Izquierdo: Apocalypsia

Lucifer, der schönste aller Engel, ist aus seinem Gefängnis ausgebrochen und schart erneut seine Anhänger um sich. Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht: ihrer aller Vater, der Schöpfer, liegt im Sterben. Alle Hoffnung liegt auf dem neugeborenen Engel Nathanael, der laut einer Prophezeiung Gleichgewicht bringen soll. Aber Nathanel ist nur ein einfacher Engel, und teilweise sogar ein recht begriffstutziger. Außerdem ist er verkrüppelt- in der perfekten, symmetrischen Welt des Paradieses einfach undenkbar.
Das Paradies selbst leidet auch: es ist mit der Erde verknüpft und überall, wo die Menschenstädte stehen, gibt es im Paradies nur noch totes Ödland. Immer mehr Tiere verschwinden, da ihre Gegenparte auf der Erde ausgerottet wurden. Doch der Krieg der Engel spiegelt sich auch auf der Erde wider: die Satelliten fallen vom Himmel, Meere färben sich rot und die Temperaturen steigen unaufhörlich. Die Apokalypse steht kurz bevor…
Vom Einband her hatte ich einen ellenlangen, staubtrockenen Kirchenthriller erwartet- und war positiv überrascht, einen gut durchdachten Fantasyroman vorzufinden. Die Handlung stützt sich weitestgehend auf alte jüdische und christliche Legenden sowie Paradise Lost, die sehr intelligent mit heutigen Umwelt- und Weltbevölkerungsproblemen verknüpft sind. Der Roman spielt größtenteils im Paradies, mit kleinen Abstechern auf die Erde, und beschäftigt sich neben der vordergründigen Handlung auch mit existenzialistischen Problemen und Fragen: kann der einzelne seine persönliche Freiheit einfordern, auch auf Kosten anderer? Und was ist, wenn gerade diese anderen sie vorher grausamst beschnitten haben? Lucifer nimmt für sich in Anspruch, der Befreier zu sein. Der Vater hat zwar die Welt geschaffen, hält die einzelnen Engel aber in Unmündigkeit- sie müssen ihn gehorchen. Fragen zu stellen wird nicht toleriert, der Engel MUSS glauben- denn ohne den Glauben wäre er nichts. Lucifer will Freiheit und verliert dadurch seine Unschuld, und in seinem Glauben an die gerechte Sache reißt er das gesamte Paradies mit sich. Die Engel sind wie Kinder, aber sie sind glückliche Kinder. Darf man jemanden zwingen, dessen eigene Beschränkungen zu sehen? Oder gibt es ein Recht auf Nichtwissen und Unmündigkeit? Durch Lucifers Handlungen werden sogar, die obersten, reinsten Engel in ihr Verderben gezogen, und als sie den Glauben verlieren, verlieren sie auch ihre Moral. Hier kommt der angepriesene Messias Nathanael ins Spiel, doch die Engel wollen nicht an ihn glauben- denn durch seine augenscheinliche Missbildung müssten sie anerkennen, dass auch sie nicht so makellos wie gedacht sind.
Wie man sieht, kann man den Roman sowohl als bloße Fantasygeschichte als auch als philosophisches Werk betrachten. Der Erzählstil ist hauptsächlich in flüssiger Prosa gehalten, mitunter gibt es allerdings Einschübe, die eher an alte historische Werke und den Bibelstil erinnern. Diese fügen sich nahtlos in die Handlung ein und erwecken mitunter das Gefühl, eine wahre Chronik zu lesen. Insgesamt war der Roman spannend und interessant zu lesen, hinterlässt aber ein mulmiges Gefühl: obwohl Lucifer einen totalen Vernichtungskrieg führt, kann der Leser sich fast nur mit seinen Idealen identifizieren, denn die Engel fordern Kadavergehorsam, woraufhin Lucifer auf das Recht der eigenen Wahl pocht. Und obwohl man weiß, dass Lucifers Handeln „falsch“ ist, fällt es schwer einen anderen Weg zu sehen. Letztendlich musste alles kommen, wie es kam- und es wird auch immer weitergehen. Der Zyklus beginnt mit jeder Schöpfung von neuem, der Lichtbringer (und Wissensbringer) und der Vater sind unvereinbarliche Archetypen. Doch das Leben findet einen Weg, denn es ist die Schöpfung, das Licht. In Ewigkeit. Amen.
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