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Tödliche Zeichen

Bild von annika_cl

"Das ist jetzt schon der dritte Tote in wenigen Tagen. Ich verstehe das nicht. Wie konnte das passieren?" Lukas' Stimme brach. Er war der Leiter der Schülerzeitung und normalerweise hatte er immer eine Lösung. Aber jetzt wirkte er verzweifelt und wusste nicht, was er tun sollte. Unter seinen Augen hatten sich dunkle Schatten gebildet, denn er hatte seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Doch damit war er nicht alleine. Die ganze Schule war erschüttert von den Todesfällen der letzten Tage.
Seit der erste Schüler vor wenigen Tagen gestorben war, ist die Hälfte der Schüler nicht mehr zum Unterricht erschienen. Als dann eine weitere Schülerin starb, trauten sich noch weniger Schüler in die Schule, aus Angst, selber ein Opfer zu werden. Nachdem heute morgen bekannt wurde, dass ein dritter Schüler gestorben war, hatten die restlichen Eltern ihre Kinder sofort abgeholt. Die Schüler, die die Toten gekannt hatten, waren in psychiatrischer Behandlung.
Alle waren sich sicher, dass an dieser Schule etwas nicht stimmte und die regionalen Zeitungen fingen schon an zu spekulieren. Dort war die Rede von einem Schüler oder Lehrer, der verrückt geworden ist, oder von einem Angriff auf die Schule. Unter den Schülern verbreiteten sich Gerüchte von Selbstmord, Drogen oder davon, dass die Toten an dem Druck, der auf ihnen lastet, zerbrochen sind. Niemand fühlte sich auch nur in der Nähe der Schule mehr sicher.
Die Schülerzeitung hatte ein Krisentreffen einberufen, doch von den wenigen Verbliebenen waren alle schockiert, traumatisiert und schweigsam. So kam es, dass niemand eine Idee hatte und auch niemand etwas sagte, selbst wenn jemand etwas zu sagen gehabt hätte. Alle waren zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken, ihren eigenen Ängsten. Obwohl es sinnlos war, versuchte jeder, die Geschehnisse der letzten Tage zu verarbeiten, sie zu verstehen. Doch es gab nichts zu verstehen: Innerhalb von wenigen Tagen starben drei Schüler der gleichen Schule, doch es gab keinen Zusammenhang zwischen ihnen. Sie kannten sich nicht, hatten sich noch nicht oft gesehen, nur zufällig, und sie waren in unterschiedlichen Klassen und Jahrgangsstufen gewesen. Alle drei Opfer hatten unterschiedliche Interessen gehabt.
Der erste Tote war ein Oberstufenschüler aus der elften Klasse. Er war beliebt, hatte viele Freunde und gute Noten. Viele Schüler hatten ihn gekannt und bedauerten seinen Tod.
Das zweite Opfer war ein Mädchen aus der sechsten Klasse. Sie war schüchtern, ruhig und eine Einzelgängerin, doch auch sie hatte gute Noten gehabt. Nur wenige Schüler hatten sie wirklich gekannt, doch die meisten hatten nicht einmal gewusst, dass sie existierte.
Das dritte Opfer war ein Schüler aus der achten Klasse. Er war faul und strengte sich nicht in der Schule an, weshalb er schlechte Noten gehabt hatte. Trotzdem war er in seiner Klasse sehr beliebt gewesen, wenn auch nur bei den Schülern und nicht bei den Lehrern.
Bei keinem der drei Opfer konnte eine Todsursache festgestellt werden und niemand konnte sich erklären, warum die drei gestorben sein konnten. Es wurden viele Experten befragt, doch niemand hatte schon einmal so etwas erlebt. Keiner der Ärzte konnte klären, woran die drei Schüler gestorben waren. Es gab weder Anzeichen für einen Kampf noch für eine Krankheit. Auch ein plötzlicher Herzstillstand wurde bei der gesundheitlichen Verfassung der Opfer ausgeschlossen. Die Ratlosigkeit der Ärzte machte die Schüler noch ängstlicher, denn sie wussten nicht, wie sie sich schützen sollten. In der Schule herrschte ein Ausnahmezustand und es war so still, dass sie fast wie ausgestorben wirkte.
Marie war die erste, die die unheimliche Stille durchbrach: "Vielleicht hat ja jemand etwas gesehen. Wir könnten einen Aufruf starten." Sie war blass, doch ihre Stimme war überraschend gefasst und fest. Alle drehten sich zu ihr um und sahen sie an, dann wandten sie ihren Blick Lukas zu, der nur stumm nickte, denn sonst hatte niemand eine Idee. Alle stimmten ihr zu, denn irgendwie musste es weitergehen. Sie konnten nicht nur alle herumsitzen und nichts tun.
So erschien am nächsten Tag eine Sonderausgabe der Schülerzeitung mit einem Aufruf auf der ersten Seite:

Liebe Schülerinnen und Schüler,
Wie ihr alle wisst, haben wir in den letzten Tagen drei unserer Mitschüler
verloren. Wir, die Redaktion der Schülerzeitung, sind zutiefst schockiert
und
sprechen allen Betroffenen unser herzliches Beileid aus.
Zusammen müssen wir diesen schrecklichen Geschehnissen Einhalt
gebieten.
Wenn ihr also etwas gesehen oder gehört habt, das uns helfen könnte,
den Fall zu lösen, gebt uns Bescheid, auch wenn ihr es für unwichtig
haltet.
Jedes Detail kann uns helfen. Es ist auch in eurem Interesse.
Die Redaktion.

Am Tag der Veröffentlichung passierte nichts und die Schule war so leer und still wie am Tag davor. Niemand traute sich, über die Toten zu reden und die Angst lag wie ein Schleier über der ganzen Schule. Man hatte gehofft, dass sich die Situation ein wenig beruhigen würde, doch im Gegenteil: die Angst der Schüler war weiter gewachsen, da noch immer niemand Genaueres wusste. Keiner gab sich Mühe, seine Unruhe zu verstecken, denn sie war sowieso deutlich spürbar, wo auch immer man war.
Am Nachmittag organisierte die Schule eine Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen. Zum ersten Mal seit Tagen war wieder die ganze Schule in einem Raum versammelt. Ganz vorne saßen die drei Familien der Toten. Es herrschte eine schreckliche Stille und niemand versuchte, sich gegenseitig zu trösten. Das hätte auch keinen Sinn gehabt, denn niemand weinte oder schluchzte. Alle waren zu verwirrt und geschockt, um traurig zu sein und eigentlich war die Ungewissheit noch schlimmer als die Todesfälle an sich.
Stattdessen saßen alle auf ihren Plätzen, mit bleichen Gesichtern, und starrten irgendwo in die Luft. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis die Schulleiterin anfing zu reden, mit leiser, schwacher Stimme: "Liebe Schülerinnen, liebe Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Familien. Wir haben uns heute hier versammelt, um den drei verstorbenen Mitgliedern unserer Schulgemeinschaft zu gedenken. Lasse, Mark und Jana waren wichtige Schülerinnen und Schüler, die den Schulalltag aktiv mitgestaltet haben und sich stets um ihre Mitschüler gesorgt haben."
Unter anderen Umständen hätte es fast so gewirkt, als wäre die ganze Schule gerade auf einer Abschlussfeier versammelt, auf der einige Schüler geehrt wurden. Doch die gruselige Stille machte diesen Eindruck zunichte.
"Jana war die jüngste Schülerin, die in dieser Zeit des Schreckens von uns gegangen ist. Sie war ruhig und schüchtern, doch sie hat den Unterricht auf ihre Art besonders gemacht. Sie war eine gute Schülerin und hat sich immer sehr viel Mühe gegeben, was ihr auch gelungen ist. Von ihrer Familie habe ich erfahren, dass sie eine leidenschaftliche und begabte Reiterin war. Ich bin mir sicher, dass auch ihr Pferd sie zutiefst vermissen wird. Meine Gedanken sind bei Janas Angehörigen und allen, die sie vermissen werden."
Sie machte eine kurze Pause, bevor sie langsam und bedächtig weiterredete: "Lasse war auf seine Weise besonders. Durch den ganzen Unsinn, den er im Kopf hatte, brachte er die Lehrer um ihren Verstand, doch er war ein liebenswürdiger Schüler, der sich in seiner Klasse großer Beliebtheit erfreute. Durch seine eigensinnige Art wird er uns lange im Gedächtnis bleiben. Meine Gedanken sind bei Lasses Angehörigen und allen, die ihn vermissen werden."
Die Schulleiterin machte eine weitere Pause, atmete einmal tief durch und fing erneut an zu reden: "Unser ältester Verstorbener wird uns auch allen in guter Erinnerung bleiben, denn Mark war bis zum letzten Moment ein fröhlicher und selbstbewusster junger Mann. In einem Jahr hätte er sein Abitur mit voraussichtlich guten Ergebnissen absolviert. Er war ein begabter und beliebter Schüler, der schon fast mit beiden Beinen fest im Leben stand. Doch dieser Schritt in ein selbstständiges Leben wurde ihm genommen, von einer Macht, die wir nicht verstehen, die wir zu diesem Zeitpunkt nicht verstehen können. Seine Mitschüler und das gesamte Kollegium werden ihn in guter Erinnerung behalten. Meine Gedanken sind bei Marks Angehörigen und allen, die ihn vermissen werden.
Zu guter Letzt muss ich Ihnen leider noch mitteilen, dass die Ermittlungen in allen drei Fällen bisher erfolglos verliefen. Doch ich kann Ihnen versichern, dass alles getan wird, um die Sicherheit unserer Schüler sicherzustellen."
Mit diesen Worten ging die Schulleiterin wieder auf ihren Platz und alle verließen wortlos den Raum. Zu Hause warteten die Schülerinnen und Schüler darauf, dass der nächste Tag kam und hoffentlich neue Ergebnisse mit sich brachte.

An diesem Tag geschah tatsächlich etwas Neues: Die Ermittlungen gingen voran. Wie aus dem Nichts tauchte Laura auf und betrat den Raum, ohne anzuklopfen. Sie legte ein Foto vor Lukas auf den Tisch und ließ es erst einmal wirken.
Auf dem Foto war ein jüngeres Mädchen mit blonden Haaren zu sehen, vermutlich Jana. Sie stand vor einem Gebäue und neben ihr stand ein größerer Junge. Sein Name war Paul und er war in der zehnten Klasse, wie Laura. Lukas hatte noch nie richtig mit ihm geredet, aber er wusste, dass er in Lauras Jahrgang war. Und jetzt wusste er auch, dass Paul vielleicht drei Schüler umgebracht haben könnte.
Lukas sah Laura an und zum ersten Mal seit Tagen sah man einen Funken Hoffnung in seinen Augen aufblitzen. "Sind das Jana und Paul?"
Laura nickte: "Ich habe die beiden zusammen gesehen, kurz bevor Janas Tod verkündet wurde. Ich denke, dass er damit etwas zu tun hat."
"Und die anderen?"
"Ich habe ihn bei keinem der anderen gesehen, aber ich bin mir sicher, dass er sie auch auf dem Gewissen hat."
Jetzt mischte sich Marie ein: "Was macht dich so sicher, dass er alle drei umgebracht hat? Woher willst du überhaupt wissen, dass er Janas Mörder ist?"
Für einen kurzen Moment bröckelte Lauras selbstbewusste Fassade, doch sie konnte sich wieder fangen und sagte: "Ich weiß es einfach, okay?"
Das glaubte Marie ihr nicht und redete weiter: "Aber bei keinem der Toten gab es irgendwelche Hinweise auf eine Todesursache. Wie soll er sie umgebracht haben?"
Bevor Laura zu einer Antwort ansetzen konnte, ergriff Lukas das Wort: "Dem werden wir nachgehen. Danke für deinen Hinweis, Laura. Du hast uns wirklich sehr geholfen." Sie nickte kurz und ging dann raus, ohne Marie noch einmal anzusehen. Lukas schloss die Tür hinter Laura und drehte sich wieder zu Marie: "Was sollte das? Du weißt doch, dass wir uns an alles klammern müssen, das wir haben."
Marie wurde wütend: "Auch, wenn es ein falscher Hinweis ist?"
"Du weißt doch nicht einmal, ob er falsch ist! Wir haben ihn noch gar nicht untersucht!"
"Das weiß ich, aber es gibt da einfach zu viele Ungereimtheiten. Wie soll er sie umgebracht haben? Sie hätten sich doch bestimmt gewehrt! Und dann auch noch alle drei? Niemals!"
Lukas versuchte, die aufgebrachte Marie zu beruhigen: "Jetzt hör mir mal zu. Es ist für uns alle eine schwierige Zeit und momentan ist das einfach das einzige, was wir haben. Ich möchte den Fall doch auch so schnell wie möglich lösen. Ich werde das der Schulleitung melden und dann werden wir sehen, wie es weitergeht. Okay?"
Marie nickte, doch sie war ganz und gar nicht mit seiner Idee einverstanden. Wenn Lukas es der Schulleitung erzählte, würde diese vermutlich die Polizei rufen. Die Polizei würde wahrscheinlich, wie alle anderen auch, von Pauls Schuld überzeugt sein und ihn verhaften. Dann würde der wahre Mörder noch immer frei herumlaufen und die Schüler wären noch immer nicht sicher. Nein, das durfte nicht passieren.
Marie sah sich kurz um: Lukas stand in der Tür und redete mit einem anderen Schüler. Er hatte ihr den Rücken zugedreht und außer Lukas und dem anderen Schüler war niemand mehr im Raum. Marie vergewisserte sich noch ein letztes Mal, dass sie wirklich niemand beobachtete und nahm das Foto vom Tisch. Vorsichtig steckte sie es in ihre Tasche und ging aus dem Raum, ohne sich von Lukas zu verabschieden.
Zu Hause schaltete sie ihren Laptop an und ging ins Internet. Sie musste irgendwie Pauls Unschuld beweisen und als Reporterin war es ihre Aufgabe zu recherchieren. Es musste einfach eine Möglichkeit geben zu beweisen, dass er niemanden umgebracht hatte.
Im Internet entdeckte Marie nicht viel, nur, dass er viele Fotos von sich und Freunden gepostet hatte. Zu dem Zeitpunkt, an dem Laura angeblich das Foto gemacht hatte, war nichts zu finden. Marie wusste auch nicht genau, worauf sie gehofft hatte, vielleicht darauf, dass er zu dem Zeitpunkt etwas gepostet hatte, dass eindeutig zeigte, dass er nicht bei Jana war.
Das brachte Marie nicht weiter. Wenn sie seine Unschuld beweisen wollte, musste sie schon etwas Handfestes finden Sie musste mit allen Mitteln kämpfen, sie musste mit Paul sprechen. Er konnte es einfach nicht gewesen sein, das war unmöglich.
Am nächsten Tag traf sich die Schülerzeitung ein weiteres Mal, obwohl Wochenende war. Krisenzeiten erforderten harte Arbeit und Durchhaltevermögen.
Lukas verkündete, dass Paul verhaftet worden war. Es war genau das eingetroffen, was Marie befürchtet hatte. Doch noch gab sie nicht auf: "Lass mich mit ihm reden."
Lukas war überrascht: "Wieso willst du mit ihm reden?" Marie blieb standhaft: "Ich kann beweisen, dass er unschuldig ist. Alles was ich brauche ist ein bisschen Zeit. Komm schon, gib mir eine Chance." Lukas sagte nichts, also fuhr Marie fort: "Was hast du zu verlieren?"
Jetzt schien Lukas nachzudenken und Marie sah ihn hoffnungsvoll an. Eine ganze Weile lang sagte niemand ein Wort und Lukas dachte lange darüber nach, was er antworten sollte. Er wusste, dass er Marie eine Chance geben sollte, denn vielleicht hatte sie Recht und Paul war nicht der Mörder. Aber andererseits konnte es auch reine Zeitverschwendung sein und Marie könnte ihre ganze Energie vergeuden. Doch sie hatte Recht: Was hatte er zu verlieren?
Also antwortete er schließlich: "Also gut. Du hast 24 Stunden, um zu beweisen, dass Paul unschuldig ist. Wenn sich herausstellt, dass du Recht hattest, werden wir gemeinsam nach dem Mörder suchen." Marie lächelte, denn jetzt hatte sie ihren Willen bekommen und war zufrieden. Sie musste nur noch eine Sache klären, bevor sie loslegen konnte: "Wie kann ich mit ihm sprechen?"
Lukas wirkte nicht einmal überrascht, dass Marie diese eine Sache wissen wollte, und antwortete: "Ich kann veranlassen, dass er heute Nachmittag in die Schule kommt, damit du mit ihm sprechen kannst. Solange kannst du dein Gespräch vorbereiten."
Marie wirkte siegessicher: "Oh, ich bin bereit. Von mir aus kann er jetzt schon kommen."

Als es dann am Nachmittag so weit war, war Marie tatsächlich bereit, mit Paul zu sprechen. Ja, sie war sogar mehr als bereit. Sie lebte nur noch dafür, die Wahrheit ans Licht zu bringen.
Die Polizisten brachten ihn hinein, mit Handschellen an den Handgelenken, und blieben an der Tür stehen. Marie bat sie, den Raum zu verlassen, woraufhin sie zuerst zögerten, sie mit einem potenziellen Mörder alleine zu lassen, doch schließlich konnte sie sie davon überzeugen, dass sie keinerlei Gefahr ausgesetzt war. Sie sagten, sie solle rufen, sobald ihr etwas merkwürdig vorkam oder sie sich unwohl fühlte. Doch Marie wusste, dass das nicht nötig sein würde.
Sie sah sich Paul genauer an: Er war dünn, aber nicht mager, und er hatte braune Augen, die jetzt aber müde und traurig wirkten. Seine braunen Haare waren zerzaust, wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht lang nicht geschlafen. Seine Haut war bleich und vermutlich hätte er gut ausgesehen, wenn er nicht so geschockt gewesen wäre.
Das erste, was er sagte, war: "Ich habe sie nicht umgebracht. Keinen von ihnen." Marie setzte ein Lächeln auf: "Ich weiß es, aber die anderen glauben mir nicht. Ich bin hier, um deine Unschuld zu beweisen. Ich sitze hier nicht als Reporterin, sondern als Mensch, als deine Mitschülerin. Ich kann deine Unschuld aber nur beweisen, wenn du kooperierst."
Paul nickte, wirkte aber gleichzeitig verwirrt: "Wie seid ihr überhaupt darauf gekommen, dass ich der Mörder sein könnte?" Seine Stimme zitterte und war ganz leise, fast schon ein Flüstern. Marie nahm das Foto aus ihrer Tasche und legte es zwischen sie beide auf den Tisch, so, dass Paul es sehen konnte. Fassungslos und verwirrt sah er zuerst auf das Foto, dann zu Marie und schließlich starrte er wieder das Foto an. Schließlich sagte er: "Das bin ich nicht. Also, doch, das bin ich schon, aber das kann ich nicht sein. Ich habe nie mit Jana gesprochen."
Marie war überrascht. Obwohl sie wusste, dass er unschuldig war, hatte sie nicht damit gerechnet. "Du denkst also, dass das Foto eine Fälschung ist." Marie fragte es nicht, es klang mehr wie eine Feststellung. Paul nickte: "Ich denke es nicht, ich weiß es. Ich bin mir da ganz sicher. Ich hatte nie was mit ihr zu tun." Er zögerte. "Woher habt ihr das Foto eigentlich?"
Marie überlegte, ob sie es ihm sagen sollte, doch dann entschied sie sich dafür und sagte: "Gestern kam Laura in die Redaktion und hat Lukas das Foto auf den Tisch gelegt. Sie will dich mit Jana zusammen gesehen haben."
Bei dem Namen Laura wurde Pauls Haut noch blasser als sie ohnehin schon war. Marie wurde aufmerksam: "Kennst du sie?" Paul nickte stumm und Marie wartete geduldig, dass er etwas sagte. Es war besser, ihn nicht unter Druck zu setzen, denn er hatte in den letzten Tagen schon genug Stress gehabt.
Paul schloss die Augen, atmete einmal tief durch, öffnete seine Augen wieder und sah Marie an. Schließlich sagte er: "Sie ist meine Ex-Freundin." Jetzt wurde Marie mit einem Schlag hellwach und in ihrem Kopf formte sich eine Idee. Fest von ihrer Theorie überzeugt, fragte sie: "Wer von euch beiden hat Schluss gemacht?"
"Ich." Paul wirkte nachdenklich, als er das sagte. Ihm schien zu dämmern, worauf Marie hinaus wollte. "Du glaubst doch nicht-"
Marie nickte und unterbrach ihn: "Doch, ich denke, dass sie dir einen Mord anhängen wollte."
Paul seufzte. "Hätte ich gewusst, dass sie es nicht verarbeiten kann, hätte ich nicht mit ihr Schluss gemacht."
Marie begann zu verstehen: "Sie wollte sich also an dir rächen. Für sie war das die perfekte Gelegenheit, es dir heimzuzahlen. Warum hast du eigentlich mit ihr Schluss gemacht?"
"Wir haben einfach nicht mehr zusammen gepasst. Ich weiß auch nicht, wir haben uns irgendwie...auseinander gelebt. Jedenfalls habe ich das so gesehen. Sie scheint da anderer Meinung gewesen zu sein." Paul sah wieder auf das Foto, das Marie mitgebracht hatte.
"Wusstest du, dass sie so reagieren könnte, auch wenn sie wütend ist?"
Paul schüttelte traurig den Kopf: "Nein. Ich konnte mir denken, dass sie nicht gerade glücklich über unsere Trennung war, aber ich hätte nicht gedacht, dass sie so reagiert. Ich hatte ja keine Ahnung, wozu sie fähig ist."
Plötzlich hatte Marie eine Idee: "Wann habt ihr euch getrennt?" Paul dachte nach. "Das müsste so vor knapp zwei Wochen gewesen sein." Marie sah ihn einen Moment lang schweigend an, bevor sie sagte: "Der erste Schüler ist letzte Woche gestorben." Paul dachte kurz über das nach, was Marie gesagt hatte. Dann riss er die Augen auf, schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, Laura ist keine Mörderin, das kann ich mir nicht vorstellen. Sie mag zwar verrückt sein, aber sie würde niemanden umbringen, auch nicht aus Wut. Sie kannte ja niemanden von den Toten."
Marie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie verschwieg, dass man auch ihn verdächtigt hatte, obwohl er niemanden von den Toten kannte.
Zumindest hatte sie jetzt einen Beweis dafür, dass Paul nicht der Täter war. Sie bedankte sich bei ihm und verließ den Raum.
Als Marie zum Raum der Schülerzeitung kam und versuchte, die Türklinke herunterzudrücken, merkte sie, dass die Tür abgeschlossen war. Sie sah durch die Fensterscheibe in den Raum, doch niemand war dort. Dann warf Marie einen Blick auf ihre Uhr: 17:46 Uhr! Es wurde höchste Zeit, dass sie nach Hause kam.

Marie war pünktlich zum Abendessen zu Hause. Wie in den letzten Tagen war sie schweigsam und aß stumm. Ihre Eltern und ihr großer Bruder, Julian, machten sich zwar Sorgen, schoben Maries Enthaltsamkeit aber auf die Begebenheiten der letzten Tage. Jedoch hatte ihr Schweigen heute einen anderen Grund als in der vergangenen Zeit. Heute sagte Marie nichts, weil sie nachdachte, nicht, weil sie geschockt war oder Angst hatte. Natürlich schlummerten diese Gefühle auch noch in ihr, doch der Wille, die Wahrheit herauszufinden, verdrängte alles andere.
Wortlos ging Marie in ihr Zimmer. Sie musste alleine sein, um ihre Gedanken ordnen zu können. Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann nahm sie ihr Handy und wählte Lukas' Nummer.
Er meldete sich nach dem dritten Klingeln: "Hallo?"
"Lukas? Hier ist Marie."
"Oh." Lukas klang enttäuscht, wahrscheinlich hatte er auf einen weiteren Hinweis gehofft. Dennoch fuhr er fort: "Konntest du etwas herausfinden?"
Marie war selbstsicher: "Allerdings. Paul hat gesagt, dass er die Person auf dem Foto nicht sein kann, weil er noch nie zuvor mit Jana gesprochen hat."
Lukas war überrascht: "Aber wir haben doch alle gesehen, dass er es ist."
"Ja, er ist es schon. Ich wollte damit sagen, dass das Bild eine Fälschung sein muss."
Lukas wirkte nicht überzeugt: "Hast du denn noch einen anderen Beweis als seine Aussage? Weißt du vielleicht, wo er zu dem Zeitpunkt war?"
"Nein, aber-"
"Er könnte lügen. Nein, Marie, ich brauche schon etwas handfesteres. Melde dich bei mir, wenn du mehr weißt." Mit diesen Worten legte Lukas auf.
Marie sah auf ihre Uhr. Es war 19:23 Uhr. Sie dachte an Lukas' Worte vom Vormittag: Du hast 24 Stunden. 24 Stunden. Wie viel war noch übrig? Zwölf Stunden? Elf? Marie war verzweifelt. Sie konnte es nicht rechtzeitig schaffen, Pauls Unschuld zu beweisen. Sie war eine schlechte Reporterin. Marie wollte aufgeben. Voller Verzweiflung legte sie ihren Kopf auf den Schreibtisch und wusste nicht, was sie noch tun konnte. Sie hatte ihr Bestes gegeben und beharrlich für Paul gekämpft, doch es hatte nicht gereicht.
Es klopfte an Maries Zimmertür und Julian, ihr Bruder, betrat den Raum. Vorsichtig fragte er: "Schwesterherz? Ist alles in Ordnung?" Die beiden waren schon immer ein Herz und eine Seele gewesen und Julian merkte sofort, wenn es ihr nicht gut ging.
Marie hob ihren Kopf, blickte zu ihm auf und sagte: "Nein, nicht so wirklich." Zum ersten Mal seit Tagen war ihre Stimme schwach und zitterte.
Julian nahm sich einen Stuhl, setzte sich neben seine Schwester und nahm sie in den Arm. Dann fragte er: "Was ist denn los?"
Marie versuchte, ihre Stimme zu kontrollieren und sagte: "Ich versuche zu beweisen, dass derjenige, den alle für den Mörder halten, nicht der Mörder ist."
"Hast du denn einen Beweis?"
Marie nickte, kramte das Foto aus ihrer Tasche, reichte es ihrem Bruder und sagte: "Das muss eine Fälschung sein."
Lukas sah sich das Foto kurz an und nickte: "Stimmt."
Marie sah ihren großen Bruder überrascht an und fragte: "Woran siehst du das?"
Er deutete auf eine Stelle hinter den beiden Personen und erklärte: "Hinter den beiden ist ein Fenster. Das Mädchen spiegelt sich darin, der Junge nicht. Von der Position aus müsste man auch sein Spiegelbild im Fenster sehen. Der Junge muss also eingefügt worden sein. Aber wer auch immer dieses Bild bearbeitet hat, war nicht besonders professionell."
Marie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Daran hatte sie gar nicht gedacht. Sie umarmte ihren Bruder und sagte: "Danke. Du hast mir so geholfen."
Julian lächelte ein warmes Lächeln: "Dafür sind große Brüder doch da."
An diesem Abend schlief Marie schnell ein und sie schlief besser als in den Nächten zuvor. Auch wenn der Fall noch nicht gelöst war, hatte sie doch einen Fortschritt gemacht.

Auf der Versammlung der Schülerzeitung am nächsten Morgen war Marie siegessicher. Sie legte das Foto vor Lukas auf den Tisch, genau so, wie es Laura zuvor getan hatte.
Lukas sah sie verwirrt an: "Warum zeigst du mir das Foto? Ich kenne es doch schon." Er blickte in die Runde. "Wir kennen es alle." Der Rest der Schülerzeitung nickte zustimmend, doch niemand sagte auch nur ein Wort. Alle warteten gespannt darauf, was Marie vorhatte.
Sie verlor kein Bisschen ihrer Sicherheit und begann zu reden: "Wie ihr alle wisst, hat Laura uns dieses Foto als Beweis dafür gegeben, dass Paul mindestens Jana umgebracht hat. Aber ich kann auch beweisen, dass dieses Bild kein echter Beweis ist."
Lukas stöhnte: "Geht es schon wieder darum, dass das Bild eine Fälschung ist? Ich habe dir doch gesagt-" Marie unterbrach ihn: "Dass du einen handfesten Beweis brauchst. Ich weiß, und ich habe einen." Lukas wurde aufmerksam.
Marie zeigte auf das Foto und erklärte: "Das ist ein Fenster. Siehst du Janas Spiegelbild?" Lukas nickte. Marie fuhr fort: "Aber wo ist Pauls Spiegelbild?" Ohne auf eine Antwort zu warten, sagte sie selbst: "Es gibt einfach keins, weil Paul zu der Zeit nicht neben Jana gestanden hat. Er wurde hinzugefügt und damit ist das Bild eine Fälschung."
Nachdem sie das letzte Wort gesagt hatte, sah sie auf die Uhr: 24 Stunden, auf die Sekunde genau. Marie ließ ihre Erkenntnis wirken und Paul gab das Bild durch die Reihen, wie beim ersten Mal. Einer nach dem anderen sah sich das Bild an und erkannte, dass Marie Recht gehabt hatte. Manche tuschelten.
Als wieder Ruhe im Raum eingekehrt war, sagte Lukas: "Danke, Marie, dass du uns die Wahrheit gezeigt hast. Allerdings sind wir jetzt wieder am Anfang."
Da meldete sich Marie wieder und sagte: "Das stimmt nicht so ganz. Wir wissen jetzt, dass Laura Paul einen Mord anhängen wollte.
Lukas fragte verwirrt: "Aber wieso sollte sie das tun?"
"Paul hat vor knapp zwei Wochen mit Laura Schluss gemacht."
"Also eine wütende Ex-Freundin?"
Marie nickte. "Ich denke schon." Sie verschwieg, dass Paul nicht glauben konnte, dass Laura eine Mörderin sein könnte.
Lukas nickte entschlossen. "Ich werde die Schulleitung informieren."

Am nächsten Tag saß Laura vor der gesamten Redaktion, denn dieses Mal wollten alle gemeinsam mit ihr sprechen. Im Gegensatz zu Paul war sie weder ängstlich noch verwirrt, sondern sie wirkte genervt.
Im mürrischen Tonfall fragte sie: "Was mache ich hier?" Lukas wies die anderen an, ihn sprechen zu lassen. Mit ruhiger Stimme sagte er: "Wir haben den Verdacht, dass du Jana umgebracht haben könntest." Er vermied das Wort "Mörderin", um Laura nicht unnötig zu provozieren. Es war bestimmt sowieso schon schwer genug, etwas aus ihr herauszubekommen.
Sie wurde skeptisch: "Und wieso?" Lukas zeigte ihr das Foto, das sie ihnen gezeigt hatte, und sagte: "Dieses Foto. Wir wissen, dass es eine Fälschung ist."
Laura runzelte die Stirn: "Ach echt?" Lukas nahm ihre Reaktion als Ungeduld wahr und nickte: "Paul hat vor zwei Wochen mit dir Schluss gemacht. Warst du daraufhin so wütend, dass du ihm einen Mord anhängen wolltest? Oder wolltest du nur von dir selbst ablenken?"
Jetzt wurde Laura vollkommen hysterisch: "Was? Nein! Ihr habt doch nicht einmal einen Beweis dafür, dass ich eine Mörderin bin!"
Lukas nickte: "Das stimmt, einen Beweis haben wir nicht. Aber wir haben ein Motiv."
Laura wurde noch wütender: "Und was soll dieses Motiv sein?"
Lukas fiel es schwer, seine Ungeduld zu verstecken. "Das habe ich doch gesagt: Du hast eine Trennung hinter dir. Da gibt es viele Motive. Rache. Wut. Enttäuschung."
Auf einmal wirkte Laura unsicher. "Natürlich war ich wütend, enttäuscht und auch ein bisschen traurig. Aber rächen wollte ich mich an ihm nicht. Was hätte mir das auch gebracht? Wir wären dadurch nicht wieder zusammen gekommen. Ich kann ihn ja irgendwie auch verstehen. Warum sollte man noch länger zusammen sein, wenn man sich auseinander lebt?" Sie machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort: "Aber das Foto..." Sie zögerte.
Lukas sah sie fragend an: "Was ist mit dem Foto?"
Marie fiel noch etwas ein, das sie sich schon die ganze Zeit über gefragt hatte: "Warum hast du ihn überhaupt fotografiert? Warst du eifersüchtig?"
Laura schwieg noch immer, doch nach einiger Zeit sagte sie: "Das Foto ist nicht von mir." Die gesamte Redaktion war überrascht. Niemand hätte vermutet, dass das Bild nicht von Laura sein könnte. Sie hätte so viele Gründe gehabt, Paul einen Mord anzuhängen.
Marie stellte schließlich die entscheidende Frage: "Wenn du es nicht gemacht hast, wer war es dann?"
Laura atmete einmal tief durch, als fiele es ihr schwer, jemanden zu verraten, doch dann sagte sie ein einziges Wort, einen Namen: "Isabella."
Marie erinnerte sich an Isabella. Sie war ein Jahr jünger als sie selbst. Laura und Isabella waren Feindinnen, weil Isabella auch in Paul verliebt war, aber nur Laura konnte Pauls Herz gewinnen. Es war merkwürdig, diesen Namen aus ihrem Mund zu hören, denn normalerweise vermied sie ihn. Vorher schien Isabella für Laura nicht zu existieren, aber irgendetwas musste das geändert haben. Aber was? Das war die wichtigste Frage, die momentan noch geklärt werden musste, doch niemand sprach sie aus.
Lukas war der Erste, der wieder sprach: "Vielen Dank, Laura. Du kannst gehen." Laura stand auf und verließ langsam den Raum.
Lukas stellte sich nach vorne und fragte: "Und wie machen wir jetzt weiter? Befragen wir Isabella?" Alle nickten, Es gab keine andere Möglichkeit, man musste sich an diese Hoffnung klammern. Trotzdem war spürbar, dass der Optimismus, diesen Fall schon bald gelöst zu haben, bei allen deutlich gesunken war. Nach zwei Fehltritten durfte man sich keinen weiteren erlauben, Isabella musste einfach die Mörderin sein.
Zum dritten Mal in den letzten Tagen ging Lukas zur Schulleitung. Dort berichtete er, dass auch Laura unschuldig war und dass er jetzt mit Isabella reden müsste. Er sagte nicht, dass sie die Mörderin sein könnte, denn nach den letzten Fehlschlägen war er vorsichtig damit, Menschen zu beschuldigen. Insgeheim hoffte natürlich jeder, dass der Fall bald gelöst sein könnte, doch jeder wusste auch, dass der Fall unlösbar war, auch wenn es niemand laut aussprach.

Nachmittags saß Isabella vor der Redaktion der Schülerzeitung, auf dem Stuhl, auf dem vor wenigen Stunden noch Laura gesessen hatte. Sie war nicht genervt oder wütend wie Laura, doch sie wirkte auch nicht ängstlich oder nervös wie Paul, als Marie mit ihm gesprochen hatte. Ihre grauen Augen zeigten keine Emotion. In ihrem Gesicht spiegelten sich keine Gefühle wieder. Es war, als wäre sie durch die Vorkommnisse der letzten Tage abgestumpft gewesen.
Irgendetwas an ihr sagte Marie, dass auch Isabella nicht die Mörderin war, doch sie konnte nicht genau sagen, was es war. Vermutlich wirkte sie einfach zu mitgenommen, um eine kaltblütige Mörderin zu sein. Doch sie wollte keine vorschnellen Entschlüsse fassen, sondern erst einmal das Gespräch mit ihr abwarten. Vielleicht hatte sie sich getäuscht und der Fall war endlich gelöst.
Im Gegensatz zu Paul und Laura sagte Isabella nicht sofort etwas, um sich zu rechtfertigen oder zu beschweren. Sie starrte einfach nur in die Luft und schwieg.
Lukas nahm das Foto und zeigte es Isabella. Dann fragte er: "Hast du dieses Foto gemacht?" In Isabellas Gesicht veränderte sich nichts, es blieb ausdruckslos, doch sie nickte. Lukas fragte weiter: "Also hast du Paul dort eingefügt?" Isabella nickte wieder, mit dem gleichen ausdruckslosen Gesicht wie vorher. Lukas hatte noch weitere Fragen: "Wieso hast du das gemacht? Und wieso hast du Laura das Bild gegeben und nicht direkt uns?"
Jetzt veränderte sich Isabellas Gesicht. Auf einmal sah sie traurig aus. "Ich wollte nicht, dass das Bild bei euch landet. Ich wollte doch nur, dass Laura es sieht."
Lukas wurde neugierig: "Warum wolltest du nicht, dass wir das Foto sehen?"
Isabella war den Tränen nahe. "Ich wollte nicht, dass ihr ihn verdächtigt. Er ist unschuldig. Ich wollte nicht, dass er verhaftet wird."
"Du wolltest also nur, dass Laura das Foto sieht?"
"Ja. Sie sollte..." Isabella stockte.
"Was sollte sie?"
Isabella atmete einmal tief durch. "Sie sollte glauben, dass Paul ein Mörder ist, damit sie mit ihm Schluss macht." Sie machte eine kurze Pause und redete wütend weiter: "Er hatte immer nur Augen für Laura und hat nicht gemerkt, was ich für ihn empfinde!"
Jetzt wurde für Lukas alles klar: "Du wolltest also, dass Laura mit Paul Schluss macht, damit du mit ihm zusammen sein kannst?" Isabella nickte traurig. Lukas fuhr fort: "Wusstest du denn nicht, dass Paul schon vorher mit ihr Schluss gemacht hat?"
Isabella sah kurz zu Lukas auf, dann schüttelte sie den Kopf. "Nein, das wusste ich nicht."
Lukas wechselte das Thema: "Du wusstest aber, dass Paul unschuldig ist?" Isabella nickte. Lukas fuhr fort: "Aber Laura wusste das nicht. Sie hat Paul verdächtigt, was ja auch dein Ziel war. Aber dann hat sie uns von ihrem Verdacht erzählt und es ist genau das passiert, was du nicht wolltest: Paul stand bei allen unter dem Verdacht, ein Mörder zu sein. Du hattest Glück, dass wir seine Unschuld beweisen konnten."
Marie räusperte sich hörbar.
Lukas redete weiter: "Na gut, Marie hat uns von seiner Unschuld überzeugt. Wir haben auch Lauras Unschuld bewiesen. Aber woher sollen wir wissen, dass du nicht die Mörderin bist?"
Isabella war wieder ruhiger: "Am ersten Tag, an dem jemand gestorben ist, war ich beim Arzt. Als ich gehört habe, dass es an unserer Schule einen Toten gab, bin ich zu Hause geblieben."
Lukas sah Niklas an und der wusste sofort, was er zu tun hatte. Mit seinem Handy ging er nach draußen und telefonierte, um Isabellas Alibi zu überprüfen. Als er nach ein paar Minuten wieder hereinkam, nickte er.
Lukas ließ Isabella gehen, denn nun wussten alle das, was Marie schon vorher gespürt hatte: Isabella war unschuldig.
Als sie durch die Tür gegangen war, setzte sich Lukas auf den Stuhl, auf dem sie gerade noch gesessen hatte. Er blickte in die Runde. "Was machen wir jetzt? Wir wissen, wo das Foto herkommt und warum es gemacht wurde. Das hilft uns aber in unserem Fall nicht weiter, weil das Bild keinen Hinweis dafür liefert, wer der Mörder sein könnte. Wir sind wieder ganz am Anfang. Wie machen wir jetzt weiter?"
Die Stimmung war niedergeschlagen. Niklas fragte: "Sollten wir die Ermittlungen nicht einfach der Polizei überlassen? Wir kommen doch sowieso nicht weiter." Wieder war Marie eine der ersten, die etwas sagte: "Nein, das können wir nicht machen. Es geht um unsere Schule. Wir machen unsere Arbeit und suchen nach weiteren Hinweisen."
Lukas fragte: "Wo fangen wir an?"
Marie zuckte mit den Schultern. "Die Toten saßen doch bestimmt neben anderen Schülern und wir haben auf den Bildern gesehen, dass alle an ihrem Platz gestorben sind. Vielleicht ist mittlerweile jemand bereit zu reden. Wir müssen nur herausfinden, in welchem Unterricht sie gestorben sind und neben wem sie saßen."
Lukas nickte. "Das ist schon mal ein Anfang."

15 Minuten später saß die gesamte Redaktion vor Bergen aus Stunden-, Raum- und Lehrerplänen, um herauszufinden, welchen Unterricht die Toten gehabt hatten. Außerdem lagen die Berichte über die Todesfälle auf den Tischen, mit allen wichtigen Informationen wie Todesdatum und -zeitpunkt. Es gab drei Gruppen: Die erste kümmerte sich um Jana, die zweite um Lasse und die dritte um Mark.
Jana war in der Klasse 6a gewesen und am Dienstag um 8:37 gestorben, also in den ersten beiden Stunden. Auf dem Stundenplan der 6a stand für diese Zeit Geschichte. Die Pläne zeigten, dass dieses Fach von Frau Gerbmüller im Raum 103 unterrichtet wurde.
Als nächstes musste die Gruppe Frau Gerbmüller kontaktieren, um den Sitzplan zu bekommen. Glücklicherweise war sie eine der Lehrerinnen, die in der Schule geblieben war, um die restlichen Schüler zu betreuen. Sie war auch eine der beliebtesten Lehrerinnen der Schule, weil sie nett war und immer gute Noten gab.
Sie war im Raum 205, wo sie einige Schülerinnen und Schüler betreute, die nicht zu Hause bleiben konnten, weil ihre Eltern arbeiten mussten. Trotz der Vorkommnisse der letzten Wochen war sie immer noch genau so freundlich wie vorher und versuchte, die Schülerinnen und Schüler abzulenken, indem sie mit ihnen Spiele spielte.
Frau Gerbmüller hatte keinen Sitzplan für den Raum 103, denn sie ließ die Schülerinnen und Schüler immer sitzen, wo sie wollten. Doch sie erinnerte sich an den Dienstag, an dem Jana gestorben war. An dem Tag hatte niemand neben ihr gesessen, weil sie selbst für ihre gesamte Klasse unsichtbar war. Also hatte auch niemand etwas gesehen, denn wahrscheinlich war Jana allen egal gewesen und niemand hatte auf sie geachtet. Für Janas Tod gab es also keine Hinweise, die die Ermittlungen weiter bringen konnten.
Die zweite Gruppe fand heraus, dass Lasse am Donnerstag um 12:34 gestorben war. Seine Klasse, die 8d, hatte zu diesem Zeitpunkt Englisch bei Herrn Kohlmann im Raum 201. Herr Kohlmann war nicht in der Schule, er war, wie die meisten Lehrer, zu Hause geblieben. Genau wie die Schüler wollte auch der Großteil der Lehrer kein Risiko eingehen. Niemand wollte das nächste Opfer sein.
Emma schrieb Herrn Kohlmann eine E-Mail:

Hallo Herr Kohlmann,
aus ermittlungstechnischen Gründen müssen wir wissen, wer am
Donnerstag,
den 27. April in ihrem Englischunterricht im Raum 201, neben dem
verstorbenen
Schüler Lasse Herfeld gesessen hat. Es wäre nett von Ihnen, wenn Sie
uns den
Sitzplan des Raumes schicken könnten.
Die Redaktion der Schülerzeitung
Emma Gerber

Nun musste die Gruppe auf die Antwort warten, was sehr lange dauern konnte, da Herr Kohlmann nie seine E-Mails las. Sie mussten darauf hoffen, dass er in dieser Zeit eine Ausnahme machte und ihnen den Sitzplan schickte.
Die Gruppe, die sich über Mark informieren sollte, brauchte eine ganze Weile, bis sie etwas herausfinden konnte, denn sie musste erst einmal eine Liste mit allen seinen Kursen und Zeiten haben.
Marie ging zur Schulleiterin, um sie davon zu überzeugen, ihr die benötigten Unterlagen auszuhändigen. Sie klopfte an die Tür, wartete auf das "Herein" der Schulleiterin und betrat den Raum.
Die Schulleiterin sah nicht besonders glücklich aus, als sie Marie sah, denn in den letzten Tagen hatte sie mehr mit der Schülerzeitung zu tun gehabt, als ihr lieb gewesen war. Wahrscheinlich dachte sie, Marie würde ihr von einem weiteren Verdächtigen berichten, der wieder zu nichts führen würde. Sie sollte diejenige sein, die am meisten wollte, dass der Fall geklärt wurde, da der Ruf der Schule und damit auch ihr Ruf auf dem Spiel stand. Als Schulleiterin hätte sie diese Katastrophe verhindern sollen. Doch sie glaubte, dass der Fall nicht so schnell gelöst werden würde, da die Schülerzeitung mit den Ermittlungen nicht voran kam.
Es gelang der Schulleiterin nicht einmal, ihr unechtes, aufgesetztes Lächeln aufrecht zu erhalten und ihre Augen wurden kalt. Mit tonloser Stimme fragte sie: "Was willst du?"
Marie hätte ihr am liebsten Beleidigungen an den Kopf geworfen, doch sie musste freundlich bleiben, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte. Das war eine Sache, die sie in ihren Jahren bei der Schülerzeitung gelernt hatte. Marie war eine der wenigen Personen, die schon von Anfang an bei der Schülerzeitung gewesen waren, gemeinsam mit Lukas und einigen anderen.
Sie setzte ein professionelles Lächeln auf und sagte: "Guten Tag, Frau Schulleiterin. Wie geht es ihnen heute?"
Die Schulleiterin erwiderte kühl: "Spar dir die Formalitäten, du bist nicht meine Psychiaterin. Du interessierst dich doch sowieso nicht für mein Leben." Dann wiederholte sie ihre Frage: "Was willst du?"
Marie ließ sich von der Kaltblütigkeit der Schulleiterin nicht einschüchtern, denn sie war fast immer so. Sie war nur gut gelaunt, wenn sie einen guten Tag hatte, was selten vorkam, oder wenn sie mit Eltern reden musste, was noch seltener vorkam. Selbst dann konnte man sich nicht sicher sein, ob ihre gute Laune echt oder gespielt war.
Es fiel Marie schwer, ihr Lächeln zu behalten, doch sie riss sich zusammen. Im freundlichen Tonfall sagte sie: "Wie Sie ja wissen, ermitteln wir in den Fällen der verstorbenen Schülerinnen und Schüler. Wir versuchen herauszufinden, neben wem sie gesessen haben, als sie gestorben sind. Vielleicht ist jemand von ihnen bereit zu reden und kann uns erzählen, was passiert ist. Dafür brauchen wir Marks Kurse und Zeiten."
Die Schulleiterin sah Marie nicht einmal an, als sie sagte: "Diese Informationen sind vertraulich. Ich darf sie niemandem geben, erst recht keinen Reporterinnen der Schülerzeitung, die nur hinter einer guten Geschichte her sind."
Marie musste einmal tief durchatmen, um nicht auszurasten. Als sie ihre Fassung wieder gewonnen hatte, sagte sie: "Aber Frau Schulleiterin, die gesamte Redaktion ermittelt, um den Fall um der Schule und der Schüler Willen zu lösen. Wir möchten nur, dass unsere Schule wieder sicher wird. Möchten sie nicht das Gleiche?"
Die Schulleiterin sagte nichts, sondern öffnete eine Schublade, wühlte darin herum, zog schließlich einige Blätter heraus und reichte sie Marie. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur ihre Ruhe haben, um zu tun, was auch immer sie den ganzen Tag lang machte. Dann sagte sie: "Jetzt aber raus aus meinem Büro." Das ließ sich Marie nicht zweimal sagen. Sie verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Als Marie wieder beim Raum der Schülerzeitung war, sah ihre Gruppe sie gespannt an. Sie hielt die frisch ergatterte Unterlagen hoch und lag sie auf den Tisch, so, dass alle sie sehen konnten. Ohne ein Wort wurde die Arbeit fast wie von selbst aufgeteilt und jeder wusste sofort, was zu tun war, als würde die Schülerzeitung nie etwas anderes machen als den Unterricht von Schülerinnen und Schülern herauszufinden.
Niemand fragte Marie, wie sie die Schulleiterin überzeugen konnte, was sie ein wenig schade fand, da es sehr schwer gewesen war. Stattdessen machte stumm seine Arbeit.
Schon nach wenigen Minuten waren alle fertig und die Ergebnisse wurden zusammengetragen. Gemeinsam fand die Gruppe heraus, dass Mark am Montag um 9:13 Uhr gestorben sein musste, genau wie Jana in den ersten beiden Stunden. Zu dieser Zeit hatte sie Physik gehabt, und zwar bei Frau Rüsk im einzigen Physikraum der Schule. Frau Rüsk war der Name der Schulleiterin. Emma sagte: "In ihrem Unterricht hätte ich mich auch umgebracht." Sie lachte, doch alle anderen sahen sie nur fragend an, also wurde auch sie wieder still.
Lukas stöhnte: "Gibt es zufällig noch eine andere Frau Rüsk an unserer Schule, von der ich nichts weiß?" Alle schüttelten den Kopf und waren genauso hoffnungslos wie Lukas. Und auch, nachdem er verzweifelt die Lehrerliste durchgegangen war, kam er zu dem Ergebnis, dass jemand noch einmal mit der Schulleiterin reden musste. Er wandte sich an Marie: "Du konntest sie doch vorhin überzeugen, uns die Unterlagen zu geben. Willst du nicht noch einmal mit ihr reden?"
Sie schüttelte den Kopf: "Das überlasse ich dem Chef." Lukas seufzte und machte sich auf den Weg zur Schulleiterin.

Er klopfte an die Tür ihres Büros, doch es blieb still. Lukas wartete einige Sekunden, bevor er ein weiteres Mal klopfte, ein wenig lauter, doch auch dieses Mal blieb es still. Er entschied sich dafür, die Tür einfach zu öffnen.
Die Schulleiterin saß vor ihrem Computer und tippte etwas ein. Ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen oder aufzusehen fragte sie genervt: "Habe ich gesagt, dass du herein kommen sollst?"
"Nein, aber-" Die Schulleiterin hob die Hand, um Lukas zum Schweigen zu bringen. Dann fragte sie: "Und warum bist du dann trotzdem in meinem Büro?"
Lukas riss sich zusammen, um nicht aus der Ruhe zu kommen, und sagte: "Weil es wichtig ist, dass ich mit Ihnen rede. Es ist wirklich dringend."
Die Schulleiterin konzentrierte sich wieder voll und ganz auf ihren Computer. "Das hast du bei den letzten Malen auch schon gesagt. Und was ist dabei herausgekommen?" Sie machte eine kurze Pause, doch sie erwartete keine Antwort. Stattdessen beantwortete sie ihre Frage selbst: "Nichts!"
Lukas musste sie überzeugen können, also fuhr er fort: "Wir sind hinter einer neuen Spur her und-" Die Schulleiterin unterbrach ihn wieder: "Wenn es darum geht, neben wem die Toten gesessen haben, deswegen war deine nervige Kollegin schon hier und ich habe ihr die Unterlagen gegeben. Ihr solltet euch echt mal absprechen. Besonders gut organisiert seid ihr ja nicht."
Lukas versuchte, sich nicht aufzuregen und sagte mit erstaunlich ruhiger Stimme: "Ich weiß, dass sie schon hier war, denn wir mussten wissen, welchen Unterricht Mark hatte, als er gestorben ist."
Obwohl sie sich ja eigentlich nicht für ihn zu interessieren schien, mischte sich die Schulleiterin wieder ein: "Auch das hat mir deine nervige Kollegin schon erzählt. Kommst du heute noch zum Punkt? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit."
Lukas wollte fragen, was sie denn den ganzen Tag lang so Dringendes machen musste, aber er wusste, dass er professionell bleiben musste, auch wenn sie das nicht konnte, also fragte er sie nicht. Stattdessen sagte er: "Anhand der Unterlagen, die sie uns freundlicherweise gegeben haben," Bei diesem Satz erntete er einen verächtlichen Blick von der Schulleiterin. Lukas fuhr unbeirrt fort: "haben wir herausgefunden, dass Mark am Montag in ihrem Physikunterricht gestorben ist."
Die Schulleiterin gab einen weiteren Kommentar ab, bei dem sie immer noch so genervt und gelangweilt zugleich klang, wie sie es schon die ganze Zeit tat: "Und jetzt gibt es nichts Wichtigeres als herauszufinden, wer neben ihm saß. Und deswegen müsst ihr mich unbedingt nerven." Lukas sagte nichts, also fuhr sie fort: "Mark saß immer neben Christian Lessmann, nicht nur in meinem Unterricht, sondern wann immer es möglich war."
Jetzt kam Lukas wieder zu Wort: "Können wir mit Christian reden?" Die Schulleiterin sah wieder auf ihren Computer und sagte: "Das müsst ihr selbst herausfinden. Ich habe euch schon genug geholfen." Mit diesen Worten war das Gespräch offenbar beendet, denn die Schulleiterin machte keine Anstalten, noch etwas zu sagen. Ihre Antwort hatte Lukas sprachlos gemacht, also sagte er auch nichts mehr. Es war wie eine stille Aufforderung an ihn, das Büro zu verlassen, was er schließlich auch tat.
Als er den Raum der Schülerzeitung erreichte, war er noch immer so verwirrt wegen des Gesprächs mit der Schulleiterin, dass er die fragenden Blicke der Anderen nicht bemerkte. Er setzte sich stumm auf einen Stuhl und schüttelte immer wieder den Kopf.
Erst Marie brach das Schweigen, indem sie Lukas fragte: "Was hat sie gesagt?" Sie schien ihn aus seiner Trance geweckt zu haben, denn er zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich. Schließlich sagte er: "Er saß neben Christian Lessmann." Marie wartete auf weitere Infos, doch als Lukas nichts sagte, fragte sie: "Hat sie noch etwas gesagt?" Lukas schüttelte den Kopf: "Nein, mehr wissen wir momentan nicht." Marie stellte sich neben ihn. Sie merkte, dass Lukas wieder kurz davor war, aufzugeben, also wollte sie ihn bei der Leitung der Schülerzeitung unterstützen. Nach einer Weile sagte sie: "Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig als selbst mehr herauszufinden. Wir machen einfach das Gleiche wie vorher auch." Mit der Aussicht darauf, dass sie es doch noch schaffen könnten, konnte sie Lukas motivieren. Seine Augen wurden wieder klar und er nickte entschlossen. "Also, fangen wir an." Da es jedoch schon spät war, entschieden alle, nach Hause zu gehen und am nächsten Tag weiter zu machen.

Am nächsten Morgen setzte sich die Schülerzeitung an einen großen Tisch und plante ihr weiteres Vorgehen. Es wurde lange darüber diskutiert, was die beste Möglichkeit war, denn jeder hatte andere Ideen und hielt seine natürlich für die beste.
Lukas begann die Diskussion mit der Frage: "Was machen wir als Nächstes?" Marie beantwortete sie als Erste: "Auf jeden Fall müssen wir herausfinden, wo Christian ist." Lukas fragte weiter: "Und wie?"
Jetzt meldete sich Marius zu Wort: "Könnten wir nicht versuchen, eine Liste mit allen Schülern zu bekommen?" Alle sahen sich eine Weile lang schweigend an und Marius fuhr fort: "Oder können wir zumindest die Adresse und Telefonnummer von Marius herausfinden? Die müssen doch irgendwo gespeichert sein."
Auf einmal war das Schweigen gebrochen und alle redeten durcheinander. Emma stimmte Marius zu und sagte, das sei eine gute Idee. "Das wäre ein Anfang", bestätigte sie ihre Position. Auch Alina fand seine Idee generell gut, doch für sie war die Umsetzung zu schwer und problematisch. Niklas war ihrer Meinung: "Um an diese Papiere zu kommen, müsste jemand noch einmal zur Schulleiterin gehen." Marie warf schnell ein: "Ich würde nicht zu ihr gehen. Sie ist sonst sowieso schon nicht nett, aber jetzt ist sie genervt von uns. Ich glaube nicht, dass sie uns noch etwas geben würde." Lukas kam zu dem Schluss: "Wir brauchen eine andere Möglichkeit. Das hier bringt uns nicht weiter."
Für eine Weile schwiegen wieder alle und dachten nach. Emma durchbrach die Stille, indem sie sagte: "Vielleicht ist er noch in der Schule. Die Wahrscheinlichkeit ist zwar nicht besonders groß, aber wir könnten es versuchen. Und wenn er nicht in der Schule ist, finden wir vielleicht jemanden, der uns etwas über ihn erzählen kann."
Alle sahen erst Emma an, dann Lukas, denn er war derjenige, der die Entscheidungen treffen musste. Er war absolut still und wirkte konzentriert. Er schien seine Möglichkeiten abzuwägen, denn er war für die Schülerzeitung verantwortlich, also auch für ihre Fehler. Er durfte keinen weiteren Fehlschlag riskieren, doch er musste jede Möglichkeit, den Fall zu lösen, nutzen. Alle sahen ihn gespannt an und schließlich sagte er: "Also gut, einen Versuch ist es wert.
Die Redaktion teilte sich in drei Gruppen auf und jede sollte ein Stockwerk übernehmen, um die Suche zu beschleunigen: Alina und Marius schauten sich in den Räumen des ersten Stockwerks um, Emma und Niklas übernahmen das zweite Stockwerk und Marie und Lukas das dritte. Falls Christian noch in der Schule war, musste er bei einer der betreuenden Lehrkräfte sein.
Marius klopfte an die Tür des Raumes 101, doch niemand öffnete die Tür. Als er näher heran ging, hörte er, dass es im Raum absolut still war. Totenstill. Anscheinend befand sich niemand im Raum.
Alina und Marius gingen weiter, doch auch in den nächsten fünf Räumen war niemand. Erst aus Raum 107 hörten sie ein Geräusch, oder vielmehr Stimmen. Alina klopfte an die Tür, woraufhin sie einen Spalt breit geöffnet wurde. Im Türspalt konnte man einen Teil von Frau Wagners Gesicht erkennen. Frau Wagner war eine Biologielehrerin und wie die meisten anderen auch hatte sie Angst, weshalb sie die Tür nur ein wenig geöffnet hatte. Doch als sie erkannte, dass Alina und Marius davor standen, öffnete sie sie komplett und ließ die beiden in den Raum.
Auf den Plätzen saßen nur wenige Schüler, die Alina und Marius ansahen, als sie das Klassenzimmer betraten. Alina sah auf den ersten Blick, dass Christian nicht unter ihnen sein konnte, denn niemand war älter als 13 und Christian musste in der elften Klasse gewesen sein, da er ein Mitschüler und Freund von Mark gewesen war.
Auch wenn sie keine Hoffnung hatte, dass ihn irgendjemand in diesem Raum kannte, fragte sie: "Weiß jemand von euch, wo Christian ist? Wir müssen wissen, ob er noch in der Schule ist oder zu Hause oder wo auch immer er sein könnte." Einen Moment lang blieb es still und die Schülerinnen und Schüler sahen sich verwirrt an. Dann redeten sie miteinander, so leise, dass Marius und Alina es eigentlich nicht hören sollten, aber gerade so laut, dass sie trotzdem einige Sätze verstanden. Ein Schüler fragte seinen Nachbarn: "Wer ist Christian?" Der andere zuckte mit den Schultern. Eine andere Schülerin sagte: "Ich habe ihn schon länger nicht mehr gesehen." Das hatte aber nichts zu bedeuten, denn nicht immer sah man jeden Tag alle Schüler, erst recht nicht in dieser Zeit.
Auch ohne die Bemerkung des Mädchens hatte Marius schon den Verdacht gehabt, dass Christian zu Hause war, denn Mark war sein bester Freund gewesen und es wäre merkwürdig gewesen, wenn er weiter zur Schule gegangen wäre. Selbst andere Schüler, die Mark nicht so gut gekannt hatten wie er, waren zu Hause geblieben.
Niemand schien etwas Richtiges zu wissen, also bedankten sich Alina und Marius und verließen den Raum.
Trotz seiner Vermutung fragte Marius Alina: "Glaubst du, dass Christian noch in der Schule ist?" Sie schüttelte den Kopf: "Ich bin von Anfang an davon ausgegangen, dass er zu Hause ist. Das ist ja auch das einzig logische. Wäre meine beste Freundin gestorben, wäre ich auch nicht mehr zur Schule gegangen."
Marius stimmte ihr zu: "Du hast Recht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass er noch zur Schule geht, nach allem, was passiert ist. Ich hatte eigentlich eher gehofft, dass uns jemand etwas über ihn erzählen kann, seine Telefonnummer, seine Adresse oder vielleicht, wo er gerade ist."
Alina war verwirrt: "Wo er ist? Wie meinst du das?"
"Wir können nicht einfach so davon ausgehen, dass er noch zu Hause ist. Wir beide denken zwar, dass er nicht mehr in der Schule ist und die anderen denken das bestimmt auch, aber deswegen muss er nicht unbedingt zu Hause sein. Vielleicht ist er zu einem Freund gegangen oder zu Verwandten."
Alina stimmte ihm zu: "Du hast Recht, daran habe ich gar nicht gedacht. Ich bin die ganze Zeit davon ausgegangen, dass er zu Hause sein muss."
Für eine kurze Weile sagte keiner von beiden ein Wort und sie standen noch immer vor Raum 107. Irgendwann sagte Marius: "Komm, lass uns weiter gehen." Die beiden klopften noch an die restlichen Türen des ersten Stockwerks, doch dort trafen sie, wie in den meisten anderen Räumen des ersten Stockwerks auch, niemanden an, also gingen sie zurück zum Raum der Schülerzeitung. Dort waren sie die ersten, also warteten sie auf die anderen.
Auch Emma und Niklas hatten im zweiten Stockwerk zunächst nicht viel Glück. In den ersten vier Räumen war es still und sie trafen niemanden an. Zum zweiten Mal während der Ermittlungen standen sie vor Raum 205, in dem Frau Gerbmüller einige Schüler betreute.
Als die beiden an die Tür klopften, wurde sie schon nach kurzer Zeit geöffnet und Frau Gerbmüller begrüßte sie freundlich. "Seid ihr wegen Jana hier?", frage sie neugierig.
Emma schüttelte den Kopf: "Nein, im Moment ermitteln wir hauptsächlich in Marks Fall, weil wir dort die einzige Spur haben."
"Und was ist das für eine Spur?"
Emma erklärte geduldig: "Wir wissen jetzt, dass Mark neben Christian gesessen hat, als er gestorben ist. Jetzt hoffen wir, dass er uns etwas darüber erzählen kann, was genau passiert ist. Dafür müssen wir aber Informationen über ihn haben, vielleicht eine Adresse, eine Telefonnummer oder wo er gerade ist." Sie wandte sich an die Schüler: "Wisst ihr etwas über ihn?"
Nur eine einzige Schülerin fragte leise: "Wie heißt er mit Nachnamen?" Emma sah Niklas an, doch er zuckte nur mit den Schultern. Da sie es selbst auch nicht wusste, sagte sie: "Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass er in der elften Klasse sein muss und ein Freund von Mark war. Wir fragen euch ja auch deshalb, weil wir nicht viel über ihn wissen."
Niemand sagte mehr ein Wort und niemand schien etwas über Christian zu wissen, also wandte sich Niklas an Frau Gerbmüller: "Haben sie in den letzten Tagen etwas von ihm gehört, also seit Mark gestorben ist?"
Frau Gerbmüller dachte kurz nach, bevor sie sagte: "Er war zwar einer meiner Schüler, aber seit Mark gestorben ist, habe ich ihn in der Schule nicht mehr gesehen. Er war nicht mehr in meinem Unterricht und auch sonst habe ich ihn nirgendwo gesehen. Tut mir leid, ich würde euch wirklich sehr gerne helfen."
Emma und Niklas bedankten sich und verließen leicht enttäuscht den Raum. Sie hatten wirklich gehofft, etwas über Christian herauszufinden. Doch insgeheim hatten beide schon die Hoffnung aufgegeben, im Fall voranzukommen. Christian schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein und niemand wusste etwas über ihn oder hatte etwas gehört oder gesehen. Die einzige Hoffnung war jetzt, dass die anderen Gruppen etwas herausfinden konnten.
Auch Emma und Niklas gingen nun zurück zum Raum der Schülerzeitung und trafen dort auf Alina und Marius. Die beiden sahen auf, als Emma und Niklas den Raum betraten, und Marius fragte: "Habt ihr etwas herausgefunden?"
Emma schüttelte den Kopf: "Nein, niemand konnte uns etwas über Christian erzählen. Es ist fast so, als hätte er niemals existiert."
Alina nickte: "Das stimmt, wir konnten auch nichts herausfinden. Aber wir glauben, dass er nicht mehr zur Schule gegangen ist, seit Mark gestorben ist. Er war sein bester Freund, Christian ist bestimmt nicht in der Schule."
Niklas fragte: "Was glaubt ihr, wo er ist, wenn er nicht in der Schule ist?"
Marius zuckte mit den Schultern: "Vielleicht ist er zu Hause. Wir brauchen einfach nur seine Adresse, dann könnten wir den Fall vielleicht bald lösen."
Alina fügte hinzu: "Er könnte aber auch bei Verwandten oder Bekannten sein. Aber wo auch immer er ist, er ist bestimmt nicht mehr in der Schule."
Die vier schwiegen und warteten auf Lukas und Marie, die letzte der drei Gruppen. Alle hofften, dass sie zu einem Ergebnis kamen, das den Fall voran bringen würde.

Schon als sie das dritte Stockwerk betraten, hörten Marie und Lukas leise Stimmen, wahrscheinlich von jüngeren Mädchen. Marie lauschte an der ersten Tür, doch im Raum war es still. Auch in Raum 302 und 303 konnte man nichts hören. Als die beiden immer weiter gingen, wurden die Stimmen lauter und in der Mitte des Ganges entdeckten sie den Ursprung der Stimmen: drei Mädchen, die in einer Nische saßen und sich und sich leise unterhielten. Sie waren in der fünften oder sechsten Klasse und sahen erschrocken auf, als sie vor sich zwei Personen erkannten. Marie fragte verwirrt: "Warum habt ihr euch so erschrocken?"
Eines der Mädchen antwortete leise: "Wir dachten, dass ihr Lehrer seid. Wir dürfen hier eigentlich nicht sein. Die Lehrer hätten uns mit zu ihnen genommen."
Lukas war überrascht: "Und warum wollt ihr da nicht hin?"
Ein anderes Mädchen antwortete ihm: "Die Lehrer versuchen, uns von dem abzulenken, was passiert ist. Aber wenn sie uns ablenken wollen, müssen wir automatisch darüber nachdenken, von was sie uns abzulenken versuchen. Also denken wir über die Schüler nach, die gestorben sind. Das macht uns Angst, weil wir die nächsten sein könnten, die sterben müssen. Deshalb sitzen wir hier und reden über andere Dinge."
Lukas war sprachlos. Er hätte nicht gedacht, dass ein kleines Mädchen an so etwas denken konnte. An ihrer Stelle wäre er bei den Lehrern geblieben und hätte nicht weiter darüber nachgedacht. Während er noch darüber nachdachte, wie ein kleines Mädchen so weit denken konnte, fragte Marie: "Und warum dürft ihr nicht hier sein?"
Nun meldete sich das dritte Mädchen zu Wort: "Die Lehrer sagen, dass es zu gefährlich ist, alleine in der Schule unterwegs zu sein. Aber das ist nicht gefährlich, wir sind ja zu dritt. Außerdem waren die Toten auch in einem Klassenraum mit anderen Schülern und Lehrern und sind trotzdem gestorben. Hier ist es also viel sicherer."
Auch das machte Lukas sprachlos, denn diese Mädchen waren offensichtlich schlauer als er. Bis jetzt hätte er jedem sofort zugestimmt, der ihm gesagt hätte, dass es bei den Lehrern am sichersten wäre. Doch jetzt bezweifelte er es, denn die Mädchen hatten Recht: Mark, Jana und Lasse waren auch gestorben, als sie mit ihren Mitschülern und mindestens einem Lehrer in einem Raum gewesen waren. Wie sollten die Lehrer einem Schüler helfen, wenn niemand wusste, was die Todesursache war? Warum gab es also ausgerechnet jetzt solche Vorsichtsmaßnahmen? Es konnte jederzeit ein Schüler sterben, wenn er alleine war, nicht nur in dieser Zeit.
Er wurde von dem ersten Mädchen aus seinen Gedanken gerissen, als sie zu ihm und Marie sagte: "Aber ihr dürft niemandem erzählen, dass wir hier sind."
Marie nickte freundschaftlich: "Versprochen." Sie zögerte kurz, dann sagte sie: "Aber wir brauchen eure Hilfe." Drei fragende Augenpaare richteten sich auf Marie. Schließlich fragte das dritte Mädchen: "Wofür?"
Marie setzte sich zu den Mädchen auf den Boden und sagte: "Wir versuchen, etwas über Christian herauszufinden, weil wir mit ihm reden müssen." Das zweite Mädchen wurde blass und fragte leise: "Warum müsst ihr mit ihm reden?"
Marie erklärte geduldig: "Er war Marks bester Freund und saß neben ihm, als er gestorben ist. Wir hoffen, dass er uns etwas darüber erzählen kann, was passiert ist, als Mark gestorben ist."
Das Mädchen atmete einmal tief durch und sagte mit leiser, schwacher Stimme: "Er ist mein Bruder."
Marie war überrascht. "Wirklich?" Das Mädchen nickte. Marie fragte sie: "Wo ist er?" Die Stimme des Mädchens wurde noch leiser und Marie hatte Mühe, sie zu verstehen, als sie sagte: "Darüber solltet ihr mit meinen Eltern reden." Dann nahm sie einen Zettel und einen Stift aus ihrer Tasche und schrieb etwas auf. Als sie fertig war, reichte sie Marie den Zettel. Marie schaute ihn sich an und erkannte, dass es sich um eine Adresse handelte. Sie sah das Mädchen an und lächelte. "Danke." Dann stand sie auf und ging mit Lukas zurück zum Raum der Schülerzeitung.
Dort schrieb sie die Adresse an die Tafel, damit sie alle sehen konnten, und sagte: "Das ist die Adresse von Christians Eltern. Sie können uns sagen, wo er ist."
Alina meldete sich als Erste zu Wort: "Das ist hier ganz in der Nähe! Wenn wir laufen, können wir in weniger als 15 Minuten da sein."
Lukas sah jeden Einzelnen der Reihe nach an. Schließlich sagte er: "Ein paar von uns müssen hier bleiben, falls es in der Schule noch etwas Neues gibt. Emma, Alina und Niklas, ihr bleibt hier und ich gehe mit Marius und Marie zu Christians Eltern."
Nachdem sie alles Nötige vorbereitet hatten, machten sich die drei auf den Weg zu der Adresse, die Marie von dem Mädchen bekommen hatte. Emma hatte Recht gehabt: Schon nach 13 Minuten zu Fuß waren sie angekommen. Es war ein schönes Einfamilienhaus mit hellroten Ziegeln und einem dunklen Dach und aus dem kleinen Schornstein kamen gelegentlich Rauchwolken. Rechts und links von der Haustür waren kleine, gepflegte Blumenbeete mit Blumen, die in allen Farben leuchteten. Es wirkte so, als wäre hier von der Trauer und Angst in der Schule nichts angekommen, denn das Haus strahlte Ruhe und Geborgenheit aus. Man erwartete fast, dass aus der weißen Haustür jeden Moment eine alte, nette Dame mit einem Blech voll mit frisch gebackenen Keksen kam, doch stattdessen passierte nichts und die Tür blieb verschlossen.
Lukas ging den kurzen Weg zur Haustür entlang und klingelte. Nach wenigen Sekunden tauchte im Haus eine Frau mit kurzen, dunklen Haaren auf, wahrscheinlich Christians Mutter. Als sie die Tür öffnete, sah Lukas, dass sie erschöpft und müde aussah. Bestimmt litt sie auch unter den Todesfällen in der Schule, weil ihre Kinder deswegen traurig und ängstlich waren. Wahrscheinlich gab es für Eltern nichts Schlimmeres, als ihre Kinder leiden zu sehen. Außerdem hatte sie Mark wahrscheinlich auch sehr gut gekannt, weil er der beste Freund ihres Sohnes gewesen war.
Lukas stellte sich vor: "Guten Tag, wir sind von der Schülerzeitung von der Schule Ihrer Kinder. Wir würden gerne mit Ihnen über Ihren Sohn sprechen."
Christians Mutter wirkte geschockt: "Was ist mit meinem Sohn?"
Lukas beruhigte sie: "Mit Ihrem Sohn ist nichts Schlimmes, aber er kann uns vielleicht helfen, die Todesfälle aufzuklären."
"Er ist nicht zu Hause."
Lukas blieb hartnäckig: "Könnten wir trotzdem für einen Moment hereinkommen?" Die Frau blieb kurz in der Tür stehen, doch dann trat sie zur Seite und ließ die drei in ihr Haus kommen.
Von innen machte das Haus den gleichen wie von außen: ruhig und gemütlich. An den Wänden hingen Fotos, die Christian und seine Schwester in verschiedenen Lebensphasen zeigte: Als Kleinkinder, bei der Einschulung und in dem Alter, in dem sie jetzt ungefähr waren. Auf manchen Bildern waren auch die Eltern mit ihren Kindern zu sehen und zusammen wirkten sie wie eine Bilderbuchfamilie. Es war kaum zu glauben, dass etwas diese Idylle zerstören konnte.
Christians Mutter führte Lukas, Marius und Marie in ein Wohnzimmer mit hellen Tapeten und einem hellen Teppich. In einer Ecke stand ein Fernseher und direkt daneben ein Schrank mit Gläsern. In der Mitte stand ein großer Tisch aus dunklem Holz und um ihn herum mehrere Sessel und ein Sofa.
Lukas, Marius und Marie nahmen auf dem gemütlichen Sofa Platz und Christians Mutter fragte sie: "Möchtet ihr etwas trinken?" Die drei nickten, woraufhin sie im Nebenraum verschwand und kurz darauf wieder mit einer Flasche Saft zurück ins Wohnzimmer kam. Sie nahm drei Gläser aus dem Schrank, stellte vor jeden der drei Schüler eins auf den Tisch und schenkte ihnen mit zitternden Händen Saft ein. Dann setzte sie sich auf einen Sessel, der gegenüber vom Sofa stand.
Lukas begann zu reden: "Frau..."
"Lessmann", ergänzte Christians Mutter.
Lukas fuhr fort: "Also, Frau Lessmann. Wie ich gerade schon gesagt habe, müssen wir mit Ihnen über Ihren Sohn reden, weil er uns helfen könnte, die Todesfälle an unserer Schule aufzuklären."
Christians Mutter war jetzt nicht mehr nervös oder ängstlich, sondern überrascht: "Warum kann euch ausgerechnet mein Sohn helfen? Und wie?"
Lukas erklärte mit ruhiger Stimme: "Christian saß immer neben Mark, auch an dem Tag, an dem er gestorben ist. Vielleicht hat er ja etwas gesehen oder etwas Merkwürdiges bemerkt, auch schon vor Marks Tod. Wir hoffen, dass er uns mehr darüber erzählen kann, was passiert ist. Und deshalb müssen wir mit ihm reden."
Frau Lessmann nickte langsam. "Verstehe. Ich fürchte aber, dass das nicht ganz so einfach wird. Nach allem, was passiert ist, ist Christian traumatisiert und geschockt. Wahrscheinlich hat er Marks Tod aus seiner Erinnerung verdrängt und wird nicht gerne darüber reden wollen."
Lukas gab nicht auf: "Könnten wir unser Glück trotzdem mal versuchen? Vielleicht schaffen wir es ja."
Christians Mutter dachte nach und seufzte schließlich: "Also gut, ihr könnt versuchen, mit ihm zu reden."
"Sie sagten vorhin, dass er nicht zu Hause sei. Wo ist er denn momentan?"
"Er ist im Krankenhaus und wird dort behandelt, weil er noch unter Schock steht. Es geht ihm zwar schon etwas besser, aber ihr solltet ihn vielleicht trotzdem nicht zu sehr unter Druck setzen. Das könnte ihn nervös machen."
Die drei bedankten sich bei Frau Lessmann, verließen das Haus und hinterließen dabei drei volle Gläser mit Saft. Während des Gesprächs hatten sie vergessen, dass sie von Frau Lessmann Saft bekommen hatten, weil sie sich auf das konzentrieren musste, was Christian betraf.
Lukas, Marius und Marie gingen durch die Haustür, liefen an den Blumenbeeten vorbei und verließen das Grundstück über den kleinen Weg, der die Haustür mit der Straße verband. Von dort aus machten sie sich auf den Rückweg zur Schule, um den anderen davon zu erzählen, was sie herausgefunden hatten.

Als sie den Raum der Schülerzeitung erreichten, sahen Emma, Alina und Niklas erwartungsvoll zur Tür. Emma fragte aufgeregt: "Habt ihr etwas herausgefunden?"
Marie nickte: "Wir wissen jetzt, dass Christian im Krankenhaus ist." Lukas fügte hinzu: "Seine Mutter hat aber gesagt, dass er traumatisiert und geschockt ist, es könnte also schwer werden, etwas herauszufinden. Wir gehen alle gemeinsam ins Krankenhaus, aber ich halte es für das Beste, wenn immer nur eine Person mit ihm im Zimmer ist und mit ihm redet. Stimmt ihr mir da zu?" Alle nickten.
Zehn Minuten später war die gesamte Gruppe aufbruchbereit. Alinas Mutter hatte ein großes Auto, das Platz für alle sechs bot, und hatte sich bereit erklärt, sie zum Krankenhaus zu fahren, da der Weg zu weit war, um ihn zu laufen.
Nach 14 Minuten waren sie dort angekommen und betraten die Eingangshalle. Lukas ging direkt zum Empfang und sagte: "Guten Tag, wir würden gerne Christian Lessmann besuchen."
Die Frau vom Empfang sah ihn gelangweilt an und fragte: "Seid ihr mit ihm verwandt?" Lukas antwortete ihr: "Nein, wir sind Freunde von ihm."
Die Frau tippte etwas in ihren Computer und sagte genauso gelangweilt wie vorher: "Ist eigentlich auch egal. Er ist in Zimmer 213, zweites Stockwerk." Lukas bedankte sich, doch die Frau vom Empfang ignorierte ihn wieder und begutachtete stattdessen ihre lackierten Fingernägel. Wahrscheinlich überlegte sie sich, wann sie wieder zur Maniküre musste, damit ihre Nägel immer perfekt aussahen.
Emma, Alina, Marie, Niklas und Marius folgten Lukas zur Treppe und die sechs gingen die Stufen zum zweiten Stockwerk hinauf. Dort entnahmen sie einem Schild, dass sich die Zimmer 200 bis 220 auf der linken Seite und die Zimmer 221 bis 240 auf der rechten Seite befanden. Gemeinsam gingen die sechs durch die Tür auf der linken Seite und mussten fast bis zum Ende des Gangs laufen, bis sie vor der Tür mit der Nummer 213 standen. Das war Christians Zimmer. Mit ein bisschen Glück konnte die Redaktion hier einen Hinweis bekommen, der einen der Fälle aufklären konnte.
Lukas sah die Tür an, als wäre sie das Tor zu einem Ort, den vor ihm noch niemand jemals gesehen hatte. Als er anklopfte, vergeblich auf eine Antwort wartete und dann einfach vorsichtig die Tür öffnete, setzten sich die anderen auf ein paar freie Stühle, die gegenüber von Zimmer 213 standen.
Lukas schloss die Tür hinter sich, doch Christian sah ihn nicht an, sondern starrte in die Luft und sah eine nicht existierende Sache an. Erst als Lukas seinen Namen sagte, drehte sich Christians Kopf in Zeitlupe in seine Richtung, doch seine Augen sahen immer noch ins Leere. Erst jetzt sah Lukas, welche Spuren Marks Tod bei Christian hinterlassen hatte: Seine Haut war so blass, dass sie fast weiß wirkte, er hatte dunkle Augenringe, weil er bestimmt seit Tagen nicht mehr geschlafen hatte, und er war abgemagert. Wahrscheinlich hatte er seit Marks Tod nichts mehr gegessen. Lukas wollte nicht wissen, wie es in ihm drin aussah, wie er sich fühlen musste, denn er hatte Angst, auf einen dunklen Abgrund zu stoßen, der auch ihn hinunterziehen würde.
Er blieb neben der Tür stehen und begann vorsichtig zu reden: "Christian? Ich bin Lukas von der Schülerzeitung. Wir wollen herausfinden, was genau mit Mark passiert ist. Vielleicht kannst du dich ja an etwas erinnern."
Für eine kurze Zeit blieb Christian unverändert, dann drehte er seinen Kopf wieder nach vorne.
Lukas redete weiter: "Hast du etwas Merkwürdiges gesehen, bevor Mark gestorben ist?" Christian sagte noch immer nichts, also fuhr Lukas fort: "Bitte, Christian, es ist wichtig! Wir müssen wissen, was passiert ist." Lukas war der Verzweiflung nahe.
Christian schwieg und Lukas sah ihn eine Weile lang stumm an. Es war beängstigend still, man hörte nur die gedämpften Geräusche des Gangs.
Ohne ein weiteres Wort verließ Lukas Zimmer 213 und ließ sich niedergeschlagen auf einen freien Stuhl fallen. Die anderen sahen ihn an und wussten, dass er keinen Erfolg gehabt hatte und dass sie seine Laune nicht bessern konnten, also sagten sie nichts. Erst nach einer Weile stand Marie auf und sagte: "Lass mich mal etwas versuchen."
Auch wenn Lukas nicht wusste, was sie vorhatte, widersprach er nicht. Er hatte mittlerweile gelernt, dass er ihrem Instinkt vertrauen sollte, wenn er den Fall aufklären wollte.
Marie betrat das Zimmer und sah sich um. Auf den ersten Blick sah es genauso aus wie jedes andere Zimmer in diesem Krankenhaus: weiße Wände ohne Dekoration, kalter, grauer Fußboden, zwei Betten mit Gestellen aus Metall und Rollen an den Füßen und überall Geräte, deren Anzeigen blinkten und leuchteten.
Doch eine kleine Sache unterschied dieses Zimmer von allen anderen: Auf dem kleinen Tisch neben Christians Bett stand ein eingerahmtes Foto. Es zeigte Christian mit seiner Schwester und seinen Eltern in einem Garten mit Palmen und vielen bunten Blumen. Sie alle lächelten und schienen wirklich glücklich zu sein, während ihnen die Sonne ins Gesicht schien.
Marie setzte sich auf das leere Bett, das neben Christians stand, und fragte: "Ist das auf dem Foto deine Familie?"
Sein Kopf bewegte sich langsam in ihre Richtung und seine Augen starrten nicht mehr ins Leere, sondern sahen Marie an. Dann nickte er, doch er sagte noch immer nichts. Marie fragte ihn: "Wo seid ihr da?"
Mit schwacher und leiser Stimme sagte Christian: "Im Urlaub auf Mallorca. Wir hatten eine Ferienwohnung." Marie hatte ihn zum Reden gebracht, jetzt durfte sie keinen Fehler machen. Sie blieb bei dem Thema, über das er reden konnte, und fragte: "Wann wart ihr dort im Urlaub?"
Christian überlegte kurz und sagte dann mit genauso schwacher Stimme wie vorher: "Letztes Jahr in den Sommerferien. Zwei Wochen." Marie nickte interessiert und fragte: "Ist das der Garten von eurer Ferienwohnung?" Christian sagte nichts, doch er nickte. Marie überlegte, was sie als Nächstes fragen konnte, und das erste, das ihr einfiel, war: "War eure Ferienwohnung schön?"
Dieses Mal antwortete Christian sofort und seine Augen begannen zu glänzen, als er erzählte: "Sie war traumhaft. Es war ein großes, weißes Haus mit einer kleinen Holzveranda, einer großen Terrasse im Garten und einem Pool. Wir hatten jeder ein eigenes Zimmer und eine große Küche, in der wir jeden Tag zusammen gekocht haben." Christian schwelgte in seinen Erinnerungen und schien für einen Moment vergessen zu haben, dass vor wenigen Tagen sein bester Freund gestorben war.
Marie sah ihre Möglichkeit, das Thema zu wechseln: "Hast du im Urlaub viel mit deiner Familie gemacht?" Christian nickte: "Wir waren jeden Tag zusammen unterwegs und haben etwas besichtigt oder wir waren im Pool. Abends haben wir immer etwas gespielt und bis spät in die Nacht geredet. Die einzige Zeit, in der wir nicht zusammen waren, war nachts."
Jetzt konnte Marie endgültig das Thema wechseln: "Macht ihr sonst viel zusammen als Familie? Auch, wenn ihr nicht im Urlaub seid?"
Christian lächelte, als er sagte: "Ja, wir verbringen so oft wie möglich Zeit miteinander. Dann sitzen wir meistens zusammen zu Hause und erzählen uns, was wir an dem Tag erlebt haben oder wir reden über aktuelle Themen aus der Schule und der Umgebung. Manchmal spielen wir auch Spiele oder schauen Filme zusammen."
Vorsichtig tastete Marie sich voran: "Und was machst du sonst, wenn du keine Zeit mit deiner Familie verbringst?"
Christian überlegte und sagte dann: "Vormittags gehe ich ja normalerweise zur Schule und Nachmittags lerne ich und mache Hausaufgaben. Manchmal treffe ich mich auch mit Freunden oder höre Musik. Ich lese aber auch viel."
"Was liest du so?"
"Eigentlich alles, je nachdem, wo ich gerade Lust drauf habe. Und wenn es ein gutes Buch ist, kann ich es auch in einem Stück durchlesen."
Marie wollte das Gespräch zur Schule hinlenken, also fragte sie Christian: "Hast du denn viel Freizeit oder musst du viel für die Schule machen?"
"Eigentlich müsste ich im Moment nicht viel für die Schule machen, aber ich mache ja nächstes Jahr mein Abitur und da möchte ich mich gut drauf vorbereiten. Ich mache also schon viel für die Schule, viel Freizeit bleibt mir da nicht."
"Hast du manchmal auch Nachmittagsunterricht?"
Christian nickte: "Ja, zweimal die Woche."
"Wie spät musst du morgens aufstehen, wenn du zur Schule gehst?"
Christian dachte kurz nach, dann sagte er: "Ich stehe um halb sieben auf und gehe um halb acht los zur Schule."
"Fährst du mit dem Fahrrad?"
Christian nickte: "Es ist ja nicht weit. Ich bin mit dem Fahrrad in sechs Minuten bei der Schule."
"Was machst du morgens in der Stunde, bevor du zur Schule musst? Das ist ja ziemlich viel Zeit."
Christian nickte wieder. "Stimmt, das ist viel Zeit, aber ich möchte morgens keinen Stress haben. Erst mal frühstücke ich in Ruhe, dann mache ich mein Essen für die Schule fertig und dann ziehe ich mich um."
"Was frühstückst du normalerweise so?"
"Das ist eigentlich immer unterschiedlich. Meistens esse ich Müsli oder Cornflakes, aber manchmal auch einen Toast, ein Stück Brot oder ein Brötchen. Das kommt darauf an, was wir zu Hause haben und worauf ich Lust habe. Dazu trinke ich dann Wasser, Saft, Tee oder Kakao."
Marie versuchte jetzt, Christian langsam an Marks Tod heranzuführen: "Und was hast du letzte Woche Montag gefrühstückt?"
Dieses Mal musste Christian länger überlegen, bevor er sagte: "Letzte Woche Montag habe ich...ein Laugenbrötchen gegessen und einen Pfefferminztee getrunken."
"Nur ein Laugenbrötchen? Hattest du etwas drauf?" Er sollte sich an so viele Details wie möglich erinnern, was er auch tat: "Ich hatte nur Butter auf dem Brötchen, sonst nichts."
"Und wie groß war das Brötchen ungefähr?" Christian formte mit seinen Händen einen Kreis, der das Laugenbrötchen darstellen sollte. Marie nickte. "Und was ist mit dem Tee? Hast du ihn gesüßt?"
Christian schüttelte mit dem Kopf: "Nein, ich trinke meinen Tee immer ungesüßt."
Marie überlegte, was er als Nächstes gemacht haben musste, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er nach dem Frühstück sein Essen für die Schule machte. "Was hast du an dem Tag mit zur Schule genommen?"
Christian musste noch länger überlegen als vorher, doch nach einer Weile sagte er: "An dem Tag habe ich einen Apfel und ein Schokobrötchen mitgenommen."
Marie hakte nach: "War es ein grüner oder ein rötlicher Apfel?"
Christian sagte ohne nachzudenken: "Es war ein grüner Apfel."
Marie ging wieder seinen Tagesablauf durch und fragte: "Was hattest du an dem Tag an?" Auch Christian schien jetzt im Kopf seinen Tag durchzugehen, denn er hatte die Augen geschlossen und wirkte konzentriert. Schließlich sagte er mit immer noch geschlossenen Augen: "Ich hatte eine schwarze Hose an. Und ein weißes T-Shirt ohne irgendetwas drauf. Und dazu weiße Sneakers mit schwarzen Streifen."
Hast du noch etwas gemacht, nachdem du fertig warst?" Christian öffnete seine Augen wieder und sagte: "Ja, ich habe noch auf mein Handy geguckt, aber ich habe es sofort wieder ausgemacht, weil ich keine neuen Nachrichten hatte. Danach bin ich zur Schule gefahren."
"Wie spät war das?"
"Das müsste so um zwei Minuten vor halb acht gewesen sein."
"Wie sieht dein Fahrrad aus?"
"Mein Fahrrad ist ganz einfach schwarz mit ein paar weißen Verzierungen, so wie jedes zweite Fahrrad." Er lachte ein wenig.
Marie fragte ihn: "Bist du mit deiner Schwester zusammen zur Schule gefahren?"
"Natürlich. Wir fahren jeden Tag zusammen zur Schule, wenn wir zur gleichen Zeit Unterricht haben, schon seit wir beide auf die gleiche Schule gehen." Marie musste an ihren eigenen Bruder denken. Als Julian noch zur Schule ging, waren die beiden auch jeden Tag zusammen zur Schule gefahren. Christian war bestimmt ein guter großer Bruder, genau wie Julian. Sie riss sich selbst aus ihren Gedanken, indem sie fragte: "Wo hast du dein Fahrrad abgestellt?" Marie nahm nur unterbewusst wahr, dass diese Frage eigentlich keinen Sinn ergab, weil es in der Schule nur eine Stelle mit Fahrradständern gab, aber vielleicht konnte er sich an die genaue Stelle erinnern. Tatsächlich schien Christian nachzudenken, denn er wirkte konzentriert, als er sagte: "Mein Fahrrad stand in der dritten Reihe, im siebten Fahrradständer von hinten und links daneben stand das Fahrrad meiner Schwester."
"Bist du dann zusammen mit ihr in die Schule gegangen?"
Christian nickte. "Das machen wir beide jeden Tag und dann gehen wir in unseren Unterricht."
"Habt ihr an dem Tag noch etwas Besonderes gemacht? Anders als sonst?"
Christian überlegte kurz, dann sagte er: "Nein, wir sind einfach nur zusammen in die Schule gegangen, ohne etwas zu sagen oder zu machen. Dann ist sie zu ihren Freundinnen gegangen und ich in meinen Unterricht."
"Du hattest an dem Tag als Erstes Physik bei Frau Rüsk, nicht wahr?" Christian nickte. Marie fuhr fort: "Magst du Frau Rüsk?" Christian schüttelte den Kopf, dann lachte er: "Nein, wer mag sie schon?" Marie stimmte ihm zu: "Stimmt. Bist du direkt zum Unterricht gegangen oder warst du vorher noch woanders?"
"Nein, ich bin direkt die Treppe zum Physikraum hoch gelaufen und direkt zum Raum gegangen, ohne irgendwo anders hinzugehen."
Marie fuhr fort: "Was hast du gemacht, als du beim Raum warst?" Christian atmete einmal tief durch, bevor er sagte: "Ich habe mit Mark geredet." Es fiel ihm sichtlich schwer, über seinen toten Freund zu reden, doch Marie wollte jetzt nicht aufgeben, denn sie war schon so weit gekommen, also fragte sie ihn: "Worüber habt ihr geredet?"
Christian schloss die Augen und schien sich wieder zu konzentrieren. Schließlich sagte er: "Wir haben darüber geredet, was wir am Wochenende gemacht haben. Ich war am Samstag mit meiner Familie auf dem Geburtstag meiner Tante und am Sonntag sind wir zusammen auf einen Flohmarkt gegangen, wo ich mir eine neue Lampe für mein Zimmer gekauft habe."
"Was für eine Lampe?"
"Eine Stehlampe, ungefähr einen Meter hoch und mit einem hellen Lampenschirm." Obwohl sie wusste, dass es ihm schwer fiel, diese Frage zu beantworten, fragte Marie: "Und was hat Mark am Wochenende gemacht?"
Christian sah nach unten, dann sagte er: "Mark war am Samstag mit seinen Eltern in einem Zoo hier in der Nähe und Sonntag hat er sein Zimmer aufgeräumt." Christian lachte leise, dann sagte er: "Das wurde auch mal wieder Zeit. Sein Zimmer war ein einziges Chaos und wenn er etwas gesucht hat, hatte er meistens nicht einmal eine Idee, wo es sein könnte. Er musste immer Ewigkeiten suchen, um eine Sache zu finden, und wenn er sie dann gefunden hat, hat er vergessen, was er damit machen wollte." Christian schaute nicht mehr nach unten und Marie sah ihn an. Er lächelte, als er von seinem toten Freund erzählte. Marie schwieg für einen Moment und ließ Christian in seinen Erinnerungen schwelgen, doch nach einer Weile fragte sie ihn: "War Frau Rüsk pünktlich beim Raum oder ist sie zu spät gekommen?"
Christian lachte wieder, denn die gesamte Schule wusste, dass Frau Rüsk immer mindestens fünf Minuten zu spät in den Unterricht kam. "Nein, sie war wie immer unpünktlich. Sie war über zehn Minuten zu spät, fast schon ein neuer Rekord."
"Wie hat sie den Unterricht angefangen?"
Christian überlegte: "Also, zuerst hat sie uns begrüßt, genauso schlecht gelaunt wie immer, und dann sollten wir unsere Bücher aufschlagen und einen Text über Wärmeenergie lesen."
"Was habt ihr danach gemacht?"
Christian musste nicht lange überlegen, sondern sagte: "Wir sollten berechnen, wie viel Energie benötigt wird, um eine bestimmte Menge Wasser um zwei Grad Celsius zu erwärmen. Dann sollten wir diese Menge Wasser in eine Flasche füllen und so lange schütteln, bis es genau zwei Grad wärmer war. Davon sollten wir eine Vorstellung davon bekommen, wie viel Energie das ist."
"Und, war es viel?"
Christian nickte: "Oh ja, Mark und ich mussten uns mit dem Schütteln abwechseln, weil unsere Arme angefangen haben, weh zu tun. Als Mark geschüttelt hat, ist ihm Wasser auf den Tisch getropft. Als er es weggewischt hat, ist ihm aufgefallen, dass jemand etwas auf seinen Tisch gekritzelt hat. Er konnte es noch nie ab, wenn der Tisch, an dem er saß, bemalt war. Also hat er sich ein Radiergummi genommen und angefangen, die Kritzelei wegzuradieren, während ich die Flasche geschüttelt und einmal durch die Klasse geschaut habe. Als ich das nächste Mal zu ihm geguckt habe, lag er auf dem Tisch und hat sich nicht bewegt. Ich dachte erst, er würde mich verarschen wollen und so tun, als würde er schlafen, also habe ich ihn angestupst und gesagt, dass ich darauf nicht hereinfallen würde. Aber er hat nicht reagiert und dann habe ich Frau Rüsk gerufen. Sie hat mich erst nicht ernst genommen, aber als sie gesehen hat, dass er nicht mehr atmet, hat sie einen Krankenwagen gerufen und die Polizei. Als sie angekommen sind, hat uns die Polizei nur bestätigt, dass Mark tot ist. Danach hat die Polizei das Klassenzimmer abgesperrt und Fotos gemacht, dann haben sie Mark mitgenommen und alles, was sie als Beweise angesehen haben." Christian atmete erschöpft aus, denn er hatte sehr schnell gesprochen und nur selten Luft geholt. Wahrscheinlich war er erleichtert, endlich jemandem, der ihm zuhörte und glaubte, die ganze Geschichte erzählen zu können.
Doch obwohl Christian alles sehr genau erzählt hatte, war Marie verwirrt: "Du sagst also, dass Mark etwas auf dem Tisch wegradiert hat und dann war er tot?"
Christian nickte: "Ich habe mich nicht einmal zehn Sekunden lang umgedreht und dann war er tot, ohne, dass es irgendjemand mitbekommen hat."
Marie hatte noch eine Frage: "Kannst du dich noch an das Gekritzel erinnern?" Christian schüttelte traurig den Kopf: "Nein, ich habe es gar nicht gesehen. Ich habe nur gehört, dass Mark sich darüber beschwert hat, dass der Tisch bemalt war, aber ich habe mich auf das Schütteln konzentriert und nicht auf das Zeichen geachtet."
Marie sah ihn an, dann lächelte sie und sagte: "Das macht nichts, du hast uns trotzdem sehr geholfen. Wir haben ja auch noch die Fotos vom Tatort." Sie bedankte und verabschiedete sich von Christian, dann verließ sie das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Auf dem Gang sahen sie alle verwundert an und Lukas fragte: "Was hast du da drin so lange gemacht? Ein Kaffeekränzchen?"
Marie sah ihn lächelnd an. "So ähnlich." Das verwirrte Lukas noch mehr und sie fügte hinzu: "Ich erzähle euch alles, wenn wir wieder in der Schule sind."

Die Fahrt zur Schule verlief schweigend, denn Marie dachte über ihr Gespräch mit Christian nach. Alle anderen überlegten, wie sie es geschafft hatte, ihn zum Reden zu bringen, doch sie wollten nicht fragen, da Marie es ohnehin erst in der Schule erzählen würde, wie sie gesagt hatte. Es hatte also keinen Sinn, sie jetzt schon darauf anzusprechen, das war allen klar.
Als er die Tür zum Raum der Schülerzeitung geöffnet hatte und alle eingetreten waren, fragte Lukas sofort: "Wie hast du es geschafft, dass er dir erzählt hat, was passiert ist? Als ich mit ihm geredet habe, hat er gar nichts gesagt, er hat nur in die Luft gestarrt."
Marie sah ihn an, dann sagte sie: "Na ja, ich habe erst mal mit ihm über seine Familie geredet, damit er an etwas anderes denkt und nicht an Mark. Dann habe ich ihn von dem Montag erzählen lassen, an dem Mark gestorben ist. Ich habe morgens angefangen und darauf geachtet, dass er sich an jedes Detail erinnert. Irgendwann hat er dann von ganz alleine über Marks Tod geredet."
Lukas sah sie sprachlos an. Zum zweiten Mal innerhalb weniger als einer Woche erlebte er, dass eine jüngere Person schlauer war als er. Warum war er eigentlich noch der Leiter der Schülerzeitung? Marie wäre für diese Stelle doch viel besser geeignet. Das dachte Lukas, doch was er sagte, war: "Das war eine gute Idee." Er machte eine kurze Pause, dann fragte er zögernd: "Was hast du herausgefunden?"
Marie überlegte, was von dem, das Christian gesagt hatte, wichtig war, dann entschied sie sich dazu, vom Zeitpunkt kurz vor Marks Tod zu erzählen: "Wir haben ja schon herausgefunden, dass Mark Physik bei Frau Rüsk hatte und Christian neben ihm gesessen hat, als er gestorben ist." Lukas nickte und Marie fuhr fort: "Christian hat mir erzählt, dass sie einen Text über Wärmeenergie lesen und dann berechnen sollten, wie viel Energie man braucht, um eine bestimmte Menge Wasser um zwei Grad Celsius zu erwärmen. Dann sollten sie diese Menge Wasser in eine Flasche füllen und so lange schütteln, bis es zwei Grad wärmer ist, um zu sehen, wie viel Energie das wirklich ist. Mark und Christian haben sich mit dem Schütteln abgewechselt und Mark hat einen Tropfen Wasser auf den Tisch verschüttet. Als er es wegwischen wollte, hat er gesehen, dass jemand etwas auf den Tisch gemalt hat. Christian hat mir erzählt, dass Mark sich jedes Mal über Gekritzel an seinem Platz aufgeregt hat, wenn er es gesehen hat. Also hat er sich ein Radiergummi genommen, um es wegzuradieren, und als Christian das Nächste mal zu ihm gesehen hat, war er tot."
Lukas sah sie verwirrt an und wartete darauf, dass sie noch etwas sagte. Als sie das nicht tat, fragte er sie: "Das ist alles?"
Marie nickte: "Das ist alles, was Christian mir erzählt hat. Er hat nichts anderes gesehen oder gehört."
Jetzt sah er sie an , als wäre sie verrückt und gehöre in die Psychiatrie, und fragte: "Du glaubst also, dass Mark gestorben ist, weil er irgendein Gekritzel von seinem Tisch wegradiert hat?"
Marie war ein wenig genervt davon, dass Lukas ihr nicht glaubte, doch dann merkte sie, dass es tatsächlich ziemlich verrückt klang und zweifelte auch daran, ob es wirklich die Wahrheit war. Also sagte sie: "Ich habe nur das erzählt, was ich von Christian gehört habe. Ich sage nicht, dass es wahr ist und ich weiß es auch nicht."
Lukas sah sie eine Weile lang stumm an und überlegte, was er als Nächstes machen sollte. Schließlich merkte er, dass er eigentlich keine andere Möglichkeit hatte, als Maries Spur zu folgen, denn es war der einzige Hinweis darauf, was bei Marks Tod passiert sein könnte. Also fragte er: "Konnte er sich daran erinnern, wie das Gekritzel aussah?"
Marie schüttelte den Kopf: "Nein, er hat es nicht einmal gesehen."
Niklas hatte eine Idee: "Wenn das Gekritzel an Marks Platz war, kann man auf den Fotos vielleicht noch etwas erkennen. Vielleicht konnte er es ja nicht ganz wegradieren."
Lukas sah ihn an, dann sagte er: "Einen Versuch ist es wert." Er öffnete die oberste Schublade des Schreibtisches, der im vorderen Teil des Raumes stand, und kramte die Fotos von den Tatorten heraus, die sie von der Polizei bekommen hatten. Er legte das Foto von Mark vor sich auf den Tisch und alle stellten sich um ihn herum, um es auch sehen zu können. Nur, wenn man ganz genau hinschaute, konnte man einige verwischte Linien erkennen, jedoch waren sie zum Teil schon zu undeutlich, als dass man sie noch genau identifizieren konnte. Das einzige, das noch eindeutig zu sehen war, waren drei unterschiedlich große Kreise, die ineinander lagen.
Lukas holte die anderen beiden Bilder aus der Schule und legte sie neben das von Mark. Auch auf diesen beiden Bildern konnte man Teile des Gekritzels erkennen, doch anscheinend hatten alle an unterschiedlichen Stellen angefangen zu radieren. Die Kreise, die man auf Marks Bild sehen konnte, waren auf den anderen Bildern nicht zu sehen, dafür sah man auf Lasses Bild einen Kringel, der ungefähr die Größe des größten Kreises hatte. Auf Janas Bild war eine Art doppelseitige Axt zu sehen, die über den Kreisen und dem Kringel zu sein schien.
In Lukas' Kopf formte sich langsam das komplette Bild, das alle drei Schüler vor sich gehabt hatten und wegradieren wollten: Das Zentrum des Bildes wurde von der doppelseitigen Axt gebildet, unter der linken Hälfte der Axt waren die Kreise und genau gegenüber, auf der rechten Seite, befand sich der Kringel.
Lukas nahm ein Blatt Papier und einen Stift vom Schreibtisch, reichte beides Emma und sagte zu ihr: "Von uns allen kannst du am besten zeichnen. Meinst du, dass du das Bild von den Tischen rekonstruieren kannst?"
Emma nahm Zettel und Stift entgegen und nickte stumm. Dann setzte sie sich neben Lukas an den Tisch, damit sie einen freien Blick auf die Bilder hatte, und begann mit ihrer Arbeit. Nach wenigen Minuten war sie mit ihrer Zeichnung fertig und gab sie Lukas, der sofort erkannte, dass sie genauso aussah wie das Bild in seinem Kopf.
Alina war skeptisch: "Jetzt wissen wir, wie das Bild aussah, das die Toten wegradiert haben. Und was bringt uns das?"
Lukas versuchte, optimistisch zu klingen und sich nicht anmerken zu lassen, dass er nicht daran glaubte, dass die Schüler tatsächlich an diesem Zeichen gestorben sein konnten. "Noch nicht viel. Aber wenn wir wissen, was das Bild bedeutet, hilft es uns sicher weiter."
Alina war noch nicht überzeugt: "Aber das sind doch nur lächerliche Bildchen! Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass sie deswegen gestorben sind, oder?"
Lukas blieb völlig ruhig. "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber momentan haben wir nichts anderes. Das ist die einzige Spur, der wir jetzt nachgehen können."
Alina wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also schwieg sie einfach. Lukas fragte die anderen: "Habt ihr so ein Zeichen schon einmal gesehen?" Die meisten schüttelten den Kopf, doch Marius sagte: "Ich glaube, ich habe es schon mal auf einem Tisch gesehen, aber ich habe da nicht so genau drauf geachtet. Vielleicht war es eins von den Zeichen, das schon wegradiert wurde."
Lukas fragte in die Runde: "Also weiß niemand, was sie bedeuten sollen?" Dieses Mal schüttelten alle stumm den Kopf. Lukas überlegte laut: "Wie können wir es herausfinden?"
Niklas deutete auf den Computer, der vor ihm auf dem Schreibtisch stand, und sagte: "Wir könnten im Internet nach den Zeichen suchen." Jetzt meldete sich Alina wieder zu Wort: "Und nach was willst du da genau suchen?" Niklas zuckte mit den Schultern und schlug vor: "Vielleicht 'Magische Zeichen'?" Emma warf ein: "Aber dafür wird es wahrscheinlich tausende Einträge geben. Wir werden Stunden beschäftigt sein, bis wir zu einem Ergebnis gekommen sind." Lukas stimmte ihr zu: "Ich schätze, Emma hat Recht. Wenn wir im Internet suchen, bekommen wir viel zu viele Ergebnisse und viele davon könnten auch falsch sein oder gar nichts damit zu tun haben, was wir eigentlich suchen."
Niklas gab noch nicht auf: "Aber wir könnten es doch zumindest versuchen. Wir wissen nicht, was wir nicht schaffen können, wenn wir es noch nicht einmal probiert haben. Vielleicht liegen wir ja komplett falsch."
Lukas wollte es eigentlich nicht versuchen, weil er wusste, dass es Zeitverschwendung war, doch er wollte Niklas nicht enttäuschen, denn er war einer der wenigen, die in dieser schweren Zeit noch bei der Schülerzeitung geblieben waren. Er konnte es sich nicht leisten, sich mit einer dieser Personen zu streiten, denn er brauchte jeden, um den Fall aufzuklären.
Also seufzte er und drückte auf den Kopf am Computer, um das Gerät einzuschalten, doch es passierte nichts. Der Computer machte kein Geräusch, kein Lämpchen blinkte und der Bildschirm blieb tiefschwarz. Lukas stütze seinen Kopf auf seiner Hand ab und sagte: "Das habe ich total vergessen: Nach Lasses Tod hat Frau Rück alle Computer außer ihrem eigenen vom Strom genommen, weil sie der Meinung war, dass sie nicht mehr gebraucht werden, wenn niemand mehr in der Schule ist. Sie wollte unbedingt Strom sparen, hat aber nicht daran gedacht, dass wir vielleicht noch recherchieren müssen."
Marie ließ sich nicht unterkriegen und versuchte, die anderen zu motivieren: "Dann müssen wir eben auf einem anderen Weg recherchieren. Bevor es das Internet gab, haben die Leute doch auch Informationen über alles Mögliche bekommen, oder nicht?"
Marius sah sie irritiert an und fragte: "Und was soll das heißen?" Marie antwortete: "Das soll heißen, dass das Internet nicht der einzige Ort ist, an dem wir Informationen bekommen können. Wir könnten auch in die Bücherei gehen." Lukas nickte: "Das ist eine gute Idee, da habe ich noch gar nicht dran gedacht." Er warf einen Blick auf seine Uhr und merkte erst jetzt, dass es schon früher Abend war, also entschied sich die gesamte Redaktion der Schülerzeitung dafür, nach Hause zu gehen.
Am nächsten Tag war Lukas der Letzte, der im Raum eintraf. Er nahm das Bild, das Emma gezeichnet hatte, in die Hand, faltete es ein paar Mal und steckte es in seine Hosentasche. Danach machten sich die sechs auf den Weg zur Bücherei der Schule, die sich in einem anderen Gebäude befand.
Sie gingen gemeinsam durch die große Tür aus dem Hauptgebäude und liefen über den Schulhof. Auf dem ganzen Hof lagen Dreck und Müll herum, den die restlichen Schülerinnen und Schüler hinterlassen hatten, und er sah verwahrlost aus, so, als hätte ihn schon seit längerer Zeit niemand mehr betreten. Normalerweise kümmerte sich der Hausmeister darum, dass der Schulhof immer sauber und gepflegt aussah, doch er war, wie die meisten anderen auch, nach Lasses Tod zu Hause geblieben.
Schon nach nicht einmal einer Minute erreichten sie das Nebengebäude, in dem sich die Bücherei befand. Lukas drückte die kupferfarbene Türklinke herunter und die schwere Tür ließ sich ohne Probleme öffnen. Doch als die sechs die Bücherei betraten, standen sie in einem riesigen, stockfinsteren Raum. An den Wänden waren zwar von außen Fenster zu erkennen, aber sie waren von den Regalen verdeckt.
Mit der Taschenlampe seines Handys versuchte Lukas, sich eine erste Orientierung zu schaffen, und im Schein der Lampe entdeckte Marie einen Lichtschalter. Sie drückte ihn, doch die einzige Lichtquelle im Raum blieb Lukas' Handy, denn die Lampen, die an der Decke hingen, gingen nicht an. Alina seufzte: "Frau Rüsk hat bestimmt auch hier den Strom abgeschaltet."
Lukas nickte: "Bestimmt. Sie dachte wahrscheinlich, dass niemand mehr in die Bücherei muss, wenn es keinen richtigen Unterricht gibt. Aber die Tür war nicht abgeschlossen, also dürfen wir hier rein." Er lächelte, doch Emma wirkte nervös: "Ich weiß nicht so recht. Sollten wir nicht lieber wieder rausgehen?"
Lukas wusste, dass Emma sich in der Dunkelheit nicht besonders wohl fühlte, also versuchte er, sie zu beruhigen: "Wir müssen uns hier umsehen, wenn wir etwas herausfinden wollen. Aber wir gehen zu zweit, und zwar so, dass jede Gruppe mindestens ein Licht hat. Also, wer von euch hat eine Lampe?"
Alle bis auf Alina holten ihre Handys heraus und schalteten ihre Taschenlampen an. Lukas sah Alina fragend an, also sagte sie entschuldigend: "Mein Akku ist fast leer und mein Handy würde nicht mehr lange durchhalten."
Lukas nickte: "Also gut, dann gehen wir in den gleichen Gruppen wie beim letzten Mal, als wir etwas über Christian herausfinden wollten. Alina und Marius, ihr guckt euch die Regale an, die an den Wänden stehen, Emma und Niklas, ihr kümmert euch um die Regale in der ersten Reihe und ich suche mit Marie die restlichen Regale ab."
Marius fragte: "Und wonach genau sollen wir suchen?"
Lukas zuckte mit den Schultern: "Sucht einfach alle Bücher, die etwas mit magischen Zeichen zu tun haben und nehmt die Bücher erst einmal mit. Dann sehen wir weiter." Alle nickten entschlossen und gingen mit ihren Taschenlampen dahin, wo sie suchen sollten.
Im ersten Regal an der Wand standen nur Geschichtsbücher, die von verschiedenen Epochen handelten. Keiner der Titel gab einen Hinweis auf magische Zeichen, die auf mysteriöse Weise Menschen töten konnten. Alina und Marius gingen weiter zum nächsten Regal, in dem Bücher über die Kultur von heutigen und früheren Gesellschaften berichteten. Es gab Bücher über alle Länder der Welt, in denen über typisches Essen und Traditionen geschrieben wurden, aber in manchen Büchern wurde auch von Völkern und Gesellschaften erzählt, die es nicht mehr gab oder die nicht mehr weit verbreitet und ziemlich unbekannt waren.
Ein Buch ließ Alina aufmerksam werden. Es trug den Titel Die stumme Magie der alten Völker. Sie wies Marius an, das Buch mit seiner Taschenlampe anzuscheinen, damit sie es deutlicher erkennen konnte, und nahm es aus dem Regal. Sie blätterte einmal kurz darin herum und entdeckte einige Zeichen, deren Bedeutungen erklärt wurden.
Mit dem Buch in der Hand gingen die beiden zur gegenüberliegenden Wand. Im ersten Regal befanden sich Wörterbücher für Fremdsprachen, Lexika und Bücher in anderen Sprachen, die man irgendwann im Unterricht lesen musste. Keins von ihnen handelte von magischen Zeichen.
Im nächsten Regal standen Bücher, die etwas mit Naturwissenschaften zu tun hatten. Weder Marius noch Alina glaubten ernsthaft, dass sich die Naturwissenschaften mit Magie beschäftigen würden, doch trotzdem warfen sie einen Blick über die verschiedenen Bücher. Wie die beiden bereits erwartet hatten, fanden sie jedoch nichts über magische Zeichen. Also gingen sie mit ihrem Buch in der Hand zurück zum Raum der Schülerzeitung, froh, die dunkle Bücherei verlassen zu können. Doch als sie die Tür öffneten und den Schulhof betraten, mussten sie ihre Augen von der Sonne abschirmen, weil sie von ihr geblendet wurden. Nach dem Aufenthalt in dem dunklen Raum waren sie die Helligkeit nicht mehr gewöhnt, sodass ihre Augen wehtaten, egal, wo sie hinsahen. Es wurde erst besser, als sie wieder das Hauptgebäude der Schule betraten, wo das Sonnenlicht ein wenig von den Wänden abgehalten wurde.
Emma und Niklas gingen auf das Regal in der ersten Reihe zu, das ganz links stand. Aber sie erkannten sofort, dass sie hier nichts Brauchbares finden würden, denn das gesamte Regal war gefüllt mit Romanen, die in keiner Weise etwas mit magischen Zeichen zu tun hatten. Die meisten waren Taschenbücher, die schon etwas älter aussahen. Die Seiten der Bücher waren vergilbt und zum Teil eingeknickt.
Emma und Niklas liefen nun zum nächsten Regal der Reihe und leuchteten alle Bücher ab. In diesem Bereich befanden sich weitere Romane, die aber etwas neuer aussahen als die vorherigen, weil sie anscheinend noch nicht so oft gelesen wurden. Doch auch hier gab es nichts über Zeichen zu lesen.
Erst im nächsten Regal wurden die beiden fündig, als sie auf die Bücher über Religion, Philosophie und Psychologie stießen. Dort entdeckten sie ein Buch, das vom Glauben an die Kraft der Zeichen handelte und davon berichtete, welche Bedeutung bestimmte Zeichen in verschiedenen Religionen hatten.
Auch im letzten Regal gab es weitere Bücher über Psychologie. In dem Regal fanden Emma und Niklas ein weiteres Buch über Zeichen, das aber nicht von Magie handelte, sondern vom Aberglauben über einige Zeichen. Die beiden nahmen jeweils ein Buch und gingen aus der Bücherei. Dabei lief Emma einige Schritte vor Niklas, denn sie wollte so schnell wie möglich aus der Dunkelheit raus und keine Minute länger als nötig dort verbringen. Die beiden gingen durch die Tür, betraten den Schulhof und gingen zurück zum Raum der Schülerzeitung. Dort trafen sie auf Alina und Marius, doch niemand sagte ein Wort.
Marie und Lukas gingen vorsichtig bis zur letzten Reihe, um über nichts zu stolpern. Dort fingen sie mit dem Regal auf der linken Seite an und leuchteten jede Reihe ab. In allen Reihen des ersten Regals befanden sich alte Zeitungen und Zeitschriften, die zum Teil schon vergilbt waren und fast auseinander fielen, wenn man sie berührte.
Im nächsten Regal standen alle Jahrbücher und andere Bücher, die es in der Schule jemals gegeben hatte, zu besonderen Anlässen oder Festen.
In den ersten beiden Regalen hatten Lukas und Marie noch keinen Hinweis auf die Zeichen gefunden, doch im dritten Regal fanden sie drei Bücher, die nebeneinander standen und von der Magie der Zeichen berichteten. Die restlichen Bücher im Regal handelten von Hexerei, Flüchen, Zaubertränken und Geisterbeschwörung. Lukas bezweifelte, dass diese Bücher wirklich der Wahrheit entsprachen, doch wenn er darüber nachdachte, dass irgendwelche Zeichen drei Schüler töten konnten, wusste er nicht, was er denken sollte, und nahm die drei Bücher schließlich mit.
Im letzten Regal der hinteren Reihe standen Bücher, mit denen man sich selbst Dinge beibringen konnte wie nähen, stricken und zeichnen. Keins von ihnen machte den Anschein, als würde es etwas über magische Zeichen erzählen, keins hatte den Titel "Schwarze Magie für Anfänger". Also gingen Lukas und Marie mit ihrer Ausbeute zurück zum Raum der Schülerzeitung, wo die anderen bereits auf sie warteten. Es wirkte jedoch so, als wären sie auch noch nicht lange dort, denn Alina und Marius hatten sich gerade erst hingesetzt und Emma und Niklas standen in der Nähe der Tür und sahen sich danach um, wo sie am besten sitzen konnten. Marius hatte ein Buch bei sich und Emma und Niklas hielten auch jeweils ein Buch in der Hand. Lukas setzte sich an den großen Tisch und alle anderen setzten sich auf die freien Plätze, um einen Kreis zu bilden. Dann legten alle die Bücher, die sie in der Bücherei gefunden hatten, in der Mitte des Tisches auf einen Stapel. Lukas zog den Stapel zu sich, gab jedem ein Buch und sagte: "Jetzt müssen wir alle Bücher nach den Zeichen durchsuchen, die auf den Tischen waren. Wenn ihr irgendetwas gefunden habt, vielleicht die Bedeutung, dann schreibt es irgendwo auf." Er legte Emmas Zeichnung in die Mitte des Tisches. "Falls es jemand nicht mehr genau weiß: So sehen die Zeichen aus."
Dann versanken alle in ihre Bücher und überflogen die Seiten auf der Suche nach den Zeichen.
Alina hatte das Buch, das vom Glauben an die Kraft der Zeichen handelte. Die meisten Zeichen, die in dem Buch beschrieben wurden, waren aber solche, die besondere Krankheiten heilen sollten oder dazu bestimmt waren, Menschen von Sünden freizuhalten, doch keines von ihnen sah aus wie die Zeichen, die auf die Tische gemalt wurden. Erst auf der letzten Seite entdeckte sie etwas, das möglicherweise die Axt sein sollte. Laut dem Buch war es das Zeichen eines Wächters, der an der Grenze zwischen Leben und Tod stand. Mit der einen Seite der Axt sollte er die Lebenden bewachen, mit der anderen die Toten. Am Ende der Seite war noch ein Kringel abgebildet, der so ähnlich aussah wie der Kringel auf den Tischen. Im Buch stand, dass dieses Zeichen für Unsterblichkeit und ewiges Leben stand. Das ergab für Alina keinen Sinn, denn wenn der Kringel wirklich Unsterblichkeit symbolisierte, warum waren Lasse, Jana und Mark gestorben? Alina wusste es nicht, also warteten sie darauf, was die anderen herausbekamen.
Niklas hatte das Buch über die Magie der alten Völker vor sich aufgeschlagen liegen. Er überflog die ersten Seiten nur, denn dort gab es zunächst eine Einleitung darüber, was stumme Magie genau war. Das nächste Kapitel übersprang er komplett, denn darin wurden verschiedene Tränke beschrieben, die positive oder negative Auswirkungen hatten. Erst im nächsten Kapitel wurden mehrere Zeichnungen beschrieben und Niklas suchte nach den Zeichen, die sie vorher auf den Fotos gesehen hatten. Nach einiger Zeit entdeckte er drei Kreise, die ineinander steckten und immer kleiner wurden. In manchen Kulturen war es ein Segen für Fruchtbarkeit und symbolisierte drei Generationen, die in Harmonie zusammen lebten. Es sollte dafür sorgen, dass es möglich war, mit mehreren Generationen parallel zu leben, ohne, dass jemand starb. Früher setzten die Menschen viel Hoffnung in dieses Zeichen, da die Lebenserwartung nur sehr gering war, und wenn jemand länger lebte als es normal war, wurde der Glauben an das Zeichen gestärkt. Ein paar Seiten später fand Niklas den Kringel, den er auf den Tischen gesehen hatte. Das Buch beschrieb es als die Hoffnung auf ein gesundes und langes Leben, also war es auch so eine Art Segen. Niklas schrieb beides auf und schlug das Buch zu, doch es kam auch ihm merkwürdig vor, dass drei Schüler gestorben waren, obwohl zwei der Zeichen für ein langes Leben standen.
Emma sah sich das Buch an, das sich mit dem Aberglauben befasste. Bezogen auf die Axt gab es laut Buch einen guten und einen schlechten Aberglauben. Der gute Aberglaube besagte, dass man von einer unsichtbaren Macht beschützt wurde, wenn man das Zeichen bei sich trug. Mache Menschen glaubten allerdings, dass es Unglück brachte und man bald sterben würde, wenn das Zeichen plötzlich auftauchte.
Marius kümmerte sich um das Erste der drei Bücher, die Lukas und Marie gefunden hatten. Es half ihm allerdings nicht weiter, denn in dem Buch gab es nur schlechte Symbole, die etwas mit Flüchen, Hexen oder dem Teufel zu tun hatten, und keins von ihnen sah aus wie die Symbole aus der Schule. Einerseits beruhigte es ihn, dass die Zeichen von den Tischen nichts Schlechtes bedeuteten, denn dann konnte es auch Zufall gewesen sein, dass drei Schüler in kurzer Zeit gestorben waren. Doch andererseits verwirrte es ihn. Eigentlich war er davon ausgegangen, dass die Zeichen etwas mit dem Tod zu tun hatten, denn normalerweise brachten gute Dinge keine Menschen um. Marius erklärte es sich damit, dass einfach nicht alle schlechten Symbole in seinem Buch standen und schlug es zu.
Auch Maries Suche verlief nicht so erfolgreich, wie sie es sich erhofft hatte. Sie blätterte durch die Seiten des zweiten Buchs, das sie zusammen mit Lukas gefunden hatte. Obwohl sie es zweimal genau durchsah, fand sie kein Zeichen, das auch nur annähernd so aussah wie eins von denen, die Mark, Lasse und Jana wegradiert haben. Frustriert klappte sie das Buch zu und legte es zur Seite.
Lukas durchsuchte das letzte Buch nach den richtigen Zeichen und schon nach kurzer Zeit wurde er fündig: Auf drei verschiedenen Seiten waren die einzelnen Zeichen erklärt, die er suchte. Zuerst fand Lukas die Axt, die als ein Symbol des Schutzes galt. Dabei konnte sie nicht nur Personen beschützen, sondern auch Dinge, indem sie alles abwehrte, das das zerstören wollte, was sie beschützte. Der Kringel stand für das Leben und seinen Kreislauf, doch es zeigte auch, dass es nicht unendlich war, da ein Kringel im Gegensatz zu einem Kreis einen Anfang und ein Ende hatte. Die drei ineinander liegenden Kreise symbolisierten die Wahrheit. Sie zeigten, dass die Wahrheit nicht verändert werden sollte, wenn man sie verbreiten wollte. Nur die unveränderte Wahrheit konnte sich ausbreiten und Lügen sollten untergehen.
Nachdem Lukas alles notiert hatte, was er herausgefunden hatte, schlug auch er sein Buch zu und legte es zu den anderen. Als er einmal in die Runde sah, merkte er, dass die meisten anderen auch etwas aufgeschrieben hatten, also ging er an die Tafel und machte eine Tabelle. In die erste Spalte schrieb er "Axt", in die zweite "Kringel" und in die letzte "Kreise". Dann drehte er sich so um, dass er die anderen sehen konnte, und sagte: "Ich schreibe jetzt alles in die Tabelle, das ihr herausgefunden habt. Wir fangen bei Alina an und gehen dann einmal in die Runde."
Alle sagten Lukas, was sie in ihren Büchern gefunden hatten, und er schrieb es in die Tabelle an der Tafel. Am Ende hatte er unter der Axt die Wörter Wächter, Schutz, Unglück und Tod stehen. Für die Kreise hatte er aufgeschrieben: Fruchtbarkeit, langes Leben, mehrere Generationen und Wahrheit. Für den Kringel schrieb er Unsterblichkeit, ewiges Leben, Kreislauf des Lebens und nicht unendlich auf.
Nachdem er die Tabelle vollständig ausgefüllt hatte, ging Lukas einige Schritte zurück, m einen besseren Überblick zu haben. Er las alles noch einmal durch und erst dann wurde ihm deutlich bewusst, dass diese Zeichen unmöglich alles auf einmal bedeuten konnten. Lukas sah sich um und sah an den Blicken der Anderen, dass es nicht nur ihm so ging.
Erst Marie sprach aus, was alle anderen dachten: "Und was genau bedeuten die Zeichen auf den Tischen?"
Lukas war sich nicht sicher, doch er wollte ihr etwas antworten, also sagte er: "Ich habe keine Ahnung, aber wir werden es herausfinden. Ich weiß zwar noch nicht genau, wie, aber wir können es schaffen. Wir sind schon so weit gekommen und wir werden jetzt nicht aufgeben, nicht an diesem Punkt." Diese Worte hatten geholfen, denn nachdem Lukas sie gesagt hatte, wirkten alle motivierter. Keiner wusste, wie sie die genaue Bedeutung der Zeichen herausfinden konnten, doch sie glaubten alle fest daran, dass es irgendwie möglich war.
Nach dem Treffen der Schülerzeitung gingen alle nach Hause, denn sie wollten sich ein wenig ausruhen, bevor sie am nächsten Tag weiterarbeiten konnten.
Als Marie den Gang entlanglief, um die Schule zu verlassen, fiel ihr etwas auf, das sie schon vorher gesehen hatte, doch bisher hatte sie ihm keine Beachtung geschenkt. Dieses Mal blieb sie allerdings stehen, um sich ihre Entdeckung genauer ansehen zu können: Sie stand vor einem weiteren Zeichen, das mit Filzstift an die Wand gemalt war. Es sah fast genauso aus wie das Zeichen auf den Tischen, aber darüber war eine weitere Axt gezeichnet.
Marie lief weiter, während sie darüber nachdachte, was sie gerade gesehen hatte, und als sie um die Ecke des Ganges bog, entdeckte sie die Quelle der neuen, noch mysteriöseren Zeichen: Nur ein paar Schritte von ihr entfernt stand Lena, eine Schülerin aus ihrem Jahrgang. Sie hielt einen Stift in der Hand und war offenbar gerade dabei, etwas an die Wand zu malen. Marie ging so nah an sie heran wie möglich und fragte: "Was machst du da?"
Lena drehte sich erschrocken um und ließ dabei fast ihren Stift fallen, doch sie sagte nichts, also fragte Marie: "Waren die Zeichen auf den Tischen auch von dir?"
Lena wurde blass: "Du weißt von den Zeichen?"
Marie nickte: "Ja, sie haben Lasse, Mark und Jana getötet."
"Ich weiß, deshalb mache ich diese Zeichen."
"Weshalb?"
"Zum Schutz."
"Wovor möchtest du uns beschützen?"
"Vor ihrer Rache."
Marie war verwirrt: "Wer ist sie? Und warum Rache?"
Lena sah zur Seite. "Ihr könnt sie alle nicht sehen." Sie sah kurz ein wenig höher und zögerte, doch dann redete sie weiter: "Sie ist von der Schule gegangen und hat vor ihrem Tod Rache geschworen."
Marie wurde noch verwirrter: "Aber warum kannst du sie sehen?"
"Weil sie es mir erlaubt hat. Sie vertraut mir."
"Was ist ihr Name?"
Lena sah auf ihre Uhr, dann drängte sie sich an Marie vorbei und sagte: "Ich muss nach Hause." Dabei ließ sie eine verwirrte Marie zurück, die ihr stumm hinterher sah. Sie stand noch einige Minuten so da, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machte.

Abends ging Marie früh ins Bett, doch sie konnte trotzdem nicht schlafen. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um Lena und darum, was sie gesagt hatte. Wenn es stimmte, was sie ihr erzählt hatte, dann waren Jana, Mark und Lasse wegen einer ehemaligen Schülerin gestorben, die sich aus irgendeinem Grund an den Schülern rächen wollte. Aber Lena hatte auch gesagt, dass diese Schülerin tot war, also konnte sie die anderen Schüler nicht persönlich getötet haben.
War es also wirklich möglich, dass sie die Zeichen gemalt hatte und sie wirklich eine magische Kraft hatten? Dann mussten Lenas Zeichen die Schule doch auch beschützen können. Obwohl dieser Gedanke Marie beruhigte, dachte sie die ganze Nacht lang über die Todesfälle nach. Es kam ihr merkwürdig vor, dass diese Zeichen magisch sein sollten, denn für sie waren es nur irgendwelche Bilder, die irgendein Schüler mal aus Langweile auf die Tische gemalt hatte. Marie war der Meinung, dass Magie nur in Büchern und Filmen und nicht im realen Leben existieren konnte.
Am nächsten Morgen war Marie erst spät in der Schule, weil sie irgendwann doch eingeschlafen sein musste. Sie hatte verschlafen, weil sie ihren Wecker nicht gehört hatte und erst aufgewacht war, als ihre Mutter in ihr Zimmer gekommen war.
Als sie im Raum der Schülerzeitung ankam, waren schon alle da und sahen sich etwas an, das Marie von der Tür aus nicht erkennen konnte. Die anderen waren so konzentriert, dass sie nicht einmal aufschauten, als sie den Raum betrat.
Marie ging näher heran und als sie direkt neben Lukas stand, erkannte sie, dass vor ihm auf dem Tisch ein Foto lag. Es sah fast so aus wie die Fotos von Lasse, Mark und Jana, doch es gab einen bedeutenden Unterschied: Dieses Mädchen saß nicht an einem Tisch, sondern es sah so aus, als würde sie auf dem Boden liegen. Als Marie genauer hinsah, wusste sie, dass sie das Mädchen kannte, denn sie hatte gestern noch mit ihr gesprochen: Es war Lena.
Schockiert fragte Marie: "Ist sie die nächste Tote?"
Lukas nickte: "Ja, sie wurde heute Morgen auf dem Gang gefunden, der zu den Naturwissenschaften führt."
"Gab es auch wieder das gleiche Zeichen?"
Lukas nickte wieder: "Dieses Mal war das Zeichen aber nicht auf einem Tisch, sondern an der Wand. Wahrscheinlich hat sie versucht, es wegzuradieren und ist mit dem Kopf auf dem Boden aufgeschlagen, denn sie hatte eine Platzwunde am Kopf. Neben dem Zeichen, das wir schon kennen, wurde aber noch ein anderes Zeichen gefunden."
"Was für ein Zeichen?"
Lukas stand auf und sagte zu Marie: "Du kannst es dir am besten selbst ansehen. Ich möchte, dass du dir davon ein eigenes Bild machen kannst." Dann ging er durch die Tür auf den Gang und Marie lief irritiert hinterher.
Lukas blieb stehen, als sie an der Stelle angekommen waren, an der Lena gestorben sein musste, und zeigte vor sich an die Wand. Marie stand vor dem Zeichen, das auch schon auf den Tischen gewesen war, an denen Lasse, Mark und Jana gestorben waren. Auch dieses Zeichen war zum Teil wegradiert, genau wie die anderen auch.
Was Marie jedoch sofort ins Auge fiel, war das Zeichen, das genau daneben war. Es war ein großer Kreis, in dessen Mitte sich zwei Halbkreise mit dem gleichen Radius schnitten. Das ganze wurde offenbar dick mit einem roten Stift durchgestrichen.
Marie fragte sich, warum Lena das Zeichen wegradiert hatte, obwohl sie wusste, dass daran jemand gestorben war und Schutzzeichen machen wollte. Sie hätte doch wissen müssen, dass sie daran starb.
Erst nach einer Weile merkte Marie, dass sie das alte Zeichen an dieser Stelle noch nie gesehen hatte. Auf den Tischen war es ihr schon ein paar Mal aufgefallen, doch an der Stelle musste es neu gewesen sein.
Wenn Lena aber Recht gehabt hatte und die Zeichen von einer ehemaligen, toten Schülerin der Schule gemacht wurden, konnten diese beiden Zeichen an der Wand doch unmöglich neu sein, außer Lena hatte sie selbst gezeichnet. Aber warum sollte sie die Zeichen selber machen?
Marie war verwirrt, also beschloss sie, sich das durchgestrichene Zeichen genauer anzusehen. Im Gegensatz zum anderen Zeichen war es mit einem Filzstift gemalt worden, genau wie die anderen Zeichen von Lena. Das Zeichen, das sie wegradiert hatte, war allerdings mit einem Bleistift gezeichnet worden. Trotzdem war es möglich, dass sie beide Zeichen selbst gemacht hatte, aber mit unterschiedlichen Stiften.
Als sie näher an das durchgestrichene Zeichen heranging, sah Marie, dass jemand darunter eine Reihe von Zahlen und Buchstaben geschrieben hatte. Sie zeigte darauf und fragte Lukas: "Hast du das hier schon gesehen?"
Er schüttelte mit dem Kopf: "Nein, so genau habe ich mir das Zeichen noch nicht angesehen. Sind das Zahlen und Buchstaben?"
Marie nickte: "Ja, sieht ganz so aus. Ich habe aber keine Ahnung, was sie bedeuten könnten." Die Zeichen waren krakelig und mit einem dünnen Stift geschrieben worden, also waren sie schwer zu entziffern, doch nach einiger Zeit hatten Lukas und Marie herausgefunden, was an der Wand geschrieben stand. Lukas speicherte sich die Kombination ins Handy ein, es waren Zahlen und Buchstaben mit Bindestrichen dazwischen:
17-03-83-rz74s6
Nachdem er alles notiert hatte, führte Marie ihn zu der Stelle, an der sie gestern mit Lena gesprochen hatte. Lukas wirkte nicht überrascht, dass Marie Lena gekannt hatte und erklärte: "Du warst so schockiert, als du herausgefunden hast, dass Lena tot ist. Ich hatte gehofft, dass du etwas über sie weißt. Das ist auch der eigentliche Grund, weshalb ich mit dir auf den Gang gegangen bin."
Marie zeigte Lukas das Zeichen und erklärte ihm, dass Lena damit die Schule vor der Rache einer früheren Schülerin schützen wollte. Lukas war verwirrt: "Dann wusste sie doch bestimmt, dass sie stirbt, wenn sie das Zeichen wegradiert. Warum hat sie es trotzdem getan?"
Marie zuckte mit den Schultern: "Ich weiß es nicht, aber wahrscheinlich hat sie beide Zeichen, die im anderen Gang waren, selbst gezeichnet." Marie zögerte, dann sagte sie leise und traurig: "Sie war die einzige, die etwas über die Zeichen zu wissen schien."
Lukas tröstete sie: "Wir werden es trotzdem schaffen." Marie lächelte, dann gingen die beiden zurück zum Raum der Schülerzeitung. Dort erzählten sie den anderen von ihren Vermutungen, dass Lena die Zeichen selbst gezeichnet haben könnte.
Daraufhin nahm Marius eins der Bücher und fing an, das Zeichen von der Wand zu suchen. Die anderen taten es ihm nach und schon nach kurzer Zeit sagte Marie aufgeregt: "Ich habe etwas gefunden." Alle sahen gespannt zu ihr und sie fuhr fort: "Das Zeichen bedeutet Vertrauen."
Alina überlegte: "Aber es war durchgestrichen, also sollte es bestimmt das Gegenteil bedeuten oder so etwas wie ein Vertrauensbruch."
Jetzt meldete sich Marie zu Wort: "Lena hat mir erzählt, dass die Zeichen von einer ehemaligen, toten Schülerin unserer Schule gemacht wurden. Nur sie konnte sie sehen, weil sie Lena vertraut hat. Sie muss durch irgendetwas das Vertrauen der Toten gebrochen haben und sie hat Lena dazu gebracht, die Zeichen zu malen und wegzuradieren."
Lukas schlussfolgerte: "Also wurde Lena auch von ihr dazu gebracht, die Buchstaben und Zahlen aufzuschreiben." Er schrieb die Kombination an die Tafel und erklärte, dass sie unter dem Vertrauenszeichen an der Wand stand.
Alina sah sie sich an und sagte: "Ich glaube, dass ich so eine Nummer schon einmal gesehen habe." Sie dachte kurz nach und fuhr fort: "Ja, als ich vor ein paar Monaten ein Referat vorbereiten musste, brauchte ich einen Zeitungsartikel aus der Bücherei. Der hatte auch so eine Nummer."
Lukas schlussfolgerte: "Also brauchen wir wohl eine Zeitung vom 17. März 1983."
Emma fühlte sich unwohl: "Also müssen wir wieder in die dunkle Bücherei?"
Lukas antwortete ihr: "Wenn wir den Fall aufklären wollen, dann schon. Ich denke, da führt kein Weg dran vorbei."
Marius schien auch nicht komplett von der Idee überzeugt zu sein, denn er fragte skeptisch: "Und was wird dann in diesem Artikel stehen?"
Lukas zuckte mit den Schultern: "Ich weiß es nicht, aber hoffentlich etwas über die tote Schülerin, die damals die Zeichen gemacht hat." Er gab den anderen keine Chance, weitere Fragen zu stellen, denn er verließ einfach den Raum und machte sich auf den Weg zur Bücherei. Sprachlos folgte ihm der Rest und hatte ihn erst auf dem Schulhof wieder eingeholt.
Als sie alle vor der Bücherei angekommen waren, öffnete Lukas die schwere Tür, holte sein Handy aus der Tasche und schaltete die Taschenlampe ein. Alle anderen taten es ihm nach und gemeinsam gingen die sechs in den hinteren Teil der Bücherei, dort, wo die Zeitungen und Zeitschriften waren. Lukas sagte: "Wir müssen alle Zeitungen nach der Zeitung vom
17. März 1983 durchsuchen. Ich schlage vor, dass wir uns aufteilen. Es gibt fünf Regalbretter, also sucht jeder in einem und um das untere kümmern sich zwei Leute. Emma und Alina, sucht ihr zusammen?" Die beiden nickten und Lukas sagte: "Also gut, dann los."
Alle sechs standen auf einem Haufen vor dem Regal, doch irgendwie schafften sie es trotzdem, dass jeder etwas sehen konnte. Nach kurzer Zeit sagte Marius, der sich um das obere Regalbrett gekümmert hatte: "Ich glaube, ich habe sie gefunden." Er zog eine vergilbte Zeitung mit blasser Schrift aus dem Regal und Lukas leuchtete sie mit seiner Taschenlampe an. Es war tatsächlich die regionale Zeitung vom 17. März 1983, die 74. Ausgabe des Jahres. Lukas nahm sie Marius aus der Hand und sagte: "Gut gemacht. Dann gehen wir zurück zum Raum und sehen nach, ob wir etwas finden." Alle nickten, besonders Emma, die wieder so schnell wie möglich aus der Dunkelheit heraus wollte.
Zurück im Raum sah sich Marie noch einmal die Nummer an und sagte zu Lukas: "Schlag mal Seite sechs auf. Bestimmt finden wir da etwas, das uns weiterhilft."
Lukas nickte und blätterte durch die Zeitung, bis er bei Seite fünf war. Er blätterte noch einmal um, doch statt Seite sechs lag vor ihm Seite sieben. Er fühlte nach, ob er eine Seite überschlagen hatte, doch da das nicht der Fall war, sagte er: "Jemand muss Seite sechs aus der Zeitung genommen haben."
Marie glaubte ihm nicht: "Das kann nicht sein. Bestimmt hast du sie einfach nur übersehen." Mit diesen Worten zog sie die Zeitung zu sich hinüber und blätterte sie einmal komplett durch, jedoch ohne Ergebnis. Sie blätterte noch einmal die komplette Zeitung von hinten nach vorne durch, doch Seite sechs blieb verschwunden.
Dann sah sie sich die Stelle zwischen den Seiten fünf und sieben an, an der eigentlich die fehlende Seite sein sollte, und es sah tatsächlich so aus, als wäre sie herausgerissen worden. Enttäuscht schlug Marie die Zeitung wieder zu, schob sie zurück zu Lukas und sagte: "Du hast Recht, sie wurde herausgerissen."
Niklas fragte: "Und was machen wir jetzt? Der Zeitungsartikel war die einzige Spur, die wir hatten."
Marie dachte laut nach: "Lena schien etwas über die Zeichen zu wissen. Vielleicht finden wir etwas heraus, wenn wir mit ihren Eltern reden."
Alle sahen sie an und schienen die Möglichkeiten abzuwägen, die ihnen blieben, und schließlich sagte Emma: "Ich weiß wo sie wohnt, wir haben mal zusammen gelernt." Sie erklärte den anderen die Adresse und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Nach 17 Minuten standen sie vor einem kleinen Bungalow mit roten Ziegeln, einer weißen Tür und weißen Fenstern. Bei diesem Haus gab es keinen Garten und keine Blumen, die das Grundstück schmückten, nur einen kleinen, aber gepflegten Rasen.
Lukas ging zur Haustür und klopfte. Schon nach wenigen Sekunden wurde die Tür von einem Mann geöffnet, der knapp unter 50 Jahren alt sein musste, jedoch wirkte er durch seine fahle Haut und die Augenringe ein paar Jahre älter.
Er sah sich alle sechs Schüler der Reihe nach an und fragte dann: "Seid ihr von der Schule meiner Tochter?"
Lukas nickte: "Genau, wir sind die Redaktion der Schülerzeitung. Wir würden gerne mit ihnen über ihre Tochter reden." Lenas Vater sagte nichts, sondern trat zur Seite und ließ die sechs in sein Haus. Es war moderner, aber nicht so gemütlich eingerichtet wie das Haus von Christians Eltern. Er führte sie in ein kleines Wohnzimmer, das fast vollständig von einem großen, grauen Ecksofa ausgefüllt wurde. Trotzdem war noch Platz für einen niedrigen Couchtisch, einen Fernseher und einen kleinen Schrank.
Die sechs Schüler setzten sich auf eine Seite des Ecksofas und Lenas Vater setzte sich an den Rand der anderen Seite.
Lukas wusste nicht genau, wie er anfangen sollte, also sagte er: "Mein Beileid." Lenas Vater nickte, doch er sagte nichts. Lukas sah Marie an, in der Hoffnung, sie wüsste was zu sagen war. Tatsächlich begann sie: "Ihre Tochter schien von den Zeichen zu wissen, die die anderen Schüler getötet haben, denn sie wollte Schutzzeichen machen, um die Schule vor 'ihrer' Rache zu schützen. Wissen Sie auch etwas über die Zeichen? Können Sie uns vielleicht sagen, wer 'sie' ist?"
Lenas Vater sah auf den Boden und sagte zu sich selbst: "Sie hat mir gesagt, sie würde wiederkommen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie es so meinte." Dann sah er auf und sagte zur Redaktion der Schülerzeitung: "Es ist viele Jahre her. Damals gingen Luisa und ich noch zur Schule."
Lukas unterbrach ihn: "Hat Luisa die Zeichen gemacht?"
Lenas Vater nickte und fuhr fort: "Wir waren seit der fünften Klasse auf der gleichen Schule und in der gleichen Klasse, das müsste 1978 gewesen sein. Zuerst waren wir nur befreundet, aber in der achten Klasse habe ich mich dann in sie verliebt. Wir waren zwei Jahre zusammen, bevor sie starb."
Marie fragte nach: "Was ist passiert, als sie starb?"
Lenas Vater atmete tief durch und sagte dann: "Einmal nach dem Unterricht wollte unser Mathelehrer, dass sie noch im Raum bleibt. Er hat gesagt, dass sie noch kurz mit ihr reden möchte. Doch danach war sie nicht mehr wie vorher."
Lukas wurde neugierig: "Was ist in dem Raum passiert?"
Lenas Vater schluckte und sagte mit leiser Stimme: "Das wusste niemand so genau, aber alle waren der Meinung, dass sie von unserem Mathelehrer vergewaltigt wurde. Er wurde danach auch gefeuert, aber niemand hat uns erzählt, was wirklich passiert ist. Trotzdem waren sich alle Schüler sicher, dass es nicht anders gewesen sein konnte. Natürlich wurde Luisa immer wieder danach gefragt, aber sie hat nichts gesagt. Sie hat mit keinem der Schüler darüber geredet, nicht einmal mit mir.
Luisa ist noch ein paar Tage weiter zur Schule gegangen und als sie neben mir saß, habe ich gesehen, wie sie diese Zeichen auf den Tisch gemalt hat. Ich habe aber nichts gesagt oder gefragt, denn sie hätte mir sowieso nicht geantwortet. Am nächsten Tag war sie tot, sie hat sich in dem Raum erhängt, in dem sie vergewaltigt wurde."
Marie fragte Lenas Vater: "Was war damals mit den Zeichen? Sind schon kurz nach ihrem Tod Leute daran gestorben?"
Er nickte: "Zwei Schülerinnen sind kurz nach Luisas Tod auf mysteriöse Weise gestorben, aber niemand hat sich darum gekümmert. Luisas Tod wurde damals so geheim wie möglich gehalten, um keine Aufmerksamkeit damit zu erregen."
Lukas hatte noch eine Frage: "Wissen Sie etwas von einem Zeitungsartikel über ihren Tod?"
Lenas Vater nickte wieder: "Ja, er wurde kurz nach ihrem Tod veröffentlicht, aber es stand nur das drin, was ich euch erzählt habe: Sie hat sich umgebracht, weil sie von einem Lehrer vergewaltigt wurde. Meine Eltern haben ihn mir erst ein Jahr nach ihrem Tod gezeigt, weil sie dachten, ich wäre vorher noch nicht bereit dazu gewesen. Erst ein Jahr später habe ich die Wahrheit über den Tod meiner Freundin erfahren.
Ich habe den Artikel lange Zeit aufbewahrt, aber als ich geheiratet habe und mit meiner Frau zusammengezogen bin, muss ich ihn verloren haben."
Lukas fragte weiter: "Hat Luisa Ihnen etwas hinterlassen? Vielleicht einen Abschiedsbrief oder so etwas in der Art?"
Lenas Vater nickte: "Ja, am Tag ihres Todes lag ein Brief in meinem Postkasten. Wartet hier, ich kann ihn holen." Daraufhin verschwand er in einem anderen Raum und tauchte kurze Zeit später mit einem Brief in der Hand wieder im Wohnzimmer auf. Er gab ihn Lukas, der ihn auffaltete und vorlas:

Mein liebster Jens,
Wenn du diesen Brief in den Händen hältst, werde ich schon tot sein, meine Leiche wurde in der Schule gefunden. Vielleicht bist du nach der Schule nach Hause gegangen, wie du es auch an jedem anderen Tag gemacht hättest. Früher war es für mich auch normal, zur Schule zu gehen, meine Freunde zu sehen, den Unterricht zu besuchen und nach der Schule wieder nach Hause zu gehen, jeden Tag.
Doch nach diesem einen Nachmittag war alles anders, Herr Dietsch hat alles verändert. Ich konnte nicht mehr zur Schule gehen, um mit meinen Freunden zu reden, ohne daran zu denken, dass ich über keinen von ihnen wirklich alles wusste, dass ich keinen kannte wie mich selbst. Ich konnte nicht mehr in den Unterricht gehen, ohne Angst zu haben, dass der Lehrer nach dem Unterricht noch mit mir 'sprechen' wollte. Ich habe mich gefühlt wie ein Beutetier in freier Wildbahn, von meinen natürlichen Feinden umgeben.
Ich konnte so nicht mehr weiterleben, ich hatte keinen anderen Ausweg. Doch ich möchte nicht, dass du dir die Schuld an meinem Tod gibst. Wegen dir habe ich immer wieder überlegt, ob es sich nicht doch lohnt, weiterzuleben, doch am Ende konnte ich einfach nicht mehr.
Deshalb habe ich diese Zeichen gemacht, die du vielleicht schon gesehen hast: Ich möchte, dass nicht nur du, sondern auch alle anderen mich und mein Schicksal niemals vergessen. ich werde wiederkommen, wenn eines Tages jemand die wahre Bedeutung meiner Zeichen erkennt.
Für immer deine,
Luisa

Für eine Weile waren alle still. Sie mussten erst einmal verarbeiten, was sie gerade gehört hatten. Es stimmte also wirklich, dass Luisa vor ihrem Tod die Zeichen gemacht hatte, die die anderen Schüler umgebracht hatten.
Marie stellte die Frage, die alle beschäftigte: "Im Brief steht etwas von der wahren Bedeutung der Zeichen. Was meint sie damit? Man stirbt, wenn man die Zeichen wegradiert. Hat das irgendeine bestimmte Bedeutung?"
"Vielleicht möchte sie sich für das rächen, was passiert ist", schlug Niklas vor.
Lukas widersprach ihm: "Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, denn dann wären Jana, Lasse, Mark und Lena nicht gestorben. Sie konnten nichts für das, was Luisa passiert ist. Sie waren zu der Zeit ja nicht einmal geboren. Die Zeichen müssen eine andere Bedeutung haben."
Emma hatte eine Idee: "Stand im Brief nicht auch, dass sich alle an sie erinnern werden? Vielleicht hat sie Angst davor, in Vergessenheit zu geraten."
Lukas nickte: "Das wäre eine Idee. Lasst uns erst einmal eine Nacht darüber schlafen und dann sehen wir morgen weiter." Alle bedankten sich bei Lenas Vater, dann verabschiedeten sie sich und gingen nach Hause.
Bein Abendessen wirkte Marie zum ersten Mal seit einigen Tagen wieder nachdenklich. Als sie später auf ihrem Bett saß, kam Julian in ihr Zimmer und setzte sich zu ihr. Wie immer spürte er auch dieses Mal, dass sie irgendetwas beschäftigte, also fragte er seine kleine Schwester: "Denkst du wieder über die Ermittlungen nach?" Marie nickte und Julian fuhr fort: "Ist es gutes oder schlechtes Nachdenken?"
Marie zuckte mit den Schultern: "Ehrlich gesagt weiß ich es gar nicht so genau. Ich glaube, dass wir kurz davor sind, den Fall zu lösen, aber die Lösung ergibt einfach keinen Sinn."
"Was habt ihr denn herausgefunden?"
Marie sah ihren Bruder für einen Moment an, dann fragte sie ihn: "Glaubst du an Geister?" Julian sah seine Schwester an, als wäre sie verrückt geworden: "Was?"
Marie erklärte es, als wäre es das Normalste der Welt: "Die Schüler sind wahrscheinlich gestorben, weil sie Zeichen auf ihren Tischen wegradiert haben. Anscheinend wurden diese Zeichen vor vielen Jahren von einer Schülerin gemacht, die Selbstmord begangen hat."
Julian war zwar immer noch der Meinung, dass seine Schwester verrückt geworden sein musste, doch er sagte: "Ich persönlich glaube nicht an Geister, aber ich habe mal gehört, dass sie auf der Erde bleiben, wenn sie noch etwas erledigen müssen." Mit diesen Worten stand er auf und verließ Maries Zimmer.

Am nächsten Tag saß die Schülerzeitung wieder zusammen und alle redeten darüber, was sie bei Lenas Vater herausgefunden hatten. Lukas begann: "Also, wir wissen jetzt, dass Luisa die Zeichen gemacht hat, bevor sie sich umgebracht hat. Jetzt müssen wir uns nur noch die Frage stellen, warum sie das gemacht hat. Ich vermute, dass-" Er stockte mitten im Satz und sah zu den Büchern, die auf einem Regal im hinteren Teil des Raums lagen. Schon die ganze Zeit über waren ihm einige Bücher merkwürdig vorgekommen, und jetzt wusste er, wieso: Während die meisten anderen Bücher einwandfrei glatte Seiten hatten, waren bei den anderen einige Eselsohren eingeknickt, als sollten sie etwas markieren.
Lukas holte die Bücher vom Regal, legte sie vor sich hin und schlug die eingeknickten Seiten auf. Dort sah er die Zeichen, die ihn in den letzten Tagen verfolgt hatten: Die Axt, die Kreise und der Kringel.
Er blätterte in den Büchern nach vorne und in fein säuberlicher Handschrift war in allen nur ein einziger Name eingetragen: Luisa Müller. Daneben stand bei allen das gleiche Datum:
14. März 1983. Sie war die Einzige gewesen, die diese Bücher jemals ausgeliehen hatte, und zwar drei tage vor ihrem Tod.
Wortlos stand Lukas auf, ging zur Tafel, an der noch immer die Tabelle stand, und umkreiste drei Wörter: Schutz, Wahrheit und Leben.
Die anderen sahen sich die Wörter an und überlegten stumm. Erst nach einer Weile sagte Alina: "Ich glaube nicht, dass Luisa sich rächen möchte. Sie möchte bestimmt für immer leben, in den Köpfen der Menschen. Und sie möchte, dass alle die Wahrheit kennen. Die Axt muss eine Art Schutz sein, der dafür sorgt, dass das eintritt, was passieren soll."
Niklas stimmte ihr zu: "Und die Schüler, die gestorben sind, haben einen Teil ihrer Existenz ausgelöscht und so dafür gesorgt, dass sie leichter vergessen wird."
Alle nickten anerkennend, doch dann erkannte Marius das nächste Problem: "Wie machen wir jetzt weiter? Wenn die Schüler von einem Menschen ermordet worden wären, könnten wir ihn verhaften lassen und es würde wahrscheinlich keine weiteren Toten mehr geben. Aber mit einem Geist kann man nichts machen, wir können Luisa ja nicht einmal sehen."
Marie erinnerte sich an das, was ihr Bruder zu ihr gesagt hatte: "Geister bleiben auf der Erde, wenn sie noch etwas zu erledigen haben. Luisa wird also so lange hier bleiben, bis sichergestellt ist, dass sie niemand vergisst." Lukas schlussfolgerte: "Also müssen wir dafür sorgen, dass sich alle an sie erinnern."
Emma schlug vor: "Wie wäre es mit einem Projekt über ihr Schicksal? Die ganze Schule könnte daran arbeiten."
Alina fand die Idee gut, aber sie hatte trotzdem noch einen Einwand: "Das ist aber nur einmalig. Wir brauchen etwas, das für lange Zeit reicht, vielleicht einen Gedenktag."
Lukas war zufrieden: "Wir können beides machen. Ich schlage vor, dass wir erst einmal nach Hause gehen und Ideen sammeln, ganz in Ruhe." Alle nickten und verließen den Raum, doch Marie blieb stehen. Lukas merkte das. Er blieb stehen, drehte sich um und fragte: "Kommst du auch?"
Sie nickte: "Ja, gleich. Ich muss noch schnell etwas erledigen, du kannst aber ruhig schon los gehen." Lukas wusste, dass Marie alleine sein wollte, also verließ er den Raum und schloss die Tür hinter sich.
Marie wartete kurz, um sicherzugehen, dass Lukas weit genug weg war, und fragte leise, für den Fall, dass noch jemand in der Schule sein könnte: "Luisa?" Nichts passierte, also sagte sie, immer noch leise: "Wenn du hier irgendwo bist, dann gib mir ein Zeichen."
Es dauerte eine Weile, dann tauchte an der Tafel ein Zeichen auf, das Marie schon einmal gesehen hatte: Vertrauen. Anders als bei Lena war es dieses Mal aber nicht durchgestrichen.
Marie ging langsam darauf zu und streckte vorsichtig ihre Hand nach dem Zeichen aus. Als ihre Finger die Kreide berührten, mit der es gemalt wurde, erschien hinter ihr, in der Mitte des Raumes, ein Mädchen, das ungefähr in ihrem Alter sein musste. Sie hatte lange Haare und trug ein wunderschönes weißes Kleid.
Marie drehte sich zu ihr um und sah, dass sie traurig wirkte. Der erste Satz, den das Mädchen sagte, war: "Ich wollte nicht, dass Schüler sterben."
Marie fragte sie: "Bist du Luisa?" Das Mädchen nickte. Nachdem sie kurz daran zweifelte, dass sie wirklich wach war und nicht träumte, fragte Marie: "Du wolltest, dass sich alle an dich erinnern, nicht wahr?"
Luisa antwortete ihr: "Ja, das stimmt. Aber denk jetzt bitte nicht, dass ich egoistisch bin. Genau genommen möchte ich nämlich nicht, dass die Menschen mich nicht vergessen, sondern mein Schicksal."
"Damit so etwas nicht noch einmal passiert", schlussfolgerte Marie.
"Ja, genau, aber es sollte auch nicht noch einmal passieren, dass meinetwegen Schüler sterben. Ihr müsst verhindern, dass die Zeichen wegradiert werden. Sie haben eine andere Wirkung, als ich angenommen hatte. Ich hätte nie gedacht, dass jemand stirbt, wenn er einen Teil meiner Existenz auslöscht."
Marie nickte: "Das werde ich morgen bei der Schülerzeitung ansprechen." Sie zögerte kurz, denn ihr kam noch ein anderer Gedanke, der sie schon die ganze Zeit über beschäftigt hatte. Jetzt hatte sie die Chance auf eine Antwort: "Warum musste Lena sterben? Sie war die einzige, die etwas über dich und dein Schicksal wusste."
Luisa wirkte verletzt und noch trauriger als vorher, als sie sagte: "Lena hat mir versprochen, mit niemandem über mich zu reden. Sie hat mein Vertrauen missbraucht und ihr Versprechen gebrochen."
Marie fiel noch etwas ein: "Du hast uns als Hinweis eine Seite aus einem Zeitungsartikel gegeben, aber in der Bücherei gibt es diese Seite nicht mehr."
Luisa seufzte: "Das war bestimmt die neue Schulleiterin, die ein paar Jahre nach meinem Tod an diese Schule gekommen ist. Irgendwann hat sie von meiner Geschichte gehört und alle offensichtlichen Spuren vernichtet, damit der Ruf ihrer Schule nicht zerstört wird. Sie hat meine Existenz komplett ausgelöscht."
Das überraschte Marie nicht, denn Frau Rüsk interessierte sich nur für sich selbst und dafür, möglichst viel Gewinn zu machen. Doch sie versuchte, Luisa Mut zu machen: "Man kann die Existenz eines Menschen nicht komplett auslöschen und das hat Frau Rüsk auch bei dir nicht geschafft. Lena und ihr Vater konnten sich an dich erinnern und ich kenne dich jetzt auch. Trotzdem ist sie Schuld daran, dass sich fast niemand mehr an dich erinnert. Hätte sie den Zeitungsartikel nicht entfernt, könnten Jana, Lasse, Mark und Lena noch leben."
Luisa sah sie ernst an und sagte: "Ihr müsst dafür sorgen, dass sie nicht mehr die Schulleiterin ist. Solange sie noch hier ist, wird sich nie etwas ändern." Marie begriff erst jetzt wirklich, dass Frau Rüsk der Auslöser für alle Probleme der Schule war, obwohl sie genau das vermeiden wollte. Sie verabschiedete sich von Lena und ging nach Hause.

Als sich die Schülerzeitung am nächsten Tag traf, war Marie die erste, die etwas sagte. Sie war gerade erst durch die Tür getreten, als sie verkündete: "Wir müssen die Zeichen abdecken, damit sie niemand mehr wegradieren kann. Man sollte sie aber trotzdem noch sehen können."
In den Gesichtern der Anderen erkannte Marie, dass sie sofort verstanden, warum sie die Zeichen abdecken wollte: Wenn sie niemand wegradieren konnte, konnte auch niemand sterben. Doch Alina erkannte ein Problem: "Womit wollen wir sie denn abdecken?"
Marie hatte bereits eine Lösung. Sie kramte in ihrer Tasche und kurze Zeit später drückte sie jedem eine Rolle Klebeband und ein großes Stück Folie in die Hand. Dann verteilten sich alle quer durch die ganze Schule und bedeckten fein säuberlich alle Zeichen, die sie finden konnten, mit der Folie.
Kurz darauf kamen sie wieder in ihrem Raum zusammen und Lukas fragte in die Runde: "Also, hat jemand Ideen für das Projekt oder den Gedenktag?"
Wieder meldete sich Marie zu Wort, denn Luisa lag ihr sehr am Herzen: "Wir werden nichts machen können, solange Frau Rüsk noch die Schulleiterin ist."
Lukas war verwirrt: "Wie kommst du darauf?"
Marie sah kurz zu Luisa, die nickte. Sie durfte den anderen davon erzählen, was Luisa ihr gestern gesagt hatte. "Sie hat die Seite mit dem Zeitungsartikel entfernt, der uns etwas über Luisa erzählen sollte."
"Aber wieso hat sie das gemacht?"
"Sie wollte nicht, dass der ruf ihrer Schule zerstört wird, wenn jemand etwas über Luisas Schicksal erfährt."
Lukas war ratlos: "Wir können aber nichts gegen sie unternehmen. Sie ist die Schulleiterin, nicht wir, und deswegen können wir sie nicht feuern."
Marie versuchte, ihm und allen anderen im Raum Hoffnung zu machen: "Es gibt aber bestimmt jemanden, der sie feuern kann, denn einen Grund dazu würde es geben. Hätte sie den Artikel nicht aus der Zeitung gerissen, würde vielleicht noch jeder über Luisa Bescheid wissen. Dann hätten die Schüler wahrscheinlich keines der Zeichen wegradiert und würden noch leben."
Lukas' Augen strahlten, als er sagte: "Du hast Recht, ich werde die Schulbehörde anrufen." Er zog sein Handy aus der Tasche, wählte eine Nummer und wartete. Schon nach wenigen Sekunden schien er jemanden erreicht zu haben, denn er stellte sich vor und erzählte alles, was Marie gerade gesagt hatte. Er nickte ein paar Mal, dann bedankte er sich und legte auf. Er sah nicht gerade glücklich in die Runde und sagte: "Wir brauchen einen Beweis dafür, dass sie die Seite aus der Zeitung gerissen hat."
Marie sah wieder zu Luisa, die ihr erzählte: "Sie hat die Seite in ihre obere Schreibtischschublade gelegt."
Marie lächelte und erzählte es den anderen, die sie fragend ansahen. Sie erklärte, als wäre es ganz selbstverständlich: "Ich kann mit Luisa reden. Sie vertraut mir." Alle schauten sie an, als hätte sie komplett den Verstand verloren. Doch nach allem, was sie in den letzten Tagen gehört hatten, schlossen sie nicht aus, dass jemand von ihnen tatsächlich mit Luisa reden konnte.
Lukas war der erste, der sich wieder fangen konnte, und sagte: "Dann müssen wir sie aus ihrem Büro locken." Er war begeistert von der Idee, dass Frau Rüsk schon bald nicht mehr die Schulleiterin sein konnte.
Die nächste halbe Stunde verbrachte die Schülerzeitung damit, einen Plan auszutüfteln, mit dem sie die Schulleiterin aus ihrem Büro locken konnten. Am Ende einigten sich alle darauf, dass Emma und Alina zuerst in ihr Büro gehen und ihr sagen sollten, dass die Toilette beim Musikraum übergelaufen wäre. Sie sollten nicht rausgehen, bis Frau Rüsk auch das Büro verließ und dann gemeinsam mit ihr zur Toilette gehen. Da die drei einmal durch die ganze Schule mussten, hatten Marie und Lukas genügend Zeit, in ihr Büro zu gehen und nach der Seite aus der Zeitung zu suchen. Für den Fall, dass Frau Rüsk doch eher zurückkommen sollte, standen Niklas und Marius an unterschiedlichen Stellen und konnten Marie oder Lukas früh genug anrufen.
Zuerst mussten sie jedoch alles Nötige vorbereiten, denn obwohl die Toilette nicht wirklich überlaufen sollte, musste es zumindest so aussehen, um glaubhaft zu sein. Also gingen Alina, Emma und Marie zur Toilette und während Alina ein großes Bündel Toilettenpapier hineinwarf, holten Emma und Marie Wasser und kippten es in die Toilette und auf den Boden.
Nachdem sie fertig waren, gingen die drei zurück zum Raum und ihr Plan konnte in die Tat umgesetzt werden.
Während Emma und Alina mit Frau Rüsk redeten, warteten die Anderen an einer Position, von der aus sie das Büro sehen konnten, aber selbst nicht entdeckt wurden. Als die Schulleiterin endlich das Büro verließ, warteten sie noch ein paar Sekunden, bevor Marie und Lukas in das Büro schlichen und Niklas und Marius auf ihre Positionen gingen.
Lukas und Marie gingen leise zum Schreibtisch, darauf achtend, nichts zu verändern, und öffneten so leise wie möglich die erste Schublade. In ihr lagen viele Zettel, die etwas mit der Schule zu tun hatten: Anmeldeunterlagen, die Schulordnung und eine ganze Menge Stundenpläne. Zwischen den Papieren fanden die beiden einen großen, gefalteten Zettel, der schon etwas vergilbt war. Marie nahm ihn aus der Schublade und faltete ihn auf. Sie hielt den Zeitungsartikel in der Hand, den Frau Rüsk vor einigen Jahren aus einer Zeitung gerissen hatte.
Die beiden verließen das Büro und Lukas sagte Niklas und Marius Bescheid, dass sie ihre Position verlassen konnten und zum Raum der Schülerzeitung kommen sollten. Kurz nachdem die beiden im Raum ankamen, trafen auch Emma und Alina ein. Marie holte die Zeitung vom Regal und schlug die Seite auf, an deren Stelle eigentlich der Zettel sein sollte, den sie in der Hand hielt. Alle sahen gespannt zu ihr, als sie den Zettel an die Abrissstelle hielt, und atmeten erleichtert auf, als sie sahen, dass die beiden Ränder zusammen passten.
Lukas rief noch einmal bei der Schulbehörde an, um vom Beweis zu erzählen. Am Ende des Gesprächs bedankte er sich und legte auf. Dieses Mal war er glücklich und sagte lächelnd: "Sie schicken einen Vertreter, der in 15 Minuten hier sein sollte, um sich die Situation anzusehen."
Zufrieden gingen alle nach draußen und setzten sich auf eine Bank, die auf dem Schulhof stand, um auf den Vertreter zu warten. Neugierig fragte Marius in die Stille hinein: "Lukas, warum musstest du die Nummer von der Schulbehörde nicht suchen?"
Lukas lachte: "Ich habe schon lange darauf gewartet, dass ich Frau Rüsk verpfeifen kann." Alle lachten für eine Weile, doch dann war es wieder still.
Nach etwas weniger als 15 Minuten kam ein Mann auf sie zu, der sich ihnen lächelnd als Herr Stinger von der Schulbehörde vorstellte. Er fragte mit viel zu viel Begeisterung: "Wer von euch hat mich angerufen?"
Lukas stand auf: "Ich." Dann stellte er sich vor und die sechs gingen mit Herrn Stinger zum Raum der Schülerzeitung. Dort zeigten sie ihm, dass die herausgerissene Seite genau in die Zeitung passte. Lukas erklärte: "Diese Seite haben wir im Schreibtisch von Frau Rüsk gefunden."
Herr Stinger war überrascht und fragte: "Könnt ihr mir den Weg zu ihrem Büro zeigen?" Alle nickten und machten sich gemeinsam auf den Weg zu Frau Rüsk.
Die Schüler blieben vor der Tür stehen, während Herr Stinger anklopfte, den Raum betrat, und begann, mit Frau Rüsk zu reden: "Guten Tag, Stinger mein Name. Ich komme von der Schulbehörde. Einige ihrer Schüler haben den Verdacht geäußert, sie könnten für den Tod der kürzlich verstorbenen Schüler verantwortlich sein."
Frau Rüsk entgegnete patzig: "Und wie kommen die darauf?"
Herr Stinger fasste ohne seinen anfänglichen Enthusiasmus zusammen: "Besagte Schüler haben herausgefunden, dass die Verstorbenen gestorben sind, weil sie Zeichen wegradiert haben, die vor einigen Jahren von einer ehemaligen Schülerin dieser Schule gemacht wurden. Zweck dieser Zeichen war, dass sich alle Schüler an ihr Schicksal erinnern sollen. Indem die Schüler diese Zeichen wegradiert haben, haben sie die Existenz dieser ehemaligen Schülerin ausgelöscht, deshalb sind sie gestorben. Über diese Schülerin ist auch ein Zeitungsartikel verfasst worden, durch den sich die Schüler hätten informieren können und dann könnten sie noch leben. Doch bedauerlicherweise ist dieser Artikel in der Bücherei der Schule nicht mehr vorhanden, weil Sie ihn herausgerissen haben."
Frau Rüsk wirkte entsetzt: "Wie können Sie mir so etwas unterstellen? Ich bin die Schulleiterin dieser Schule!"
"Ich habe einen Beweis." Mit diesen Worten hielt Herr Stinger den Zeitungsartikel hoch und erklärte: "Diese Seite aus der Zeitung vom 17. März 1983 wurde in Ihrem Schreibtisch gefunden. Auf dieser Seite steht der Artikel über das Mädchen und er passt in die Zeitung aus der Bücherei." Als Beweis hielt er die Seite an die Zeitung.
Frau Rüsk fing plötzlich an zu lachen: "Wissen Sie überhaupt, wie lächerlich das alles klingt? Eine ehemalige, tote Schülerin hat also die Schüler getötet, die in den letzten Wochen gestorben sind?" Sie machte eine kurze Pause, dann sah sie Herrn Stinger spöttisch an und fragte: "Selbst wenn es wahr wäre, was wollen Sie jetzt machen?"
Herr Stinger erwiderte trocken: "Sie werden fürs Erste vom Dienst befreit."
"Sie wollen mich also feuern?"
"Zumindest, bis die Sache geklärt ist."
Frau Rück wurde wieder patzig: "Das ist lächerlich. Sie können mich nicht feuern."
Herr Stinger ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: "Doch, ich kann sie feuern. Erstens bin ich in einer höheren Position als Sie und zweitens ist es ziemlich ungünstig für eine Schulleiterin, die Schuld am Tod von vier Schülern zu tragen. Verlassen Sie sofort das Büro."
Frau Rüsk protestierte nicht, doch sie war sichtlich genervt davon, dass sie aus ihrem eigenen Büro verwiesen wurde. Als sie an der Schülerzeitung vorbei lief, lächelten die sechs triumphierend und winkten ihr zum Abschied. Frau Rüsk wurde noch genervter und wollte sie beleidigen, doch anscheinend fiel ihr nichts ein, denn sie lief stumm weiter.
Lukas bedankte sich bei Herrn Stinger, der nickte und sich von ihnen verabschiedete. Emmal, Alina, Marie, Niklas, Marius und Lukas gingen zurück zum Raum der Schülerzeitung und setzten sich an einen großen Tisch.
Lukas sagte: "Jetzt können wir endlich in Ruhe über das Projekt und den Gedenktag reden. Hat jemand eine Idee?"
Alina meldete sich zu Wort: "Wir könnten die Schüler in Gruppen einteilen und sie über verschiedene Dinge recherchieren lassen. Dafür hätten sie dann Zugang zu allen Quellen, die sie brauchen: Bücher, Internet oder auch Menschen, die ihnen etwas über das Thema erzählen können."
Lukas stimmte ihr zu: "Das ist eine gute Idee. Die Schüler könnten dann eine Woche Zeit für die Recherche haben und am Ende der Woche präsentieren alle ihre Ergebnisse."
"Und was sollen das für Themen sein?", fragte Marius.
Niklas schlug vor: "Ich würde sagen, dass die Zeichen etwas mit Luisa und den Zeichen zu tun haben sollten. Vielleicht könnten die Gruppen über Luisa recherchieren und über ihr Schicksal oder die Zeichen, die es bei uns an der Schule gibt oder magische Zeichen im Allgemeinen. Ältere Schüler könnten vielleicht auch über Vergewaltigung an Schulen oder Übergriffen von Lehrern recherchieren, damit ihnen vor Augen geführt wird, dass Luisa nicht das einzige Opfer war und dass viele Fälle nicht angezeigt werden."
Lukas nickte: "Das könnte verhindern, dass so etwas in der Art noch einmal passiert. Sie könnten Statistiken über Vergewaltigung und Selbstmord an Schulen suchen. Aber was machen wir am Gedenktag? Ich schlage vor, dass wir ihn jedes Jahr an ihrem Todestag machen."
Alle nickten zustimmend und Marie schlug vor: "Wir könnten eine Sonderseite in der Schülerzeitung machen und die Ergebnisse des Projekts in der Aula aushängen. Und wir könnten Klebezettel verteilen, auf die alle Schüler einzelne Wörter oder Gedanken zu Luisa aufschreiben und sie irgendwo in der Schule aufhängen können."
Lukas hielt das für eine gute Idee und schloss die Planung fürs Erste ab. Dann schrieb er eine E-Mail an alle Schüler, in der er sie darüber informierte, was sie herausgefunden hatten und was in den letzten Tagen passiert war.

Am nächsten Montag war der Großteil der Schüler wieder in der Schule und sie wirkte wieder lebendig, als wäre sie aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht.
Einen Monat später, als alles wieder fast normal war und nur noch wenige Schüler zu Hause blieben, hing Lukas eine Liste mit den Themen des Projektes auf:

5. Klasse: Wer war Luisa?
6. Klasse: Luisas Schicksal
7. Klasse: Die magischen Zeichen an unserer Schule
8. Klasse: Bedeutung von magischen Zeichen
9. Klasse: Magie in Schulen
10. Klasse: Selbstmord in Schulen
11. und 12. Klasse: Vergewaltigung in Schulen

Nachdem er einen guten Platz für die Liste gefunden hatte, kündigte er eine Versammlung in der Aula an. Nach und nach füllte sich der Raum und Marie erkannte, dass sogar Christian wieder in der Schule war. Seine Haut war nicht mehr blass und seine Augenringe nicht mehr so dunkel. Er unterhielt sich lächelnd mit seinen Freunden und wirkte glücklich.
Als alle Schüler in der Aula saßen, begann Lukas: "Die meisten von euch haben bestimmt meine E-Mail gelesen und wissen, was passiert ist. Um die ganze Sache abzuschließen, haben wir von der Schülerzeitung entschlossen, ein Projekt über das, was in den letzten Wochen passiert ist, zu starten. Ich habe eine Liste mit den verschiedenen Themen aufgehängt, auf der ihr gucken könnt, welchem Thema ihr zugeordnet seid. Ihr werdet das zugeteilte Thema zusammen mit eurer Klasse bearbeiten. Dafür habt ihr die ganze Woche Zeit und am Freitagnachmittag könnt ihr eure Ergebnisse präsentieren. Für die Recherche zu eurem Projekt könnt ihr alle Quellen benutzen, die euch zur Verfügung stehen: Internet, Bücher oder Personen, die euch etwas darüber erzählen können. Also, wenn es keine Fragen mehr gibt, dann wünsche ich euch viel Spaß."
Die Schüler verließen die Aula und drängten sich vor die Liste, um herauszufinden, welches Thema sie bearbeiten mussten. Dann kamen sie in ihren Klassen zusammen und planten das weitere Vorgehen.
In den nächsten Tagen brach der Internetzugang der Schule mehrere Male zusammen, da alle Schüler gleichzeitig etwas recherchierten, und Lenas Vater konnte nicht mehr aufhören zu reden, da er ständig nach Luisa gefragt wurde. Am Ende der Woche versammelten sich noch einmal alle Schüler in der Aula und stellten bis zum frühen Abend ihre Ergebnisse vor. Dabei gewannen sie mit jeder Präsentation immer mehr Verständnis für Luisa und für das, was passiert war, damals und heute.

Ein paar Monate später fand der erste Gedenktag für Luisa statt. In der Schülerzeitung erschien eine Sonderseite über sie und die Zeichen und sie wurde zur erfolgreichsten Ausgabe des gesamten Schuljahres. Die Redaktion kam mit dem Drucken kaum hinterher, weil sie auch noch den Rest vorbereiten musste: Zusammen hingen sie die Plakate vom Projekt auf und verteilten Klebezettel an die Schüler, auf die sie ihre Gedanken zu Luisa aufschreiben konnten.
Als Marie später, nach der Schule, durch die Gänge lief, las sie auf den Zetteln Wörter wie Mitgefühl, Verständnis und Verzweiflung. Manche Schüler hatten aufgeschrieben, was sie dachten oder fühlten und andere Schüler hatten sich in Luisas Gefühlslage hineinversetzt.
Marie ging ein Stück weiter und entdeckte vor sich ein Mädchen mit langen Haaren in einem weißen Kleid. Sie stand vor einem gelben Zettel mit einem Satz in ordentlicher Handschrift. Marie sah sich den Zettel an, auf dem stand: Ich wünsche mir, dass Luisa bei uns bleibt und uns immer beschützt. Als sie merkte, dass Marie neben ihr stand, sagte Luisa: "Den hier finde ich besonders schön."
Marie nickte, dann fragte sie zögerlich: "Wirst du das machen? Uns beschützen?"
Luisa lächelte: "Natürlich. Ich werde die Schule vor allem beschützen, das nicht gut für sie ist und sie zerstören könnte." Sie machte eine kurze Pause, dann sagte sie zu Marie: "Dank euch ist meine ursprüngliche Aufgabe erledigt, ich muss mir keine Sorgen mehr darum machen, vergessen zu werden. Aber jetzt habe ich eine neue Aufgabe und ich werde so lange hier bleiben, bis auch sie erledigt ist."


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