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Der Regenwurm

von Schlauchen
Erstellt 09/08/2010 - 22:57

Kurze Zusammenfassung: Ein kleiner Wurm, der sich für etwas ganz besonderes hält und endlich einen Erfolg auf seinem kurzen Lebenskonto verbuchen kann: Er hat den wohl größten Komposthaufen bestiegen, den er in der Nähe erblicken kann. Nur ein Vogel kann ihm diesen Platz jetzt noch streitig machen.. Wer hätt's gedacht!

Mit letzter Kraft presse ich meinen Körper die steilen Wände entlang und spüre, wie meine Ausdauer langsam aber sicher nachlässt.
Nein, du Schwächling, so schnell gibst du nicht auf!
Ich beiße die Zähne zusammen, sammle meine Energie und drücke mich auf einem Vorsprung ab.
Der Anblick, der sich vor mir ausbreitet ist wunderschön. Zum Glück bin ich nicht eines von diesen dämlichen Insekten, die ständig um irgendwelche Blumen herumschwirren, als gäbe es keinen Morgen mehr! Blumengeil, obwohl sie den Kompost haben könnten. Ich muss lächeln.
Ich bin der Herrscher. Der Herr über den Komposthaufen. Niemand wird mir diesen Platz streitig machen können!
Die anderen Regenwürmer schlängeln sich unten, am Grund des frischen Komposthaufens und ich bin der Einzige, der es auf den Gipfel geschafft hat.
Ich bin jetzt ihr König! Herrsche über den größten Haufen in zwanzig Meter Umland und keiner wird mich aufhalten können! Wie neidisch alle anderen sein müssen.
Ich breite meine Arme über den Kopf aus, strecke sie dem bewölkten Himmel entgegen und lasse den sanften Sommerregen auf meinen Körper prasseln. Die vielen kleinen Regentropfen kitzeln meine Haut, aber es ist ein berauschendes Gefühl.
Meins! Ich bin der Herr!
In der Ferne sehe ich einen weiteren Haufen leuchten. Verheißungsvoll winkt er mir zu. Nein, er hat Recht: Ein Komposthaufen ist nicht genug. ALLE sollten es sein. Alle sollten mir gehören. Ich bin der Gebieter des Abfalls, der König des Mülls und der Bezwinger der Höhen…
Der Weltherrscher, das sollte ich sein!
Ich habe das geschafft, wovon viele nur geträumt haben.
Ich habe den frischesten Abfall und die größten Reste vor mir. Das beste Festmahl, dass sich ein Wurm nur erträumen kann!
Und nicht nur dieser Haufen, nein, die anderen werden auch Mein sein!
Plötzlich höre ich ein Geräusch, dass mir das Blut in den Adern gefrieren lässt.
„Piep.“
Nein, nein, scheiße verdammt!
Ich versuche abzutauchen. In dem Gewühl des Abfalls zu verschwinden, unsichtbar zu werden.
„Piep.“
Ich spüre den Windhauch, sehe aus den Augenwinkeln die weiten Flügel, die sich mir nähern.
Scheiße, ich bin der König des Mülls. Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein, Gott. ICH habe es geschafft und nun soll es so beschissen enden?
Mein Kopf taucht zuerst ab, doch meine Beine baumeln hilflos in der Luft. Ich kann den heißen Atem des Vogels auf meiner Haut fühlen.
Danke, du Arschloch, denke ich, während ich die Augen zusammenkneife.
Schmerz durchzuckt meine Glieder, als der Vogel nach mir packt und mich aus dem Haufen herauszieht.
„Lass mich los, du blöder Piepmatz!“, schreie ich ihn an, doch er reagiert gar nicht.
Ich sehe das Grinsen in seinem Gesicht, als ich mich zu ihm umdrehe, das schelmische Leuchten seiner schwarzen Augen.
„Du kannst mich mal!“
Dann wirft mich der Vogel ein Stück hoch und fängt mich mit seinem scharfen Schnabel wieder auf.
So endet es wohl mit allen zukünftigen Weltherrschen: Ein dämlicher Vogel fängt den frühen Wurm.
Was für ein Scheißtag.
Schmerzen durchzucken meinen Körper und dann wird alles schwarz.



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