Canis Argentarius - Kapitel 13

XIII
Die modrige, stickige Luft lag schwer ueber dem Kaefig, der in einer Ecke des Kellers stand. Hierhin hatte man Atrimenta verfrachtet, um sie besser ueberwachen zu koennen, und auch aus geographischer Bequemlichkeit.
Reglos lag die Woelfin hinter den Eisenstangen, starrte leer in den Raum, doch in ihr zerschlugen Blitze gewaltvoll jeden ruhigen Winkel ihres Koerpers. Und inmitten dieses Unwetters wuchs etwas, setzte sich an ihren Gedaermen fest und wartete auf Nahrung: Ein kleines, hungriges Hassgeschwuer.
Die ganze Zeit ueber hatte Atrimenta dieses schlafende Etwas am anderen Ende des Raumes beobachtet, dieses merkwuerdige Wesen mit der spitzen Wirbelsaeule, dessen ekelerregender Hundegestank ihre Nase beleidigte. Nicht zu fassen, Diabolus musste diese Kreaturen in der Tat aus purer Bosheit geschaffen haben!
Und dieses Etwas sollte sie also bewachen. Atrimenta fuehlte den Trotz ihr Geschwuer fuettern, welches sich praechtig entwickelte und schon auf die Groeße eines Augapfels angeschwollen war. Dieses Etwas sollte hier den ganzen Tag vor dem Schluesselhaken liegen, keine Pfote ruehren, und dafuer auch noch bestens verkoestigt und gelobt werden? Das Einzige, wozu dieser Hund wohl faehig war, war es, ihr, Atrimenta, den Schluesselbund zu bringen und ehrfurchtsvoll vor die Fueße zu legen.
Erschrocken stellte sie fest, wie ueberraschend aehnlich ihre Gedanken derer Phlegethons geworden waren. Sie sprang auf, schuettelte sich, als wolle sie die Art ihrer Alpha-Woelfin so aus ihrem Koerper vertreiben. Bei dem Graeusch ihres durch die Luft fliegenden Fells zuckte das Wesen kurz mit den Ohren, ruehrte sich aber nicht.
Warum eigentlich nicht?, schoss es ihr durch den Kopf. Einen Versuch ist es doch wert!
Sie atmete tief durch, hob die Schnauze und spannte die Laeufe an.
„Heyo, Canis!“
Der Hund reagierte nicht. Entweder verstand er sie nicht, oder ihm war Befehl gegeben worden, sie vollkommen zu ignorieren. Was es auch immer mit ihm auf sich hatte, es hatte Atrimentas Ehrgeiz geweckt.
„Heyo, Canis familiaris!“
Die Woelfin triumphierte, als er die Schnauze hob und den Kopf zu ihr umdrehte. Gespannt bohrte sie ihren Blick in seinen, bis er die Augen niederschlug und sich wieder umwandte – Er gab sich geschlagen.
Das schabende Geraeusch ihrer Krallen auf dem Holzboden brachten das Tier nun endlich so weit, ihr noch einmal seine Aufmerksamkeit zu schenken, und diesmal hielt er ihrem Blick stand, minutenlang stierten sie sich gegenseitig an, bis Atrimenta genervt knurrend zu verstehen gab, dass es nun genug sei. Als er daraufhin wiederum den Kopf wenden wollte, wurde es ihr zu bunt.
„Bist du desinteressiert oder einfach nur faul?“, zischte sie fordernd, in der Hoffnung, ihn provozieren zu koennen. Phlegethon waere das sofort gelungen, das wusste sie, doch ihre schnippische Art konnte Atrimenta kaum imitieren. Sie war nun einmal sie, und nicht ihre Anfuehrerin, damit musste sie sich abfinden.
Nach zwei tiefen Atemzuegen fuhr die Woelfin ruhiger fort: „Canis, warum streiten wir? Wir sitzen hier beide untertage, langweilen uns und sind unertraeglich einsam, nicht wahr? Man koennte sich doch auch einfach entspannt und friedlich unterhalten, oder?“
Er stockte in der Bewegung, schwenkte den Kopf nun zum Dritten mal herum, um nun endlich, endlich seine Vorderlaeufe auf den Boden zu stemmen und aufzustehen.
Es war mit Abstand der merkwuerdigste Hund, den Atrimenta in ihrem gesamten Leben gesehen hatte, soviel stand fest. Erschreckend duerr war er, es war der Werwoelfin ein Raetsel, wie er sich auf den Pfoten halten konnte, jede einzelne Rippe stach scharf unter der duennen Haut hervor, seine Beine waren halb so dick wie die ihren, selbst sein Kopf schien abgemagert, erst beim zweiten Blick konnte Atrimenta sich korrigieren: Abgeflacht. Die lange Schnauze mit der niedrigen Stirn wirkte viel zu lang fuer einen Caniden, seine runden Augen erinnerten unweigerlich an die eines Rehs. Anstatt wirr und struppig in alle Richtungen abzustehen, schmiegte sich sein raspelkurzes Fell eng an seinen Koerper, schimmerte dabei in den verschiedensten Silbernuancen.
Sein Haar wuerde hervorragend zu Phlegethons Augen passen., grinste Atrimenta innerlich und haette sich im naechsten Moment fuer diesen absurden Gedanken erwuergen koennen. Ganz ruhig bleiben!
Nun taenzelte das Tier einige Schritte auf sie zu, so, wie sie noch nie ein Wesen hatte taenzeln sehen. Seine Beine wirkten im Verhaeltnis zum restlichen Koerper viel zu lang, zu duenn, aber dennoch zu muskuloes. Die riesige Brust vor der Wespentaille wirkte ebenso laecherlich wie die beinahe seitlich abstehenden Ohren. Doch das aller Irritierendste war: Bei dem Hund handelte es sich offensichtlich um einen Feigling. Nicht nur, dass er die Rute zwischen die Hinterlaeufe gezogen hatte, der gesamte hintere Teil der Wirbelsaeule war unnatuerlich nach unten gebogen, und trotz dieser eindeutigen Angstgeste trug er den Kopf so hoch, dass Atrimenta allein der Anblick in der Genickmuskulatur schmerzte. Aus dieser Koerpersprache wurde sie einfach nicht schlau.
„Hast du Angst vor mir?“, zwang sie sich endlich zu fragen. „Oder warum ziehst du den Schwanz ein?“
Stumm, mit schiefgelegtem Kopf, beaeugte er sie. Er schien zu ueberlegen, ob diese Woelfin einer Antwort wuerdig war oder ob er sich nicht doch besser wieder zur Ruhe legen sollte. Dann, ganz unerwartet, gab er zu verstehen:
„Meiner Wirbelsaeulen Kruemmung liegt nicht in meiner Macht, es handelt sich bei dieser ueberaus possierlichen Deformation meines Rueckens um eine praktische, dem schnellen Laufen foerderliche Zuechtung.“
Haette sich Atrimenta nicht so schrecklich konzentrieren muessen, um seine beinahe unverstaendlichen Worte zu entschluesseln, sie haette laut aufgelacht. Weniger wegen seiner gehobenen Ausdrucksweise als wegen der Tatsache, dass sie sich unmoeglich vorstellen konnte, wie einem diese Behinderung beim Laufen nuetzlich sein konnte. Wieder nahm sie einen tiefen Atemzug der feuchten Luft, bevor sie antwortete:
„Mein Name ist Atrimenta. Die Schwaerze. Ich komme aus den Waeldern nord-westlich von Flavia Solva, urspruenglich aus einem Dorf von Ungebildeten, spaeter aus einem Rudel gesetzloser Werwoelfe. Es gibt also keinen Grund, mit mir zu sprechen, als seiest du Christus persoenlich.“
Sie musste selbst ueber den Laut ihrer Worte schmuzeln, und stellte ueberrascht fest, dass ihr Gegenueber dasselbe tat.
„Sehr erfreut. Ich wurde geboren in dieser Stadt, vor etwa vier Sommern, seitdem lebe ich hier und habe die Waelder noch nie gesehen. Doch ich kenne die Straßen Flavia Solvas in- und auswendig, bin auf ihnen allen gelaufen und kenne jede noch so kleine Unebenheit auf und zwischen den Steinen. Ich bin uebrigens Vertragus.“
„Vertragus?“, nachdenklich zog Atrimenta die Brauen zusammen. „Die Bedeutung dieses Wortes ist mir nicht bekannt.“ Und korrigierte sich nach einem leisen Grinsen: „Was bitteschoen heißt das?“
Stolz hob ihr Waechter das Kinn und drueckte die Gelenke seiner Vorderlaeufe durch, beinahe, als strecke er sich nach einem langen Schlaf. Immer noch fiel es Atrimenta schwer, seine durch die verformte Wirbelsaeule und die zu tief angesetzten Ohren getruebte Sprache richtig zu deuten, aber sie versuchte, diese Irrefuehrer auszublenden.
„Windhund.“, antwortete Vertragus nur stolz. „Ich wurde geschaffen, um zu laufen. Schnell zu laufen, schneller als die uebrigen Caniden.“
„Windhund?“, Atrimenta schuettelte unglaubig den Kopf. „Ich kenne Windwoelfe, zwar laufen sie schneller als die Mitglieder unseres Rudels, sind groeßer, schlanker und muskuloeser, aber einen deutlichen Unterschied zu anderen Woelfen kann man doch kaum erkennen.“
Vertragus betrachtete nachdenklich seine linke Vorderpfote, pulte mit den Zaehnen ein Steinchen zwischen den Zehen hervor und spuckte es auf den kalten Boden.
„Wer oder was auch immer deine Windwoelfe sind, ihre Geschwindigkeit kann in keiner Relation zu der meinen stehen.“
„Ach!“, bemerkte nun wiederum Atrimenta skeptisch. „Und was machst du dann hier unter der Erde mit einer Werwoelfin, anstatt ueber uns die Straßen unsicher zu machen? Was haelt dich davon ab, loszulaufen auf deinen schrecklich schnellen Spinnenbeinchen?“
Mit einem Mal war es still geworden. Irgendwo hoerte man Wasser von der Decke tropfen, eine Maus huschte ueber den Boden, verschwand in einem Spalt. Betreten betrachtete der Windhund nun auch seine rechte Pfote, doch Atrimenta spuerte, dass er dies aus reiner Verlegenheit tat.
Also doch!, freute sie sich. Nicht nur ein Feigling, sondern auch ein Angeber!
Gerade, als sie sich umdrehen und dem Aufschneider den Ruecken kehren wollte, kam seine leise, beschaemte Antwort: „Wenn ich einen Wunsch offen haette… Ich waere auch gerne so frei wie ihr.“
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