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Die Vertraute

Bild von Schoko Lade

Eva Ibbotson: Die Vertraute
Taschenbuch
8,95€
Fischer- Verlag
ISBN: 978-3-596-17302-0

Ich habe dieses Buch ganz zufällig auf einem Büchertrödelmarkt entdeckt und es mir als Mängelexemplar für einen Appel und ein Ei gekauft, mehr weil es so günstig war als aus echtem Interesse. Danach stand es ziemlich lange ungelesen in meinem Regal herum, bis ich neulich, an einem verregneten Herbsttag, an dem mir irgendwie alles auf die Nerven ging, mal wieder Lust zum Lesen hatte und kein anderes Buch zur Hand. Der Tag war gelaufen, denn die Geschichte hat mich so beschäftigt, dass ich nicht mehr aufhören konnte.

"Die Vertraute"- das ist Susanna Weber, die im Wien der Jahrhundertwende einen Modesalon auf dem Madensky- Platz eröffnet hat. Sie ist eine hübsche, herzliche junge Frau, die immer ein offenes Ohr hat für die Probleme ihrer Freunde und Nachbarn und die auf einfache und unkonventionelle Art zu helfen weiß: Zum Beispiel der Nachbarin, die ihre fünfte Tochter zur Welt bringt und unter dem Zorn ihres Mannes leidet, der einen Nachfolger für seine Tischlerei sucht; der hässlichen Tochter einer interlektuellen, die so gerne hübsch und normal wäre oder Siggismund, dem kleinen Jungen aus Polen, der mit seinem Onkel geflüchtet ist, seine Mutter verloren hat und weder spricht noch spielt, sondern nur Klavier übt, von früh bis spät.
Doch Susanna selbst hat dunkle Ecken in ihrem Leben: Eine uneheliche Tochter, dessen Leben sie nur von weitem verfolgen kann, und einen Geliebten, den sie nur sehen kann, wenn seine Familie verreist ist. Als dann noch Pläne zum Abriss des Mandensky- Platzes veröffentlicht werden und sie den Verlust ihres Ladens fürchten muss, verliert selbst sie die Fassung.
Über ihren Alltag führt die Protagonistin ein Jahr lang Tagebuch. Im ersten Kapitel heißt es: "Aber der "Alltag"- wer achtet schon darauf, und dabei geschieht täglich so viel, was später einmal von Bedeutung sein kann, gibt es so viele kleine Begebenheiten, die großes Schicksal auslösen...So sitze ich jetzt am Ende dieses ersten Frühlingstages an meinem Fenster und beginne mein Tagebuch. Ich werde versuchen, es ein Jahr lang zu führen, und ich werde es schreiben, um mich zu erinnern..."
Das ist es, was das Buch glaubwürdig und auf eine besondere Art auch relevant macht: Es erzählt zwar eine besondere Geschichte, aber aus dem Alltag heraus, und es fragt den Leser leise, ob er nicht auch in seinem Alltag Dinge findet, die er lieben kann.

Zugegeben, das Buch ist 1992 erschienen und nicht der letzte Schrei. Der Plot ist hübsch, aber nicht wahnsinnig originell. Trotzdem finde ich: Es ist genau das richtige Buch für verregnete Herbsttage, an denen einem irgendwie alles auf die Nerven geht. Eva Ibbotson schreibt in einer schönen, leichten Sprache, nicht schlicht, aber einfach, fast ein bisschen naiv. Der Schauplatz- das Wien um 1900 wirkt idyllisch und, trotz der Konflikte, irgendwie heil. Ich finde, man muss manchmal flüchten können in solche friedlichen Eierkuchen- Welten, damit man sein eigenes Leben wieder ertragen kann. Also lasst euch nicht abschrecken von dem etwas altmodischen Cover oder von dem Erscheinungsjahr- meiner Meinung nach lohnt es sich.


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