „Ja, ich bin wohl zurück.“
Sanft strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Komm!“
Ohne zu Zögern warf ich mir meinen Reisemantel über und versuchte so lautlos wie möglich hinter ihm durch die Gänge zu huschen.
Cam drückte das Schlossportal auf. Kühle Nachtluft wehte mir entgegen und strich mir sanft über das Gesicht. Mein Puls schoss in die Höhe, als er wieder nach meiner Hand griff und wir gemeinsam in den prächtigen Rosengarten schlichen, peinlichst darauf bedacht, nicht gesehen zu werden.
Es wäre ein Skandal. Der Prinz und das Zimmermädchen. Die Königin würde dafür Sorge tragen, dass ich noch vor Sonnenaufgang am Pranger stehen würde.
Bevor ich fragen konnte, was er vorhatte, ließ er mich los und verwandelte sich. Unweigerlich hielt ich die Luft an. Ich hatte Cam schon oft in seiner Drachengestalt gesehen, doch immer wieder war ich wie gebannt. Seine Augen schillerten, trotz der Dunkelheit hellgrün, fast so wie geschliffene Smaragde in der Sonne. Sie waren das einzige an ihm, das überhaupt in der Lage war Licht zu reflektieren. Denn sein Körper war vollkommen in schwarze Schuppen gehüllt, die jedes Licht zu schlucken schienen.
Mit einem ungeduldigen Kopfrücken bedeutete er mir aufzusteigen. Ich zögerte. Angst hatte ich keine. Wie oft wir uns auf diese Art und Weise schon aus dem Haus geschlichen hatten, wusste ich nicht. Unzählige Male. Noch ein Kopfrücken, gefolgt von einem durchdringlichen Knurren. Mit zitternden Fingern klettere ich auf seinen breiten, kräftigen Rücken. Er wartete nicht, bis ich richtig saß. Reflexartig schlossen sich meine Finger um die scharfen Halsschuppen, als er sämtliche Muskeln anspannte und sich mit einem kräftigen Satz von Boden abstieß.
Er flogen nicht lange. Mitten auf einer Waldlichtung ging er wieder hinunter.
Vor uns erstreckte sich ein großer See, dessen Oberfläche im schwachen Mondlicht geheimnisvoll glitzerte. Und Bäume, hohe, alte Bäume. Dieser Ort hier gehörte uns. Und zwar nur uns.
Ich glitt lächelnd von seinem Rücken. Noch bevor meine Füße den weichen Waldboden richtig berührt hatten, hatte er sich zurückverwandelt. „Du bist unverletzt.“ Murmelte ich leise. Über Cams wunderschönes Gesicht huschte ein Lächeln. Obwohl es nach wie vor dunkel war, sah ich es. Ich spürte es. Er griff nach meinem Arm und zog mich zu sich. Das schwere Leder seiner Kampfmontur knarrte, als ich mich an ihn schmiegte und glücklich das Gesicht an seiner Brust vergrub.
Ich kannte dieses Geräusch. Und ich liebte es, denn das bedeutete, dass er wirklich hier bei mir war.
Und es bedeutete, dass er mich wirklich an seinen harten, zu absoluter Tödlichkeit perfektionierten Körper drückte.
Mein Herz schlug schneller. Cam lachte leise. Natürlich konnte er meinen ungleichmäßigen Herzschlag hören.
„Ich will mit dir baden.“, raunte er mir ins ihr Ohr. Meine Knie wurden weich. Verdammt! Ich seufzte leise, bevor ich mich von ihm löste und langsam zum Wasser schritt. Kurz, bevor der weiche Sand des Ufers in Wasser überging, blieb ich stehen und warf ihm über die Schultern einen lasziven Blick zu.
Er lächelte triumphierend, als ich mich in das kühle Nass gleiten ließ.
Vorsichtig legte er mir eine Hand an die Wange. Sofort wurde mir warm. In seinen grünen Augen konnte ich mich selbst spiegeln sehen. Klein, große, dunkle Augen, lange, braune Haare, die wirr nach alles Seiten abstanden. Ein einfaches, unbedeutendes Bauernmädchen. Doch ihn schien das nicht im Geringsten zu stören. Meine Herkunft hatte ihn noch nie gestört. Er strich mir sanft über das Gesicht. Ich schloss die Augen und genoss jede seiner Berührungen. Wie sehr ich diese die letzten Wochen vermisst hatte. Ein Schaudern durchfuhr mich, als seine Lippen plötzlich auf meinen lagen. Wie von selbst schlagen sich meine Arme um seinen Hals.
„Du weißt, wie sehr du mir gefehlt hast, oder?,“ nuschelte er und legte sanft seinen Mund auf meinen Hals. Ich lächelte wieder und drückte mich noch enger an ihn. „Warum gehst du dann immer wieder fort?“
Cam holte tief Luft und verstärkte den Griff um meinen Körper. Seine Lippen wanderten über mein Kinn zurück zu meinem Mund.
„Das ich immer wieder zurück komme zählt mehr, als das ich fortgehe,“ murmelte er. Ich vergrub die Hände in seinen Haaren und zog ihn näher an mich heran. Leise lachend ließ er eine Hand unter mein Hemd gleiten. Ich schauderte. Er hatte noch nicht die schwarzen, kalten Lederhandschuhe ausgezogen. Klar denken konnte ich nicht mehr. Ich wollte mehr. Mehr von ihm. Er folgte meiner Aufforderung sofort. Plötzlich schienen seine Hände überall zu sein. Ich hörte mich selber leise aufstöhnen, als er mir sanft über mein Schlüsselbein strich. Verdammt! Was machte der mit mir? Ich ließ meine Hände unter sein Hemd gleiten. Ich wollte so viel wie möglich von ihm spüren. Ich begann an seinen unzähligen Waffengürteln zu zerren. Mittlerweile stellte ich mich nicht mehr so ungeschickt mit dem Öffnen der ganzen Schnallen und Halftern an. Cam lachte leise, als ich leise fluchend das letzte Dolchhalfter achtlos an das Ufer warf. Ein Schaudern durchfuhr ihn, als meine Fingerspitzen ganz sanft über die lange Narbe an seinem Rücken fuhren. Ein altes Überbleibsel, das er von einem Kampf gegen eine Harpyie davongetragen hatte. Mein Atem ging nur noch stoßweise.
Doch das war mir egal. Wichtig war im Moment nur er für mich. Zu lange war er die letzten Wochen weg geblieben. Ich genoss jeden seiner Küsse und jede seiner Berührungen. Mit zitternden Fingern knöpfte ich das weiße Leinenhemd auf. In der nächsten Sekunde hatte ich es ihm ausgezogen und achtlos zur Seite geworfen. Wie so oft stockte mir der Atem, als ich seinen durchtrainierten Körper sah. Er lachte leise und fing meine Hände ab, die gerade über seine Brust fahren wollten. Er hielt mich an den Handgelenken fest und begann an meinem Ohrläppchen zu knabbern, dann ließ er seine Lippen an meinem Hals hinuntergleiten. An der Stelle, an der mein Puls wie verrückt schlug, hielt er inne. Ich öffnete wieder die Augen und sah ihn erwartungsvoll an. Er ließ meine Hände wieder los. Ganz vorsichtig griff er nach den dünnen Goldschnüren, die mein Kleid zusammenhielten. Erwartungsvoll hielt ich den Atem an. „Ich liebe dich Calis,“ hauchte er. Ich hatte das Gefühl innerlich zu zerfließen. Das Letzte, was ich wirklich mitbekam, war wie er mein Kleid mit einem sanften Ruck öffnete und mein Gesicht mit sanften Küsse bedeckte.
Ich lag in seinen Armen auf dem weichen Gras unserer kleinen Lichtung und genoss seine Nähe in vollen Zügen. Gedankenverloren strich er mir immer und immer wieder über das Haar.
“Bei Sonnenaufgang brechen wir wieder auf“, begann er langsam. Mein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Ich wusste, was er mir damit sagen wollte. Ich schluckte und setzte mich auf. Er sollte nicht die Tränen sehen, die in meinen Augen aufstiegen.
“Es soll die letzte Schlacht gegen die Harpyien werden.“ Fuhr er fort. „Dieses Mal setzt Vater alles auf eine Karte.“
Wie von selbst begannen meine Finger mit den langen Grashalmen zu spielen. Ich wollte nichts mehr hören.
„Calis,“ Er setzte sich ebenfalls auf und drehte mich sanft zu sich herum. „Sieh mich an,“
Ich folgte seiner Aufforderung und sah in die geliebten, flussgrünen Augen.
„Sobald ich zurück bin, will ich dich heiraten,“ Für einen Moment war ich wie erstarrt. Heiraten?
„Aber...,“
Er ließ mich nicht zu Ende sprechen. „Meine Mutter und mein Vater werden dich als Schwiegertochter akzeptieren müssen. Ich liebe dich!“ Ich hatte das Gefühl mit warmen Wasser übergossen zu werden. Ich legte meine Hand an seine Wange. „Und ich liebe dich.“ Flüsterte ich erstickt und küsste ihn.

„Na los, wach auf, Calis!“ Erschrocken riss ich die Augen auf und fuhr hoch. Ich wollte schreien, doch eine Hand, die sich auf meinen Mund legte, erstickte mein Vorhaben noch im Keim.
Gwenda, die zweite Hofdame der Königin. Wütend funkelte ich sie an und wischte ihre Hand weg. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hatte das Gefühl, einen glühenden Dolch in die Brust gerammt bekommen zu haben. Gwenda sah mich traurig an. In den grauen Augen der Alten schimmerten Tränen.
„Der Krieg gegen die Harpyien ist vorbei,“ flüsterte Gwenda erstickt. Cam war gestern morgen wieder mit seinem Vater und den restlichen Kriegern aufgebrochen. Mein Magen zog sich zusammen.
“Wir haben gewonnen,“ fuhr Gwenda leise fort. Ich schloss dankbar die Augen.
„Der junge Prinz lässt euch diese Schriftrolle überreichen Milady!“ Milady? Mit bebenden Fingern nahm ich das Pergament entgegen. Die Alte beobachtete mich, leise weinend, als ich den Pergamentbogen aufrollte. Ich erkannte Cams geschwungene Schrift sofort.
Während ich las, schien ich immer mehr Boden unter den Füßen zu verlieren. Schließlich sah ich auf. „Das ist nicht wirklich...,“ Gwenda nickte energisch. „Doch Milady, dies hier ist euere Erhebung in den Adelsstand. Der letzte Wunsch des Prinzen.“ Nein, nein NEIN! Das Schriftstück glitt mir aus den Fingern und segelte sanft zu Boden. „Das kann nicht wahr sein,“ hauchte ich. Mein Herz weigerte sich, dem Glauben zu schenken, was mein Verstand mir sagte. Gwenda schluchzte laut auf.
„Doch Milady. Es ist wahr. Prinz Cam ist tot!“