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Flucht aus Lager 14 (Blaine Harden)

Bild von MiraB

In dem Buch wird die Lebensgeschichte des Einzigen Menschen beschrieben, der in einem nordkoreanischen Arbeitslager geboren und aufgewachsen ist und es bisher geschafft hat, in den Westen zu kommen.

Das Thema ist wirklich hochinteressant. Außerdem gibt es sowieso schon kaum Nordkoreaner, die es außer Landes schaffen, Journalisten dürfen nicht einreisen oder werden anschließend so streng überwacht, dass sie nichts vom Land sehen, über das sie berichten könnten, also gibt es generell kaum Berichte, die Nordkorea so von innen zeigen. Aus dem Buch hätte man so viel machen können. Das hätte so toll sein können. Leider hat der Autor es nach allen Regeln der Kunst vergeigt.

Auf die zwei Hauptkritikpunkte möchte ich hier eingehen. Die beiden Punkte, die mir als Autorin die Tränen in die Augen treiben, auch wenn ich nicht weiß, ob aus Verzweiflung oder aus Wut. Es ist eine Sache, ein Buch, das so viele tolle Möglichkeiten geboten hätte, in den Sand zu setzen. Aber es ist nochmal was ganz anderes, es so dermaßen stümperhaft zu tun.

Der Autor ist ganz klar der Journalist, der Mann, der aus Nordkorea geflohen ist, ist auch nicht Co-Autor, es wird also (für Memorials unüblich) in der 3. Person über ihn berichtet. So weit ist das ja okay. Nur kommen immer ein paar Absätze über das Leben des Mannes, gefolgt von x Seiten allgemeinem Kram über Nordkorea. Ja, es war eh interessant, weil ich all diese Dinge über dieses Land noch nicht wusste. Aber es wäre schön gewesen, wenn man das getrennt hätte. Wenn nämlich jemand, der sich bereits mit Nordkorea beschäftigt hat, dieses Buch liest, langweilt sich der zu Tode. Das geht immer so auf diese Art (nein, ist kein Zitat, das stammt von mir um zu verdeutlichen, was ich meine): "Im Sommer fing er Ratten und Frösche, die er roh aß. Nordkorea produziert jedes Jahr x Tonnen Lebensmittel, das sind um x Tonnen zu wenig. x Tonnen werden in Form von Lebensmittelspenden gratis von anderen Ländern geliefert, davon stammen xx % aus Südkorea und xx % aus den USA. Trotz Lebensmittelhilfen stellt sich Nordkorea gerne als autarkes Land dar... blablabla... 3 Seiten später... Das Stehlen von Lebensmitteln wurde im Lager hart bestraft. Einmal..." Der Teil, in dem über Nordkorea im Allgemeinen doziert wird, macht bestimmt 3/4 des Buches aus. Die Lebensgeschichte von dem Mann geht über ein paar Absätze am Stück, manchmal auch nur über einen Absatz, bis der Autor wieder über ein Stichwort stolpert, das ihn zu seitenlangen Ausschweifungen animiert.

Der zweite Punkt, der mich zur Weißglut getrieben hat, war die Art und Weise, wie Harden über die Menschen in dem Lager geschrieben hat. Er hat den Eindruck erweckt, als wären das gar keine Menschen, sondern als würde er das Sozialverhalten von irgendwelchen sonderbaren Affen beobachten. Ich habe ja auch schon mehrere Bücher über Leute gelesen, die im KZ überlebt haben. Wenn man so ein Buch liest, denkt man immer: "Ach wie schrecklich!", und man bekommt eine Gänsehaut und will sich gar nicht vorstellen, was die Leute da alles durchmachen mussten. Bei der Lektüre dieses Buches hatte ich eher das Gefühl, das in diesen nordkoreanischen Arbeitslagern sind gar keine Menschen. Es ist wirklich so beschrieben, wie man auch das Sozialverhalten von Gorillas in Ruanda beschreiben würde. Die gleiche Art von Mitgefühl, die man empfindet, wenn man liest, wie die Gorillas von Wilderern geschossen werden, empfindet man auch beim Lesen dieses Buches.

Das schafft Harden durch oberflächliche Beschreibungen in Kombination mit Wertungen. Die Stellen, in denen es um das Leben im Lager geht, sind vom Stil her gehalten wie ein Zeitungsartikel. Sehr knapp, es wird geschildert, was passiert ist, aber Beschreibungen (show - don't tell, also szenisch) gibt es in dem Sinn keine. "Gegen 19:30 Uhr fiel der Blumentopf vom Fensterbrett und traf die Frau am großen Zeh, der daraufhin brach. Die Ursache für das Hinunterfallen des Blumentopfes konnte nicht einwandfrei festgestellt werden, die Feuerwehr nimmt jedoch an, dass er zu nah an der Kante gestanden hatte." So richtig ausführlich und einfühlsam halt *ironie* Dazu kommt, dass Harden zwar immer wieder betont, dass die Insassen nichts für ihr Sozialverhalten können, weil es ihnen anerzogen und aufgezwungen wird und sie nichts anderes kennen (wie die Gorillas in Ruanda auch), verurteilt es aber gleichzeitig. Zum Beispiel werden Kinder durch Manipulationen dazu gebracht, ihre eigenen Eltern zu bespitzeln und zu denunzieren. Das wird erreicht, indem das Denunzieren belohnt wird, das Unterlassen von Denunziationen bestraft wird, zu enge Bindungen (auch innerhalb der Familie) unterbunden werden bzw. indem dafür gesorgt wird, dass enge Bindungen gar nicht erst enstehen, und gleichzeitig eine Atmosphäre geschaffen wird, in der jeder jeden bespitzelt (auch innerhalb der Familie), sodass sich jeder fürchten muss, selbst denunziert zu werden, und sei es für das Unterlassen einer Denunziation. Es ist also jeder auf sich gestellt und die Leute dort können niemandem vertrauen. An Stellen, an denen es um das Denunzieren geht (und das tut es oft), sagt der Autor im Subtext: "Eigentlich können die Leute nichts dafür, ABER es ist trotzdem moralisch verwerflich und falsch, und UNSEREINS würde sich dagegen wehren (nicht denunzieren, trotz allem enge Bindungen aufbauen), aber DIE Leute können das nicht." Dieser Subtext schafft dann das Feeling vom Gorilla-Beobachten. Und das nehme ich dem Autor übel. Über solche heiklen Themen sollten Menschen mit Einfühlungsvermögen schreiben, wäre besser.


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