Canis Argentarius - Kapitel 15

Bild von Phlegethon

XV

Die Nacht zerbrach. Sie zersplitterte in Abermillionen kleine Scherben, die vom Himmel schneiten, im Wind ueber Noricum flogen und mit ihren scharfen Raendern die Gefuehle jeglicher Lebewesen zerschlitzten. Ein ungeheures Beben erschuetterte die Baeume, scheuchte die Kaninchen in ihre Hoehlen, zerfetzte die Atmosphaere wie ein hungriger Wolf ein Stueck Fleisch. Aufflatternde Voegel, fliehende Rehe, selbst das Eis auf den Pfuetzen schien zu bersten. Die Sterne erloschen und ließen den Mond als einzigen, leuchtenden Fleck am Himmel strahlen, blendend hell, atemberaubend kraeftig. Sein Licht vereinte sich mit dem der beiden winzigen Silbermonde die von der Erde zu ihm hochglitzerten, von dort, woher die schaurige, grauenvoll schoene Stimme kam.
Mitten in diesem Wirbel stand Phlegethon, ihr Blut schien gefroren, ihr Herz erstarrt, nur ihre Lungen blaehten sich auf unvorstellbare Groeße, als sie ihr Geheul dem Mond entgegenschleuderte, als wolle sie ihn damit zu sich hinunterschießen:

„O Fortuna,
velut luna
statu variabilis,
semper crescis
aut decrescis;
vita detestabilis
nunc obdurat
et tunc curat
ludo mentis aciem,
egestatem,
potestatem
dissolvit ut glaciem!
Obumbrata
Et velata
michi quoque niteris,
nunc per ludum
dorsum nudum
fero tui sceleris!”

Da schien der Himmel aufzulodern, in Flammen zu zergehen, als sich tausende Lichter in den leuchtendsten Farben verwoben, zerrissen, neu komponierten. Selbst den Mond schienen sie zu verschlingen, sie entzuendeten die Nacht, legten sich um die zitternde Woelfin und tauchten ihr Fell in ein Schillern, gleißend und blendend; mischten sich in ihr Blut, fuellten ihre Lunge, schlugen Funken aus ihren Augen; zogen sich ebenso schnell zurueck ins Nichts und hinterließen eine klirrende, droehnende Stille.
Als das Nordlicht erloschen war, lag Phlegethon atemlos und ohnmaechtig im Schnee.

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Das Kapitel ist meinem ehemaligen Hund gewidmet, dem ich auch gerne mal ein Nordlicht zusenden würde...


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