Canis Argentarius - Kapitel 14

XIV
Es war ein trauriger Anblick, der sich den Gestirnen bot. Auf dem Grashuegel am Waldrand standen fuenfzehn Woelfe; teils mit versengtem Fell, naessenden Wunden, blutigen Koerpern; und betrachteten mit einer erschoepften Leere im Blick die verschwindenden Rauchschwaden, die aus dem Waldesinneren aufstiegen. Manche leckten mit der Zunge ueber ihre Verletzungen, andere stierten hilflos auf zum Mond. Selbst die mahagonifarbene Woelfin blickte zwar erhobenen Hauptes, doch mit einem besorgten Schimmer in den Augen ueber die Baeume.
„Scammonia und Smilax fehlen.“, stellte Boreas schließlich fest. „Wann hat sie jemand von euch zuletzt gesehen?“
Aengstliches Schweigen lag ueber den Angesprochenen, jeder hoffte verzweifelt auf eine Antwort, die sie von dieser Spannung erloesen moege. Ein paar verstohlene Blicke wurden getauscht, dann trat Reflatus gesenkten Kopfes vor, unter den Augen seiner Rudelgefaehrten, die ihn aussaugen zu wollen schienen.
„Scammonia… ich glaube, ich habe sie gesehen…“
Die Stimme des sonst so tapferen Jaegers zitterte, seine Rute trug er gesenkt und leckte sich immer wieder nervoes ueber die Lefzen. Irgendwo aus dem Wald schrie ein Uhu, als wolle er den Werwolf auffordern, endlich weiterzusprechen.
„Sie ist in ein Lederzelt gesprungen“, fluesterte dieser endlich. „Einem… einem Mann hinterher und dann…“
Niemand sprach mehr ein Wort. Jeder hatte das Bild im Kopf, wie die junge Woelfin panisch im Zelt herumwirbelte und ihr brennendes Fell zu loeschen versuchte, waehrend sich der Rauch um sie verdichtete. Notus zuckte zusammen, Turben nickte langsam. Die Stille erwuergte sie.
„Es fehlt aber noch jemand.“, wagte sich schließlich Tenebrae zu melden. „Wir sind nur zu neunt!“
Die Silbermuenzen waren starr auf den Wald gerichtet, keine Bewegung an Phlegethons Koerper war zu erkennen. Ihr Geschwuer wucherte, fuellte ihren gesamten Magen, die Daerme, umschloss die Leber. Nach wie vor stand sie still. Doch in ihr explodierte die Panik.
„Wo ist Crinis?!“, bellte sie schließlich. „Wo ist er?“
Ihre Lungen bebten. Sollte Crinis etwas zugestoßen sein, wuerde das das Ende sein! Ohne ihn wuerde sie niemals die Weissagung erfuellen koennen, sie brauchte ihn! Beinahe haette sie ihren Traum verwirklicht, und nun waren ihr die beiden Woelfe, die sie dazu benoetigte, abhanden gekommen! Sollte es das tatsaechlich gewesen sein?
„Wo ist Crinis?!“, kreischte sie noch einmal, ihre Stimme ueberschlug sich.
Keine Antwort. Keine Bewegung.
Wieder schrie der Uhu, diesmal weiter entfernt. Dann trat Zephyrus an die aufgeregte Alpha-Woelfin heran.
„Wir haben beide Verluste, moegen sie gut unter uns ankommen! Doch der Morgen naht und es wird Zeit fuer uns, aufzubrechen. Ihr habt euer Versprechen gehalten, wir bedauern, eure Woelfin nicht im Lager vorgefunden zu haben, also sind wir euch etwas schuldig. Solltet ihr irgendwann wieder einmal unsere Hilfe benoetigen, gebt uns bescheid.“
Phlegethon beachtete ihn nicht. Mit flammenden Augen starrte sie geradeaus, jeden einzelnen Muskel angespannt.
Schließlich drehte sich Zephyrus langsam um, trabte die Boeschung hinunter. Die restlichen Windwoelfe betrachteten irritiert das Geschehen, dann setzten sie sich in Bewegung und folgten ihrem Alpha. Zoegerlich kam Unguo ein paar Schritte auf seine Anfuehrerin zu.
„Ich denke, auch fuer uns ist es Zeit.“, murmelte er. „Wir sollten zurueck ins Lager.“
Aus dem Nichts heraus fuhr Phlegethon herum und biss ihm so kraeftig von oben in die Schnauze, dass Blut in den Schnee tropfte. Jaulend sprang der Beta zurueck und schuettelte sein Fell.
„Nirgendwo werden wir hingehen!“, bestimmte der Feuerstrom, mit einer ploetzlichen Entschlossenheit in der Stimme, als haette er ueber ein Heer von zweihundert Woelfen zu befehlen. Die Silbermuenzen zersprangen und reflektierten das Mondlicht aus tausenden von Scherben. „Wartet hier! Wartet, bis ich zurueckkomme, und wehe, jemand ruehrt auch nur eine einzige Pfote!“
Geschmeidig wie ein Aal fuhr sie herum und galoppierte den Abhang hinunter, entfernte sich vom Wald und verschwand in einer matt-weißen Wolke.
*°*°*
Kein Geraeusch gab der Schnee unter den Pfoten der mageren Woelfin von sich. Die von ihren Ballen ausgehende Waerme schmolz ihn leicht an und ließ ihre Abdruecke klar begrenzt und deutlich erkennbar zurueck, die kleinen, runden Vertiefungen mit den vier Zehen und Krallen. Phlegethons Blick war geradeaus gerichtet, auf den verschneiten Felsen, der im Mondlicht schimmernd vor ihr in die Hoehe ragte. Etwas von dem kalten Staub loeste sich, als sie auf den niedrigsten Stein sprang, wirbelte kurz durch die Luft und verlor sich im Nachtwind. Immer weiter sprang sie, fließend ihre Bewegungen, kuehl ihre Augen. Bis sie schließlich den hoechsten Punkt erreicht hatte.
Eine eiskalte Brise von Norden her fuhr durch ihr Fell, wehte ein paar Schneeflocken vom Felsen auf und scheuchte sie Richtung Sueden. Phlegethon hob den Kopf und ließ die Silbermuenzen im Mondschimmer funkeln. Eis leises Zittern umspielte ihre Lefzen, bevor sie kaum hoerbar fluesterte:
„Was habe ich falsch gemacht?“
Der Wind riss die Worte mit sich und verstreute sie irgendwo im Nichts. Vielleicht wusste er vom Schmerz der Woelfin und wollte ihr ersparen, ihr eigenes, verzweifeltes Wimmern zu hoeren. Doch sie ignorierte seine gut gemeinte Geste.
„Was habe ich nur falsch gemacht?“, wiederholte sie leise. „Ich war doch bestimmt. Ich sollte doch den Wald fuer mich gewinnen. Alles hatte doch darauf hingedeutet. Warum nimmst du mir jetzt das Letzte, was ich dazu benoetigte?“
Es kam keine Antwort, doch die Woelfin hatte auch keine erwartet. Sie wusste, dass sie niemand gehoert hatte. Der, zu dem sie gesprochen hatte, war zu weit entfernt, um ihr Gefluester zu verstehen. Ein tiefer Atemzug fuellte ihre Lunge bis in die letzte Bronchie mit der frierenden Nacht, die sich in ihr Blut mischte und ihren Koerper bis in die Krallen durchstroemte. Dann warf Phlegethon den Kopf zurueck und heulte.
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