Der späte und der frühe Vogel

Früh.
Frühes Erheben und frühes Erwachen. Was bedeutete das für ihn?
Wenn ich ihn so beobachte, wenn ich sein Leben betrachte, einiges. Und ich schaue mir bloß drei Tage dieses Lebens an. Sein Name ist Bill Vogel. Er ist ein gewöhnlicher junger Mann in einem gewöhnlichen Land und lebt in gewöhnlichen Verhältnissen. In seinem Leben existiert nichts Besonderes, nichts von erwähnenswerter Wichtigkeit. Und doch habe ich festgestellt, wie einfach es sich gestaltet, im Leben eines Menschen etwas zu verändern. Der Trick ist, die Kleinigkeiten zu verdrehen, sie zu verändern. Denn danach wird oftmals alles anders. Ob zum Guten, ob zum Schlechteren, das wird sich noch zeigen.
Der Mensch selbst behauptet, dass es an Jahren dauert, bis man eine Seele wahrhaftig ergründet hat. Dem widerspreche ich resolut. Drei Tage, so sage ich. Drei Tage seines Lebens, dem Leben von Bill Vogel - und du weißt, wer er ist. Und du weißt auch, von welchen Kleinigkeiten ich spreche.
Tag 1:
Bill Vogel ist Student. Er studiert Geschichte und Deutsch. Lehramt. Bill Vogel lebt noch zuhause, bei seinen Eltern und seiner kleinen Schwester, doch er ist schon seit Wochen auf Wohnungssuche. In diesem Moment liegt im Bett. Er schläft, schläft so friedlich. Sein Atem geht fein, aber regelmäßig. Draußen scheint die Sonne. Der Wecker, ein schmuckes, silbernes Stückchen Technik, steht auf dem Nachttisch neben dem Bett. Zwar hat Bill gestern Abend die Weckfunktion aktiviert, doch er hat vergessen, die Batterien auszuwechseln. Der Wecker steht stumm da, klingelt nicht. Bill schläft, schläft so friedlich und schläft friedlich weiter.
Heute hätte er eine Übung im Fach Geschichte gehabt, zu welcher eine Austauschstudentin aus Rom eingeladen war.
Doch Bill erfährt davon nichts, denn er liegt im Bett und schläft.
Als er zwei Stunden zu spät an der Uni erscheint, begegnet er einem Freund: Hannes. Hannes berichtet von der Übung mit der Austauschstudentin, den Bill verschlafen hat. Maria ist ihr Name. Maria ist sehr hübsch, erzählt Hannes. Es hat sich gelohnt, sagt Hannes, denn Hannes hat Maria zu einem Date eingeladen. Bill Vogel, der Student, zuckt die Achseln. Im Stillen ärgert er sich, doch er wird es Hannes nicht gestehen. Und sich selbst auch nicht.
Tag 2:
Bill Vogel ist Student und auf Wohnungssuche. Er findet, dass es an der Zeit ist, das traute Nest hinter sich zu lassen und die Flügel auszubreiten. Bill will fliegen, fliegen und frei sein, frei wie ein Vogel. Bill Vogel hat heute eine Wohnungsbesichtigung. Zwar hat er sich keinerlei Chancen ausgerechnet, denn es gibt noch sechs weitere Bewerber. Aber Bill will es dennoch versuchen.
Bill liegt in seinem Bett und schläft, schläft so friedlich. Der Wecker steht auf dem Nachttisch, ein schmuckes, silbernes Stückchen Technik. Bill hat die Batterien nicht ausgewechselt. Der Wecker wird nicht klingeln. Der Wecker klingelt nicht. Der Wecker schweigt. Bill schläft weiter, ein friedliches, junges, gefangenes Gesicht. Der Termin verstreicht, er zieht vorüber und die Wohnung wird an einen anderen Bewerber vergeben. Doch davon erfährt Bill Vogel nichts, denn er liegt in seinem Bett, auf seinem Kissen und schläft. Nie hat er einen besseren Schlaf geschlafen, auch wenn Bill sich nach dem Erwachen ärgert und verbittert. Aber zu ändern ist es nicht. Er nimmt sich nur vor, die Batterien seines Weckers auszuwechseln.
Tag 3:
Bill Vogel, der junge Mann, er ist Student. Er mag seine Studienfächer Geschichte und Deutsch, doch es weiß ihn durchaus auch zu ermüden. Erst die letzte Nacht hat er bis spät hinein über seinen Wälzern gebrütet und doch nichts in seinen Verstand geprügelt. Dann ist er eingeschlafen. Bill Vogel, er schläft.
Sein gefangenes Gesicht wirkt friedlich. Niemand wird ihn in seinem ewigen Schlaf stören, niemand, nicht einmal sein Wecker, dieses hübsche, silberne Stückchen Technik. Er wird nicht klingeln, denn Bill hat vergessen die Batterien auszuwechseln. Bill Vogel schläft.
Irgendwo im Haus klingelt noch etwas: es ist die Hausklingel. Bill bekommt heute Besuch von seinen Verwandten: seine Tante und sein Onkel sind ausnahmsweise in der Stadt. Bill hört keine Klingel, denn Bill schläft einen ewigen, friedlichen, gefangenen Schlaf mit seinem jungen Gesicht und seinen feinen, regelmäßigen Atemzügen.
Das waren drei kleine Tage aus Bill Vogels Leben, ein kurzer Einblick in sein Leben, sein Fühlen, sein Verstehen und Begreifen. Ich muss gestehen, ich habe Mitleid mit ihm. Deshalb nehme ich mir die Freiheit heraus. die Zeit rückwärts zu drehen, zurück und zwar genau drei Tage. Verändert man bloß die kleinen Dinge im Leben von Bill Vogel, dreht an ihnen, schraubt wie an einem Uhrwerk, gerät oft mehr in Bewegung, als man sich vorstellen konnte, als man beabsichtigt hatte. Auch Bill Vogel soll am Uhrwerk schrauben. Er wird sich daran erinnern, dass er die Batterien seines Weckers auswechseln muss. Er wird sich erinnern, vertrau mir.
Die Menschen sollten im Allgemeinen darüber sinnen, ob sie sich nicht an den Kleinigkeiten ihres Lebens zu schaffen machen, an ihnen drehen und schrauben, denn wie man weiß, kann bereits das zarte Flügelschläge eines Schmetterlings das gewaltig tobende Brausen eines Tornados auslösen.
Noch einmal drei Tage aus Bill Vogels Leben. Ein zweiter Versuch mit einer winzigen Veränderung:
Tag 1:
Bill Vogel ist Student. Er studiert Geschichte und Deutsch auf Lehramt. Im Augenblick ist er auf Wohnungssuche. Bill Vogel liegt im Bett und schläft, schläft so friedlich, friedlicher als jeder Säugling an der Mutterbrust, tief und weich und fest.
Der Wecker steht auf dem Nachttisch, ein hübsches, silbernes Stückchen Technik. Gestern erst hat Bill die Batterien im Gehäuse ausgewechselt. Die Zahlen des Weckers springen um. Der Wecker stimmt ein recht unliebsames Klingelkonzert an, was Bill leider einfach nicht überhören kann. Bill erhebt sich. Heute hat er eine Übung im Fach Geschichte, zu dem eine Austauschstudentin aus Rom eingeladen ist. Ihr Name ist Maria. Sie ist sehr hübsch. Auch Hannes, ein Freund von Bill Vogel, findet sie sehr hübsch.
Bill betrachtet Maria genau, während sie von Rom und dem Palatin und der Villa Borghese erzählt. Sie gefällt ihm äußerst gut.
Die Übung ist zu Ende. Alle Studenten und Studentinnen strömen aus dem engen Seminarraum zur Mensa. Bill Vogel bleibt zurück, sieht dabei zu wie Maria ihre Tasche packt. Er geht zu ihr hin, fährt sich durchs Haar und fragt sie, ob sie mit ihm gemeinsam in die Mensa essen geht.
Maria lächelt, schaut zu ihm auf und antwortet mit einem Ja.
Tag 2:
Bill ist Student und auf Wohnungssuche. Er findet, dass es an der Zeit ist, das traute Nest hinter sich zu lassen und die Flügel auszubreiten. Bill will fliegen, fliegen und frei sein, frei wie ein Vogel. Bill Vogel hat heute eine Wohnungsbesichtigung. Zwar hat er sich keinerlei Chancen ausgerechnet, denn es gibt noch sechs weitere Bewerber, doch Bill wollte es dennoch versuchen.
Bill liegt in seinem Bett und schläft, schläft so friedlich. Der Wecker, ein schmuckes silbernes Stückchen Technik mit neuen Batterien beginnt sein allmorgendliches Klingelkonzert, stets im selben Rhythmus. Bill Vogel ist bedauerlicherweise nicht imstande, dies zu überhören. Er steht auf. Er steht auf und geht zu dem Besichtigungstermin. Die Wohnung ist wunderschön und sie entspricht genau seinen Ansprüchen, doch es gibt noch sechs weitere Mitbewerber. Die Maklerin mit Namen Wurm verkündet: Derjenige, der sich zuerst bei ihr meldet, wird die Wohnung auch bekommen.
Bill Vogel nickt und nimmt sich vor, der Erste zu sein, doch jetzt muss er sich beeilen, denn er trifft sich noch auf einen Kaffee mit der hübschen Austauschstudentin aus Rom. Bill Vogel trifft sich mit Maria.
Tag 3:
Bill Vogel, der junge Mann, er ist Student für Geschichte und Deutsch. Bill liegt im Bett und schläft, ruht so friedlich und träumt von dem wunderschönen Abend mit Maria. Sein Gesicht wirkt so befreit, denn er lächelt im Schlaf.
Der Wecker, dieses kleine silberne Stückchen Technik, fängt zu klingeln an. Bill kann es nicht überhören, er hat es auch gar nicht vor. Bill fährt sich durchs Haar, greift zum Telefon und ruft die Maklerin mit Namen Wurm an. Es ist noch sehr früh am Morgen. Niemand nimmt ab. Bill Vogel, der Student spricht in kurzen Sätzen auf den Anrufbeantworter. Die Haustür schrillt. Bill öffnet, denn er erinnert sich an eine Verabredung, die er heute hat. Auf der Türschwelle steht sein Onkel, seine Tante wartet im Auto. Die beiden laden Bill zum Essen ein. Bill Vogel fährt sich durchs Haar und steigt in den Wagen.
Bill Vogel kommt nach dem Essen nach Hause. Er rennt ins Badezimmer, er muss sich beeilen, denn gleich trifft er sich in der Stadt vor dem Kino mit Maria. Plötzlich klingelt sein Telefon. Bill Vogel nimmt ab. Aus dem Hörer dringt die Stimme der Maklerin mit Namen Wurm, die ihm verkündet, dass er der erste Interessent war, der sich zurückgemeldet hat.
"Ja, ja", sagt sie, "Der frühe Vogel fängt den Wurm."
Dies kann Bill Vogel, der Student, der nun nicht länger auf Wohnungssuche ist, nur bestätigen. Nun ist er frei, kann die Flüel ausbreiten und fliegen, weit weg, wie ein Vogel.
Sein Name ist Bill Vogel. Ich habe ihn drei Tage beobachtet und betrachtet. Drei Tage lang und man wusste, wer er war: Ein Versager, der die Gelegenheiten seines Lebens verpasst. Man dreht die Zeit rückwärts, man verändert eine winzige Gegebenheit und die Folgen sind ein vollkommen neues Leben. Ein Uhrwerk, welches in Bewegung geraten ist, hat sich begonnen zu drehen.
Drei Tage und jedermann weiß, wer Bill Vogel ist. Ich glaube nicht, dass ich ihn weiterhin beobachten werde. Die Welt beherbergt noch so viele andere Menschen und Bill Vogel ist einer unter Milliarden. Doch er hat das Prinzip seines Lebens begriffen: Der frühe Vogel fängt den Wurm.
Dabei waren doch bloß die Batterien schuld.
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