Gereimter Weg

Bild von The_Reflection

Viel Spaß beim Lesen...
The_Reflection
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Ich biege um die Ecke.
Bleibe kurz stehen.
Wende den Blick nach links, nach rechts.
Nichts zu sehen, kann weitergehen.
Schmunzele – das hat sich gereimt, haha! Wie schön.
Neben mir die Straße leer. Vermiss das Wrumm der Motoren so sehr.
Wieder gereimt, ha! Egal. Ich gehe weiter.
Der Asphalt glänzt so schön schwarz, in der Sonne wie flüssiges Harz.
Gereimt, gereimt, schon wieder! Ich weiß, dass er glänzt, obwohl ich ihn nicht anschaue. Mein Schritt ist gleichmäßig auf dem Bürgersteig und ich lege eine Hand auf das Eisentor vor dem Haus unserer Nachbarn. Es ist warm in der Sonne und meine Finger gleiten darüber. Schön glatt. Es knackt ein bisschen, als das Metall sich ausdehnt. Ich nehme meine Hand weg.
Befühl das grüne Blatt, das der Eibenbaume hat.
Lass es los und such mir meinen Weg, weiter die Straße entlang. Die Haustür der Nachbarn unserer Nachbarn ist himmelblau gestrichen und glatt. Leider ist sie zu weit weg, um sie zu berühren, aber ich weiß es, weil die einen Hund haben, mit dem ich ab und zu spielen darf. Sein Fell ist weich und ich liebe es, ihn zu streicheln.
Ich gehe weiter und greife nach dem Laternenpfahl, auch aus Metall, schon fast heiß.
Schnell weitergehen, kann den Fingern nichts geschehen.
Gut, gut, schon wieder gereimt. Ich ertaste die Mauer, spüre die Fugen und den rauen Mörtel.
Der raue Stein, das glatte Sein.
Ja ja, ich reime gern.
Ich biege um die Ecke.
Bleibe nicht kurz stehen.
Ich spüre das brüchige Holz des Jägerzauns unter meinen Fingerspitzen, der zu dem Haus gehört, das immer wieder von jemandem anderes bewohnt wird. Er ist langweilig.
Langeweil von kurzer Dauer, gleichsam kommt der Düfteschauer.
Der Garten der tausend Gerüche, von denen ich noch so viele nicht kenne. Die Dame, die ihn bewirtschaftet, ist sehr nett und lässt mich ab und an zu ihr kommen, um die Düfte zu erkunden. Ich rieche nasses Grün und höre das Rauschen eines Rasensprengers. Mir prickeln Tropfen auf der Nase.
Ich zieh vorbei am Wasserrausch, berühre einen Wattebausch.
Ich weiß nicht, was für eine Pflanze das ist, glaube aber, dass es Baumwolle sein muss. Aber jedes Mal, wenn ich vorbeikomme rupfe ich ein Stück von was auch immer ab und lass es im Wind fliegen.
Spüre, wie der Wind es hebt, flattert davon, als ob es lebt.
Ich biege um die Ecke.
Immer noch still. Kein Vogel singt. Aber es gibt jetzt Schatten.
Dunkelheit, soweit mein Auge reicht, spüre das Gras am Fuße, wunderbar seicht.
An diesem Zaun stehen immer Grasbüschel, die so hoch sind, dass sie meine Knöchel kitzeln. Ich gehe weiter und sie kitzeln und dann sind sie weg. Darauf strecke ich meine Hand aus und da ist wieder eine Mauer. Diesmal eine mit glatten Steinen, in denen keine Löcher sind, so wie an der anderen Mauer. Glatt und ganz und gar, ist so, wie es immer war.
Die Mauer ist lang. Maman sagt, dass sie auch zu einem großen Haus gehört. Ein Fast-Palast.
Meine Finger rattern über ein Garagentor. Rille, Hügel, Rille, Hügel, Rille, Hügel. Immer schneller.
Ich biege um die Ecke.
Das ist mein Lieblingsteil. Hier wohnt jemand, den ich noch nie gesprochen habe, aber er hat wunderschöne Rosen. Ein paar davon stehlen sich durch Lücken im Zaun auf den Bürgersteig.
Ihre Blüten so weich, ihre Leben, so reich.
Etwas flattert an meinem Gesicht vorbei. Ich zucke zusammen und bleibe stehen. Das kleine Etwas lässt sich auf meiner Wange nieder. Seine Flügel so zart, streifen meine Haut. Flatter, flatter. Flatter. Er schwebt davon. Ein Schmetterling.
Ließ sich auf meiner Wange nieder und verließ sie gleichsam wieder.
Schade. Ich lächle und gehe weiter. Eine Platte aus Stein, auf der ein Briefkasten festgemacht ist. Ich spüre nach, ob die Fahne hochgeklappt ist. Ist sie nicht. Deshalb klappe ich sie hoch. Jedes Mal, auch wenn keine Post im Kasten ist.
Sehr zu unseres Nachbarn Verdruss, aber doch zu meinem Genuss.
Jetzt kommt das alte Haus, in dem schon ewig niemand mehr lebt. Seele ausgeflogen. Maman sagt, hier wächst das Unkraut bis zur Hüfte so hoch. Ich strecke eine Hand über den Zaun aus Holz und berühre die Spitzen des Unkrauts. Es ist unbeugsam, aber ich mag es.
Ich biege um die Ecke.
Bleibe kurz stehen.
Wende den Blick nach links, nach rechts.
Nichts zu sehen, kann weitergehen.
Schmunzele – das hat sich gereimt, haha! Wie schön.
Ich lege eine Hand auf das Eisentor vor dem Haus unserer Nachbarn. Es ist warm in der Sonne und meine Finger gleiten darüber. Schön glatt.
Geh meinen Weg mit geschlossenen Augen, würd so gern ans Sehen glauben. Leider ist mir das nicht möglich - deshalb mach ich das hier täglich.