Der magische Glockenstuhl

Sein Herz klopfte immer schneller als er den Glockenstuhl endlich erreichte.
Georg war gleichzeitig heiß und kalt, er hatte Kopfweh und seine Glieder schmerzten. Man konnte schon von weitem die Strapazen in seinem Gesicht erkennen. Er hatte dunkle Augenringe und war sehr blass. Georg fasste immer wieder in seine rechte Hosentasche um sicherzustellen, dass er noch da war, der Grund warum er hier hoch geklettert war. Georg holte ihn noch einmal heraus, einen zerknitterten Zettel, dessen Schrift nur noch undeutlich zu erkennen war und las ihn erneut:
"Hallo Georg! Ich weiß, ich hätte es dir schon viel früher sagen sollen, aber ich werde nicht mehr lange leben. Wie du wahrscheinlich schon vermutet hast, versuche ich schon lange eine Methode zu finden wie wir wieder zurück können - in unsere Zeit. Es war vor ca. einem Jahr als wir bei unserer Bergwanderung in die Vergangenheit versetzt wurden, aber ich weiß, dass du die 'Zukunft' vermisst. Finde deine Mutter, sie wird schon ganz verzweifelt sein. Wenn wir jetzt daheim wären, könnte ich wieder gesund werden, aber hier gibt es einfach nicht die richtige Medizin. Schon seit einiger Zeit habe ich versucht einen Weg zurück zu finden. Ich kann dir meine Erkenntnisse nicht jetzt erklären , falls dieser Zettel in falsche Hände gerät.Um weiter zu kommen musst du wieder an den Anfang gehen. Ich wünsche dir viel Glück, mein Sohn! Ich liebe dich und werde dich immer lieben,
dein Vater Christian"
Georg hatte den Zettel gefunden, neben seinem toten Vater. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Eine davon fiel auf den Zettel und ließ die Schrift verschwimmen. Die ganzen letzten zwei Nächte hatte er geweint. Nicht dass er nicht tapfer wäre, aber seine einzige Bezugsperson in dieser Zeit, war tot. Georg war jetzt ganz auf sich allein gestellt und er konnte einfach nicht mehr. In solchen Momenten hätte sein Vater ihm jetzt auf die Schulter geklopft und gesagt: „Wird schon wieder! Lass den Kopf nicht hängen!“, aber es gab keinen Vater mehr. Er faltete den Zettel wieder zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Immer wenn Georg an seine Mutter dachte, legte sich ein Nebelschleier über seine Gedanken. Ein Jahr war es jetzt her, als er und sein Vater beschlossen hatten auf Wanderschaft zu gehen um die 'Welt' zu erkunden. Damals hatten sie einen alten Turm gefunden, dessen letzter Glockenschlag genau in dem Moment erklang, in dem er und sein Vater oben angekommen waren. Wie von einer magischen Hand waren die zwei getragen worden und diese hatte erst losgelassen, als der Klang der Glocke erloschen war. Georgs Vater hatte ein paar Tage gebraucht um zu verstehen, dass er 500 Jahre in die Vergangenheit zurück versetzt wurde. Georg wusste, dass jetzt eigentlich 2011 wäre und nicht 1511.
Jetzt stand Georg hier, im Turm, denn hier war der Ort, wo alles 'angefangen' hatte. Er biss sich auf die Zähne und drückte die rostige Türklinke zum Glockenstuhl hinunter. Er machte einen Schritt in den relativ großen Raum und hielt den Atem an. Die Fenster waren zersplittert, der Boden sehr sandig und die Luft schmeckte nach Moder und Schimmel. In der Mitte des Raumes stand er, der Glockenstuhl mit seinen hölzernen, gigantischen Balken und der großen Glocke, die an allem Schuld war. Georg trat noch einen Schritt näher. An den Ecken des Raumes waren sehr viele Steine gelagert. Vielleicht war das ja das erste Zeichen, vielleicht hatte sein Vater diese Steine einmal dort hin gelegt, damit sein Sohn später wieder in seine Zeit zurück finden würde. Bei diesem Gedanken kullerten Georg wieder Tränen über die Wangen. Ja, er würde seinen Vater vermissen und niemals vergessen. Er machte sich daran, die Steine weg zu rollen. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er endlich fertig war. Und tatsächlich, dort lag ein Zettel! Er entfaltete ihn und las das Geschriebene:
"Hallo Georg!
Dieses Gedicht habe ich an der Glocke gefunden, habe darin aber noch keinen Sinn sehen können und somit hoffe ich, dass du mehr Glück hast als ich.
Das Läuten bringt dich zurück,
doch brauchst du dafür mehr als Glück.
Dein innigster Wunsch sei der Glocke Befehl,
der mächtigste Wunsch in deiner Seel'.
Du musst danach streben mit größtem Verlangen,
nur so wirst du an dein Ziel gelangen."
Georgs Augen füllten sich wieder mit Tränen vor Enttäuschung und Sehnsucht. Sein Vater hatte ihm dieses Gedicht als Weg zurück gegeben? Sechs Zeilen, die keinen Sinn ergaben? Was sollte er denn jetzt machen? Georg hatte nichts was ihn hätte weiter bringen können, in seinem Kopf rasten die Gedanken nur so um die Wette. Was sollte das alles bedeuten? War sein Vater in dem ganzen Jahr nicht weiter gekommen als bis zu diesem Gedicht? Georg fühlte sich wie eine kleine unscheinbare Maus, die seit vier Tagen nichts mehr gegessen hatte, nur dass er Hunger nach Hause und seinem Vater und seiner Mutter hatte. Frustriert schmiss er den Zettel zu Boden und ohne Nachzudenken trat er wütend darauf. Völlig aufgelöst stand er nun da, sank in die Knie und schluchzte ,er legte sich auf den Boden, die Hand in der rechten Hosentasche, den Abschiedsbrief seines Vaters fast zerquetschend. Wieso musste die Welt nur so ungerecht sein? Wieso gerade er? Mit diesen Gedanken schlief er ein.
Die Sonnenstrahlen huschten durch die Fenster des Glockenstuhls und trafen genau auf Georgs rot geweintes Gesicht. Er hatte unruhig geschlafen und einen seltsamen Traum gehabt. Sein Vater hatte vor ihm gestanden und die Arme ausgestreckt, doch jedes mal wenn Georg in seine Arme rennen wollte hatte er sich aufgelöst. Georg hatte vor einer grünen Wiese gestanden und im Hintergrund war ein Haus gewesen und eine winkende Frau , aber jedes mal wenn er zum Haus rennen wollte wurde die Wiese nur noch länger, bis das Haus unerreichbar war.
Er setzte sich auf und rieb sich die Augen. Kurz hielt er inne und spielte den gestrigen Tag noch einmal vor seinem inneren Auge ab. Da fiel ihm der Zettel mit dem Gedicht wieder ein. Er
hob ihn auf , strich den Dreck hinunter und las ihn noch einmal. Doch der Zettel hatte einfach keinen Sinn: 'Dein innigster Wunsch sei der Glocke Befehl'. Was für ein innigster Wunsch? Seufzend stand er auf und schritt die Treppe hinunter. Jeder einzelne Schritt tat ihm weh doch er war so in Gedanken, dass er den Schmerz nicht wahr nahm. Unten angekommen trat er mit Wucht gegen die Tür, die daraufhin auf den Boden fiel. Georg lief darüber und kniff im nächsten Moment schon die Augen zu. Die Sonne blendete ihn und ließ seine Augen brennen. Erschöpft setzte er sich auf einen Felsbrocken und schaute ins Tal. Er sah die gigantischen dunkelgrünen Tannen, die im Wind hin und her wogten, die braunen Felswände, die nur so aus der Erde schossen, und die gelben Getreidefelder. Er schaute in den hellblauen Himmel mit den weißen Wolken und fühlte sich seit langem zum ersten mal wieder etwas besser. „Ach wäre doch nicht alles so schwer!“, seufzte er, „ich wäre jetzt so gerne daheim bei Mama, ich weiß gar nicht ob sie mich noch kennt!“ In seinem Kopf spielte sich das letzte Gespräch zwischen ihm und seiner Muttern ab. Sie hatte ihm „Tschüss“ sagen wollen, doch er war schon nach draußen gerannt, überglücklich mit seinem Vater ein solches Abenteuer erleben zu dürfen. Sie hatte ihm noch hinterher gerufen, doch er hatte sie einfach ignoriert, erst als sie zum dritten mal gerufen hatte, hatte er sich umgedreht und gewunken. Wenn Georg jetzt an das dachte, bereute er es zutiefst. Sein Vater hatte damals gesagt, dass jeder Abschied ernst genommen werden sollte, da man nie weiß was kommt. Und wie Georg jetzt wusste, hatte sein Vater Recht gehabt. Er guckte in einen Baum, aus dem Schreie erklangen, Vogelschreie. Dort war ein Nest mit vier kleinen Vogelkindern, die alle versuchten, als erstes den Regenwurm zu erwischen, den ihre Mutter über sie hielt. Diese Vogelkinder hatten jemanden, an den sie sich kuscheln konnten, wenn sie sich einsam fühlten oder wenn ihnen kalt war, jemanden der sich um sie kümmerte und sich um sie Sorgen machte. „Mama“ dachte Georg auf einmal, er sah seine Mutter in seinem Kopf wie sie ihn drückte, umarmte und sagte, dass sie ihn sehr lieb habe. Plötzlich fing die Glocke im Glockenstuhl an zu läuten. Georg verstand sofort. „Dein innigster Wunsch sei der Glocke Befehl“, Georgs innigster Wunsch war, seine Mutter zu sehen und die Zuwendung zu bekommen, die er im letzten Jahr so vermisst hatte. Er rannte los, zum Turm und sprintete die Treppen hoch. Seine Beine schmerzten fürchterlich und er bekam kaum noch Luft, doch das war ihm jetzt egal. Plötzlich fiel er hin und riss sich das Knie und den Mund auf. Er schmeckte Blut in seinem Mund und es tropfte auf die Treppenstufen, doch er rempelte sich wieder auf. In seinem Kopf zählte er die Schläge mit. Noch drei dann würde die Glocke aufhören zu schlagen. Mit letzter Energie kämpfte er sich die Treppen hinauf, hielt sich die Ohren zu und hastete in den Raum des Glockenstuhl. Er kam genau in dem Moment hinein gestürmt, als der letzte Glockenschlag erklang. Eine große unsichtbare Hand ergriff ihn zog ihn durch einen Tunnel voller Farben und Formen. Als sie ihn los ließ, merkte Georg, dass er wieder im Glockenstuhl war. Er rannte zum Fenster und schaute staunend hinaus. Er konnte es kaum glauben, im Tal war kein Wald, sondern ein Kirchturm und Hochhäuser. Strahlend stand er nun da, er hatte es geschafft, die Mühe hatte sich gelohnt, er war wieder in seiner Zeit!
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